Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Die Zeit, als Eishockeyspieler noch Rockstars waren
  • Sport
In der Garderobe im Eisstadion Davos feiern (im Uhrzeigersinn von unten) Marco Fischer, Patrick Sutter, Matthias Holzer, Dino Kessler, Misko Antisin, Patrick Schöpf und Bill McDougall den Gewinn des EVZ-Meistertitels 1998. (Bild: EVZ-Archiv)

Der verrückte Weg zum EVZ-Titel 1998 Die Zeit, als Eishockeyspieler noch Rockstars waren

5 min Lesezeit 08.04.2019, 12:45 Uhr

Am Donnerstag wird der EV Zug in die Finalserie steigen. Auf den Tag genau 21 Jahre zuvor hat der EVZ seinen ersten und bisher einzigen Titelgewinn realisiert. Es ist eine Reise zurück in eine archaische und etwas verrückte Welt des Eishockeys.

Am 11. April 1998 hat sich in Davos eine Zuger Mannschaft mit einem 5:2 im sechsten Finalspiel durchgesetzt, die über dem Zenit ihres Leistungsvermögens zu sein schien. Doch die Röthelis, Walz’, McDougalls, Sutters, Antisins, Mullers, Künzis, Groggs, Lindbergs, Rüegers und Co. packten es. Sie rangen eine Mannschaft nieder, die in den nächsten zwei Jahrzehnten das Geschehen auf Schweizer Eis und internationaler Bühne prägen sollte. Die Rede ist von den «Zeugen Del Curtos».

Die Gebrüder von Arx, Michel Riesen, Marc Streit, Ivo Rüthemann und Sandro Rizzi zahlten damals gegen den rockenden und rollenden EV Zug noch Lehrgeld. Aber bald darauf gaben sie ihm regelmässig das Nachsehen. Sie wurden Teil der «Big Four», die das Schweizer Eishockey mit Beginn dieses Jahrtausends zu dominieren begannen: Davos, Bern, Lugano und die ZSC Lions sind die bisher einzigen Schweizer Meister ab den 2000er Jahren.

Unterstütze Zentralplus

Jetzt scheint es eine neuerliche Wachtablösung zu geben: Der HC Davos, kürzlich Sieger des Playout-Finals, wird in den nächsten Jahrzehnten kaum mehr eine führende Rolle an der nationalen Spitze einnehmen können. Aller Voraussicht nach werden sie vom EV Zug abgelöst, der mit der EVZ Academy, des im Bau befindlichen neuartigen Sportzentrums «OYM» in Cham und den Investitionen in die erste Mannschaft (Genoni und Hofmann) vor einer rosigen Zukunft zu stehen scheint.

Der Heimweg von «Whiskey-Bill»

Eishockey am Ende des auslaufenden Jahrtausends war noch eine andere Sportart als heute. Gespielt von einem anderen Menschenschlag als heute. Damals gab es zum Beispiel noch den Zweilinienpass, damals wurden Künstler und Tempobolzer nicht so durch die Regeln geschützt wie heute. Damals war es ein Spiel der rauen und unerschrockenen Kerle, die nicht nur auf dem Eis, sondern meist auch im Nachtleben ein gnadenloses Forechecking betrieben.

«Zum Glück gab es noch keine sozialen Medien. Sonst wären
die Videos von unseren Auftritten im ‹Grell Pastell› heute noch Kult.»

Patrick Sutter, Verteidiger im Zuger Meisterteam

«Zum Glück gab es damals noch keine sozialen Medien», sagt der damalige EVZ-Verteidiger Patrick Sutter mit einem schelmischen Lachen. «Sonst wären die Videos von unseren Auftritten im ‹Grell Pastell› wohl heute noch Kult.» Das «Grell Pastell» in Zug war damals eine Szene-Beiz und ein beliebter Treffpunkt der EVZ-Spieler nach getaner Arbeit.

Als trinkfester EVZ-Profi machte damals Bill McDougall (heute 52-jährig) auf sich aufmerksam. Ein «Blick»-Journalist zeichnete damals genüsslich den Heimweg des Centers von der Zuger Eishalle nach. Man muss dazu auch sagen: «Whiskey-Bill», wie McDougall betitelt wurde, hatte lieber Bier und Rum. Und er war vor allem ein treffsicherer EVZ-Kanonier. Der Stürmer hatte einen einzigen Penalty-Trick drauf. Aber so traumwandlerisch sicher, dass er unweigerlich zum Erfolg führte.

Playoff 1998 war Kampf, Drama und Hochspannung

Im Gegensatz zu den aktuellen Gipfelstürmern des EV Zug (Finaleinzug in neun Spielen) musste die erste und bisher einzige Meistermannschaft schon im Viertel- und Halbfinal über die volle Distanz von sieben Spielen gehen. Das Playoff 1998 war Kampf, Drama und Hochspannung.

Misko Antisin, wegen seiner Unberechenbarkeit auf dem Eis der vielleicht polarisierendste Spieler dieser Zeit, schoss in der Verlängerung des siebten Viertelfinalspiels den Siegtreffer zum 3:2 gegen den SC Rapperswil-Jona. Und als Ambri im fünften Halbfinalspiel einen 7:1-Sieg beim damaligen Qualifikationssieger feierte, warfen die Zuschauer vor lauter Zorn den EVZ-Spielern auf dem Eis ihre Saisonabos vor die Füsse.

Was die erbosten Fans nicht erahnen konnten: Fredi Egli, der legendäre Präsident und Macher des EV Zug, sollte seine Schützlinge am Tag danach zu einem Teambuilding-Event ins Imax-Kino nach Luzern einladen. Auf der Leinwand wurde der nur mit gemeinsamem Einsatz mögliche Gipfelsturm auf den Mount Everest gezeigt. Die Spieler waren bei der Ehre gepackt.

«Er fuhr bloss noch knapp 30 Stundenkilometer
und das über eine nervend lange Strecke.»

Patrick Sutter, Verteidiger im EVZ-Meisterteam

In den folgenden Tagen baten die Fans beim EVZ-Sekretariat quasi auf Knien darum, ihre Abos zurückzubekommen. Denn unter der Regie eines glänzend aufgelegten Kanadiers Wes Walz hatten die Zuger Spiel 6 in der Leventina gleich 5:0 gewonnen und zogen kurz darauf mit einem 7:2 im Spiel 7 in den dritten Final seit 1994/95 ein.

Der Vorgänger von Del Curtos Sohn

Als der Teamcar der Zuger mit einer 3:2-Führung nach Siegen im Final auf dem Weg nach Davos war, wurde er im Landwassertal vom Auto eines HCD-Fans ausgebremst. «Er fuhr bloss noch knapp 30 Stundenkilometer und das über eine nervend lange Strecke», erzählt Patrick Sutter. «Unser damaliger Masseur Kurt Ammann rief dann die Polizei an.»

Doch der am Strassenrand stehende Polizist in einem der nächsten Dörfer reagierte nicht. «Erst eine Polizeipatrouille schaffte es später, das fahrende Verkehrshindernis herauszufiltern», so Sutter.

Vor 21 Jahren präsentiert EVZ-Spieler Misko Antisin den Meisterpokal den Fans in der Zuger Altstadt.

Vor 21 Jahren präsentiert EVZ-Spieler Misko Antisin den Fans den Meisterpokal in der Zuger Altstadt.

(Bild: EVZ-Archiv)

Um bösartigen Spekulationen vorzubeugen: Nein, das war nicht der Sohn von Arno Del Curto, der 2015 im Alter von 22 Jahren ein ähnliches Manöver mit dem EVZ-Mannschaftscar auf dem Weg zum vierten Viertelfinalspiel nach Davos veranstaltete.

Zugs Gegenentwurf zum Fliegenfänger von Davos

Der Rest ging in die Klubhistorie der Zuger ein: Die Mannschaft von Sean Simpson gewann das sechste Spiel in Davos 5:2 und sicherte sich zum ersten Mal den Meistertitel.

Nicht zuletzt wegen eines deutlichen Vorteils auf der Torhüter-Position. Der «Blick» titelte während dieser Serie: «Ein Fliegenfänger spaltet sein Dorf» und bezog sich auf die ungenügenden Leistungen von HCD-Goalie Nando Wieser. Es war der Karriereknick für den damals 26-Jährigen.

Und der Gegenentwurf zur Laufbahn von Ronnie Rüeger. Mit Beginn des Playoffs hatte Sean Simpson dem damals 25-jährigen Klotener den Vorzug vor Patrick Schöpf gegeben. Rüeger hexte den EVZ zu seinem ersten Titelgewinn. 2003 und 2006 wiederholte er das Kunststück als Torhüter von Lugano.

Stefan Grogg und weitere Teamkollegen stiegen drei Stunden nach der Entscheidung der Meisterschaft in voller Montur und Schlittschuhen in den EVZ-Teamcar in Davos ein. Es war die Verlegung einer langen und rauschenden Nacht nach Zug. Und sie bleibt unvergesslich für alle, die dabei waren.

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare
Mehr Sport