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«Die Szene dort ist nicht angenehm»
  • Gesellschaft
Die Luzerner Polizei macht ab und an Kontrollen beim Busperron 2. (Bild: Christine Weber)

Randständige treffen sich in Luzern beim Perron 2 «Die Szene dort ist nicht angenehm»

4 min Lesezeit 22.07.2016, 05:15 Uhr

Seitdem die Randständigen von Luzerns öffentlichen Plätzen verdrängt wurden, hängen sie beim Bahnhof am Perron 2 herum. Für Passagiere ist das unangenehm und sogar die Alkis nerven sich – wenn auch eher über Busse, die ihnen in der Sonne stehen und Dealer, die dort Stoff vertickern.

«Ich staune selber darüber, dass es nicht mehr Polizeikontrollen gibt», sagt Kurt Muster* und nimmt einen kleinen Schluck aus der grossen Bierdose. «Abends geht hier die Post ab und es wird mit harten Drogen gedealt.» Muster selbst gehört zu den alteingesessenen Alkis, die auf den Bänklis beim Perron sozusagen ihr Pausenplätzchen bezogen haben. Und die Pause dauert nicht selten den ganzen Tag.

«Dass abends die Dealer kommen, finden wir Alkis daneben.»
Kurt Muster, alteingesessener Alki

Selber komme er nicht mehr so oft ans Busperron 2. «Früher waren wir im Vögeligärtli, das war natürlich viel schöner.» Trotzdem: Hier kenne man sich, es gebe immer etwas zu sehen und die Lage sei zentral. «Wir Alkis trinken in Ruhe unser Bierchen und sind völlig harmlos. Dass abends die Dealer kommen und hier auch konsumiert wird, finden wir total daneben.»

Seit die Randständigen im Vögeligärtli – und auch an anderen Orten in der Stadt – nicht mehr erwünscht sind, hängen sie am Busperron herum. Abends bilden sich Gruppen von bis zu 20 Leuten, die nicht immer in bester Verfassung sind. Da wird schon mal rumgelärmt, gebettelt und eben gedealt.

Auch andere Leute vor Ort bestätigen: Gras oder Hasch bekomme man hier nicht, dafür Heroin und vor allem Kokain. «Das Zeugs wird sogar hier geraucht!», regt sich Muster auf. «Wir sagen ihnen dann: Geht doch an den See, das wäre viel unauffälliger.»

Die Polizei hat ein Auge auf den Brennpunkt

Bei der Polizei ist die Situation bekannt, auch, dass in diesem Bereich Betäubungsmittel angeboten und konsumiert werden. «Das Perron 2 gehört zu einem der Brennpunkte. Es finden regelmässige Kontrollen durch die Polizei statt», sagt Urs Wigger von der Medienstelle Luzerner Polizei. Da es sich jedoch um öffentlichen Raum handelt, ist es grundsätzlich nicht verboten, sich dort aufzuhalten und alkoholische Getränke zu konsumieren. «Werden jedoch strafbare Handlungen festgestellt, ahnden wir diese», sagt Wigger. 

«Die Szene dort ist nicht angenehm und hinterlässt bei unseren Fahrgästen ein mulmiges Gefühl.»
Christian Bertschi, Mediensprecher vbl

Nicht glücklich über die Situation ist man bei der Verkehrsbetriebe Luzern AG (vbl). «Die Szene dort ist nicht angenehm und hinterlässt bei unseren Fahrgästen schon mal ein mulmiges Gefühl», sagt Christian Bertschi, Mediensprecher vbl. Besonders für Frauen, die abends den Bus Richtung Emmen oder Littau nehmen, sei das teils unangenehm. Zudem werden die Leute auch um Geld angegangen.

«Wir erhalten Reklamationen und Rückmeldungen von verunsicherten Passagieren», sagt Bertschi. Unternehmen kann die vbl allerdings nichts: Für den öffentlichen Raum und allfällige Massnahmen oder Interventionen ist die Stadt zuständig. «Uns sind die Hände gebunden. Wenn sich negative Meldungen unserer Fahrgäste häufen, halten wir jeweils Rücksprache mit der Stadt Luzern.»

Beim Perron 2 ist der Pausenraum für vbl-Chauffeure (links) und die Bänkli für randständige Leute.

Beim Perron 2 ist der Pausenraum für vbl-Chauffeure (links) und die Bänkli für randständige Leute.

(Bild: web)


Diogenes lässt grüssen

Ebenfalls beim Busperron 2 ist der Pausenraum für die vbl-Chauffeure. «Die bekommen da auch einiges mit, können jedoch damit umgehen – einige der Randständigen sind ja schon seit Langem dort und unseren Fahrern bekannt», sagt Bertschi.

«Der Bus steht mir ständig in der Sonne!»
Frau, die regelmässig am Bahnhofsplatz herumhängt

Dazu gehört etwa die Frau, die sich jeweils lauthals über den Doppelstock-Tell-Bus beschwert, der nach Altdorf fährt und auf die Passagiere wartet. «Der Bus steht mir ständig in der Sonne!», nervt sich die Frau regelmässig. Diogenes lässt grüssen. Der griechische Philosoph hatte ja auch nur diesen Wunsch: Dass ihm niemand in der Sonne steht.

Im Gespräch sollen Probleme erkannt werden

Auch bei der Stadt Luzern weiss man, dass sich beim Perron 2 randständige Leute aufhalten. «Die Anzahl ist unterschiedlich und hängt unter anderem vom Wetter ab», schreibt Stefan Geisseler, stellvertretender Leiter Stadtraum und Veranstaltungen, auf Nachfrage. Wie bei anderen Brennpunkten – zum Beispiel auf dem Inseli und an der Baselstrasse – setzt man seitens der Stadt auch bei diesem Brennpunkt auf öffentlichem Grund auf die Patrouillenpräsenz der SIP (Sicherheit Intervention Prävention). «Die SIP ist dort täglich unterwegs. Sie sucht mit Personen das Gespräch, um entstehende Probleme zu erkennen und möglichen Verstössen vorzubeugen», schreibt Geisseler.

Das Restaurant Bodega musste den hippen Food-Ständen Platz machen.

Das Restaurant Bodega musste den hippen Food-Ständen Platz machen.

(Bild: web)


Schicke Take-Aways statt währschafte Beiz

Dass im Moment mehr Leute als sonst am Perron 2 ihr Bier trinken oder ihre Drogen verticken, führt man auch bei der Polizei auf das Sommerwetter zurück. Keinen Zusammenhang habe der Publikumsaufmarsch hingegen mit der Neugestaltung der Bahnhofshalle: Dort musste die Beiz Bodega weichen, die bei leidenschaftlichen Trinkern, Bankern und einsamen Herzen beliebt war (zentralplus berichtete).

Seit Kurzem stehen im Bahnhof nur noch schicke Take-Aways, die ehemaligen Bodega-Stammkunden müssen sich anderswo nach Ersatz umschauen. «Das ist jedoch ein anderes Klientel als beim Busperron 2, die Bodega-Leute trifft man dort eher nicht an», sagt Urs Wigger. Beim Gespräch mit Polizisten vor Ort habe sich herausgestellt, dass die ehemaligen Stammgäste noch auf der Suche nach einem neuen Lokal sind, wo sie sich treffen können.

(*) Name von der Redaktion geändert

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