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«Die Volksseele kocht vor allem bei den sozial Schwachen»
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Walter Schmid hat das Departement Soziale Arbeit in Luzern geprägt. Ende Oktober tritt er ab.  (Bild: rwi)

Walter Schmid: Ein Leben für die Sozialarbeit «Die Volksseele kocht vor allem bei den sozial Schwachen»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 24.10.2016, 11:50 Uhr

Walter Schmid war lange das Gesicht der Schweizer Sozialhilfe. Nun tritt er auf Ende Oktober als Direktor der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit ab. In unserem Gespräch plädiert er für den Mut, nett zu sein – und stellt gleichzeitig fest, dass die Gesellschaft Reichen gegenüber deutlich toleranter auftritt als bei Sozialhilfeempfängern.

zentralplus: Walter Schmid, was ist Ihnen gut geglückt am Department für Soziale Arbeit der HSLU?

Walter Schmid: In meiner Zeit ging es darum, uns als Fachhochschule zu konsolidieren. Das hiess, die Ausbildung nach Bologna-Richtlinien zu harmonisieren. Es hiess, einen Forschungsbereich aufzubauen, Weiterbildungen zu fördern. Wir haben anerkannte Schwerpunkte gesetzt wie Sozialhilferecht, Sozialpolitik und Sozialökonomie. Es gab Wachstum in allen Bereichen. Die HSLU war schon vor meiner Zeit kein Familienbetrieb mehr, heute sind wir zu einem mittelgrossen Betrieb angewachsen.

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zentralplus: Wo harzte es?

Schmid: Bei den Master-Studiengängen sind wir nicht dort, wo wir gerne wären. Eine Kooperation mit London kam nicht zustande. Den Master-Studiengang, den wir gemeinsam mit den anderen Schweizer Fachhochschulen anbieten, wählen in Luzern nur 5 Prozent der Studierenden, das Ziel liegt bei 20.

«Normalerweise gebe ich Bettlern kein Geld.»

zentralplus: Braucht es überhaupt Master-Studiengänge an einer Fachhochschule? Man hat manchmal den Eindruck, sie hecheln da den Universitäten nach.

Schmid: Fachhochschulen sind Schulen, die für einen Beruf ausbilden – unbedingt. Aber nicht zuletzt das Gesetz will, dass wir auch wissenschaftlich lehren und forschen. Der Bund gibt uns den Auftrag, 20 Prozent unseres Umsatzes in der Forschung zu realisieren.

Die Hochschule Luzern – Soziale Arbeit: Unter Walter Schmid ist das Departement stetig gewachsen.  (Bild: rwi)

Die Hochschule Luzern – Soziale Arbeit: Unter Walter Schmid ist das Departement stetig gewachsen.  (Bild: rwi)

zentralplus: Aber ist es auch sinnvoll?

Eine Ära von Wachstum

Walter Schmid (63) war seit 2003 Direktor des Departments für Soziale Arbeit der Hochschule Luzern (HSLU). Ende Monat gibt er sein Amt ab. Schmids Ära war von Wachstum geprägt: 2003 studierten 361 Personen Soziale Arbeit, heuer sind es 760 (Männeranteil gleichbleibend 25 Prozent). Im gleichen Zeitraum stiegen die Mitarbeiterzahlen im Department von 50 auf 132. Schmids Nachfolge bei der Hochschule für Soziale Arbeit tritt am 1. November Dorothee Guggisberg an.

Von 1999 bis 2014 fungierte Schmid auch als Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), die unter anderem de facto die Höhe der Sozialhilfebeiträge festlegt. Als SKOS-Präsident stand er zum Teil heftig in der Kritik der SVP oder der «Weltwoche».

Schmid: Die meisten wollen in die Praxis, dafür reicht die dreijährige Ausbildung. Dennoch ist es sinnvoll, eine Zusatzqualifikation anzubieten, damit auch Sozialarbeiter für eher abstrakte, konzeptionelle Arbeiten ausgebildet werden. Der Markt schreit derzeit nicht danach. Aber es ist nicht so, dass es keine Stellen gibt, bisher werden sie einfach von Juristen oder Soziologen besetzt.

zentralplus: Fühlen Sie sich den Unis unterlegen?

Schmid: Lange hiess das Dogma «gleichwertig – andersartig». Das stimmte nie ganz, es gab immer eine gewisse Hierarchisierung zwischen Unis und Fachhochschulen. Ein Professor an einer Uni hat einen anderen Nimbus als ein Professor bei uns, die Zeitungen schreiben mit einer anderen Hochachtung über die Uni als über die Fachhochschulen, Eltern finden, die Tochter solle doch eher zuerst an die Uni. Das Renommee ist einfach höher, obwohl Uni-Abgänger oft eher arbeitslos werden als unsere Absolventen.

zentralplus: Ist das schlimm?

Schmid: Nein, nicht grundsätzlich. Ich finde die Angleichung von Unis und Fachhochschulen auch nicht nur toll. Es ist aber einfach so, dass mit der einheitlichen Gesetzgebung für alle Hochschulen die Steuerungsanreize stark gleichgeschaltet wurden. Zum Beispiel bei der Forschung: Wenn wir Forschungsgelder akquirieren wollen, werden wir daran gemessen, wie viel wir publizieren. Das kann weitergehen: Wenn wir zum Beispiel für unseren Unterricht nicht mehr Mittel bekommen als die Juristen an der Uni …

zentralplus: … Sie bekommen da mehr Geld als die Unis?

Schmid: Ja. Wir bereiten uns ja hier in kleineren Teams auf die Berufspraxis vor, das ist zeit- und kostenintensiver. Das ist zurzeit auch akzeptiert. Aber wenn irgendjemand mal auf die Idee kommt, hier zu sparen, werden wir auch Vorlesungen für 300 Leute wie an der Uni und Multiple-Choice-Prüfungen anbieten müssen. Wenn Fachhochschulen ihr Profil wahren wollen, das in der Verbindung von Praxis und Wissenschaft liegt, kostet das manchmal mehr Geld.

zentralplus: In die Praxis: Geben Sie eigentlich Bettlern Geld?

Schmid: Normalerweise nicht. Ich weiss zu gut, wie es organisiert ist, wenn zum Beispiel Kinder oder Frauen ausländischer Herkunft betteln. Andererseits: Meine Frau ist Pfarrerin, wir haben in einem Pfarrhaus gewohnt, wenn da einer bis zu uns hoch gelaufen ist und eine gute Geschichte erzählt hat, habe ich ihm schon mal zwanzig Franken in die Hand gedrückt. Ich entscheide da situativ.

«Man kann in der Sozialarbeit nicht gleich sparen wie im Strassenbau.»

zentralplus: Die wenigsten Schweizer geben Bettlern Geld. Warum gibt es eigentlich überhaupt Bettler hier und was sagt das über die Sozialhilfe aus?

Schmid: Ich würde eher zurückfragen: Warum gibt es in der Schweiz im Vergleich zum Ausland so wenige Bettler? Diese Leute wollen sich oft nicht eingliedern, das ist ein gewählter Lebensstil, den ich respektiere. Aber insgesamt haben wir in der Schweiz ja schon eine sehr gute Situation. Wir können es uns leisten, wir sind ein reiches Land. Die Sozialhilfe ist auch relativ bürgernah, hier verelenden nirgends ganze Gruppen einfach so, die Kleinräumigkeit ist da sicher ein Vorteil.

zentralplus: Machen Ihnen die Sparrunden, die derzeit in vielen Kantonen laufen, Sorgen?

Schmid: Ja. Die Kürzungen sorgen dafür, dass es mehr Fälle pro Sozialarbeiterin gibt und weniger Zeit, die man pro Klient aufwenden kann, um Probleme auch einmal an der Wurzel anzugehen. Das kann sich rächen. Die Politik wird sich immer mal wieder den Kopf an der Scheibe anschlagen, bis sie sieht, dass man in der Sozialarbeit einfach nicht gleich sparen kann wie im Strassenbau oder bei Renovationen, die man um ein Jahr hinausschiebt. Das ist natürlich für jeden Finanzpolitiker ein Ärgernis.

Wegen seines Engagements für die sozial Schwachen wurde Walter Schmid in gewissen Kreisen auch kritisiert.  (Bild: rwi)

Wegen seines Engagements für die sozial Schwachen wurde Walter Schmid in gewissen Kreisen auch kritisiert.  (Bild: rwi)

zentralplus: Die Sozialarbeit steht oft unter Druck, weil es Fälle gibt, in denen Experten-Logik und öffentliches Gerechtigkeitsempfinden auseinandergehen. Können Sie den Ärger der Leute nachvollziehen, wenn Menschen weiter Geld bekommen, die nicht mit den Behörden kooperieren?

Schmid: Natürlich verstehe ich den Ärger vieler Leute. Ich erwarte aber von Behörden und Politikern, dass sie damit umgehen können. Es gibt Menschenrechte oder Verfahrensgrundsätze, die meinem eigenen oder dem Volksempfinden einfach vorgehen. Da müssen Brücken gebaut werden, es geht nicht, da einseitig mit Blick auf die Wähler Stimmung zu machen. Mir fällt auch auf, dass die Volksseele vor allem bei den sozial Schwachen kocht. Gegenüber Reichen ist man toleranter.

«Die Gesellschaft ist ein riesiges, komplexes Laboratorium, in dem es nicht nur richtig und falsch gibt.»

zentralplus: Sie haben im Fall eines Mannes aus Rorschach, der sich weigerte, bei einem Beschäftigungsprogramm mitzumachen, einmal den Satz gesagt: «Auch schwierige Menschen haben Anrecht auf Sozialhilfe.» Fehlt es in solchen Fällen nicht an Druck?

Schmid: Ich habe mit diesem Satz einfach mein rechtsstaatliches Verständnis in Erinnerung gerufen. Ich habe damals aber nicht gesagt – was ich vielleicht hätte tun sollen –, dass Sozialhilfeempfänger oft schwierige Menschen sind. Natürlich ist das eine grosse Herausforderung für die Sozialarbeit. Man muss sehr genau schauen, welchen Druck es braucht und wo man auf Prozesse hoffen muss, die Eigenkräfte auslösen zur Verbesserung einer Situation. Was wir sicher in den letzten Jahren hatten, war eine extrem hohe Gläubigkeit an Sanktionen und Restriktives.

zentralplus: Ein Plädoyer für mehr Liebe statt mehr Härte?

Schmid: Es braucht beides. Wichtig ist sicher, jemandem nicht einfach Schlechtes zu unterstellen, seinen bisherigen Werdegang zu honorieren – und dennoch Erwartungen zu formulieren. Das ist kein anderes Prinzip als in der Erziehung: Sie können Ihrem Kind einen gewissen Druck nicht ersparen, aber deswegen kündigen Sie ihm die Liebe nicht auf.

«Vom Altersheim bis zur Kinderkrippe, der Legitimationsdruck wird überall grösser.»

zentralplus: Sie sind ja oft angeeckt. Hat das auch damit zu tun, dass Sie selber so nett wirken?

Schmid: Ich glaube, ich bin einfach nicht der polarisierende Typ. Die Gesellschaft ist ein riesiges, komplexes Laboratorium, in dem es nicht nur richtig und falsch gibt, diese differenzierte Sichtweise habe ich mir zu eigen gemacht.

zentralplus: Können Sie auch anders?

Schmid: Ja, das kann ich schon. Bürokratie zum Beispiel kann mich sehr ärgern …

zentralplus: … wo doch gerade die Sozialarbeit für viele der Inbegriff bürokratischer Vorgänge ist.

Schmid: Jaja. Und das Bildungswesen, das Gesundheitswesen … Vom Altersheim bis zur Kinderkrippe, der Legitimationsdruck wird überall grösser. Wenn man nicht genau aufzeichnet, was man gesagt und gemacht hat, geht man ein Risiko ein. Das ist eine Sicherheitskultur, bei der ich nicht weiss, wie lange das so gut geht. Ausser wir überlassen Betreuungsaufgaben und Ähnliches künftig vermehrt Computern und Robotern. Dann gibt es dann nur noch Systemfehler und keine menschlichen Schwächen mehr.

«Man kann in der Sozialarbeit nicht gleich sparen wie im Strassenbau»: Walter Schmid ist das soziale Gewissen.  (Bild: rwi)

«Man kann in der Sozialarbeit nicht gleich sparen wie im Strassenbau»: Walter Schmid ist das soziale Gewissen.  (Bild: rwi)

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1 Kommentare
  1. Beat Stocker, 24.10.2016, 18:00 Uhr

    MORGENAPPELL UND LACHVERBOT
    Michael Soukup hat am Montag 5.10.2015 (15!) im Tagi unter diesem treffenden Titel die kafkaesken Exzesse und Schikanen von aufgeblasenen Funktionären bei sinnlosen und demütigenden Beschäftigungsprogrammen beschrieben. H O ffentlich werden bei der HSLUSA keine solchen produziert…