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«Die Platte ist in-your-face-melancholisch»
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Solo-Debüt des Zuger Sängers Tobias Carshey «Die Platte ist in-your-face-melancholisch»

5 min Lesezeit 22.01.2015, 10:44 Uhr

Tobias Carshey hat ein Debütalbum veröffentlicht, das eigentlich kein richtiger Anfang ist. Viel eher ist es ein Abschiednehmen. Von Ängsten und Altlasten. Entsprechend ist die Platte weder lustig noch einfach geworden. Und dennoch funktioniert Carsheys Musik auch ohne die Rückendeckung seiner früheren Band «Strozzini». Und das sogar sehr gut.

Carshey setzt alles auf die Musik. Ist zwar ursprünglich Lehrer geworden, hat jedoch nie unterrichtet. Nach der Ausbildung zum Gesangslehrer an der Zürcher Hochschule der Künste hatte der heute 31-Jährige eine Stelle am Konservatorium in Winterthur, heute unterrichtet er Gesang nur noch privat. «Eine sehr befriedigende Tätigkeit», so sagt er. Nur manchmal müsse er seine Stimme für Werbungen verkaufen; das zahle die Rechnungen.

Tobias Carshey, der im richtigen Leben Tobias Stuber heisst, war der Leadsänger der Band «Strozzini», einer Gruppe, die mit ihrer Musik während zehn Jahren erfolgreich zwischen Singer-Songwriter, Blues und Indie-Rock mäanderte. Mittlerweile ist er alleine unterwegs, hat als einziger von Strozzini den Weg des Berufsmusikers eingeschlagen.

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52 Mal auf der Bühne

52 Mal stand Carshey letztes Jahr auf der Bühne, unter anderem in Deutschland. Zudem liegt nun ein erstes Soloalbum vor. Doch wie kam es überhaupt dazu? «Luk Zimmermann, ein Freund von mir und Produzent der letzten ‹Strozzini›-Platte, hat mich angefragt, ob ich nicht interessiert wäre an einer Zusammenarbeit. Das war quasi der Tritt in den Arsch, den ich gebraucht habe. Vorher hatte ich den Mut nicht, alleine etwas auf die Beine zu stellen.»

Das Gefühl sei vergleichbar mit einer Liebesbeziehung, die man schon seit 10 Jahren aufrecht erhalte. «Dann findet man plötzlich jemand anders interessant, traut aber nicht, dem nachzugehen.» Carshey ist der Versuchung nachgegangen. Und hat nicht nur den eigenen musikalischen Weg gefunden, sondern ein Stück weit auch sich selber.

«Ich habe mich verabschiedet von eigenen Versagensängsten, Existenzängsten», sagt der Zuger unumwunden. Fürs Album «Bye Bye» hat Carshey sechs Monate lang, neben seiner Tätigkeit als Gesangslehrer, Lieder geschrieben. Viel Arbeit für ihn, «denn mir geht das Schreiben überhaupt nicht leicht von der Hand». Trotzdem lässt sich das Resultat sehen. Das Lied «Bye Bye» wird derzeit auf SRF3 gespielt, gerade ist der Videoclip dazu erschienen.

Adieu Altlasten, Adieu Ängste

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Debütalbum «Bye Bye» zu nennen? «Da ich ja nicht erst kürzlich angefangen habe, Musik zu machen, ist dieses Album nicht einfach nur ein Anfang. Ich habe mich gleichzeitig losgelöst von verschiedenen Dingen. Sicher von der Band Strozzini, aber auch von verschiedenen Altlasten wie Ängsten. Damit will ich sagen, dass Abschied nichts Negatives sein muss.»

Nun aber steht die Plattentaufe fest. Kommenden Freitag, am 23. Januar, feiert Carshey den Release von «Bye Bye». Kein riesiger Meilenstein zwar, doch durchaus Grund genug, um richtig nervös zu sein. «Besonders, weil sehr viele Freunde von mir kommen und viele davon ebenfalls Musiker sind.»

Leichtfüssig ist es nicht im Geringsten, das Debütalbum von Tobias Carshey. Oder wie der Sänger selber sagt: «Das Album ‹Bye Bye› ist easy schwer geworden und quasi in-your-face-melancholisch.»

Denn der 31-Jährige beschönigt nichts. Und das will er auch nicht. «Wenn ich schon etwas auslösen kann bei den Menschen, dann will ich dieses Fenster nützen. Auch wenn es unangenehm für mich ist.» Und unangenehm scheint es tatsächlich zu sein. Denn Carshey gibt Dinge Preis, welche die meisten Leute um kein Geld in der Welt erzählen möchten.  In «Cypralex Cage» beispielsweise singt Carshey von eigenen Erfahrungen mit dem Antidepressivum Cypralex.

Eine Gratwanderung zwischen Tragik und Komik

Im Song «Bye Bye» geht es um den endgültigen Abschied aus dem Diesseits. Um das freiwillige Abtreten aus dem Leben, ganz in Thelma-und-Louise-Manier. «Tatsächlich ist das Grundthema des ganzen Albums Depression, seien das persönliche Geschichten oder solche aus meinem nahen Umfeld.» Es braucht Mut, über solche Tabus zu singen. «Naja, ich habe jetzt noch etwas Angst vor den Reaktionen. Wenn man solche Musik macht und kritisiert wird, dann ist man sehr schnell persönlich verletzt. Ich schütze mich zwar, indem ich beispielsweise nicht die Geschichte jedes Songs öffentlich mache.»

«Es ist nicht so, dass ich meine eigene Musik herunterspielen will.»

Tobias Carshey

Das klingt nun alles sehr dramatisch. Aber nicht doch. Carshey versteht es, ein richtig trauriges Lied mit einem sarkastischen Spruch oder einem trockenen Witz zu entwaffnen. «Dieser Teil gehört schon auch zu mir. Ich mache gern blöde Sprüche. Auch wenn die nicht immer ankommen.» Ein Mittel, um unangenehme Situationen zu übertünchen? «Sicher auch. Ich mache Sprüche, wenn ich supernervös bin. Aber auch, wenn mir wohl ist. Es ist nicht so, dass ich damit meine eigene Musik herunterspielen will, viel eher ist es ein Spiel mit den Emotionen des Publikums.»

Eine Wand zum Publikum hin

Carshey weiss, wie man ein Publikum gut unterhält. «Aber eigentlich stehe ich nicht gerne im Rampenlicht. Jedenfalls privat.» Die Bühne sei etwas anderes. «Wenn ich auf der Bühne bin, dann mache ich das ja beruflich und in einer anderen Rolle. Der Krankenpfleger ist womöglich auch nicht der Erste, der einem Betrunkenen hilft, der im Ausgang kotzt.»

«Dann bin ich nackt auf der Bühne. Und das nicht auf eine gute Art.»

Tobias Carshey

Auf der Bühne sei die Aufmerksamkeit anders. «Ich habe da eine Wand zwischen mir und dem Publikum.» Selten komme es vor, dass diese Wand nicht entstehe. Und dann? «Dann beziehe ich alles auf mich. Bin sehr unsicher. Wenn jemand während des Konzerts redet, dann glaube ich, dass es meinetwegen ist. Es kommt zwar sehr selten vor, dass ich nicht herausfinde aus diesem Gefühl. Aber wenn, dann bin ich nackt auf der Bühne. Und das nicht auf eine gute Art. Oder ich breche doch noch aus diesem Gefühl aus.»

Eine erste Platte ist nun also draussen, Abschied und Anfang zugleich. Was wünscht sich Carshey nun? Wie soll es weiter gehen? «Ich möchte das nächste Mal besser planen. Derzeit ist alles noch ziemlich chaotisch. Ich musste sogar die Plattentaufe verschieben. Was kann Schlimmeres passieren als das?»

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