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Die Wundertüte Neubad ist jetzt auch eine Fotogalerie
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Blick in die neue Neubad-Galerie.  (Bild: jwy)

50 Luzerner Fotografen in einer Ausstellung Die Wundertüte Neubad ist jetzt auch eine Fotogalerie

6 min Lesezeit 21.10.2016, 17:55 Uhr

Luzern hat viele gute Fotografen, aber bisher keinen Ort, um deren Werke zu zeigen. Das Neubad tut den ersten Schritt und eröffnet diesen Freitag eine neue Galerie. Kurator Michael Sutter findet: Es ist höchste Zeit, dass sich in Luzern jemand darum kümmert.

Schon wieder News aus dem Neubad. Eben erst hat man noch in den Boden expandiert und den Keller mit viel Fleiss und Schweiss konzerttauglich getrimmt (zentralplus berichtete). Jetzt kommt eine Galerie ins Portfolio der Zwischennutzung: Im Treppenhaus, welches das Bistro mit dem grossen Pool verbindet, eröffnet am Freitag die Neubad-Galerie.

Das Wort «Galerie» weckt vielleicht einen falschen Eindruck, es sind eher enge Gänge mit grossen Wänden, die man in Zukunft mit Kunst tapeziert. Eigentlich der Fluchtweg vom Pool runter ins Erdgeschoss. Schon das Neusicht-Festival wusste diese Wände kürzlich zu nutzen (zentralplus berichtete).

Gerahmt, genagelt, gekleistert

Nun hat man die Werke vom Neusicht wieder weiss übermalt. Stattdessen hängen jetzt rund 50 Fotografien: winzige, überdimensionale, schwarz-weisse, farbige, analoge, digitale, Porträts, Abstraktes, Polaroids – auf den ersten Blick wild durcheinander. Auf den zweiten Blick hat das Ganze durchaus eine Ordnung – wenn man denn eine erkennen will. Und einzelne Werke ritzen die Grenze dessen, was man noch unter Fotokunst versteht.

Dieses Bild muss noch aufgehängt werden.  (Bild: jwy)

Dieses Bild muss noch aufgehängt werden.  (Bild: jwy)

Gewisse Werke sind gerahmt, andere mit Klammern aufgehängt, eines sogar auf die Wand gekleistert. Die meisten jedoch sind auf die Wand genagelt – und eine Erkenntnis war: Die Wände im alten Hallenbad sind pickelhart.

50 Jahre Altersunterschied

50 Fotografinnen und Fotografen haben für die Ausstellung «À fonds perdu» mitgemacht. Sie sind entweder in Luzern geboren oder wirken und wohnen hier. Sie stellen je ein Werk zur Verfügung. So ergab das einen noch nie dagewesenen Querschnitt durch die hiesige Fotoszene. Darunter sind Berufsfotografen, Fotojournalistinnen oder auch Künstler, von denen man nicht mal wusste, dass sie fotografieren. Und noch eine 50: Zwischen dem jüngsten und der ältesten der 50 Fotografen liegen 50 Jahre.

Kurator Michael Sutter steht am Freitagvormittag in der fast fertigen Ausstellung, noch nicht alles hängt. «50 gegen einen», sagt er mit Schalk und Genugtuung über die Herausforderung, das hier auf die Reihe zu kriegen. «Ich bringe mich gerne in die Bredouille, ich brauche das manchmal.» Eben hat er einen Termin verschwitzt, kann passieren in der Endphase vor einer Vernissage.

Durchaus mit Eigennutz

Die Ausstellung

Fotoausstellung «À fonds perdu»: Freitag, 21. Oktober, bis Sonntag, 18. Dezember. Offen, wenn das Neubad geöffnet hat (Di–So). Vernissage: Freitag, 21. Oktober, 18 Uhr.

Und wie immer bei solchen Freestyle-Projekten ist es weit aufwändiger als anfangs gedacht. «Aber ich habe schliesslich einen Eigennutzen: Ich lerne auf einen Schlag so viele Künstler kennen», sagt Sutter. «Ich sehe, was sie machen, wie sie funktionieren, das ist unglaublich spannend und hilft mir für meine weiteren Tätigkeiten.»

Denn eigentlich ist Michael Sutter Leiter der Luzerner Kunsthalle im Bourbaki. Das Neubad hatte ihn angefragt für dieses Projekt. Und er, der Herausforderungen mag und nicht Nein sagen kann, stürzte sich blindlings in das Abenteuer. «Ich hatte einfach Lust, hier was zu machen.»

Bilder sind ungeschützt

Der Titel «À fonds perdu» – verlorener Beitrag, oder sinngemäss: Beitrag ohne Aussicht auf Gegenleistung – hat einen durchaus praktischen Hintergrund. «Wenn du’s bringst, bekommst du’s vielleicht nicht zurück», sagt Sutter. Denn die Ausstellung ist immer offen, wenn das Haus geöffnet hat – es gibt keine Aufseher, die Bilder hängen ungeschützt. Die Künstler wissen das und haben sich darauf eingelassen. Und man vertraut hier vielleicht auch auf die Benimmregeln der kulturerprobten Klientel. «Ich übernehme keine Garantie für Schäden oder Diebstahl», sagt Sutter. «Aber alle nahmen das voll easy.»

Thematische Bezüge sind durchaus zu sehen.  (Bild: jwy)

Thematische Bezüge sind durchaus zu sehen.  (Bild: jwy)

In allen Ecken und Nischen hängen die Werke, zum Teil auf schwindelerregender Höhe und in der ersten Etage, beim Pool, auch in der Duschkabine. «Es ist nicht so trashig geworden, wie ich anfangs gedacht hatte», sagt Sutter, «wir haben hier ziemlich edle Sachen darunter, wirklich schöne.» Er zeigt auf einen Rahmen, nur schon dieser sei ein paar tausend Franken wert.

Bringt, was ihr wollt

«Ich habe den Fotografen gesagt: Bringt, was ihr wollt», sagt Michael Sutter, «ich hatte keine Ahnung, was kommt.» 50 gegen einen: Erst im Neubad hat er sich dann Gedanken darüber gemacht, wie und wo er die 50 Bilder aufhängt – die letzten Arbeiten trafen erst am Donnerstag ein.

Und so hat er versucht, eine Ordnung hineinzubringen: Vom Grossen ins Kleine, einzelne thematische Bezüge, wenn sich denn welche anboten. «Ich habe versucht, eine narrative Linie hineinzubekommen», sagt er.

Kurator Michael Sutter in der Neubad-Galerie.  (Bild: jwy)

Kurator Michael Sutter in der Neubad-Galerie.  (Bild: jwy)

Und so hat er viele Stunden hier verbracht: Werke entgegennehmen, ausprobieren, aufhängen. «Aber ich habe mir nicht dreinreden lassen», sagt er. «Denn das ist es, was mich daran interessiert, ich will auf diesen Raum hier reagieren, darum mach ich es auch gerne.»

Sehr spontan, aber erfolgreich

Wieso eigentlich das Medium Fotografie? «Ich muss ehrlich gestehen, ich bin nicht der Fotospezialist, auch was Techniken und verschiedene Druckarten anbelangt», sagt Sutter. Aber er habe schnell realisiert, wie viele Fotografen er kennt. «Ich habe eine sehr subjektive Auswahl getroffen: Ich habe einfach jene aufgelistet, die ich kenne.»

Das ergab schon mal etwa 35. Hinzu kamen durch Gespräche, Recherchen und Empfehlungen nochmals etwa 15. Zwei haben aus Zeitgründen abgesagt, «der Rest hatte Mega-Freude, obwohl das Ganze sehr spontan war», so Sutter. Erst im September hatte er die Fotografen angefragt.

Keinen Ort für Fotografie

Ebenso wichtig für Michael Sutter als Motivation: Obwohl das Medium Fotografie sehr populär ist und oft auf grosses Publikumsinteresse stösst, gibt es in Luzern keinen fixen Ausstellungsort dafür. «Es gibt in Luzern wenige bis gar keine professionellen Ausstellungsmöglichkeiten für Fotografie», sagt Sutter.

Es gab die Fotokammer von Gabor Fekete und Marco Meier – «tolle Versuche, tolle Ausstellungen» –, jedoch musste sie schliessen, als das Gebäude der Sphinx an der Bundesstrasse weichen musste. Es gibt die Stiftung Fotodok für das fotografische Erbe der Region (zentralplus berichtete). «Eine gute Sache, aber auch eine abgeschlossene und leicht elitäre», findet Michael Sutter. Denn gerade die jüngere Generation von Fotografen sei ganz anders organisiert und besser vernetzt – nur könne man die nirgends zeigen, weil es in Luzern keine Galerie dafür gebe.

Am Freitag öffnet die Neubad-Galerie, letzte Arbeiten sind noch zu erledigen.  (Bild: jwy)

Am Freitag öffnet die Neubad-Galerie, letzte Arbeiten sind noch zu erledigen.  (Bild: jwy)

In Zürich etwa gibt es seit einigen Jahren die Photobastei, ein eigenes Museum für Fotografie. Auch in der Zwischennutzung Himmelrich in Luzern stiessen die Fotoausstellungen auf reges Interesse. In Luzern fehle bisher jemand, der sich wirklich darum kümmere, so Sutter. «Ich habe hier nur schon beim Aufbau gemerkt, wie wichtig es ist, dass Fotografen zusammenkommen und miteinander diskutieren, das Bedürfnis ist da.»

Also ist die Chance gross, dass die Neubad-Galerie ein Ort für die Luzerner Fotografie bleibt. «Ich mache jetzt diesen Effort, und dann schaue ich, was passiert», sagt Michael Sutter. Aber eben: Nein sagen kann er ja schlecht.

Die 50 beteiligten Fotografen

Shannon Zwicker, Franca Pedrazzetti, Hans Ueli Alder, Caroline Schnider, Nico Sebastian Meyer, Anja Wurm, Mathias Walther, Johanna Gschwend, Stephan Wittmer, Niklaus Lenherr, Nina Staehli, Claudia Walther, Christina Niederer, Larissa Lakshmi Odermatt, Thurry Schläpfer, Heidi Hostettler, Raisa Durandi, Jonas Petermann, Lorenz Oliver Schmid, Daniela Kienzler, Julia Moebus, Michael Scherer, Milos Zappa, Andrina Keller, Johanna Näf, Mara Frey, Anne-Sophie Mlamali, Daniela P. Meier, Adrian Bättig, Brigitta Maria Andermatt, Dominik Zietlow, Herbert Zimmermann, Mischa Christen, Mo Henzmann, Raffaela Bachmann, Patrick Blank, Moritz Hossli, Charles Moser, Monique Wittwer, Mirjam Steffen, Zvonimir Pisonic, Maurin Bisig, Samantha Hauri, André Schäffer, Silvia Zurfluh, Liliane Bürli, Marco Sieber. Gäste: Marc-Antoine Serra (Marseille), DADAGLOBAL (Zürich), Zoë Gaja Tschirren (Bern/Basel), Severin Humboldt (Köln)

Mehr Bilder aus der Ausstellung in der Galerie:

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