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«Die physische und psychische Belastung war gross»
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Vor dem Gemeindehaus in Ebikon: Hier hat Yvonne Schärli ihre erste Exekutiverfahrung gemacht, ihr Mann ist seit 2003 Bauvorsteher in ihrer Wohngemeinde. (Bild: rob)

Yvonne und Peter Schärli vor Ruhestand «Die physische und psychische Belastung war gross»

9 min Lesezeit 11.12.2015, 05:13 Uhr

Sie als Regierungsrat, er als Ebikoner Gemeinderat: Das Ehepaar Schärli hat die Politlandschaft Luzerns jahrzehntelang mitgeprägt. Dafür haben sie – privat – einen hohen Preis bezahlt. Deshalb gibt es einiges nachzuholen im baldigen gemeinsamen Ruhestand. Wobei: So ruhig wird der nicht. Ein Blick ins Innenleben des Politiker-Ehepaars Schärli.

Eigentlich wollten wir Yvonne und Peter Schärli ja gerne zu Hause treffen. Bei einer Tasse Kaffee in der Küche. Schliesslich geht es ja um den Ruhestand – und der findet in der Regel in heimischen Gefilden statt. Aber nichts da: Das Ehepaar Schärli bestellt den Journalisten ins Gemeindehaus Ebikon. «Wir haben zu diesem Gebäude auch eine emotionale Verbindung», versichern beide. Hier amtet Peter Schärli noch bis nächsten Sommer als Bauvorsteher, hier war Yvonne Schärli vor ihrer Aufgabe als Regierungsrätin ebenfalls im Gemeinderat.

Jahrelang von der Agenda getrieben

Nun ist sie bereits seit einigen Monaten «Politrentnerin» – nach einem Vierteljahrhundert als Politikerin, davon zwölf Jahre als Regierungsrätin. Steckt die 63-Jährige bereits in einer Frührentner-Depression? Yvonne Schärli lächelt verschmitzt. Diese Gefahr bestehe überhaupt nicht, versichert sie. «Aber ich hatte schon Respekt davor und wusste nicht, wie es ist, wenn man nicht mehr so gefragt ist.»

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Die Umstellung auf die neue Lebenssituation falle ihr erstaunlich leicht, meint sie. Und sie machte bereits interessante Erfahrungen: «Erst jetzt habe ich realisiert, wie gross die physische und psychische Belastung in den letzten Jahren war.» Sie sei jahrelang von der regierungsrätlichen Agenda getrieben worden – heute sei sie froh, dass sie wieder Herrin über ihre Zeit sei. «Was ich vermisse, ist der Alltag mit meinen ehemaligen Mitarbeitenden, für diesen Ablösungsprozess brauche ich noch etwas Zeit», gibt sie zu.

«Vieles hat sich verändert, zum Beispiel gibt es jetzt drei Regale mit Guezlis, das war früher anders.»

Yvonne Schärli, Ex-Regierungsrätin

Staunen in der Migros

Und? Was macht die Frau, welche viele Jahre als Justizministerin eine öffentliche Person war und fast rund um die Uhr arbeitete, ohne Verpflichtungen und Druck? «Jetzt bin ich wieder für den Haushalt zuständig», sagt sie wie aus der Kanone geschossen. Auch sonst hat Yvonne Schärli ziemlich genaue Vorstellungen, wie ihr Ruhestand auszusehen hat. Man merkt, dass «Frau Regierungsrätin» auch jetzt noch «zackig» unterwegs ist und genau weiss, was sie will. Gelernt ist gelernt.

Zwölf Jahre lang war die Rollenverteilung im Hause Schärli andersrum: Er machte den Haushalt, kochte, putzte und schaute zu den Kindern. Nun ist sie wieder die Chefin zu Hause. Yvonne Schärli staunte nicht schlecht, als sie nach all den Jahren wieder in eine Migros einkaufen ging. «Vieles hat sich verändert, zum Beispiel gibt es jetzt drei Regale mit Guezlis, das war früher anders.»

Nichts tun und zu Hause die Beine hochlagern: Das gibt es bei Yvonne Schärli nicht. «Ich muss ja auch lernen, wieder alles selber zu machen.» Zum Beispiel den PC bedienen. Da gebe es viele Sachen, die sie nicht mehr so im Griff habe, weil das immer ihre Mitarbeitenden gemacht hätten. «Das alles ist für eine ältere Dame nicht so einfach», sagt sie und lacht. Was sie übrigens immer selber gemacht habe, auch in den strengsten politischen Zeiten, sei – die Wäsche. «Da ticken wir wie die meisten Paare: Wäsche waschen ist Frauensache.» Dabei sei sie doch eine, die sich ihr Leben lang für die Gleichberechtigung starkgemacht habe.

Ein ziemlich aktiver Ruhestand

Bald wird Peter Schärli auch vermehrt zu Hause sein. Im nächsten Sommer gibt der 63-Jährige sein Amt als Bauvorsteher in Ebikon ab. Wie wird er aussehen, der gemeinsame Schärli-Ruhestand? «Sicher ist, dass wir uns genügend Zeit nehmen für einander», sagt Peter Schärli. «Wir werden den Teil nachholen, den wir in den letzten zwölf Jahren verpasst haben.»

Beide werden sich zu rund 30 bis 40 Prozent noch ehrenamtlich in verschiedenen Organisationen engagieren. Er ist unter anderem als Präsident des kantonalen Spitexverbands tätig, sie ist neuerdings Präsidentin des Vereins Lisa, der sich für die Interessen der Sexarbeitenden in Luzern einsetzt. Yvonne Schärli ist zudem im Vorstand des Frauenhauses in Luzern und amtet als Vorstandsmitglied des Vereins Wohnheim Lindenfeld, in welchem physisch und psychisch angeschlagene Männer zu Hause sind. Und im nächsten Jahr wird sie ein weiteres Amt mit hohen Würden ausüben: Sie wird die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen präsidieren.

Sie betonen, dass sie weiterhin je ihre eigenen Bereiche haben und sich deshalb nicht zu Hause auf den Füssen rumstehen werden. Peter Schärlis Leidenschaft gehört übrigens seit Jahren der Musik: Zusammen mit Stadtrat Adrian Borgula spielt er als Saxophonist in einer Balkan-Brass-Band. «Aber natürlich gibt es auch gemeinsame Interessen», sagt er, und sie ergänzt: Wandern, Kino, Theater und Freunde. Letztere seien in den letzten Jahren teilweise zu kurz gekommen. «Das können wir nun bald wieder intensiver pflegen», sagt Peter Schärli.

Ein gut gehütetes Geheimnis

Zwanzig Prozent – also einen Tag pro Woche – ist bei den Schärlis auch schon fix vergeben. Da schlüpfen sie in die Grosselternrolle und hüten das gemeinsame Enkelkind. «Und da es im Frühling noch ein zweites geben wird, sollte es uns diesbezüglich nicht langweilig werden», sagt Peter Schärli. Seine Frau gibt gleich noch ein gut gehütetes Geheimnis preis: Sie machte als Regierungsrätin nicht nur die Wäsche zu Hause – sie hat auch in ihrer «hochdekorierten Funktion» Windeln gewechselt und Milchschoppen zubereitet. «Ich habe jeweils am Freitagnachmittag das Enkelkind gehütet», verrät sie.

«Yvonne ist schneller und spontaner. Ich bin eher zurückhaltend und überlege vielleicht auch mal etwas zu lange, bis ich etwas sage.»

Peter Schärli, SP-Gemeinderat Ebikon

Als Regierungsrätin, an einem Werktag? Sie schmunzelt. Immer sei das natürlich nicht möglich gewesen, aber da ihr Mann am Morgen mit dem Hüten angefangen hat, konnte sie dann übernehmen, wenn es ihr zeitlich möglich war. Zudem habe sie mehr als genug gearbeitet, versichert sie. «Jetzt ist es umgekehrt», sagt sie, «ich hüte am Morgen, er übernimmt dann, wenn er mit der Arbeit fertig ist.»

Ab nächstem Sommer ist auch Peter Schärli im Ruhestand – dann kann das Paar vermehrt wieder seinen Freundeskreis pflegen.

Ab nächstem Sommer ist auch Peter Schärli im Ruhestand – dann kann das Paar vermehrt wieder seinen Freundeskreis pflegen.

(Bild: rob)

Konflikte mit Humor lösen

Ein Politiker muss vor allem eines können: streiten. Wer sich nicht durchsetzen kann, hat in diesem Geschäft nichts verloren. Dass sie das kann, hat Yvonne Schärli in ihrer Karriere mehr als einmal bewiesen, ihr Mann ebenso. Deshalb stellt man sich ihre Ehe, sagen wir mal, diskussionsfreudig vor. Stimmts? Beide schauen sich zuerst kurz an, bevor sie antworten. «Grundsätztlich haben wir ja beide mehr oder weniger die gleichen Wertvorstellungen, sowohl politisch wie auch gesellschaftlich», sagt Peter Schärli. «Yvonne ist zudem schneller und spontaner. Ich hingegen bin eher zurückhaltend und überlege vielleicht auch mal etwas zu lange, bis ich etwas sage.»

Deshalb stritten sie eigentlich nie, versichern sie. «Der Humor bei uns ist ein wichtiges Thema», sagt Yvonne Schärli. «Wir ‹zünden› uns gerne an und besitzen beide eine Portion Selbstironie.» Mit dieser Art der Kommunikation seien eigentlich nie grössere Konflikte aufgekommen zu Hause. «Ich habe das im Departement zum Teil auch mit den Mitarbeitenden gemacht, das wurde aber nicht immer ganz verstanden», sagt Yvonne Schärli und lacht.

Eigene Karriere für sie geopfert

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ihre Beziehung über all die Jahre gehalten hat. Vor allem sie war über Jahre in ihrem Job derart eingespannt, dass nur wenig Zeit für ein normales Privatleben übrig war. Wichtig sei immer gewesen, dass sie jeweils am Sonntag zusammengesessen seien und die kommende Woche durchbesprochen hätten, sagt Peter Schärli. «So haben wir uns stets die Inseln herausgesucht, auf denen wir unsere Beziehung pflegen konnten.» Wenn wenig Zeit zur Verfügung steht, ist es wichtig, dass man sie auch nutzt.

«Ich war jeweils im Damenprogramm der Regierungsräte mit dabei.»

Peter Schärli

Er der Hausmann mit einem Teilpensum als Gemeinderat, sie die Regierungsrätin, welche im ganzen Kanton bekannt ist: Manch ein Mann würde Mühe bekunden, wenn die eigene Frau beruflich erfolgreicher ist. Nicht so Peter Schärli: Seine Rolle hat ihm immer behagt, er hat sie auch bewusst gewählt. Nachdem sie in die Regierung gewählt wurde, hat er seinen Job als Abteilungsleiter im kantonalen Baudepartement aufgegeben – unter anderem auch, weil er die Verstrickung ihrer beruflichen Funktionen heikel fand.

Peter Schärli wurde, wie bereits gesagt, Hausmann und kümmerte sich um die drei Kinder. Lustig war es jeweils an Anlässen, bei denen die Gattinnen der Regierungsräte mit eingeladen waren. Peter Schärli schmunzelt: «Ich war jeweils im Damenprogramm mit dabei, dort habe ich mich übrigens durchaus wohl gefühlt.» Tatsächlich? Ja, meint er. «Da wurden zum Beispiel die neusten Koch-Rezepte ausgetauscht. Und da ich selber gerne koche, war das für mich interessant.» Der Hahn im Korb unter den Regierungsratsgattinnen? Yvonne Schärli nickt. «Es wurde jeweils sehr bedauert, wenn er mal nicht mit von der Partie war.»

«Wir haben uns bewusst am Mittagstisch nicht über Politik unterhalten.»

Yvonne und Peter Schärli

Keine Politik am Mittagstisch

Jahrzehntelang stand für die beiden Sozialdemokraten die Politik im Mittelpunkt. Wie haben das die drei heute erwachsenen Kinder mitbekommen? «Sie wurden bei jeder beruflichen und politischen Veränderung in die Entscheidung mit einbezogen», sagt Yvonne Schärli. Sie hätten nichts über die Köpfe der Kinder hinweg getan, versichern beide. Und es war ihnen stets ein Anliegen, dass die Politik im Hause Schärli nicht immer und überall Vorrang hatte.

«Wir haben uns bewusst am Mittagstisch nicht über Politik unterhalten», betonen beide. Yvonne Schärli: «Uns war es wichtig, dass unsere Kinder ihren eigenen Weg finden und nicht einfach das Gedankengut der Eltern übernehmen.» Das ist offenbar gelungen: Das politische Spektrum ihrer drei Kinder reicht von SP über Grün bis sogar teilweise zur FDP.

Das schlägt sich aber nicht auf die «sozialdemokratische Familienidylle» nieder, versichern die Eltern einhellig. Die Familie Schärli hält zusammen, auch wenn nicht alle politisch gleich ticken. So wird auch dieses Jahr wieder ein grosses gemeinsames Weihnachtsfest gefeiert. «Da sind wir sehr traditionell, obwohl wir sonst nicht so konservativ sind», sagt Yvonne Schärli. Seit letztem Jahr findet das Fest aber nicht mehr im Elternhaus in Ebikon statt, sondern bei der Tochter und dem Enkelkind. «Weihnachten soll dort stattfinden, wo die Kinder sind», sagt Peter Schärli. «Aber wir müssen unseren Baumschmuck mitnehmen, damit es ist wie immer.»

Das sagen Yvonne und Peter Schärli über sich selber

Mein grösstes Highlight

Yvonne Schärli: «Die Totalrevision der Staatsverfassung 2007. Das war eine riesige Sache mit unzähligen Sitzungen und langen parlamentarischen Debatten.»

Peter Schärli: «Die Umsetzung des Masterplans Ebikon, wo wichtige Entscheide im Bereich Städtebau, Strassenraumgestaltung und öffentliche Freiräume gefällt wurden.»

Meine schwierigste Zeit

Yvonne Schärli: «Die Polizei-Führungskrise vor zwei Jahren. Da gab es die eine oder andere schlaflose Nacht.»

Peter Schärli: «Gab es nicht.»

Yvonne über Peter: 

«Ich finde es speziell, dass er Kreativität, positives Denken und Humor so gut mit Besonnenheit und Gelassenheit verbinden kann.»

Peter über Yvonne:

«Es ist beeindruckend, dass Yvonne in all den Jahren ihre ehrliche Offenheit gegenüber Menschen bewahrt hat und dass sie die Menschen stets ernst nimmt.»

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