Gesellschaft

Zwangsverheiratung ist in Zug keine Seltenheit
Die traurigste Hauptsaison ist angebrochen

  • Lesezeit: 5 min
<p>Zwangsverheiratungen sind auch im Kanton Zug ein Teil der Realität.</p>
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Zwangsverheiratungen sind auch im Kanton Zug ein Teil der Realität. (Bild: Bildmontage zentralplus)

Lucy soll verheiratet werden. Gegen ihren Willen. Damit ist die junge Frau aus Zug nicht alleine. Elf weitere Fälle aus Zug sind seit Januar dieses Jahres bekannt. Kein Zufall, sagt die Expertin.

Die Sommerferien rücken unerbittlich näher und damit die grosse Katastrophe. Denn für viele junge Frauen und Männer ist das die Zeit, in der ihre Jugendlichkeit, ja sogar ihr freies Leben, ein jähes Ende nehmen könnte. Nicht, weil der Übertritt von der Schule ins Berufsleben ansteht, sondern weil sie schon bald gegen ihren Willen verheiratet werden.

Lucy sucht Hilfe

Dass Zwangsheiraten auch in Zug Teil der Realität sind, zeigt das Beispiel von Lucy (Name von der Redaktion geändert). Die junge Frau wohnt im Kanton Zug, stammt aber aus einem zentralasiatischen Land. Sie wurde von ihren Eltern mit einem Landsmann zwangsverlobt, der ebenfalls in der Schweiz lebt. Da sie noch nicht volljährig ist, kann sie noch nicht verheiratet werden. Das soll aber nachgeholt werden, sobald sie ihren 18. Geburtstag gefeiert hat.

Lucy leidet psychisch stark unter der Situation, und hat sich bereits selbst verletzt. Sie hat einen Freund hier. Davon wissen die Eltern aber nichts. Das und die Tatsache, dass sie ihre Eltern nicht anzeigen will, machen das Dilemma noch grösser. Eines Tages vertraut sie einer Freundin ihre Last an. Diese ist mit der Situation überfordert und kontaktiert die Fachstelle für Zwangsheirat. Anu Sivaganesan, der Menschenrechtlerin und Expertin für Fragen zur Zwangsheirat, und ihrem Team gelingt es, mit der jungen Frau zu sprechen. Nun ist man gemeinsam daran, eine Lösung zu suchen.

«Irgendwann entschliessen sich viele, ihr düsteres Zukunftsszenario mit jemandem zu teilen.»
Anu Sivaganesan, Menschenrechtlerin und Expertin für Zwangsheirat

Elf Personen aus dem Kanton Zug betroffen

«Lucy ist eine von elf Personen aus dem Kanton Zug, die sich im Jahr 2016 bei der Fachstelle gemeldet haben oder gemeldet worden sind», sagt Sivaganesan. Denn häufig würden sich nicht die betroffenen Personen selbst melden, sondern Menschen aus ihrem Umfeld. «Oft sind es auch die Arbeitgebenden», sagt Sivaganesan. Irgendwann würden sich viele entschliessen, ihr düsteres Zukunftsszenario mit jemandem zu teilen. «Das macht die Person meistens genau ein Mal.» Verpasse es die mit dem Geheimnis vertraute Person zu handeln, sei es meist zu spät, weil die Betroffenen nach einer Enttäuschung den Mut kein zweites Mal aufbringen.

«In Zug gibt es möglicherweise mehr als elf Fälle.»
Anu Sivaganesan

Zwangsheirat - eine gewaltige Menschenrechtsverletzung in der Schweiz

Die Veranstaltung zum Thema «Zwangsheirat – eine gewaltige Menschenrechtsverletzung in der Schweiz» findet am Donnerstagabend, 23. Juni, von 18:00 bis 22:00 Uhr im Zuger Archesaal (Bundesstrasse 15, Zug) statt. Es wird zwei Referate, einen Film und Platz für Diskussionen geben. Der Eintritt ist frei.

Information und Beratung für Betroffene, Fachpersonen und Menschen aus dem Umfeld gibt es bei der Helpline 0800 800 007 oder auf der Website www.zwangsheirat.ch

Der Kanton Zug hat das Projekt «Gegen Zwangsheirat – ein Menschenrecht für alle» im Dezember 2013 mit 12’000 Franken zu Lasten des kantonalen Integrationskredites unterstützt, «weil er dieses Engagement als sinnvoll erachtet», sagt Sabine Windlin, Medienverantwortliche der Direktion des Innern.

Dass es neben den elf bestätigten Fällen in Zug möglicherweise noch mehr gebe, liege nicht nur an der grossen Dunkelziffer. Auch die Aufschlüsselung nach Kantonen sei oft schwierig, da die Personen keine Angaben zum Wohnort machen müssten, wenn sie die Fachstelle kontaktieren, sagt Sivaganesan.

Die traurige Hauptsaison

Jetzt, vor den Sommerferien, sei die Situation oft besonders prekär. «Die Anfragen, wie man sich vor einer Zwangsverheiratung schützen kann, nehmen gerade stark zu», erklärt Anu Sivaganesan. «Als wir die Fachstelle eröffneten, hatten wir etwa eine Anfrage pro Monat» sagt Sivaganesan. Mittlerweile seien es etwa fünf pro Woche. «Jetzt, so kurz vor den Sommerferien steigt diese Zahl auf etwa neun pro Woche», so die Expertin.

Darum findet in Zug heute auch eine Veranstaltung zum Thema statt (siehe Box). Dass diese den Auftakt einer vom Bund und Kanton unterstützten öffentlichen Informationskampagne zum Thema Zwangsheirat bildet, lässt aufhorchen. Anu Sivaganesan hat den Ort für ihren Vortrag denn auch ganz bewusst gewählt. «Der Kanton Zug eignet sich besonders gut für eine solche Veranstaltung, weil Zug im Vergleich mit anderen Kantonen in der Zentralschweiz einen höheren Ausländeranteil aufweist. Und das nicht nur wegen der Expats.» Etwa 25 Prozent aller Einbürgerungsgesuche kommen von Menschen mit Wurzeln im westlichen Südosteuropa, also aus dem Balkan.

Feminisiertes Thema

Und diese Bevölkerungsgruppen seien zusammen mit denjenigen aus der Türkei und Sri Lanka am meisten gefährdet, sagt die Studie des Bundes. «Wobei man hier festhalten muss, dass diese Angaben den grössten Schweizer Einwanderungsgruppen entsprechen.» Zunehmend würden aber auch Fälle aus Eritrea, Somalia oder Afghanistan auftreten, so Sivaganesan.

«Bei den albanisch sprechenden Personen sind ein Drittel der Meldungen von Männern.»
Anu Sivaganesan

Anu Sivaganesan

Anu Sivaganesan

(Bild: Fachstelle Zwangsheirat)

«Das Thema ist stark feminisiert», sagt Sivaganesan. Unter den Hilfesuchenden befänden sich aber bei weitem nicht nur Frauen. Ungefähr 20 Prozent aller Anfragen stammten von Männern. Bei den Männern, die sich an die Fachstelle wenden, gibt es bezüglich der Herkunft Unterschiede. «Bei den albanisch sprechenden Personen sind ein Drittel der Meldungen von Männern», sagt Sivaganesan. Auch die Täter- und die Opferrolle seien nicht einem Geschlecht zuzuordnen. «Es steckt nicht immer der Vater hinter einer Zwangsheirat.» Oft seien es auch die Mütter, welche ihre Kinder in eine Ehe zwingen wollen, erklärt Sivaganesan

Ausserdem müsse man anfügen, dass Bildung und ein vorteilhafter sozioökonomischer Status nicht vor Menschenrechtsverletzungen schützten, sagt sie. «Gerade sind wir im Gespräch mit einer Frau, die ihren Masterabschluss macht und anschliessend zwangsverheiratet werden soll.»

Auch Manuela Weichelt, Direktorin des Inneren wird am Donnerstag bei der Veranstaltung dabei sein. Sie sagt, die Politik dürfe die Augen vor dieser Problematik nicht verschliessen: «Von Gesetzes wegen bestimmen Frauen und Männer in der Schweiz selber, ob, und wenn ja, wann, wen und wie sie heiraten.» Doch immer wieder gebe es auch hier Fälle, wo Ehen nicht aus freien Stücken geschlossen werden oder Druck auf junge Menschen ausgeübt werde. «Sensibilisierungsarbeit, wie sie die Fachstelle Zwangsheirat bietet, ist darum sehr wichtig», sagt Weichelt.

So versuchen die Experten zu helfen

Gestützt auf ihre langjährige Erfahrung, entwickelte die Fachstelle für Zwangsheirat das RSP-Modell, das mittlerweile auch andere Fachpersonen anwenden.

R steht für den regressiven Weg, also dass die betroffene Person nachgibt und sich verheiraten lässt. Auch nachträglich gibt es aber rechtliche Wege, um eine unter Zwang gebildete Ehe zu annullieren.

S steht für den subversiven Weg. Das «Opfer» trennt sich von seiner Familie und bricht den Kontakt mit ihr ab. Das ist oft dann der Fall, wenn Gewalt oder Drohungen im Spiel sind.

P steht für den progressiven Weg. Auch «der goldene Mittelweg» genannt. Dieser kommt in fast 70 Prozent der Fälle zur Anwendung und besteht aus drei Schritten: Es wird versucht, die Heirat zeitlich hinauszuzögern. Anschliessend versucht man während der gewonnen Zeit, mit den Eltern einen Kompromiss zu finden. Das sei sehr schwer, erklärt Sivaganesan. Oft komme man nur sehr langsam vorwärts. Eine Lösung könne zum Beispiel sein, dass die betroffene Person den Kanton wechselt, um das Image der Eltern nicht zu beschädigen. Erreiche man eine Übereinkunft, die für alle stimme, sei der letzte Schritt gemacht. Das sei besonders erfreulich, weil es sich oft um nachhaltig wirksame Situationen handle.

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