Die Sorgen und Nöte der Luzerner Quartierbewohner
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Sentitreff   (Bild: sah)

Für die Quartierpräsidenten dominiert ein Thema Die Sorgen und Nöte der Luzerner Quartierbewohner

10 min Lesezeit 1 Kommentar 13.02.2019, 04:47 Uhr

Was beschäftigt die Menschen in der Stadt Luzern? Die Präsidenten von drei Quartiervereinen kennen seit Jahren vor allem ein Thema: Den Verkehr – und damit verbunden Lärm, Gestank, Staub und Stau. Doch dies ist nicht die einzige Sorge.

Die Stadt Luzern soll sich aus den Quartierzentren heraus entwickeln. So jedenfalls stellt sich das der Stadtrat vor (zentralplus berichtete). Doch sind die Probleme und die von den gewählten Volksvertretern beackerten Themen auch tatsächlich die gleichen, die die Menschen in der Stadt umtreiben?

Ein Gespräch mit den Vertretern von drei Quartieren fördert Interessantes zu Tage. Denn so unterschiedlich die drei Stadtteile auch sein mögen: Der Verkehr ist überall das brennende Thema.

Lärm, Stau und Gestank

«Der Verkehr und damit verbunden der Lärm, der Gestank, der Staub und der Stau stehen bei unseren Diskussionen immer wieder im Mittelpunkt», sagt Josef Moser, Präsident des Quartiervereins «Wächter am Gütsch», der das Quartier rund um die Basel- und Bernstrasse vertritt.

Ähnlich tönt es auch im Luzerner Nobelquartier Bellerive-Hablützelhalde (BelHaLü), wie Quartierpräsident Lars Dubach sagt: «Auch bei uns wird der Verkehr immer mehr zum Thema, obwohl dies vergleichsweise lange gedauert hat.» Dies sei vor allem darauf zurückzuführen, dass die Lärmgrenzwerte vielerorts immer stärker überschritten würden.

Und auch im Gebiet Hirschmatt-Neustadt teilt man diese Sorgen. «Der Bundesplatz könnte noch aufgewertet werden. «Wir wären sehr dafür, dass die Strasse zwischen dem FCL-Fanlokal ‹Zone 5› und der WC-Anlage mehr zu einem Platz würde», sagt Quartierpräsident Markus Schmid. Die Stadt ist auf diesen Zug aufgesprungen, der Lead liegt allerdings beim Kanton (zentralplus berichtete).

Lärm, Staub und Lethargie in «Babel»

Das Quartier, das eine Aufwertung am meisten nötig hat, scheint die Basel- und Bernstrasse (Babel) zu sein. Obwohl man natürlich nicht alles verändern könne, wie Präsident Josef Moser glaubt. Zum Beispiel, dass der Stadtteil im Winter fast durchgehend im Schatten liegt. Von den Bewohnern erwartet er grundsätzlich wenig Engagement.

«Viele Leute im Babel-Quartier werden sich wohl denken, dass sie dort eine Wohnung finden und wieder gehen, falls sich etwas Besseres bietet», erklärt Moser. Viele, die bleiben, empfinde er als lethargisch und ohne Ideen, was man allenfalls verändern könnte.

Er selber hätte jedoch einige Ideen, wie der Stadtteil aufgewertet werden könnte: «Eigentlich müsste man das Quartier auf zwei Seiten öffnen. Dies könnte mit einem Durchbruch des Bahndammes erreicht werden, der den Zugang zur Promenade an der Reuss stark verbessern würde», erklärt Moser.

Gleichzeitig könnten die Leute von ennet des Trassees einfacher an der Baselstrasse einkaufen. Denn die kleinen Läden seien durchaus konkurrenzfähig, sagt Moser. Das vom Quartier lange gehegte Anliegen eines Durchbruchs war 2010 vom Stadtparlament äusserst knapp versenkt worden.

Das Problem mit dem Gütsch-Bähnli

Eine weitere Aufwertung würde eine Anpassung des Angebotes beim Schräglift auf den Gütsch bringen, ist Moser überzeugt. Dies würde die Erreichbarkeit des eigentlich nahegelegenen Gütschwaldes und Naherholungsgebietes markant verbessern.

«Das Gütsch-Bähnli ist heute für die Quartierbewohner aber leider unerschwinglich», moniert Moser. 2,50 Franken kostet eine einfache Fahrt. «Das kann fast niemand in unserem Quartier einfach so ausgeben. Das Bähnli ist für Touristen gemacht, die gratis damit fahren können», kritisiert er.

Der Babel-Präsident hadert aber auch mit der Verschlechterung des Service public in seinem Quartier. «Bei uns fehlt ganz klar eine Poststelle. Weiter gibt es im ganzen Stadtteil keinen einzigen Geldautomaten», sagt er.

Mit der vorübergehenden Schliessung des Kiosks am Kreuzstutz wurde auch die Postagentur aufgehoben. Sie wurde mittlerweile aber in den neuen Quai4-Laden an der Baselstrasse verlegt (zentralplus berichtete). «Eine Verbesserung des Angebotes wäre aber trotzdem einer unserer Wünsche an die Politik», sagt Moser.

Sein Quartier hat noch viel Luft nach oben: Josef Moser, Präsient von Babel.

Sein Quartier hat noch viel Luft nach oben: Josef Moser, Präsient von Babel.

Auch die Luzerner Riviera will Tempo 30

Anders als im Luzerner Ausfalltor sei naturgemäss die Situation im Bellerive-Halde-Lützelmatt-Quartier (BelHaLü) gelagert, sagt Präsident Lars Dubach. «Wie das wohl auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, sind wir ein ziemlich sorgenfreies Quartier.»

Das hat wohl damit zu tun, dass wir eigentlich ein reines Wohnquartier sind.» So gebe es kein Schulhaus, keine Kirche und auch keine Läden an der Luzerner Riviera, führt Dubach aus. Leben brächten hauptsächlich die Hotels und die Klinik Hirslanden ins Quartier.

«Der Quartierverein macht sich stark für Tempo 30 auf der Achse Schlösslihalde und St.-Anna-Strasse bis zum Schulhaus Utenberg.»

Lars Dubach, Präsident Quartierverein BelHaLü

Die Verkehrsdebatte hat den Stadtteil also fest im Griff. «Der Quartierverein macht sich stark für Tempo 30 auf der Achse Schlösslihalde–St.-Anna-Strasse–Bellerivehöhe bis zum Schulhaus Utenberg», sagt Lars Dubach. Diese Idee werde momentan sehr emotional diskutiert.

Die geringen Kosten, die Lärmreduktion und die grössere Sicherheit durch das Drosseln der Geschwindigkeit seien eigentlich alles Vorteile dieser Massnahme, auch wenn sich die Fahrzeit etwas verlängern würde. «Da die genannte Strasse heute sehr breit ist, könnte man zum Beispiel auch Parkfelder einzeichnen, um das Gefühl, unbedingt 50 fahren zu müssen, etwas zu mildern», schlägt Dubach vor.

Temporeduktion auf der Haldenstrasse? Na und?

Und wie beurteilt Dubach als Vertreter eines Aussenquartiers die mögliche Einführung von Tempo 30 auf der Haldenstrasse (zentralplus berichtete)? «Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man dort kaum einmal 50 fahren kann», sagt er lapidar. Die Einschränkung wäre wahrscheinlich nicht sehr gross, so seine Vermutung.

«Zu reden gaben bei uns vielmehr die so genannten Pförtneranlagen beim Bahnübergang Dietschiberg. «Es ist einfach schwierig, den Leuten zu erklären, dass es bei solchen Massnahmen um die Entlastung der Innenstadt geht», sagt Dubach. Denn man warte teilweise lang, habe dann aber fast freie Fahrt durch die Stadt, wenn man einmal losgefahren sei. «Das Regime ist bei uns aber mittlerweile mehr oder weniger akzeptiert und auch der Schleichverkehr hat nicht zugenommen», zeigt sich Dubach zufrieden.

Hier auf der Schlösslihalde würde Lars Dubach gerne Tempo 30 sehen.

Hier auf der Schlösslihalde würde Lars Dubach gerne Tempo 30 sehen.

Für einen verkehrsberuhigten Bundesplatz

Zufrieden mit Tempo 30 ist man auch in der Neustadt. Quartierpräsident Schmid nimmt den Ball seines Kollegen von der Bellerive deshalb dankend auf. «Wir sind froh, dass es uns gelungen ist, auf der Moosstrasse Tempo 30 durchzuboxen. Leider hat es dafür zuerst zwei Tote gebraucht.»

«Wir haben nicht das Gefühl, dass wir eine Lösung bieten müssen, damit die Leute vom Land in die Stadt fahren können.»

Markus Schmid, Präsident Quartierverein Hirschmatt-Neustadt

Dennoch sei es für das Gewerbe und somit für die Durchmischung des Quartiers wichtig, dass die Neustadt mit Auto erreichbar bleibt. Komplett verkehrsfreie Zonen seien deshalb nicht im Sinne des Zentrumsquartiers. Tempo 30, wie es zum Beispiel auf der Hirschmattstrasse eingeführt wurde, habe schon zur Lebensqualität beigetragen.

Auch das Gewerbe sitzt im Boot

«120 Gewerbler sind Mitglied in unserem Quartierverein», sagt Schmid. «Bei vielen hat sich die ursprüngliche Haltung, dass jedes Geschäft zwingend einen Parkplatz haben muss, in den vergangenen Jahren relativiert.»

Klar möchte kein Gewerbler einen Parkplatz verlieren. Gleichzeitig wünschten sich die Wirte mehr Platz, um ihre Gartenbeizen zu vergrössern, sagt Schmid. Zudem sei das Quartier ja auch die «Ausgehmeile der Zentralschweiz». «Dies sind die Zielkonflikte, mit denen wir uns aktuell beschäftigen.»

«Das ist ja auch die Richtung, welche die Stadt eingeschlagen hat, was wir sehr begrüssen», sagt Schmid. Mit der aktuellen Entwicklung zeigt er sich folglich recht zufrieden, denn sie werde auch im Quartier weitgehend akzeptiert. 

Lieber eine Metro statt ein Parkhaus Musegg

Nicht ganz so gelassen analysiert Josef Moser vom Babel-Quartier den laufenden Prozess im Bereich des Autoverkehrs. Denn es gibt seiner Ansicht nach Projekte, die sich negativ auf seinen Stadtteil auswirken könnten.

«Wir stellen uns vehement gegen ein mögliches Parkhaus im Musegghügel. Denn der ganze Verkehr zum und vom Parking würde über unser Quartier abfliessen», befürchtet Moser. Doch der Platz auf der Baselstrasse sei eigentlich schon jetzt komplett aufgebraucht. 

«In unserem Quartier hat die Hotelfachschule BHMS sehr viel Wohnraum für ihre Studenten gemietet, was die Mieten nach oben treibt.»

Josef Moser, Präsident Quartierverein Wächter am Gütsch

Interessant ist, dass Moser Unterstützung von Lars Dubach vom BelHaLü-Quartier erhält. Eine Gegend, die notabene am Stadtrand liegt und auf eine gute Erreichbarkeit der Innenstadt angewiesen ist. «Ich persönlich bin der Meinung, dass ein Parking im Gebiet Ibach und eine Metro viel sinnvoller sind», sagt Dubach. Denn das Zentrum müsse wenn möglich umfahren werden können. 

«Deshalb denke ich, dass auch eine Verlängerung des Spange-Nord-Tunnels bis an die Haldenstrasse die Innenstadt enorm entlasten würde», so Dubach (zentralplus berichtete). Befürchtungen, dass man die Stadt künftig nur noch schwer erreichen kann, gebe es im BelHaLü-Quartier aber nicht wirklich. «Wir gehören ja zur Stadt und sind daher nicht in derselben Situation wie zum Beispiel Kriens oder Horw», schätzt Dubach die Lage ein. 

«Verkehrsprobleme entstehen nicht in der Stadt»

Und Markus Schmid aus der Neustadt hat eine klare Message an die Menschen aus den umliegenden Gemeinden: «Die Frage, ob jemand aus Hellbühl am Samstagmorgen um 10 Uhr mit dem Auto ins Zentrum fahren soll, muss nicht in der Stadt gestellt, sondern in den Agglogemeinden selbst diskutiert werden», sagt Schmid. «Wir haben nicht das Gefühl, dass wir eine Lösung bieten müssen, damit die Leute vom Land in die Stadt fahren können.»

«Und auch wir sind eindeutig für eine Metro. Allerdings nicht nur für die Touristen, sondern auch für die Bevölkerung», sagt Schmid. Dazu müssten im Fall der Fälle verschiedene Stationen auf dem Stadtgebiet realisiert werden. «So könnte man die Erreichbarkeit der Innenstadt und auch unseres Quartiers sicher erhöhen», vermutet Schmid.

Die 30er-Zone hat viel zur Lebensqualität in der Neustadt beigetragen: Quartierpräsident Markus Schmid ist entsprechend zufrieden.

Die 30er-Zone hat viel zur Lebensqualität in der Neustadt beigetragen: Quartierpräsident Markus Schmid ist entsprechend zufrieden.

Bezahlbarer Wohnraum wird knapper

Wenig überraschend sind auch die Mieten ein Dauerthema, wie Schmid von der Neustadt und Moser vom Babel-Quartier betonen. «Die Attraktivierung unseres Quartiers hatte in den vergangenen Jahren einen Einfluss auf die soziale Durchmischung», schildert Schmid die Entwicklungen der letzten Jahre. Doppelverdienerpaare ohne Kinder würden immer mehr die Überhand gewinnen, was sich entsprechend auf die Mietzinse auswirke.

«In unserem Quartier hat die Hotelfachschule BHMS sehr viel Wohnraum für ihre Studenten gemietet, was die Mieten nach oben treibt», sagt auch Josef Moser vom Babel. Ein Vertrag mit der BHMS sei für alle Vermieter natürlich sehr attraktiv, sagt Moser. «Ganze Häuser sind mittlerweile auf diese Art vermietet.» Die entstehende Anonymität präge mittlerweile das Babel-Quartier.«Es findet keinerlei Berührung mit den anderen Quartierbewohnern statt», beklagt Moser.

Immer mehr Leerstände bei den Läden

Auch für das Gewerbe im Babel-Quartier führe dieser Prozess zu Schwierigkeiten. «Die Gewerbeflächen werden ebenfalls teurer, weshalb viele Geschäfte oft nicht lange überleben. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel kommen und gehen sehen», sagt Moser.

Vor allem die vielen leeren Ladenflächen im Erdgeschoss seien ein Problem. «Auf dieser Ebene spielt sich das Leben ab und nun haben wir da einfach tote Räume», moniert Moser. Besonders hadert er mit dem Leerstand des grossen Ladenlokals des ehemaligen «Soundhouse» anfangs Baselstrasse.

Die selben Sorgen treiben auch Markus Schmid in der Neustadt um. «Ich glaube, dass der aufkommende Onlinehandel dieses Problem in Zukunft auch bei uns verschärfen wird», blickt er in die Zukunft.

Keine Ablehnung des Tourismus – trotz Airbnb

«Einfluss hat in der Neustadt aber auch Airbnb», sagt Quartierpräsident Schmid. Auch dieses Unternehmen treibe die Mieten unweigerlich nach oben (zentralplus berichtete). «Das Haus mit dem Dr.-Oetker-Cafe an der Waldstätterstrasse ist mittlerweile fast komplett an den Anbieter vermietet», sagt Schmid.

Während dies für die Bewohnerinnen eine Belastung darstellen könne, würden sich viele Gewerbler und Beizer jedoch darüber freuen, da mehr Touristen in ihre Geschäfte kommen. «Eine grundsätzliche Abwehr zum Beispiel gegenüber den Touristen stellen wir nicht fest. Denn viele Quartierbewohner haben einen Job, der mit dem Tourismus in Verbindung steht», sagt Markus Schmid.

Und Lars Dubach vom BelHaLü ergänzt. «Die Touristen werden bei uns sehr geschätzt. Sie sind eine Bereicherung für unseren Stadtteil und bringen Geld, was der ganzen Stadt etwas bringt.» 

Grundsätzliche Zufriedenheit

Trotz einigen Sorgen, Herausforderungen und Baustellen, glauben die drei Quartierpräsidenten, dass die Leute in ihren Stadtteilen zufrieden sind. «Ich habe nicht das Gefühl, dass man aus Sicht des Neustadtquartiers bei der Regierung irgendwie auf den Putz hauen müsste», sagt Markus Schmid.

«Wir führen einen guten Dialog und habe eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Behörden», so Schmid. «Wir werden von der Stadt immer begrüsst und fühlen uns entsprechend ernst genommen. Man könne seinen Einfluss jedenfalls geltend machen.

«Es laufen verschiedene Initiativen und Projekte, um unser Quartier zu beleben und vorwärtszubringen. Auch wenn es von Auge vielleicht nicht immer gleich sichtbar ist», sagt auch Josef Moser. Er spüre jedenfalls, dass auch auf Seiten der Behörden einige Energie in diese Sache gesteckt werde.

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1 Kommentare
  1. Walter Albrecht, 13.02.2019, 08:39 Uhr

    Ja, eine Metro vom Seetalplatz zum Parkhaus Ibach, zum Kantonsspital, ins Stadtzentrum, dann zum Bahnhof Westseite, von dort zum Paulusplatz und weiter nach Kriens-Obernau würde einen grossen Teil des Staus von Bussen, Reisecars und PWs auf Strassen und das Nadelöhr Bahnzufahrt aus dem Norden wirksam reduzieren.
    PS. Auch in Zürich plant man ernsthaft einen Anschluss von Universität, ETH und Unispital
    mit Hilfe einer Metro – wie man in es Lausanne seit Jahren hat und schätzt.

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