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Die wilde Stimme bleibt – und der Querschädel
  • Kultur
«Wenn ich Musik machen will, dann stell ich mich hin und mache Musik», sagt Vera Kaa. (Bild: jav)

50 Fragen an … Vera Kaa Die wilde Stimme bleibt – und der Querschädel

10 min Lesezeit 28.10.2018, 12:05 Uhr

Die Sängerin Vera Kaa hat ihre Wurzeln in Luzern. Genauer: im Sedel. Heute jedoch entdeckt sie sich in der urchigen Schweiz neu. zentralplus hat sie auf 50 Fragen getroffen. Und dabei gefragt, wie sie zu ihrer Heimat, Schönheitsoperationen, Trauer und der Frauenquote steht.

Vera Kaa steht seit über 40 Jahren auf der Bühne. Die Sängerin veröffentlichte 1981 ihr erstes Solo-Album und ist aus der Schweizer Musikgeschichte nicht wegzudenken, berühmt für ihre rauhe, unverwechselbare Stimme, ihre musikalische Wandelbarkeit und ihre Nonchalance.

Ihren Durchbruch feierte sie, jung und punkig, in der Neuen Deutschen Welle – erst im Luzerner Sedel und bald schon international. Wir haben die 58-jährige Luzernerin in ihrer Wahlheimat Zürich getroffen. Unweit der Roten Fabrik wohnt sie mit ihrem Mann, ihrem jüngeren Sohn und ihrer Katze.

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1. Wie viel Punk steckt noch in Ihnen?

(Lacht.) Noch einiges. Das sind meine Roots, auch wenn ich etwas sanfter geworden bin. Aber eigentlich möchte ich es auch wieder öfters aktivieren – den Punk in mir.

2. Das heisst?

Dinge nicht so oft einfach hinnehmen. Im Alltag und vor allem auch in der Politik. Etwas, das viele Frauen dem Frieden zuliebe noch oft tun.

3. Der Sedel war ein wichtiger Ort Ihrer Jugend und dem Beginn Ihrer Musikkarriere. Wann waren Sie zuletzt da?

Das war vor etwa drei Jahren. Wir brachten die Anlage unseres Gitarristen hoch und ich hatte sofort ein Déja-vu. Es fand gerade ein Punk-Konzert statt und ich fühlte mich sofort wieder zuhause. Der Sedel hat noch immer dieses Rohe, Wilde.

4. Was vermissen Sie an dieser Zeit?

Die Unverfrorenheit, mit der wir durchs Leben gingen. Das Gefühl, das Leben sei endlos und alles möglich.

«Politik interessiert mich sehr und ich bin deshalb oft angeeckt.»

5. Was vermissen Sie an Luzern?

Die Sprache. Dieses Langgezogene, Gemütliche, Besonnene.

6. Sie haben sich musikalisch in den Jahren immer wieder neu erfunden. Fühlten Sie sich irgendwo rückblickend nicht wirklich zuhause? 

Nein. Obwohl wirklich grosse Abschweifer dabei waren, stimmte der Weg für mich immer. Mein Urgrossonkel, der berühmte Muotathaler Musiker Melchior Anton Langenegger, der das Schwizerörgeli in die Schweiz brachte, hat von «kombinieren» statt «komponieren» gesprochen. Es geht darum, in der Musik offen zu sein. Das war schon immer meine Art, auch bevor ich wusste, aus welcher «musikalischen Familie» ich komme.

7. Was ist Heimat?

Die Berge vielleicht … ? Auf den Spuren meines Urgrossonkels fuhr ich kürzlich wieder ins Muotathal. Als ich da aus dem Auto stieg und über die Wiese schaute, hab ich gemerkt: Das ist etwas Grosses – von hier komme ich. Das war mit starken Gefühlen verbunden.

8. Wer waren die Helden Ihrer Kindheit?

Ganz klar meine Grossmutter und mein kürzlich verstorbener Vater, um den ich sehr trauere, den ich unglaublich vermisse. Er war so ein Querschädliger, ein Eigener, ging immer seinen Weg. Ich merke auch jetzt immer öfters, wie viel ich von ihm habe. Meine musikalische Seite hab ich von ihm, die bodenständige Seite von meiner Mutter und ihrer Schwester Emma. Ihre stoische Ruhe hat mich sehr beeindruckt.

9. Ihr Vater und sein Flohmarkt-Stand seien in Luzern bekannt gewesen – sind auch Sie ein Fan alter Dinge?

Das stimmt, er war ein Unikum, ein Stadtoriginal. Und diese Leidenschaft hab ich definitiv geerbt. Ich liebe Brockenhäuser und Flohmärkte, bin die totale Schnäppchenqueen. Meine Mutter und ich, wir lieben es, gemeinsam zu stöbern, haben auch unser Ferienhaus so eingerichtet. Wäre ich nicht Sängerin geworden, dann Innendekorateurin – mit eigenem Laden. Und ich würde Wohnungen einrichten. Damit kann man man mich übrigens jagen: mit liebloser Einrichtung.

10. Womit kann man Sie richtig ärgern?

Mit Lügen und Unehrlichkeit.

11. Wie bringt man Sie zum Lachen?

Wenn alle zusammen sind – Freunde und Familie. Wenn es laut, wild und fröhlich ist.

12. Was tun Sie für Ihre Stimme?

Gar nichts. Früher nie und wahrscheinlich werde ich es auch künftig nicht tun. Ich bin kein Fan von Stimmübungen. Das ist auch mein Muotathaler Einschlag: Wenn ich Musik machen will, dann stell ich mich hin und mache Musik.

13. Der Swissness-Trend ist überall – auch Ihr neues Programm passt perfekt da rein (siehe Box). Ist das Berechnung?

Definitiv nicht. Ich bin nie nach Trends gegangen. Ich habe mich immer selbst gesucht und bin damit oft völlig gegen den Strom geschwommen. Vielleicht ist es so, dass gerade viele Menschen nach ihren Wurzeln suchen, und sich deshalb auf Tradition und auf die Berge besinnen. Bei mir war es ja ein glücklicher Zufall, dass ich auf meine Muotathaler Wurzeln stiess.

14. Wie kam das?

Vor zwei Jahren wurde ich durch die Filmrecherche zweier Frauen darauf aufmerksam. Damals war ich in einem Loch, wusste musikalisch nicht weiter. Ich hatte vorher nicht viel über diesen Teil meiner Familiengeschichte gewusst, oder was für ein ganz eigener Musiker Langenegger war. Es war der perfekte Input zum idealen Zeitpunkt. Nun ist es eine schöne Aufgabe, diese Recherche und diese Musik weiterzuführen. Auch für meinen Vater.

15. Welche Form der Musik verbinden Sie mit den Bergen? Gehört Ländler und Jodel zu den Alpen, oder darf es auch etwas ganz Anderes sein?

Jodel gehört für mich ganz stark dazu. Im Gegensatz zum Hudigäggeler. Schon als Kind, als ich mit meinem Vater, der auch Schwinger war, an die Schwingfeste gereist bin, haben mich diese Klänge sehr berührt. Der Betruf hat etwas Heiliges und Archaisches, das nicht kommerzialisierbar ist. Diese tiefen Klänge gehören für mich in die Berge. Wie auch der Blues.

16. Was ist Ihre schweizerischste, urchigste Eigenschaft?

Meine Bodenständigkeit und Direktheit.

«Ich bin eine miserable Schauspielerin.»

17. Sind Sie ein Migros- oder ein Coop-Kind?

(Lacht.) Weder noch. Wenn schon, dann bin ich ein Landi-Kind, ein Markt-Kind.

18. Sind Sie eine gute Köchin?

Nun. Mein Sohn ist Koch, meine Mutter ist eine tolle Köchin. Ich habe mir mittlerweile einige Gerichte beigebracht. Aber da ist nichts Ausgefallenes dabei.

19. Bier oder Wein?

Wein.

Konzert im Stadtkeller

Am 14. November 2018 ist Vera Kaa mit Band wieder einmal in Luzern zu sehen und zu hören. Das Konzert ihres neusten Programms «Längi Zit» findet um 20.30 im Stadtkeller statt.

Darin begibt sich Vera Kaa auf eine Reise zu ihren Wurzeln und verbindet Schweizer Alpenklänge mit ihrem musikalischen Zuhause – dem Blues. Begleitet wird sie bei ihrem neuen Programm von ihrem Urteam: Greg Galli, Pete Borel, Nicola Galli und wechselnden Gästen.

20. Wie politisch sind Sie?

Sehr. Ich bin in einem Haushalt grossgeworden, in dem immer politisiert wurde. Meine Grossmutter hat bereits am Dorfbrunnen gegen Hitler gewettert, als viele seinem Aufstieg noch unkritisch zuschauten. Politik interessiert mich sehr und ich bin deshalb oft angeeckt, habe mir früher auch viele gute Events verscherzt, weil ich so offensiv grün war. Und ich finde noch heute, die Welt muss grüner sein.

21. Was würde denn auf Ihrem Wahlplakat stehen?

Wir leben auf dieser Erde, schauen wir zu ihr.

22. Welche Anliegen sind Ihnen als Frau wichtig?

Viele, für die ich auch gerne einstehe. Wie als ich das Lied für den Frauenstreik 1991 geschrieben habe. Lohngleichheit steht ganz vorne auf der Liste. Und da sind wir leider noch immer nicht. Toll finde ich aber: Es taucht jetzt eine neue Generation von Frauen auf, die den Mund aufmacht.

23. Es soll 2019 wieder einen Streik geben. Sind Sie dabei?

Selbstverständlich. Nicht im Vordergrund natürlich, denn jetzt sollen sich die Jungen vorne hinstellen. Aber ich werde dabei sein – als Veteranin. (Lacht.)

24. Was sagen Sie zur Frauenquote?

Wir brauchen in erster Linie fähige Menschen, die entscheiden. Und da ich überzeugt bin, dass wir einen ganzen Haufen grossartiger, qualifizierter Frauen haben, bin ich dafür.

«Meine Generation wurde mit einem goldenen Ticket geboren.»

25. Hat die Schweizer Musik ein Frauenproblem?

Ich sehe das weniger. Es gibt sehr viele grossartige Musikerinnen. Evelinn Trouble zum Beispiel finde ich toll. Oder auch Sophie Hunger.

26. Am Bass oder am Schlagzeug hingegen sieht es weniger rosig aus.

Das ist wahr. Und es war immer ein Problem. Ich weiss nicht, wo der Hund begraben liegt, aber hier wäre wichtig, dass etwas passiert. Es gab und gibt immer noch zu wenig Frauen an den Instrumenten.

27. Sie machten bei Ihren Abschweifern auch einen Abstecher in die Theater- und Musical-Welt. Was haben Sie dabei gelernt?

Ich möchte betonen: Es war mehr das Theater, weniger das Musical. Gerade diese neuen Musicals sind gar nicht meine Welt. Mich hatte es aber damals gereizt, die Schauspielerei auszuprobieren. Mir wurde dann auch relativ schnell klar: Dafür muss man geboren sein. Und ich bin es nicht. Ich bin eine miserable Schauspielerin. (Lacht.) Aber die einfachen Rollen waren okay.

28. Ihre Lieblingsrolle und weshalb?

Das war die Elena. Die Tochter des Roland Furioso. Das lag aber wohl auch daran, dass ich mit Franz Lindauer spielen durfte und er mich zu Brecht geführt hat.

29. Sie hatten damals eine ziemliche Brecht-Phase. Was hat Sie an ihm am meisten beeindruckt?

Er hat den Mund aufgemacht, als es sich kaum noch jemand traute. Er hatte Mut in einer gefährlichen Zeit und er hatte das Geschick, seine Aussagen zu verpacken. Meine Generation hingegen wurde mit einem goldenen Ticket geboren. Mut war nicht vonnöten. Gefährlich war gefühlt kaum etwas. Wir kamen nach dem Wirtschaftswunder, uns stand alles offen.

Ein Landi-Kind mit Faible für Brockenhäuser: Vera Kaa.

Ein Landi-Kind mit Faible für Brockenhäuser: Vera Kaa.

(Bild: jav)

30. Kennen Sie Nervosität vor dem Auftritt noch?

Jedes Mal, ja, sehr.

31. Was liegt auf Ihrem Nachttisch?

Bücher. Immer mindestens drei Bücher. Sonst werde ich nervös.

32.  Ihre aktuelle Lieblingsautorin oder Lieblingsautor?

Anna Mitgutsch. Ihr habe eines ihrer Bücher an der Strasse aufgelesen und werde mir bald ihr nächstes kaufen. Sie hat mich tief berührt.

33. Glauben Sie an Gott?

Ja, ich glaube an eine höhere Macht.

«Wenn ich nervös werde, ist das wirklich unangenehm.»

34. Wovor fürchten Sie sich?

Wie wir es wohl alle kennen: davor, die liebsten Menschen zu verlieren. Obwohl der Schmerz, wenn man ihn zulässt, nicht mehr so angsteinflössend ist.

35. Sie haben erst vor kurzem Ihren Vater verloren. Wie gehen Sie mit der Trauer um?

Ich habe gemerkt, dass der Tod nichts Böses ist. Sondern auch eine Erlösung. In unserer Gesellschaft jedoch wird er ausgeklammert, als Feind gesehen. Viele Leute wollen und können nicht darüber reden. Das ist natürlich verständlich. Aber wenn wir den Tod zu sehr von uns wegstossen, werden der Schmerz und die Angst davor immer grösser. Bewusst zu trauern ist mir deshalb sehr wichtig. Auch in der Musik – in meinen Songs.

36. Wo schreiben Sie Ihre Songs?

Hier auf dem Sofa zum Beispiel. Letztens sass ich hier, meine Freunde waren draussen, auf der Terrasse, lachten, flutschte mir ein Song einfach raus. Natürlich folgt dann der Prozess des Erarbeitens im Studio vis-à-vis. Dort schlage ich die Songs dann zu Faden – gemeinsam mit meinem Exmann, dem Pianisten Greg Galli. Im besten Fall arbeiten wir dann zu dritt. Denn mein jetziger Mann schreibt tolle Texte.

37. Ihre schlimmste Macke?

Meine Ungeduld, wenn ich nervös werde. Das ist wirklich unangenehm. Für andere, aber auch für mich selber.

38. Was ist das Gefährlichste, das Sie je getan haben?

Wahrscheinlich gäbe es vieles, aber ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Ich hatte lange keine Angst. Um andere ja, aber nie um mich.

39. Katze oder Hund?

Katze.

40. In welchen Punkten waren Sie stets streng mit Ihren Söhnen?

Bei Ehrlichkeit. Und Anstand.

41. Teenagersünden?

Da gibt es wirklich sehr viele. Als ich mit dem frisierten Töffli nach Alpnach gefahren bin und sich am Hang die Bremsen verabschiedet haben. Solche Dinge. Meine Mutter könnte einiges erzählen …

42. Würden Sie uns ein Selbstporträt zeichnen?

Ich zeichne wie eine Vierjährige. Das geht nicht. Das tue ich uns nicht an.

43. Stones oder Beatles?

Definitiv die Stones.

44. Was hören Sie, wenn Sie richtig abtanzen wollen?

Club des Belugas.

45. Was ist die beste Erfindung, die in Ihrem Haushalt existiert?

Die Heizung.

46. Sind Sie eitel?

Ja, schon. Früher war ich es weniger, da sah ich ja auch nicht schlecht aus. Da war ich mir Komplimente und Flirts gewohnt, ohne dass ich mir über meine Optik gross Gedanken machte. Aber heute, mit 58, merke ich, wie man als Frau doch etwas unsichtbar wird. Man versucht das dann auszugleichen, anders aufzufallen. Es mit Charme auszugleichen, zum Beispiel. Das ist auch in Ordnung, aber es ist ein Prozess – kein einfacher.

47. Einfacher wären Schönheitsoperationen.

Das würde ich im Leben nicht tun. Auch Botox finde ich sehr heikel – sich Nervengift zu spritzen. Ich bin aber nicht mehr so radikal: Ich akzeptiere, wenn es jemand tut, weil er sich dann besser fühlt. Ich denke noch immer, wenn ich mir die Gesichter anschaue: Was tut ihr euch an? Aber ich verurteile nicht mehr kategorisch.

48. Was hält Sie in Zürich?

Es gibt viele Vorurteile, aber Zürich ist eigentlich sehr nett. Es ist eine internationale Stadt mit vielen lebendigen Subkulturen, was mir sehr gefällt. Die 90er in Zürich waren der Horror, die musste ich durchhalten. Aber jetzt kommt mit der jungen Generation wieder neue Bewegung in die Alternativkultur.

49. Mit welchen Worten fluchen Sie?

Manchmal herzhaft zu fluchen ist schon in Ordnung und die richtig derben Ausdrücke sind mir nicht fern. Aber ich versuche, weniger zu fluchen, meine Energie nicht so rauszuhauen.

50. Wie würde Ihr Mann Sie beschreiben?

(Sie überlegt einen Moment und lacht.) Er würde sagen: Not boring. She’s definitely not a boring person.

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