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Die Tante-Emma-Läden des 21. Jahrhunderts
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Suna Trüb-Coban (r.) und ihre Mitarbeiterin Semsiye Ac Coban im balkanischen Laden an der Zuger Poststrasse. (Bild: wia )

Zugs spannende Alternativen zu Migros & Co. Die Tante-Emma-Läden des 21. Jahrhunderts

8 min Lesezeit 1 Kommentar 22.10.2017, 12:19 Uhr

Grossverteiler wie Migros und Coop sind allgegenwärtig. Doch für mutige Zuger, die sich hie und da mal eine neue Einkaufskulisse wünschen, gibt es ulkige Alternativen. Kleine, exotische Läden, welche einerseits gute Sachen auf Lager haben, und den Kunden anderereits in Nullkommanichts in beste Ferienlaune versetzen.

Das Curry brutzelt vor sich hin, der Reis ist bereits abgewogen. Und dann, o Schreck, merkt man, dass man gar kein Okra hat, kein Kurkuma, kein Kokosmilchpulver. Und dabei ist’s doch essenziell! Doch wo bekommt man all diese Dinge auf die Schnelle im kleinen Kanton Zug? Hier gibt’s doch nur Migros, Coop und Aldi. Das übliche Kuhmilch-Weissbrot-Schoggitafel-Sortiment überall.

Überall? Mitnichten. Im Kanton Zug gibt’s einige, zugegeben ziemlich unauffällige, Läden, die ein kunterbuntes, exotisches und unerwartetes Sortiment führen. Ob türkisch, balkanisch oder sri-lankisch, vieles findet man hier, wenn man nur weiss, wo. Und weil es uns doch arg wunder nimmt, erkunden wir diese exotischen Orte gleich. Um es vorweg zu nehmen: Die Liste ist nicht abschliessend. Dennoch liefert sie einen schönen Einblick in Zugs winzige Wunderwelten.

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Perfekt Top Shop Cham, Zugerstrasse 41, Cham

Ohne grosse Erwartungen treten wir in den Laden an der Zugerstrasse in Cham ein. Und sind verblüfft. Es ist, als wäre man in der Mini-Migros an der Grabenstrasse. Fliessband, gut gefüllte Regale, ein rundlicher Mann, der die Regale einräumt. Nur, dass man fast keines der Produkte hier kennt. Alles hier ist in fremden Sprachen angeschrieben.

Wir schlendern durch die Regale und sind völlig fasziniert, wie viele verschiedene Bulgur-Sorten es doch gibt. Ein Angestellter erklärt uns: «Bulgur und Reis sind Lebensmittel, die in jeder echt türkischen Küche zu finden sind.» Nicht nur anatolische Lebensmittel gibt’s hier. Der Laden hat etwa eine balkanische und auch eine portugiesische Ecke. Das Publikum ist vielfältig. Auch viele Schweizer scheinen gerne hier einzukaufen.

 

In Cham befindet sich die einzige Halal-Metzgerei im Kanton.

In Cham befindet sich die einzige Halal-Metzgerei im Kanton.

(Bild: wia)

Auffallend ist hier insbesondere die Fleischtheke, die durchaus etwas gewöhnungsbedürftig ist für den gemeinen Wursträdli-Schweizer. Kutteln liegen gleich kiloweise hinter der Glasscheibe, in guter Gesellschaft mit anderen, für uns undefinierbaren Fleischstücken und lustigen Würsten. Hierher kommt, wer sich auf eine halale Ernährungsweise eingestellt hat.

Gerade kauft eine Frau mehrere riesige Netze voller weisser Peperoni. Was sie damit anstellen will, bleibt uns verschlossen. Und während wir noch darüber brüten, was man mit 10 Kilo Peperoni so anstellt, reisen wir weiter zum nächsten Laden.

Hier gibt es weisse Peperoni a gogo. Aber was tut man damit bloss?

Hier gibt es weisse Peperoni a gogo. Aber was tut man damit bloss?

(Bild: wia)

Ecem Market, Poststrasse 22, Zug

Angeschrieben ist er nicht, der Spezialitätenladen an der Poststrasse 22 in Zug. Ist auch gar nicht nötig. Die Gemüseregale vor dem Geschäft verraten genug. Wir treten also ein und treffen auf eine quirlige Frau hinter dem Tresen. Es handelt sich um die türkische Ladenbesitzerin Suna Trüb-Coban, die uns dann auch gleich erklärt, dass dies eigentlich mehr ein balkanischer denn ein türkischer Laden sei.

Wir schauen uns um. Aufgeräumte Gestelle, Getreide, Pasta, Oliven, Nüsse und verschiedene Sorten von Ayvar-Brotaufstrich findet man hier etwa. «Und am Mittag verkaufen wir zudem immer ein Mittagsmenü», sagt Trüb und weist nach hinten. Tatsächlich steht da eine Frau und schneidet Zwiebeln für den kommenden Tag. Läuft das Geschäft? «Naja, mal mehr, mal weniger», sagt Trüb und zuckt mit den Schultern. Heute jedoch seien alle Menüs ausverkauft, erklärt sie stolz.

Angeschrieben ist der Laden nicht. Doch das Gemüse verrät uns, dass hier Lebensmittel verkauft werden.

Angeschrieben ist der Laden nicht. Doch das Gemüse verrät uns, dass hier Lebensmittel verkauft werden.

(Bild: wia)

Gerade kommt eine skandinavisch anmutende Kundin in den Laden, die Hände voller Zucchetti und Tomaten. Trüb begrüsst sie freundlich, die Kundin legt alles Gemüse hin und geht wieder nach draussen. «Das ist eine Stammkundin von uns. Sie kommt etwa drei bis vier Mal in der Woche vorbei und kauft immer sehr viel», sagt die Besitzerin. Und tatsächlich.

Die Kundin kommt wieder herein, legt dieses Mal Auberginen auf den Tisch, geht wieder nach draussen. Das Ganze wiederholt sich mehrmals. Dann holt sie sich einen Yufkateig und lässt sich von Trüb erklären, wie man diesen verarbeitet, während die Verkäuferin die Waren einzutippen beginnt. Das alles passiert ganz ohne Eile.

Mittlerweile stampft ein Kind durch den Laden und fängt an, das Gemüse in Plastiksäcke zu füllen. Es handelt sich um Trübs Neffen, der zu Besuch sei und eben gerne helfe. Die gerösteten Kichererbsen, die die Verkäuferin zuvor empfohlen hat, darf der Neffe kassieren. Das dauert zwar etwas, aber schliesslich hat man in diesem Laden auch überhaupt kein Verlangen danach, sich zu sputen. Wir bedanken uns und verlassen den Laden, nachdem uns Trüb verspricht: «Nächstes Mal koche ich Ihnen einen echten türkischen Kaffee.»

Suna Trüb-Coban hat viel Exotisches auf Lager.

Suna Trüb-Coban hat viel Exotisches auf Lager.

(Bild: wia)

Ram-Asien-Choice-GmbH, Metallstrasse 9b, Zug

Mit dem nächsten Laden verschiebt sich die geografische Lage weiter gegen Osten. Wir treten in den asiatischen Lebensmittelladen beim Laubenhof ein. Die bunten Sari-Stoffe in der hintersten Ecke und der Bindi-Schmuck, der hinter Glasvitrinen ausgestellt ist, verraten, dass es sich hier um einen indischen oder sri-lankischen Betrieb handeln muss.

«Es geht rauf und runter, genau wie das Wetter hier.»

Verkäufer bei Ram-Asien-Choice

Auch wenn wir da und dort auch thailändische und chinesische Produkte vorfinden. Der Verkäufer sitzt auf einem weissen Plastikstuhl und telefoniert angeregt, während wir durch den Laden schlendern. Hier ist man offensichtlich an der richtigen Adresse, wenn man auf der Suche nach exotischen Gewürzen ist: Ein übermannshohes Gestell ist davon voll. Von Kurkuma über Fenchelsamen bis hin zu Panch Puren findet man hier alles. Dennoch ist der Laden, abgesehen von uns, leer.

Gewürze, wo man hinblickt, gibt's beim Ram Market im Laubenhof.

Gewürze, wo man hinblickt, gibt’s beim Ram Market im Laubenhof.

(Bild: wia)

Wir warten, bis der Verkäufer sein Telefonat beendet hat, und fragen, wie das Geschäft denn so laufe. «Es geht rauf und runter, genau wie das Wetter hier», sagt er. Doch kämen bei weitem nicht nur Asiaten hier einkaufen, auch viele Schweizer zählten zu seinen Kunden. «Sie kommen unter anderem, um Basmatireis zu kaufen», und der Herr deutet auf einen Stapel grosser Reissäcke. Ausserdem habe man auch nigerianische Lebensmittel hier. Doch noch bevor wir dieser Aussage auf den Grund gehen können, läutet sein Telefon wieder. Und wir ziehen ein Haus weiter.

Der Verkäufer des Ram Market scheint ziemlich beschäftigt zu sein.

Der Verkäufer des Ram Market scheint ziemlich beschäftigt zu sein.

(Bild: wia)

Colicchio Vini, Metallstrasse 98, Zug

Wortwörtlich. Denn gleich neben dem asiatischen Laden gibt es ein italienisches Geschäft, das wir uns genauer anschauen wollen. Und landen mitten im Klischee. Kaum treten wir ins Colicchio Vini ein, bekommen wir auch schon einen Espresso vorgesetzt. Vor dem Haus sitzen an diesem lauen Abend mehrere offensichtliche Stammkunden und trinken ihr Feierabendbier.

Ein wenig Italianità in Zug: das Geschäft Colicchio Vini

Ein wenig Italianità in Zug: das Geschäft Colicchio Vini

(Bild: wia)

An der Wand hängt ein riesiger Flachbildschirm, auf dem wohl, so schätzen wir, vor allem Fussball übertragen wird. Carmine Colicchio, der Bruder des Geschäftsinhabers, erzählt stolz: «Unser Geschäft existiert bereits seit 1966.» Man habe sich hier auf Weine und Grappa spezialisiert, aber auch italienisches Fleisch und Käse könne man hier kaufen. Colicchio deutet auf die kleine Theke gleich neben der Bar, in der verschiedene Schinken, spezielle Käsesorten und ein Mortadella liegen, der den Umfang eines kräftigen Oberschenkels aufweist.

«In Zug gibt es nur wenige Orte, an denen man eine richtig gute, italienische Pizza bekommt.»

Carmine Colicchio vom gleichnamigen italienischen Spezialitätenladen

Letzterer sei bei der Schweizer Kundschaft besonders beliebt, so der Italiener. Nun gibt es jedoch sehr viele Italiener in der Schweiz, an jeder Ecke gibt es Pizza, und auch im Coop findet man guten italienischen Wein. Braucht es da einen solchen Laden überhaupt noch?

Colicchio nickt und sagt: «Das ist ein berechtigter Einwand. Und doch gibt es in Zug beispielsweise nur wenige Orte, an denen man eine richtig gute, italienische Pizza bekommt. Und wenn man ein solches Geschäft erfolgreich führen will, muss man sich einfach abheben von der Konkurrenz.»

Carmine Colicchio präsentiert seine Käsespezialitäten.

Carmine Colicchio präsentiert seine Käsespezialitäten.

(Bild: wia)

Die Gebrüder Colicchio würden dies machen, indem sie «schöne Produkte anbieten, bei denen der Preis und die Qualität übereinstimmen». Und dann will uns der Italiener ins Centro Italiano beim Pulverturm schicken, um in den Genuss einer richtig italienischen Pizza zu kommen. Würden wir doch gern. Doch die Zeit drängt. Und wir verabschieden uns. Leider genau in die entgegengesetzte Richtung der vorgeschlagenen Pizza. An der Baarerstrasse, gleich bei der Stadtgrenze, wartet ein weiteres Geschäft auf uns.

Vaanathy Asien Shop GmbH, Zugerstrasse 69, Baar

Wobei erwarten hier der falsche Ausdruck ist. Wüsste man nicht, dass hier ein Laden ist, man würde glatt daran vorbeibrausen. Es ist kurz vor Ladenschluss, als wir uns ins UG des Gebäudes begeben, in einen winzigen Raum, der wohl nur so klein wirkt, weil er derart voll ist mit Lebensmitteln. Unweigerlich fühlt man sich hier gleich in einem anderen Land.

Der kleine sri-lankische Laden an der Zugerstrasse wirkt durch die vollen Gestelle noch viel kleiner.

Der kleine sri-lankische Laden an der Zugerstrasse wirkt durch die vollen Gestelle noch viel kleiner.

(Bild: wia)

Der Eigentümer des Ladens, ein älterer, scheuer Sri Lanker, begrüsst uns freundlich. Und er lotst uns sehr zuvorkommend durch die Gestelle, um uns all die exotischen Waren zu zeigen, die hier auf Kundschaft warten. Findet ihn denn die Kundschaft?

«Doch, doch, ich habe viel Stammkunden, vor allem Leute aus Sri Lanka, die hier seit Jahren Lebensmittel einkaufen, die man in den Schweizer Supermärkten nicht erhält», sagt er. Das dürfte auf die meisten Waren hier zutreffen. Auch hier findet sich eine Vielzahl an Gewürzen, zudem exotische Früchte und Gemüse sowie unbekannte Snacks. Das alles – so zeigt ein verstohlener Blick auf die Preise – zu moderaten Preisen.

Auch Google wusste nicht weiter bei der Benennung dieser exotischen Früchte.

Auch Google wusste nicht weiter bei der Benennung dieser exotischen Früchte.

(Bild: wia)

Als wir fragen, welches Produkt man als Schweizer unbedingt probieren müsse, deutet der Herr auf verschiedene Packungen Tapioka-Chips. «Das ist ein typischer Snack aus Sri Lanka», erklärt er. Wir kaufen einen kleinen Beutel davon, verabschieden uns schweizerisch pünktlich um 19 Uhr, gerade, als neue Kundschaft kommt. Und als wir davonfahren, wundern wir uns, ob wir je den Mut haben werden, die Tapioka-Chips, welche mit «Hot» gekennzeichnet sind, zu probieren.

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1 Kommentare
  1. Michel Ebinger, 24.10.2017, 18:30 Uhr

    Ich bin überzeugt, dass die zeit der Migros und Coop vorbei ist, die kleinen kommen wieder und die grossen werden sich anpassen müssen. War schon immer so und wird immer so bleiben. Auch politisch übrigens