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«Die Schrecken der freien Wahl»
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  • Rezension
«No future forever» – ein Musiktheater von Luzerner Jugendlichen. (Bild: Ingo Hoehn )

Jugendliche und ihre Sorgen im Luzerner Theater «Die Schrecken der freien Wahl»

4 min Lesezeit 04.03.2017, 11:27 Uhr

Im Luzerner Theater feierte das Musiktheater «No future forever» diesen Freitagabend Premiere. In dem Stück wirken über 60 Jugendliche aus der Region mit. Die raumübergreifend präsentierten Früchte, die sich aus der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Marco Štorman und seinem Team ergeben haben, können sich dabei durchaus sehen lassen.

Seit Anfang September ist an diesem Jugendprojekt gearbeitet worden. Die daran beteiligten Jugendlichen sind dabei in den ganzen Entstehungsprozess involviert worden. Immer unter der sachkundigen Anleitung von Theaterprofis wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, in die verschiedenen Künste einzutauchen, die es braucht, um ein Theater erfolgreich zu machen.

So dichteten sie Songs, schrieben Texte, nähten Kostüme, drehten Videos und bauten Bühnenbilder. Alles Dinge, die notwendig sind, um mittels eines kreativen Prozesses den eigenen Gedanken und Ideen über eine erwartungsbeladene Zukunft Ausdruck verleihen zu können. Auffallend viel Bedeutung wurde dabei dem Zufall zugeschrieben. Geschlossen nehmen die jugendlichen Akteure eine Verweigerungshaltung ein, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, und definieren sich eben dadurch als Rebellen. Im Stück wird diese Geisteshaltung durch den Rückzug der Schauspieler in ein Paralleluniversum versinnbildlicht.

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«Freiheit bringt nun einmal Verantwortung und wenn es nur die Verantwortung für das eigene Leben ist.»

Eine solche Aufführung ist für Zuschauer, die ihre Jugendjahre schon hinter sich gelassen haben, sicherlich sehr aufschlussreich, wenn es darum geht, zu versuchen, sich in die Gedanken der jüngeren Generation hineinzuversetzen. Thematisieren die Schauspieler doch enorm wichtige Punkte wie persönliche Freiheit und Entscheidungsgewalt und die Überforderung, die für viele Menschen damit einhergeht. Freiheit bringt nun einmal Verantwortung und wenn es nur die Verantwortung für das eigene Leben ist.

Erdrückender Zwang eindrücklich geschildert

Diese Verantwortung übernehmen zu wollen, erfordert Tugenden wie Mut, Enthusiasmus und Authentizität. Der symbolische Rückzug in ein Paralleluniversum, welches als Metapher für die Verweigerung der Übernahme dieses als erdrückend erlebten Zwangs der Eigenverantwortung interpretiert werden kann, wird von den Schauspielern und Musikern überzeugend geschildert.

Aber wäre es nicht auch spannend zu sehen, wie ein solcher Rückzug in eine Parallelwelt oder eine jugendliche Rebellion tatsächlich aussehen könnte? Denn dass es diese Rebellion noch gibt, steht ausser Frage. Konkret denke ich dabei an scheinbar entgegengesetzte Phänomene wie Jihadismus und Drogenmissbrauch, bei denen junge Menschen mit dem «Stress» der «Freiheit» radikal unterschiedlich umzugehen scheinen. Etwas weniger reaktionäres Protestgehabe und mehr konkreter Realitätsbezug hätten dem Musical sicherlich nicht geschadet und ihm damit mehr Tiefgang verliehen.

Melanie Guntern vor dem Ensemble.

Melanie Guntern vor dem Ensemble.

(Bild: Ingo Hoehn)

Kleine Schockwirkungen

Abgesehen davon war die Aufführung sehr gelungen. Die jungen Künstler hatten sichtlich Spass und waren mit Leib und Seele bei der Sache. So untermalten die Musiker mit ihren Klängen jeweils sehr gekonnt die jeweilige emotionale Stimmung oder verhalfen gar der einen oder anderen Szene erst durch ihre Musik zum emotionalen Durchbruch. Auch die anarchistisch geprägten Kostüme à la Mad Max und das Bühnenbild haben dem revolutionären Geist, den die Jugend traditionellerweise zu verkörpern hat, sehr entsprochen und trugen das ihre zu einer erfolgreichen Inszenierung des Themas «Rebell» bei.

«Es bleibt bei einem reaktionären Aufschrei gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt.»

Dabei gab es durchaus witzige Auftritte mit kleiner Schockwirkung, bei denen ich mir allerdings nicht immer sicher war, wie sie beim teilweise doch eher älteren Publikum ankamen. Das bringt uns wiederum zu einem neuen Punkt, der wiederholt angesprochen wurde, und zwar dem Generationenkonflikt. Auch dies ein Gegenstand, der wohl nie an Brisanz zu verlieren scheint, ebenso wie die Problematik der mangelhaften Umverteilung. Alles Themen, die wiederkehrend behandelt und besprochen werden, ohne jedoch zu einer nachhaltigen Lösung zu kommen. 

Heraufbeschwörung der totalen Utopie

Es bleibt bei einem reaktionären Aufschrei gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Zum Schluss wird gleichsam als Krönung der Aufführung die totale Utopie heraufbeschwört. Das verlorene Paradies, in welches sich die Menschen wohl schon seit Urzeiten wieder zurückwünschten und welches doch auf ewig unerreichbar bleibt.

Mein Fazit zu «No future forever» lautet deswegen: Es ist ein Stück von der Jugend für die Jugend, welches einem die eigene Jugend und ehemaligen Ideale erfolgreich wieder vor Augen führt und genau damit vielleicht sogar unbewusst eine Brücke schafft, auf der zumindest ältere Generationen wieder einen Schritt auf die jüngere zugehen können.

In unserer Bildergalerie finden Sie weitere Impressionen:

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