«Die Taxitür ging auf. Klack. Da bin ich nur noch gerannt»
  • Gesellschaft
Der Beschuldigte hat betrunkene junge Frauen im Taxi mitgenommen und missbraucht – war es auch in diesem Fall so? (Bild: cha)

Vergewaltiger erneut vor Kriminalgericht «Die Taxitür ging auf. Klack. Da bin ich nur noch gerannt»

5 min Lesezeit 07.10.2020, 17:46 Uhr

Ein Luzerner Taxifahrer hat mehrfach Kundinnen während der Fahrt begrapscht, sie an dunkle Orte gefahren – und eine von ihnen vergewaltigt. Ähnlich erging es einer jungen Frau, die sich 2014 vom Südpol nach Sempach fahren liess. Nun stellt sich die Frage: War es der gleiche Täter?

Aufgeregt und nervös sei sie, sagt die junge Frau, die an diesem Mittwochnachmittag vom Kriminalgericht befragt wird. «Ich hatte das Ganze jahrelang verdrängt. Dann habe ich einen Zeitungsbericht gelesen und gemerkt: Das ist meine Geschichte.»

Als Beschuldigter steht ein Mann vor Gericht, der bereits im Gefängnis sitzt. Der ehemalige Taxifahrer ist letztes Jahr wegen Vergewaltigung, Entführung und sexueller Nötigung mehrerer Kundinnen verurteilt worden – und zwar zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren (zentralplus berichtete).

Taxifahrer bot eine Gratisfahrt an

Was die junge Frau in der Verhandlung schildert, erinnert stark an das damalige Verfahren. «Ich war im Ausgang im Südpol. Wir haben uns nach einer Party nach einem Taxi umgeschaut. Da hielt gerade eines an und der Fahrer machte einladend die Türe auf», erzählt die Frau.

«Ich hatte Panik, dass jetzt etwas passiert, das ich nicht mehr kontrollieren kann.»

Zeugin

Sie habe in dieser Nacht Anfang 2014 zum Bahnhof gewollt, um von dort mit dem Nachtbus nach Sempach zu fahren. «Ich stieg vorne ein. Er fragte, wo ich hin müsse. Als ich es ihm sagte, meinte er, das sei perfekt: Er hätte einen Kunden in Neuenkirch abzuholen und würde mich mitnehmen – ohne dass es zusätzliche Kosten verursacht.»

Die Fahrt ging dann aber nicht über die Autobahn, sondern über Emmenbrücke. Schnell habe sie gemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Kaum sei man auf der dunklen Hauptstrasse gewesen, habe der Mann angefangen, zu ihr rüber zu greifen. Er habe sie zwischen den Beinen und an den Brüsten angefasst.

Er wurde immer zudringlicher

«Er wandte sich immer wieder zu mir rüber. Ich hatte Angst, dass wir in einen Baum fahren. Ich habe ihm immer wieder gesagt, er soll aufhören und sich auf die Strasse konzentrieren», erzählt sie. «Ich hatte Panik, dass jetzt etwas passiert, das ich nicht mehr kontrollieren kann.»

«Das ist eine Vorverurteilung, die ihresgleichen sucht!»

Verteidiger

In Sempach angekommen, habe der Mann sie nicht aus dem Auto gelassen. Er fuhr vielmehr auf einen Parkplatz. «Ich habe versucht, die Türe aufzumachen, aber es ging nicht.» Da habe der an seiner Hose rumgefummelt und sich dann auf sie gedrückt und ihr die Zunge in den Mund gesteckt. «Ich habe laut geschrien. Plötzlich ging die Taxitüre doch auf. Es machte Klack. Da bin ich nur noch gerannt», erzählt die Frau. Sie ist sich zu «90 Prozent» sicher, dass der damalige Täter der Mann ist, der nun auf der Anklagebank sitzt.

Modus Operandi ist identisch

Die Staatsanwaltschaft hat daran keine Zweifel. «Der geschilderte Ablauf entspricht genau seiner Masche», sagt der Ankläger. Der Beschuldigte bot gemäss früheren Urteilen alkoholisierten Frauen eine Gratisfahrt an, wobei er darauf achtete, dass sie alleine waren und vorne sassen. Dann fuhr er sie an abgelegene Orte. «Diesen Modus Operandi nutzte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Es ging ihm darum, dass er mit den Frauen machen kann, was er will.»

Für die Verteidigung reicht das für eine Verurteilung noch lange nicht aus. «Als die Strafanzeige bei der Polizei eintraf, war für alle klar: Das muss mein Mandant sein», sagt er in einem Plädoyer. Es sei gar nicht erst nach einem anderen Täter gesucht worden. «Das ist eine Vorverurteilung, die ihresgleichen sucht!»

Jedes noch so kleine Indiz sei gegen ihn verwendet worden. «Die suggestiven Fragen belegen, wie voreingenommen die Ermittler waren.» Von Ungereimtheiten habe die Staatsanwaltschaft nichts wissen wollen.

War es eine Verwechslung?

Davon gebe es aber einige. Das Auto des Beschuldigten habe zum Tatzeitpunkt ganz anders ausgesehen, als das Opfer es gegenüber der Polizei beschrieben habe. Das Gesicht des Täters habe sie als spitz beschrieben, dabei sei es rundlich. Es müsse sich um eine Verwechslung handeln.

«Er ging ihm darum, dass er mit den Frauen machen kann, was er will.»

Staatsanwalt

Es sei völlig unklar, warum das Opfer erst vier Jahre nach dem Vorfall Strafanzeige erstattet habe. Zumal die Frau dem Täter nach der Tat nochmals begegnet sei. Das bestätigt das Opfer. Nach dem Vorfall habe sie sich nicht mehr getraut, alleine Taxi zu fahren. Nach einer Party wenige Monate später teilte sie sich das Taxi daher mit einem jungen Mann, den sie dort getroffen hatte.

Die zweite Begegnung

Der Plan war, zuerst ihn nach Hause fahren zu lassen – und danach sie, weil sie weiter weg wohnte. «Beim Fahren habe ich dann erkannt, dass es wieder der gleiche Mann ist. Ich dachte mir noch: ‹Es kann nicht sein, dass das wieder passiert!›» Sie habe den Fahrer beschimpft ­– und dann ihren Mitfahrer überredet, sie bis zu ihrem Wohnort zu begleiten.

«Wenn in Luzern so etwas passiert, dann glaubt jeder, ich sei der Schuldige.»

Beschuldigter

«Unglaubwürdig» sei es, dass sie nicht gleich nach der zweiten Begegnung eine Anzeige erstattet habe, findet der Verteidiger. «Ich als Frau würde nicht mehr beim Gleichen ins Taxi einsteigen wollen.» Es sei nie nach dem damaligen Mitfahrer gefahndet worden. Ein solches Ereignis müsste auch ihm in Erinnerung geblieben sein. «Man wollte ihn aber gar nicht ausfindig machen», meint der Verteidiger.

Während die Staatsanwaltschaft eine Verlängerung der Strafe um sieben Monate fordert, verlangt die Verteidigung einen Freispruch. Der Beschuldigte selber beteuerte in der Verhandlung seine Unschuld. «Was geschehen ist, ist geschehen», sagt er mit Verweis auf seine früheren Taten. «Aber ich gebe nichts zu, was ich nicht getan habe. Wenn in Luzern so etwas passiert, dann glaubt jeder, ich sei der Schuldige. Das ist aber nicht so.»

Das Urteil in diesem Fall steht noch aus.

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