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«Die Zürcher brauchen eine Aufwärmphase»
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Bruder Fritschi und die Fritschene gehen fremd. Sie grüssen die Passanten auf dem Lindenhof Zürich, im Hintergrund die Kirche St. Peter. (Bild: mbe.)

Luzerner Zunft mischt Zürcher Sächslilüüte auf «Die Zürcher brauchen eine Aufwärmphase»

7 min Lesezeit 18.04.2016, 10:13 Uhr

Luzern ist diese Tage doch noch zu Gast am Volksfest Sächsilüüte. Zwar nicht offiziell als Kanton, sondern privat vertreten durch eine Zunft. zentralplus war vor Ort: Wie sich die Luzerner in Zürich präsentieren und was die Einheimischen dazu sagen.

«Es rüüdig schöns Sächsilüüte» wünschen die Luzerner den Zürchern auf Plakaten. Und machen damit den Eklat wieder gut, den die Luzerner Kantonsregierung mit ihrer Absage vor zwei Jahren verursacht hatte (zentralplus machte den Entscheid damals publik). Am Volksfest ist in fast jedem Gespräch auf der Strasse als Erstes die Rede von diesem Ereignis, das offenbar hängen geblieben ist. Einige traditionsbewusste Luzerner nahmen die Sache darauf selbst in die Hand (siehe Kasten ganz unten).

Luzerner Kinder trugen als einzige Masken

Doch das sind jetzt tempi passati. Vier Tage lang, von Freitag bis und mit Montag, ist die Zunft zu Safran Luzern offizieller Gast am traditionellen Volksfest der Stadt Zürich und das Kriegsbeil begraben. Die historische Zunft, welche die Tradition der «Fritschifamilie» in Luzern bewahrt, läuft am Montag mit stolzen 280 Personen am Umzug zum Böög-Feuer mit. Die «Fritschis» sind ebenfalls von der Partie. Auch am Kinderumzug vom Samstag beteiligte sich Luzerner Nachwuchs. Paul Winiker, selbst ein waschechter Safran-Zünfter, darf als einziger Regierungsrat am Hauptumzug mitlaufen. Versuche anderer Luzerner Magistraten, sich doch noch in Zürich zu zeigen, sind laut der «NZZ» abgewehrt worden.

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Die Luzerner Zunft wünscht Zürich ein «rüüdig» schönes Fest.

Die Luzerner Zunft wünscht Zürich ein «rüüdig» schönes Fest.

(Bild: mbe.)

Auf dem Lindenhof ist alles Fritschi

Luzern ist jedoch auch sonst sehr präsent in Zürich: Auf dem Lindenhof, dem zentralen Treffpunkt der Zünfte und Musikgesellschaften, herrscht dieser Tage die Fritschi-Familie. Das Zentrum bildet die Fritschi-Stube, ein grosses Festzelt mit über 300 Plätzen, wo Spezialitäten wie die Chögeli-Pastete und Weine von Schloss Heidegg angeboten werden. Direkt daneben die Fritschi-Bar. Am Freitagabend ging dort die Post ab zur offiziellen Eröffnung des Volksfestes, Musikformationen aus Luzern spielten, die Stimmung war ausgelassen.

Viele Innerschweizer Spezialitäten

Auf dem Lindengebot gibt es weitere kulinarische Angebote, welche ebenfalls alle unter dem Namen Fritschi laufen. «Fritschi Ochs am Spiess», «Fritschi Älplermagrone» und sogar «Fritschi Fischknusperli». (Es sei den Organisatoren verziehen, dass der Ochse von einem Metzger aus Sarnen gedreht wird und die Magronen aus Kerns stammen. Zumindest stammt alles aus der Innerschweiz.) Dafür gibt’s Stadtluzerner Spezialitäten wie den Wasserturm als Gebäck zu kaufen. Beim Bier konnten sich die Luzerner ebenfalls nicht durchsetzen. Es gibt zwar Eichhof. Aber das offizielle Bier heisst Chopfab – (passend zum Böög-Kopf) und wird in Winterthur gebraut.

Blick in die Fritschi-Stube am Sonntagnachmittag. Gute Stimmung trotz Regen.

Blick in die Fritschi-Stube am Sonntagnachmittag. Gute Stimmung trotz Regen.

(Bild: mbe.)

Zunft stellt sich Zürchern vor

Die Zunft zu Safran hat ein eigenes Zelt, wo sie historische Kostüme der Fritschi-Familie zeigt und dem Publikum einen Blick in ihren Zunft-Schatz ermöglicht. Mit 3D-Brillen kann man virtuell in ihrem Zunftlokal, dem Nölliturm, von Stock zu Stock wandern. Vor allem bei den Kindern kommt dies sehr gut an.
In einem weiteren Zelt stellt Luzern Tourismus die vier Landregionen des Kantons mit einem Minigolfspiel vor. Es wird über City-Rundgänge in Luzern informiert, und man kann sich vor einer Rigi-Kulisse fotografieren lassen. «Die Besucher interessierte der Waldstätterweg rund um den Vierwaldstättersee sehr», sagt Céline Meyer von Luzern Tourismus.

Der Luzerner Thomas P. Gübelin (links) von der Luzerner Zunft zu Safran mit einem Zürcher Zünfter, der mit der 3D-Brille den Nölliturm in Luzern besichtigt.

Der Luzerner Thomas P. Gübelin (links) von der Luzerner Zunft zu Safran mit einem Zürcher Zünfter, der mit der 3D-Brille den Nölliturm in Luzern besichtigt.

(Bild: mbe.)

Reaktionen der Zürcher?

Und wie kommt diese geballte Ladung Luzern und Innerschweiz bei den Zürchern an? Martha und Paul Hug verbrachten einen Nachmittag in der Fritschi-Stube und erlebten einen Auftritt der Tätsch Chappe Musig Lozärn (das sind die mit den preussischen Pickelhauben). «Es war stimmungsvoll», sagt sie. «Sehr unterhaltsam», fügt er hinzu. «Die können schon für tolle Stimmung sorgen», fügt er hinzu. Dass die Luzerner nun doch in Zürich zu Gast seien, freue sie, der Gastauftritt passe zum «Schmelztiegel» Zürich. Und Martha Hug fügt hinzu, dass sie ja eigentlich auch keine «echten Zürcher» seien, sie stammt ursprünglich aus Hergiswil und ihr Mann aus der Ostschweiz.

Martha und Paul Hug finden, die Luzerner seien Stimmungskanonen und machten tolle Musik.

Martha und Paul Hug finden, die Luzerner seien Stimmungskanonen und machten tolle Musik.

(Bild: mbe.)

«Luzern hämmer gern»

Die Familien Alfaré und Speck aus Zürich waren mit ihren Kindern am Sächslilüüte-Kinderumzug. «Die Luzerner Kinder liefen ganz vorne», sagt Frau Alfaré. «Ihre Plastikmasken haben meine kleine Tochter ein wenig erschreckt.» Doch ansonsten geniesst die Zentralschweizer Metropole viel Sympathie: «Luzern hämmer gern», bringt es die Mutter auf den Punkt. Nur das schlechte Wetter, das hätten sie zu Hause lassen können, lacht sie.

Die Zürcher Familien Alfaré und Speck nach dem  (verregneten) Kinderumzug. Ihnen fielen die Luzerner Kinder mit ihren Masken auf.

Die Zürcher Familien Alfaré und Speck nach dem (verregneten) Kinderumzug. Ihnen fielen die Luzerner Kinder mit ihren Masken auf.

(Bild: mbe.)

Barbara Bättig und Marcel Hess wohnen in der Zürcher Altstadt und geniessen das Sächsilüüte jedes Jahr. Hess findet es bewundernswert, dass eine einzelne Zunft den Anlass stemmt. «Wir wussten nicht, dass Luzern auch Zünfte hat, und kannten die Fritschi-Tradition nicht», sagt Barbara Bättig. Sie fände solche Anlässe städteverbindend und «rüüdig lässig».

«Bieten einem schnell das Du an»

Marcel Stöckli, Präsident des Musikvereins Zunft zu Oberstrass, freut sich ebenfalls über den Gast Luzern. «Ich finde es eine gelungene Sache, dass jemand eingesprungen ist für den Kanton und den Auftritt privat finanziert.» Die Luzerner Musiker und Zünfter seien sehr offen. «Sie feiern gerne und bieten einem schnell das Du an», sagt Stöckli. Was sie musikalisch geboten hätten, sei super gewesen.

«Die Luzerner Zünfter boten uns sofort das Du an», sagt Marcel Spiess, Präsident des Musikvereins Zunft zu Oberstrass in Zürich.

«Die Luzerner Zünfter boten uns sofort das Du an», sagt Marcel Spiess, Präsident des Musikvereins Zunft zu Oberstrass in Zürich.

(Bild: mbe.)

Wir haben auch eine Gruppe Touristen befragt. Natascha aus Brasilien sagt in lupenreinstem Deutsch: «Luzern ist eine der schönsten Städte der Schweiz … Neben Zürich.» Und ihre Kollegen aus Wien und Berlin würden Luzern gerne einmal besuchen.

Die Touristen Nikolaus, Nicole, Natascha und Alex: «Luzern ist die schönste Stadt der Schweiz. Neben Zürich.»

Die Touristen Nikolaus, Nicole, Natascha und Alex: «Luzern ist die schönste Stadt der Schweiz. Neben Zürich.»

(Bild: mbe.)

Fritschi-Vater: «Wir sind  etwas barocker als die Zürcher»

Und wie fühlen sich die Luzerner am Sächsilüüte? Thomas Bucher war der Fritschivater 2015, seine Partnerin Suzanne Wettenschwiler die Fritschimutter. «Wir Luzerner sind etwas barocker als die zwinglianischen Zürcher», sagt Thomas Bucher. «Als wir das Fritschi-Lied angestimmt haben, waren die ganz baff. Sie haben zwar den Sächsilüüte-Marsch, aber singen tun sie nicht normalerweise.» Die Stimmung sei ausgelassen gewesen.

Suzanne Wettenschwiler, Fritschimutter 2015, und der Fritschivater Thomas Bucher. «Wir sind etwas barocker als die zwinglianischen Zürcher.»

Suzanne Wettenschwiler, Fritschimutter 2015, und der Fritschivater Thomas Bucher. «Wir sind etwas barocker als die zwinglianischen Zürcher.»

(Bild: mbe.)

«Zürcher gehen ab wie eine Rakete»

Und wie fühlt sich die Gallionsfigur der Luzerner Fasnacht in der Stadt Zwinglis? Die Antwort des Fritschi-Bruders: «Die Zürcher sind sehr gut drauf. Es herrscht gute Stimmung, und man fühlt sich willkommen in Zürich. Das Willkommen haben wir rüüdig gern.»
Und die Fritschene zieht den Reporter zur Seite und sagt ihm: «Partymässig können die Zürcher zwar nicht so mithalten. Sie brauchen immer eine Aufwärmphase, aber dann gehen sie ab wie eine Rakete.»

Fritschis haben zudem ganz viele Heimweh-Luzerner getroffen in Zürich. Sie werden wie Tausende von Einheimischen und Touristen sicherlich den Weg des Umzugs am Montag zum Böög und dem Feuer säumen.

zentralplus wird in einem zweiten Beitrag am Montag weitere Impressionen der Luzerner am Sächsilüüte-Umzug 2016 zeigen.

Luzerner Zunft füllte die Lücke und finanziert Auftritt privat

Luzern hat die Planung der Zürcher «Zoifter» ganz schön durcheinandergebracht. Seit 1991 lädt das Zentralkomitee jeweils einen Gastkanton ein. Doch 2014 machte ihnen der Luzerner Regierungsrat einen dicken Strich durch die Rechnung, indem er die erfolgte Einladung kurzerhand aussschlug. Aus finanziellen Gründen. Eine Premiere in Zürich, und ein noch nie erlebter Affront. Nachdem auch andere Kantone und Lichtenstein abgesagt hatten, lud Zürich 2015 deshalb den eigenen Kanton als Lückenfüller ein.

Doch nicht nur Zürcher, auch traditionsbewusste Luzerner von der Zunft zu Safran brachten kein Verständnis für den Entscheid auf. Alt-Zunftmeister Thomas P. Gübelin erklärt zentralplus: «Unser Alt-Zunftmeister Andreas Moser hat sich fürchterlich aufgeregt, dass der Kanton Luzern abgesagt hat.» Darauf habe man beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Man erarbeitete ein Konzept und präsentierte dieses den eigenen Leuten. «Es wurde einstimmig angenommen», sagt Gübelin. Und Zürich war ebenfalls einverstanden und lud die Zunft offiziell ein. Mit allen Mitgliedern. «Als Zunft-Meister wurde ich manchmal schon früher ans Sächsilüüte eingeladen. Es freut mich sehr, dass nun alle unsere Mitglieder dabei sein können, das ist ein besonderes Erlebnis für sie», sagt Gübelin.

Zu den Finanzen: Ein Grundbudget von 50’000 Franken wurde beschlossen. Dazu zahlt jeder Zünfter privat 50 Franken an den Auftritt (bei 450 Mitgliedern kommt da einiges zusammen). Zudem wurde ein Sechserclub gegründet, dessen Mitglieder sogar freiwillig 6000 Franken aus dem eigenen Sack beitragen. Wie viel zusammengekommen ist, will die Safran-Zunft laut Gübelin nicht kommunizieren.

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