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«Die Wirtschaft braucht keine Philosophen»
  • Gesellschaft
Er hat die letzten 37 Jahrgänge der Zuger Maturanden erlebt. Hans Peter Gnos schliesst ab mit der Schule. Und geht ohne Groll. (Bild: fam )

Hans Peter Gnos macht Feierabend «Die Wirtschaft braucht keine Philosophen»

5 min Lesezeit 05.02.2015, 12:02 Uhr

Aber die Gesellschaft brauche sie. Nach 37 Jahren an der Kantonsschule Zug schliesst der Rektor Hans Peter Gnos sein Berufsleben ab. Er hat 37 Jahrgänge beim Maturamachen begleitet. Was das sein soll, eine Matura, das ist immer noch ein Streitpunkt. Das Gymi steckt in der Defensive – und schrumpft zum ersten Mal. Eine gute Zeit zum Gehen?

«Kommen Sie rein, es sieht noch alles etwa gleich aus», sagt Hans Peter Gnos und führt durch die Bibliothek der Kantonsschule in sein Arbeitszimmer. Er muss es wissen, seit 37 Jahren geht Gnos durch diese Schule, von der ersten Stelle bis zum letzten Arbeitstag. «Ein ganzes Berufsleben lang», sagt er und setzt sich hin. Gnos wird im Sommer pensioniert, sein Amt als Rektor des Gymnasium Mittelstufe hat er am letzten Freitag abgegeben, Unterricht hält der Zeichenlehrer seit letzten Sommer keinen mehr. Zwölf Jahre lang hat er die Mittelstufe geleitet, seit Freitag machen das zwei andere. «Ich wollte nicht von 120 auf null Prozent fallen», sagt Gnos, «lieber etwas langsamer abtauchen.» Bis im Sommer hat er noch «einige Projekte», dann ist Schluss.

Unsicherheit bei den Lehrern

Kann er die Mittelschule leicht zurücklassen, jetzt wo im ganzen Kanton gespart werden muss? Das Sparprogramm des Kantons sorgt auch an der Kantonsschule für Unsicherheit. «Das Gymnasium schrumpft. Aus mehreren Gründen. Einerseits gehen künftig jährlich zwei Klassen des Langzeitgymnasiums in die Kantonsschule Menzingen. Zweitens kommt im Sommer ein Jahrgang ans Gymi, der auffallend klein ist.» Und damit werden an der Kantonsschule Zug Lehrerstellen unsicher. Ob es im nächsten Jahr insgesamt 74 oder 77 Klassen an der Kanti gibt, sei noch nicht klar. Das ist immerhin eine Spannweite von mehreren Lehrerpensen.

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«Dazu kommt das Sparprogramm des Kantons. Wenn man materiell sparen muss, dann ist das mehr oder weniger machbar. Aber wenn man bei den Menschen spart, das ist etwas ganz anderes. Und bei den Personalkosten kann man viel sparen.» Das sagt er mit Bedauern. Ist das Sparprogramm Gift für die Kantonsschule? «Nicht nur. Die Kantonsschule Zug ist eine der grössten schweizweit, steht ungefähr an dritter Stelle. Es gehen hier 1550 Schüler ans Gymi und in die Wirtschaftsmittelschule.» Etwa 1100 wären optimal, aus Sicht der Schulleitung. «Dafür hätten wir hier auch den Platz.»

«Schule ist in guten Händen»

Denn die Kanti kocht über: Muss Unterrichtsräume im Siemensareal und eine Sporthalle in einer anderen Gemeinde zumieten. «Insofern ist es nicht schlecht, wenn die Schule kleiner wird. Aber unter den Lehrern sorgt das natürlich für Unsicherheit.»

Es ist das erste Mal seit der Gründung der Schule, dass sie schrumpft. «Vorher ist sie konstant gewachsen», sagt Gnos, der einen Grossteil des Wachstums miterlebt hat. Ist das tatsächlich ein guter Moment, um zu gehen? Mit der Schule in der Krise? «Ich werde im Sommer 65, das ist fix. Und der Kanton verlangt, dass man mit 65 in Pension geht. Der Moment passt auch für mich. Die Schule ist in guten Händen.»

Und Krise wohl das falsche Wort. Umso mehr, als die Schulleitung gleich zwei neue Köpfe hat, neben dem neuen Rektor für die Mittelstufe wurde auch ein Rektor für Schulentwicklung angestellt. «Er kann nun unter verschiedenen anderen Aufgaben ein Konzept ausarbeiten, wie die Schule sich mit all ihren Herausforderungen entwickeln soll. Das ist ein Gewinn für das Gymi.»

Das Gymnasium in der Defensive

Und Herausforderungen gibt es einige, so der abtretende Rektor. «Das Gymnasium muss sich oft legitimieren. Muss immer wieder beweisen, dass es für begabte, leistungsfähige Jugendliche ein Langzeitgymnasium  braucht, muss zeigen, was den Stellenwert und die Qualität eines Gymnasiums ausmacht, wohin der Weg führt.» Forderungen gäbe es viele, sagt er und zückt eine Publikation der Kanti Zug: «Das Gymnasium im Land der Berufslehre» heisst sie, der Standpunkt ist klar, das Gymnasium in der Defensive. «Die einen fordern, man müsse weniger Schüler ans Gymi lassen, um die Berufslehre zu stärken. Andere fordern, man müsse mehr Schüler aufnehmen. Wieder andere fordern, es dürfe niemand mehr eine Matura mit ungenügenden Noten in Deutsch und Mathe bestehen.»

In dieser ganzen Debatte, sagt Gnos, ist offensichtlich: «Die Wirtschaft fordert, dass wir Leute ausbilden und in Studiengänge führen, die für sie nützlich sind. Die Wirtschaft braucht vielleicht keine Philosophen, keine Literaten, keine Musiker und Künstler. Aber die Gesellschaft braucht sie.»

«Man stellt sich schon die Frage: Was hätte ich bewirken können? Was hätte ich ändern können?»

Hans Peter Gnos

Sonst verarme sie. Und das geht Gnos gegen den Strich. An seiner Schule hat der Zeichnungslehrer mit allen Mitteln an der Kultur gearbeitet: Da gibt es eine Reihe von Publikationen, die von Kantilehrern geschrieben werden, ein jährliches Kulturprogramm mit Lesungen, Vorträgen, Ausstellungen, Konzerten, Kantitheater. «Das alles ist an einer grossen Schule sehr wichtig und da ist viel Herzblut drin.»

Auch ausserhalb der Schule hat Gnos viel Herzblut in Kultur gesteckt, war mehr als zehn Jahre lang Präsident der Zuger Kunstgesellschaft, bevor er das Amt des Rektors übernommen hatte. «Die Mittelstufe des Gymnasiums hat mich immer am meisten interessiert», sagt Gnos. «Da stecken die Jugendlichen mitten im Umbruch, erleben Schwierigkeiten unterschiedlichster Art. Das ist extrem spannend und herausfordernd.» Und anstrengend. «Ja, aber auf eine gute Art. Es braucht aber auch ein Bewusstsein bei Lehrerinnen und Lehrern, zu verstehen, wie sehr Jugendliche verschiedensten Einflüssen ausgesetzt sind.»

«Es bleibt ein unsäglicher Schmerz»

«Es kommt seit einigen Jahren immer öfter vor, dass Jugendliche krank sind, psychisch krank. Das ist ein Problem unserer Gesellschaft, aber das spiegelt sich am Gymi.» Ein tragischer Fall hat vor vier Jahren die Kantonsschule paralysiert, ein junger Mann hat im Schulhaus Selbstmord begangen. Wie geht eine Schulleitung damit um? «Natürlich war sofort ein Care-Team im Einsatz, und auch die Klassenlehrer haben sehr viel und gute Arbeit geleistet. Die Schule hat mit Sensibilität und Toleranz reagiert auf alles, was in der darauffolgenden Zeit passiert ist.» Aber als Lehrer frage man sich in solchen Momenten, «was hätte ich bewirken können, hätte ich etwas ändern können? Das bleibt. Und für die Eltern und Freunde bleibt ein unsäglicher Schmerz über viele Jahre.»

Die Jahrgänge sind schon weitergezogen, es sind neue gekommen. Gnos hat etliche junge Zuger kennengelernt, viele davon sind schon lange nicht mehr jung. Wenn nach 37 Jahren Schluss ist, was bleibt? Angst vor der Pension, oder der grosse Traum vom endlich alles tun, was vorher keinen Platz hatte? «Das ist keine grosse Sache. Jetzt geht vieles für mich weiter. Einen grossen Traum habe ich auch nicht, ich gehe nicht nach Australien», sagt er und lacht. «Auch wenn das wahrscheinlich spannend wäre.» Stattdessen hat er Kleineres vor. «Und ich hoffe, dass ich damit gut umgehen werde. Ich gehe ohne  Ärger und Unmut. Das ist etwas Schönes, nach einem langen Berufsleben. Wenn man ohne Verbitterung, mit einer gewissen Zufriedenheit und einem guten Grundgefühl gehen kann.»

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