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Die unsichtbare Prostitution im Kanton Zug
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Keine «offene» Prostitution im Kanton Zug. Diskretion gilt hier als oberstes Gebot. (Bild: istockphoto)

Der zentral+ Rotlicht-Report Teil 5 Die unsichtbare Prostitution im Kanton Zug

7 min Lesezeit 02.02.2014, 05:59 Uhr

Nichts sehen, nichts hören, nichts wissen. Prostitution findet im Kanton Zug unsichtbar in Privatwohnungen oder Hotels mit Tiefgaragen statt. Ein Milieu mit Saunaclubs, Kontaktbars, Cabarets sucht man vergebens – der letzte Table-Dance-Club wurde vor 15 Jahren geschlossen. Zurückführen lässt sich dies nicht zuletzt auch auf die restriktive Politik der Zuger Regierung. 

Prostitution sei im Kanton Zug verboten – ein Gerücht, dass sich in vielen Köpfen hartnäckig festgesetzt hat. Bevor wir also ins Zuger Rotlicht-Milieu eintauchen, muss zunächst einmal mit dem Missverständnis aufgeräumt werden: Im Kanton Zug ist Prostitution nicht verboten! Ein Verbot wäre nur schon mit dem Bundesgesetz nicht vereinbar. Seit 1942 ist die Prostitution in der Schweiz erlaubt und wird als eine Form der wirtschaftlichen Tätigkeit betrachtet – vorausgesetzt die Person ist mindestens 16 Jahre alt und wird nicht zur Prostitution gezwungen. Ausländer müssen zudem eine Zulassung für den Aufenthalt und die Erwerbstätigkeit vorweisen können, meistens sind das Kurzaufenthaltsbewilligungen, L-Ausweise.

«Prostitution findet im kleinen Rahmen im Privatbereich statt»

Und damit sind wir wieder im Kanton Zug. Denn: Was einige Menschen wohl verwechseln, ist, dass Prostitution in Zug zwar grundsätzlich legal ist, die Behörden jedoch keine L-Bewilligungen erteilen – welche unter anderem auch ausländische Cabaret-Tänzerinnen oder Sexarbeiterinnen oft benötigen. Zurückzuführen ist diese restriktive Politik auf einen Regierungsratsbeschluss aus dem Jahr 1999. Das Amt für Ausländerfragen des Kantons Zug (heute Amt für Migration) hatte es damals abgelehnt, solche Aufenthaltsbewilligungen auszustellen. Vorangetrieben wurde dies vom damaligen Justiz- und Polizeidirektor Hanspeter Uster. Während der Amtszeit des grün-alternativen Regierungsrats wurde nicht eine L-Bewiiligung für eine Tänzerin genehmigt. Und damit wurde zugleich auch das einzige Striplokal zu Grabe getragen. Aber dazu später mehr.

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Ausländische Sexarbeiterinnen – das sind 80 bis 90 Prozent aller Prostituierten – haben in Zug kaum eine Chance, ihre Dienste an den Mann zu bringen. Aus diesem Grund lässt sich im gesamten Kanton auch kein einziger «Vergnügungsbetrieb» finden. Kein Saunaclub, keine Kontaktbar, kein Strip-Lokal. Auch einen Strassenstrich sucht man vergebens.

Bedeutet dies nun, dass Sexarbeit im Kanton Zug schlicht nicht existiert? Oder ist sie nur unsichtbar? Spricht man mit «Kennern» der Zentralschweizer Rotlicht-Szene und schaut sich in verschiedenen Sex-Foren im Internet um, wird schnell klar: Es gibt Prostitution und das Bedürfnis danach besteht durchaus. Auch Beat Villiger, Sicherheitsdirektor des Kantons Zug, bestätigt die Existenz von Sexarbeit: «Prostitution findet im kleinen Rahmen im Privatbereich statt. Kommen die Sexworkerinnen ihrer Meldepflicht nach und ist mit ihren Dokumenten alles in Ordnung, ist es für die Sicherheitsdirektion und die Polizei kein Thema.»

Eine «offene Szene» wie beispielsweise in den Kantonen Luzern, Schwyz, Aargau oder Zürich gibt es also nicht. Dafür findet das horizontale Gewerbe hinter verschlossenen Türen statt – in Privatwohnungen, Hotelzimmern oder Büroräumen. Unsichtbar.

Verschiedene Frauen bieten ihre Sexdienstleistungen privat an – in ihrer eigenen Wohnung oder auf Besuch beim Kunden. So präsentiert sich zum Beispiel Chloé auf der Inserate-Webseite sexabc.ch als «Top-Girl in Tip-Top-Wohnung in Zug». Ob hemmungsloser Sex oder Kuscheln vor dem Kaminfeuer, Chloé verspricht den vollen Service – diskret, versteht sich. Auf derselben Webseite bietet eine Frau unter dem Pseudonym «Zug City» sogenannte «Super-Relax-Massagen mit Happy-End» an. Sie sei in Bahnhofsnähe in Zug zu finden und über eine Tiefgarage gelange man sehr diskret in ihre Wohnung.

Diskretion, Diskretion, Diskretion

So lässt sich mit ein paar wenigen Klicks durch die einschlägigen Internetseiten gut ein halbes Dutzend privater Sexarbeiterinnen aus Zug finden. Auffallend dabei ist, dass alle Anbieterinnen ausdrücklich auf ihre Diskretion hinweisen. Verschwiegenheit und Zurückhaltung ist in der Prostitution zwar normal, aber gerade in Zug scheint man darauf speziell viel Wert zu legen. Hauptsächlich sei dies auf den kleinstädtischen Charakter Zugs zurückzuführen: «Der Kanton Zug ist zu klein beziehungsweise zu wenig anonym für ein grösseres Sexbusiness», sagt Sicherheitsdirektor Villiger.

Im Zuger Regierungsrat hat man sich zu diesem Thema auch schon Gedanken gemacht. In einem Brief an die kantonalen Justiz-, Polizei- und Sozialdirektoren äusserte man sich 2012 wie folgt zur Prostitution in Zug: «Die Ausgangslage im Kanton Zug ist insofern speziell, als dass weder ein Strassenstrich noch ein eigentliches Rotlichtmilieu existiert. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass die anliegenden Kantone über ein grosses Angebot verfügen, so dass im Kanton Zug kein Bedarf zu bestehen scheint.» Zudem, so steht es im Brief, sei aufgrund der geografisch und demografisch kleinräumigen Verhältnisse die Anonymität nicht gleichermassen gegeben wie in den umliegenden Kantonen.

Escort-Service: mehr Anfragen aus Zug wie aus Luzern

Diese «spezielle Situation» des Kantons Zug kennt auch Daniel Raspa – und nutzt sie zum eigenen Vorteil. Raspa ist Inhaber des Escort-Service «Ladama» und profitiert von der inexistenten Konkurrenz in Form von Vergnügungsstätten. Denn das Bedürfnis nach käuflichem Sex sei auf jeden Fall auch in Zug vorhanden. «Nach Zug vermittle ich öfters eine unserer Escort-Damen. Mehr als beispielsweise nach Luzern», so Raspa, der mit seiner Escort-Vermittlung von Zürich aus in der ganzen Schweiz tätig ist. 

Was seine Kundschaft betrifft, würden nebst Privatpersonen auch viele Geschäftsleute – einheimische wie ausländische – bei Raspa buchen. «Die meisten Besuche finden in Privatwohnungen oder Businessapartments statt und dauern zwischen einer und drei Stunden. Ab und zu wird eine Dame für eine ganze Nacht gebucht.» Dass man für den gehobenen Sex-Service etwas tiefer in die Tasche greifen muss – eine Stunde mit einem Ladama-Escort kostet 400 Franken – sei auch ein Grund, weshalb Zug attraktiv für Escort-Agenturen sei. «Besonders in Zug gibt es sehr viele wohlhabende Männer, die Wert auf Diskretion und Qualität legen und sich die Dienstleistung problemlos leisten können», sagt Daniel Raspa. Bis zu 2’000 Franken würden sich die Herren den sündhaft teuren Spass für eine Nacht mit einer Escort-Dame kosten lassen. Die häufigsten Anfragen kämen aus der Stadt Zug und den Gemeinden im Ägerital.

Mit der Zuger Kundschaft hat Raspa bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Probleme habe es noch nie gegeben. Nicht zuletzt, weil er auch Kunden ablehnen könne. «Wenn mich jemand anruft, um eine Dame zu buchen, prüfe ich im Gespräch, ob ich sie zu ihm schicke oder nicht. Schliesslich sollen im Escort-Business nicht nur die Frauen qualitativ hochwertig sein. Die Kunden sollten ebenso eine gewisse finanzielle und soziale Qualität mitbringen.» Manchmal gebe es sogar Anfragen von Prominenten. Weiter darauf eingehen möchte Raspa aber verständlicherweise nicht. Stichwort: Diskretion. 

Russische Sexarbeiterinnen in Baarer Hotel

Nebst Businessapartments und Privatwohnungen werde hin und wieder eine Dame in ein Hotel bestellt, sagt Daniel Raspa. So zum Beispiel ins Hotel Ibis in Baar. Das zur französischen Accor-Kette gehörende 2-Sterne Hotel, scheint aber nicht nur beliebt für teure Escort-Abenteuer zu sein. Es ist wohl der einzige Ort im gesamten Kanton Zug, der öffentlich bekannt dafür zu sein scheint, dass Sexarbeiterinnen auf den Zimmern ihre Dienste anbieten.

In mehreren Beiträgen in den Internet-Foren wird auf die «russischen Girls im Ibis Baar» verwiesen. Auch dort wird auf die Vorteile der diskreten, unsichtbaren Ablauf hingewiesen. Aus der Tiefgarage könne man mit dem Lift direkt und unerkannt auf die Stockwerke des Hotels gelangen, ohne an der Rezeption vorbeigehen zu müssen. Und da sich im gleichen Gebäude auch ein Coop, eine Bäckerei oder eine Drogerie befänden, habe man laut dem User «r85x» stets ein Alibi: «Falls ich gesehen werde, sage ich einfach, ich war einkaufen oder in in der Drogerie.»

zentral+ fragte bei Accor nach, ob ihnen das bekannt sei. Mediensprecher Jürg Sigerist scheint davon nichts zu wissen: «Die Accor Hotellerie unterstützt grundsätzlich keine Aktivitäten von Prostituierten, weder in Baar noch an anderen Standorten. Weltweit arbeiten wir mit Nichtregierungsorganisationen und Polizeibehörden zusammen, um jegliche Ausbeutung von Menschen zu bekämpfen.»

Schliessung des letzten Striplokals vor 15 Jahren

Sexarbeit existiert im Kanton Zug, ist aber praktisch unsichtbar – und dies schon seit Langem. Von einem Rotlicht-Milieu kann nicht die Rede sein. Zuletzt versuchte sich ein Striplokal eine Existenz im Kanton aufzubauen, scheiterte jedoch bereits nach kurzer Zeit, wie Marcel Tobler, Mediensprecher der Sicherheitsdirektion des Kantons Zug, bestätigt: «Vor etwa 15 Jahren soll es an der Chollerstrasse während kurzer Zeit einen Night-Club mit Table Dance gegeben haben. Für diese Lokalität habe man damals Bewilligungsgesuche für Damen aus Drittstaaten bearbeitet.»

Zwar wisse die Sicherheitsdirektion nicht, weshalb das Etablissement nach kurzer Zeit wieder schliessen musste. Aber der Zusammenhang mit dem anfangs erwähnten Regierungsratsbeschluss aus dem Jahr 1999 lässt sich kaum von der Hand weisen. Es dürfte sich bei der Ablehnung von L-Bewilligungen folglich auch um Tänzerinnen des Clubs an der Chollerstrasse gehandelt haben. Daher auch die Schliessung. Denn: keine Tänzerinnen, kein Club, kein Rotlicht-Milieu.

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