«Diese Architektur ist provokativ und fremd»
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Wie ein schwarzer Klotz steht der Bau des Mehrzwecksaals im Zentrum von Steinhausen. (Bild: woz)

Dreiklang-Neubau in Steinhausen erregt die Gemüter «Diese Architektur ist provokativ und fremd»

4 min Lesezeit 4 Kommentare 14.08.2017, 17:44 Uhr

Ein Dreiklang erzeugt normalerweise Gefühle der harmonischen Art. Beim neuen «Dreiklang»-Areal in Steinhausen ist das nur bedingt so. Nachdem die Fassaden nun enthüllt wurden, befällt einen erst mal Unbehagen. Das geht auch Architekturexperten so.

Man fährt mit dem Auto durch Steinhausen und schaut nach rechts. Was einem da ins Blickfeld gerät, erschlägt einen fast: ein riesiger schwarzer Block. Die Fassade ist gekachelt wie ein Schwimmbad in den 60er-Jahren. Was ist das denn, fragt man sich in einer Mischung aus Überraschung und Erschrecken.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Aber bei diesem Neubau erschrickt man erst mal. Hat jetzt der US-amerikanische Geheimdienst eine Filiale in Steinhausen? So einschüchternd wirkt das Gebäude. Oder ist hier die Vereinigung schweizerischer Bestatter untergebracht? Depressiv wirkt das Ganze ebenfalls. Oder ist das gar Lakritze zum Reinbeissen?

Nein, es handelt sich um einen Teil des Neubauareals Dreiklang in Steinhausen. Genauer gesagt um den Trakt, in dem eine moderne Bibliothek untergebracht werden soll. Und das die Steinhauser anlocken soll, um sich hier zu begegnen.

«Identifizieren kann ich mich mit dem Bauwerk wenig.»

Leserbriefschreiber aus Steinhausen

Doch das Gebäude irritiert auch manchen Einheimischen. «Nun wurde der schwarze Igel, der 58-Millionen-Franken-Kubus, in Steinhausen enthüllt. Identifizieren kann ich mich mit dem Bauwerk wenig, denn da ist nichts von Steinhausen drin, worauf ich stolz sein könnte», schimpft ein Leserbriefschreiber in der «Zentralschweiz am Sonntag».

Schon viel Disharmonie im Vorfeld

Schreibt’s und lässt sich dann noch darüber aus, dass beim Bau des «Dreiklangs» keine ansässigen Firmen auf der Liste zu finden seien. Schon vor der Abstimmung über das Projekt hatten sich viele kritisch zu den hohen Kosten und dem Mehrzwecksaal geäussert.

Dabei stehen solche Misstöne im besten Einklang mit den Disharmonien, die das Dreiklang-Areal schon erzeugt hat. Denn schon die Entstehung des Projekts gleicht einer Zangengeburt. 

Das Projekt war in die Kritik geraten, weil es sechs Millionen Franken teurer wird als beim Projektierungskredit geplant. Auch gegen besagte Arbeitsvergabe für die Baumeisterarbeiten seitens der Gemeinde war beim Verwaltungsgericht eine Beschwerde eingegangen. Ganz zu schweigen davon, dass schon zum zweiten Mal über die Zentrumsüberbauung abgestimmt worden ist: 2006 hatten die Stimmberechtigten einen multifunktionalen Neubau mitten im Dorf noch abgelehnt.

Architektur der irritierenden Art: Der neue Mehrzwecksaal der Zentrumsüberbauung Dreiklang in Steinhausen.

Architektur der irritierenden Art: der neue Mehrzwecksaal der Zentrumsüberbauung Dreiklang in Steinhausen.

(Bild: woz)

Erst 2013 hat das Steinhauser Stimmvolk dann klar Ja gesagt zum 58-Millionen-Kredit für das neue Dorfzentrum. Anfang 2015 fuhren die Bagger auf. Im Sommer/Herbst 2017 – also demnächst – soll es fertig sein. Dann gibt es, wie gesagt, eine neue Bibliothek, einen Mehrzwecksaal und einen grösseren Coop-Laden in der «Zentrumsüberbauung Dreiklang». Dazu kommen 38 Alterswohnungen.

«Im Herzen von Steinhausen entsteht ein Ort der Begegnung mit einem umfassenden Angebot, von dem Jung und Alt – ganz Steinhausen – profitieren wird», lobt Gemeindepräsidentin Barbara Hofstetter das Projekt in den höchsten Tönen.

«Ich hätte mir für Steinhausen einen etwas harmonischeren Eingriff gewünscht.»

Pirmin Amrein, Zuger Architekt und Vorstandsmitglied Bauforum Zug

Doch zurück zur Ästhetik des Baus. Experten wie Architekt Pirmin Amrein, Vorstandsmitglied des Bauforums Zug, der Zuger Architektenvereinigung, reden Klartext und finden das Dreiklang-Gebäude fragwürdig in seiner Konzeption. Auch er sei etwas erschrocken, als er das Gebäude fertig von aussen gesehen habe.

«Ich persönlich finde die Hülle des Saalbaus provokativ und fremd. Ich kann mir vorstellen, dass die Bevölkerung mit der sehr kräftigen Materialisierung des öffentlichen Saalbaus Mühe bekundet», sagt Amrein. «Ich hoffe aber, dass die Steinhauser den Zugang zu ihrem neuen öffentlichen Gebäude finden», meint er.

So gut sich der Bau mit den Alterswohnungen und Coop in Steinhausen integriert, so befremdend wirkt für ihn der Saalbau in der Reihe an der Strasse. «Ich gehe davon aus, dass die Architekten ganz bewusst diesen Bruch suchten. Ich hätte mir für das fragmentarische Zentrum von Steinhausen einen etwas harmonischeren Eingriff gewünscht.»

Amrein: Mutige und eigenwillige Architektursprache

Das beauftragte Zürcher Architekturbüro sei aber bekannt für seine mutige und eigenwillige Architektursprache. Amrein: «Ihre zum Teil unbequemen Bauten haben aber auch das Potenzial, einen Ort zu stimulieren. Ich hoffe, dass dies auch in Steinhausen gelingt.»

«Der dunkelblaue Saal wird sich harmonisch in die Neugestaltung des Zentrums von Steinhausen integrieren.»

Pascal Müller, Zürcher Architekt des Dreiklang-Projekts

Das ausführende Architekturbüro Müller Sigrist in Zürich sieht das natürlich ganz anders. Hat aber im Grunde nicht viele Erklärungsversuche parat. «Es ist vorauszuschicken, dass sich die Überbauung Dreiklang noch im Bau befindet. Die Fertigstellung ist auf Ende des Jahres geplant», erklärt Architekt Pascal Müller.

Der dunkelblaue Saal mit Bibliothek werde Ende September eingeweiht. Müller: «Mit der Umgebungsgestaltung und der Baumreihe entlang der Strasse zwischen den beiden Neubauten wird das Gebäude sich harmonisch in die Neugestaltung des Zentrums von Steinhausen integrieren.» Auch das ist eine Meinung.

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4 Kommentare
  1. Edith Seger Niederhauser, 17.08.2017, 21:47 Uhr

    Mir gefällt das Gebäude und die Architektur. Die dunkelblauen Kacheln lassen spannende Licht-/Schatteneffekte zu (siehe Bild 2). Steinhausen sticht bis anhin nicht durch spannende Gebäude hervor. Weiterhin im gleichen nichtssagenden Stil zu bauen, nur damit nichts Fremdes/Neues entsteht und jegliche Provokation vermieden wird, kann ja wohl auch nicht die Lösung sein.

  2. Beat Stocker, 15.08.2017, 12:29 Uhr

    6 Mio. Mehrkosten sind happig. Wieviel von den 58 Mio. waren denn für diesen Teil des Dreiklangs budgetiert? Herr Wolfgang Holz, bitte nachliefern statt über gute Architektur zu schimpfen. In ein paar Jahren sind die Steinhauser stolz auf diesen Wurf, trotz der unschoenen Budgetueberschreitung.

  3. Bernhard Frei, 14.08.2017, 20:04 Uhr

    Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. – Jedoch: Nicht nur in Steinhausen, schon seit Jahren mit System auch in Emmenbrücke/Emmenbronx: Neue „städtebauliche Akzente & architektonische Highlights“ werden mit vorzugsweise mit anthrazit farbigen Fassaden realisiert. Rückbegrünt wird mit Geleiseschotter & bestenfalls mit „Contergan-Alibi-Bäumchen“. Grau, grauer am Grauesten, grausam grässlich. – „Urbanes Wohnen“ nennt man das dann in Neudeutsch. In der ehemaligen DDR hat man solche Gebäude treffend als „Arbeiterschliessfächer“ bezeichnet. – Schöne neue Welt! – Weitere Beispiele gefällig: Auf Facebook: „Emmenbaum RIP“ „runterscrollen“. …

  4. Michel Ebinger, 14.08.2017, 18:03 Uhr

    Schon komisch. heute ist es provokativ und fremd und in hundert Jahren ist es ein Magnet für Touristen.Das Problem an modernen bauten ist, das sie zerfallen, bevor sie zum Kult werden können, weil heutige Baumeister nicht mehr so bauen können wie unsere Ahnen deren Gebäude hunderte von Jahren hielten.Hätten die Baumeiter unserer Touristenattraktionen auf Harmonie geschaut, wäre Durchschnitt herausgekommen, das niemand beachtet

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