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Die «professionelle Irrenanstalt» ist in der Pubertät angekommen
  • Kultur
Das Treibhaus lebt von seinen Aktivistinnen und Aktivisten – hier gestalten sie das Kassenhäuschen beim Eingang neu. (Bild: zvg/Julie Quynh Nguyen)

Luzerner Treibhaus ist erfolgreich wie nie Die «professionelle Irrenanstalt» ist in der Pubertät angekommen

5 min Lesezeit 2 Kommentare 28.06.2019, 14:44 Uhr

15 Jahre nach seiner Eröffnung ist das Treibhaus gut unterwegs: 2018 gab’s im städtischen Jugendhaus so viele Eintritte wie nie. Ein Büchlein schaut jetzt auf die Anfänge und den kurzzeitigen «Emmi-Schreck» als reale Gefahr zurück. Und es wird ausgiebig gefeiert.

«Ein nackter Betonblock auf einem Baufeld»: So beschreibt Roger Häfeli heute den Beginn des Jugendlokals Treibhaus vor 15 Jahren. Der Ad-interim-Leiter der städtischen Jugendabteilung war von Anfang an dabei, als es galt, einen Nachfolger für den altehrwürdigen «Wärchhof» aufzubauen.

Heute ist das Treibhaus eine lebhafte Hütte mit einer lauschigen Gartenbeiz. Mit dem Theaterpavillon vis-à-vis ist am Spelteriniweg ein Kultur-Hotspot entstanden. Hinter dem Haus kümmern sich Jugendliche ums Urban Gardening – liebevoll «Jungle» genannt. Drinnen packen sie in der Küche mit an, bedienen das Mischpult und in den oberen Stockwerken proben Bands oder gestalten Aktivisten die hauseigenen Plakate und Flyer.

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Das Treibhaus ist noch nicht erwachsen, aber mitten in der Pubertät angekommen. Den 15. Geburtstag nutzt das Haus, um Bilanz zu ziehen. Dazu gibt’s vom 5. bis 7. Juli ein Fest und ein Büchlein (siehe Box).

Ein Rekordjahr

Das lindgrüne Haus ist zu einer festen kulturellen Grösse und einem Anziehungspunkt für junge Erwachsene geworden. Das belegen die Zahlen: Über 600 Jugendliche haben seit der Eröffnung in irgendeiner Form mitgewirkt und 150’000 Personen eine Veranstaltung besucht. 2018 war mit knapp 16’500 Besucherinnen zahlenmässig das bisher erfolgreichste Jahr, verrät Corinne Imbach, Leiterin seit 2017.

«Wir sind wach und spüren die Jugendlichen.»

Corinne Imbach, Leiterin Treibhaus

Keine Spur von Abnützungserscheinungen also. «Wir sind wach und spüren die Jugendlichen, so bleiben wir nie stehen», erklärt Corinne Imbach das Erfolgsrezept. Das Programm wird von den fast 90 Aktivistinnen in einer der Programmgruppen gestaltet (zentralplus berichtete). Aber auch externe Veranstalter nutzen das Haus, etwa das Fumetto oder Helvetiarockt.

Und damit das Haus wirklich jung bleibt, gilt abgesehen von den festangestellten Leitern, eine Altersguillotine von 25 Jahren. «Das Wirken der Beteiligten steht im Zentrum», sagt Roger Häefli. Von Jungen für Junge – aber nicht nur: Veranstaltungen besuchen darf man natürlich auch als Über-25-Jähriger.

Treibhaus-Leiterin Corinne Imbach und der städtische Jugend-Beauftrage Roger Häfeli (sitzend) – Praktikant Léon Schulthess und Stadtrat Martin Merki (stehend).

Treibhaus-Leiterin Corinne Imbach und der städtische Jugend-Beauftragte Roger Häfeli (sitzend) – Praktikant Léon Schulthess und Stadtrat Martin Merki (stehend).

(Bild: jwy)

Geschichten aus 15 Jahren

Ein klassischer Treibhaus-Karrierist ist Léon Schulthess, der mit seinen 20 Jahren nur unwesentlich älter ist als das Haus. Er hat nach dem Gymi im Garderoben/Kassen-Team erstmals Treibhaus-Luft geschnuppert, danach in einer Programmgruppe weitergewirkt und jetzt das einjährige Veranstaltungspraktikum absolviert.

Fussball, Konzerte und ein Buch

Seinen 15. Geburtstag feiert das Treibhaus vom 5. bis 7. Juli gemeinsam mit dem Kultur-Fussballturnier Kick ’n’ Rush. Unter anderem treten auf: Jon Hood, Maple Tree Circus, Siselabonga, Naïma oder Alois (ganzes Programm).

Léon Schulthess hat als Abschluss seines Praktikums ein kleines Buch mit Geschichten und Bildern aus 15 Jahren Treibhaus herausgebracht. Dieses liegt gratis in der Treibhaus-Beiz auf oder kann heruntergeladen werden.

In dieser Zeit hat er die Publikation zum 15-jährigen Bestehen geschrieben: Schulthess hat ehemalige und aktuelle Köpfe und Bands getroffen, Geschichten und Fotos ausgegraben und das Ganze vom hausinternen Team umsetzen und gestalten lassen. Als «professionelle Irrenanstalt mit leckerer Küche» beschreibt er im Vorwort das Treibhaus, wo noch jeder pubertierende Wahnsinn in ansteckende Kreativität umgemünzt wurde.

Der Juniorpartner

Das Treibhaus erwirtschaftet selber etwa 700’000 Franken im Jahr und wird von der Stadt mit rund einer halben Million Franken unterstützt. Die Subvention befreit das Jugendhaus vom finanziellen Druck: «Im Treibhaus sollen möglichst viele Jugendliche das Handwerk lernen können, nicht der Output ist das primäre Ziel», sagt Häfeli. Auch wenn das natürlich in einem belebten und gut besuchten Haus besonders motivierend ist.

Corinne Imbach sieht das Haus im Vergleich zu den anderen Kulturhäusern wie Schüür, Südpol oder Sedel als Juniorpartner. «Hier kann man erste Erfahrungen sammeln», sagt sie und spricht von «kulturellen Setzlingen», die man ohne finanzielles Risiko produzieren könne.

So hat sich das Jugendhaus schon für manche Technikerin oder manchen Veranstalter als Eintrittstor erwiesen, die heute in der Schüür oder im Südpol wirken. «Wir sind extrem glücklich, wenn unsere Leute wieder gehen und woanders unterkommen», sagt Imbach. Ähnlich wie beim Radio 3fach halten die stetigen Wechsel das Konzept frisch und zwingen zu stetigem Hinterfragen von Gewohnheiten.

Der Film von Peter Webel aus dem Multimedia-Pool gibt einen Einblick ins Treibhaus:

 

Für die Stadt ist der jährliche Beitrag gut investiertes Geld, ist sich Roger Häfeli sicher: «Innovation geht von Jugendlichen aus, darum ist es wichtig, dass wir diese abholen.» Luzern sei heute eine Studentenstadt, habe sich vom 80er-Mief gelöst – zu dieser Entwicklung gehöre das Treibhaus mit seiner Strahlkraft.

Dem pflichtet Stadtrat Martin Merki (FDP) zu: Er sichert dem Treibhaus das finanzielle und ideelle Engagement auch in Zukunft zu. Das Jugendhaus sei das nahtlose Angebot nach der Quartierarbeit, die sich an Kinder richtet. «In der Pubertät verbringen Jugendliche ihre Freizeit ausserhalb der Quartiere, dafür ist das Treibhaus da», sagt der Sozial- und Sicherheitsdirektor. Ob Aktivistin oder einfacher Besucher: Alle können sich dort ohne Konsumationszwang aufhalten und austauschen.

Ein Schreckmoment 2014

Natürlich gab es auch Tiefpunkte in den 15 Jahren, etwa als 2012 wegen des städtischen Sparprogramms der Aufwand um 10 Prozent runtergefahren werden musste. Aber das Überleben des Hauses war nie gefährdet.

Ein Schreckmoment war, als 2014 anstelle der leerstehenden Emmi-Fabrik gleich neben dem Kickers-Fussballfeld neue Wohnungen errichtet wurden. Viele fühlten sich ans Ende des alternativen Kulturzentrums Boa erinnert, das wegen Lärmklagen schliessen musste.

Entgegen dieser Ängste ist das Treibhaus heute gut ins Quartier und die Nachbarschaft integriert. Das hat auch damit zu tun, dass die Wohnungsmieter eine Duldungspflicht unterschreiben mussten. Aber auch, weil das Team von Anfang an auf Dialog und Austausch setzte. So habe sich eine «extrem gute Nachbarschaft» ergeben, so Häfeli. Und Corinne Imbach ergänzt: Die Offenheit des Hauses, kombiniert mit Kooperationen, gäben den Ausschlag. «Wir gehen aktiv auf andere zu», sagt sie.

15 Jahre nach Eröffnung lebt auch das Foyer mit Bar.

15 Jahre nach Eröffnung lebt auch das Foyer mit Bar.

(Bild: zvg/Julie Quynh Nguyen)

Kritische Stimmen sind verstummt

So ist das Treibhaus 15 Jahre nach seiner Eröffnung nicht nur ein erfolgreiches Jugendhaus, sondern auch ein gelungenes Beispiel, wie sich ein Kulturhaus inmitten einer Wohnzone entwickeln kann.

Schon beim Bau gab es kritische Stimmen, dem widerspricht Stadtrat Martin Merki: «Das Treibhaus gehört in die Innenstadt, der Ort hier ist ideal.»

Léon Schulthess, der im Sommer sein Praktikum beendet, wird dem Treibhaus erhalten bleiben – ob als Besucher oder in einer anderen Form. Als unersetzlich beschreibt er das Haus. «Ich habe hier in Sachen Teamarbeit und Verantwortung extrem viel gelernt.»

Gut besuchter Treibhaus-Saal am Konzert von «Haubi Songs».

Gut besuchter Treibhaus-Saal am Konzert von «Haubi Songs».

(Bild: zvg/Julie Quynh Nguyen)

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2 Kommentare
  1. Joseph de Mol, 28.06.2019, 15:43 Uhr

    Ich will die heutige Jugend und die jungen Erwachsenen oder auch Martin Merki nicht damit trietzen, aber der alte Wärchhof an der Werkhofstrasse war schon eine ganz andere Liga!! Unerreicht. Da erscheint das Treibhaus richtiggehend aufgeräumt, orthodox und angepasst. Da haben sie soziokulturellen Animatoren ganze Arbeit geleistet!! Nur eben: Fresh sieht anders aus!

    1. Mina, 21.07.2019, 09:00 Uhr

      und solche Kommentare sind total ‚fresh‘….?? Oder einfach nur besserwisserisch.