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Die Perle von Horw wartet auf einen neuen Besitzer
  • Gesellschaft
Sie steht etwas einsam da, die Mutter mit ihren zwei Kindern im Garten der Villa Krämerstein. (Bild: giw)

Zu Besuch in der Villa Krämerstein Die Perle von Horw wartet auf einen neuen Besitzer

6 min Lesezeit 06.11.2017, 11:17 Uhr

Einst Wohnsitz für die Edlen Luzerns, ist der Landsitz Krämerstein heute in der Hand der Bürger Horws. Doch seit im vergangenen Jahr eine internationale Privatschule ausgezogen ist, fehlen dem Anwesen die Bewohner. Vor allem die Schwimmer bevölkern derzeit das Anwesen, das macht die Suche nach einem Mieter schwieriger.

Nach einer kurzen Velotour von der Tribschenstadt entlang der Horwer «Goldküste» bis nach Kastanienbaum steht man nach einer kurzen Steigung unvermittelt vor einem massiven Eisentor. In einem Ortsteil voller exklusiver Häuser steht hier die exklusivste Immobilie überhaupt: das Anwesen Krämerstein. Eine einladende Lindenallee und der Blick über die herbstliche Morgenstimmung über dem Vierwaldstättersee entschädigen für die sportliche Anstrengung.

Rund vier Fussballfelder misst das ursprünglich «Sässhof» genannte Landgut. Der Spaziergang entlang der blattlosen Bäume hinunter zur neubarocken Villa löst Gefühle von Ehrfurcht aus. Zugleich ist die Einsamkeit spürbar, die seit mehr als einem Jahr herrscht in Krämerstein. «Wenn der Park und der Landesteg nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen würden, wäre die Vermietung natürlich wesentlich einfacher», sagt Martin Kopp von der Gemeinde Horw.

Denn gerade Firmen schätzten zwar den Standort, wollten jedoch die Privatsphäre ihrer Kunden schützen. Es hätten sich bereits Interessenten gemeldet, doch bisher hat sich nichts Konkretes daraus ergeben. Kopp ist zuständig für die Immobilienverwaltung und gewährt einen Blick in das alte Gemäuer.

Ein erhabener Blick über den Vierwaldstättersee.

Ein erhabener Blick über den Vierwaldstättersee von der Terrrasse der Villa.

(Bild: giw)

Einwohnerrat gibt Regierung einen Korb

Stolze 580 Quadratmeter verteilt auf 19 Zimmer werden dominiert von gähnender Leere. Eine schier unerschöpfliche Abfolge hoher, heller Räume mit atemberaubender Aussicht auf das Filetstück der Luzerner Seelandschaft. Lethargie überkommt den Besucher ob des verschwendeten Raumes, der hier derzeit brach liegt.

Die International School of Lucerne and Zug ist 2016 ausgezogen, seither «wartet» die Horwer Exekutive auf einen Nachmieter. Deshalb verweigerte der Horwer Einwohnerrat sich der Gemeinderegierung Ende Oktober und verlangte verbindliche Mietinteressenten, bevor die teuren, aber notwendigen Sanierungsarbeiten in Angriff genommen werden dürfen.

Ein Museum, ein internationaler Holdingsitz oder ein Gastronomiebetrieb: Das sind die Nutzungsvorschläge. Wer auch immer einzieht, er müsste wenig überraschend tief in die Tasche greifen. Mit über 17’000 Franken im Monat rechnet der Gemeinderat für die Vermietung von Villa und Pförtnerhaus an eine Holdinggesellschaft. Hinzu kommt, dass die neuen Mieter Spaziergänger und Schwimmer in der ausgiebigen Gartenanlage akzeptieren müssten. Eine ausschliesslich private Nutzung ist in Horw politisch chancenlos.

Vom reichen Gutsherrn in die öffentliche Hand

Für die Bedürfnisse der gemeinen Bevölkerung hätten die ursprünglichen Besitzer wohl nur ein herablassendes Hüsteln übrig gehabt. 1738 gehörte das Areal dem Schlossvogt Jakob von Sonnenberg, der das Hofgut von der wohledelgeborenen Maria Catherina Adelheit Dullicker von Mauensee erwarb. Später kam es in den Besitz der Familie von Pfyffer, Grossjunker Anton Pfyffer von Altishofen erbaute 1786 das barocke Herrenhaus, das in seiner Grundform noch heute erhalten ist.

Die gesamte Anlage beruht auf barocken Prinzipien der Landschaftsgestaltung. Das Anwesen entspreche den Ideen des Absolutismus, die Ausrichtung auf einen Brennpunkt sei oberstes Ziel des Architekten, schreibt die kantonale Denkmalpflege. Unschwer ist die Villa als ebendieses Zentrum der Macht auszumachen. Der Name Krämerstein geht möglicherweise auf die Lage zurück. Der Ort an der Halbinsel war lange ein interessanter Umschlagplatz für Waren. Das Riegelhaus am See wurde einst als Käserei errichtet, die Milch wurde zuweilen über den See hergebracht.

Nach Jahren im Besitz des Patriziats kam das Gut 1813 in bürgerliche Hände. Der bedeutende Luzerner Lehrerbildner Niklaus Rietschi übernahm das Gut und nutzte das Anwesen als Seidenraupen- und Obstbaumzucht. Später wurde es versteigert und gelangte in den Besitz von Carlos Keller, eines Kaufmannes und Honorarkonsuls in Brasilien. Er liess das Herrenhaus in neubarocker Form umbauen und legte die Gartenanlage in der heutigen Form an, während er in Luzern sein Alter genoss.

Eine reiche Schenkung für das Verkehrshaus

Sein Sohn Philipp Keller war ein Liebhaber der Seefahrt und sammelte unzählige Schiffsmodelle. Im Erdgeschoss der Villa zeugt ein Wandbild noch immer von seinem Faible. Nach Carlo Kellers Tod 1980 vermachte das Vorstands- und Ehrenmitglied des Verkehrshauses seine umfassende Sammlung inklusive dem Anwesen und Archivalien dem Museum. Das Verkehrshaus stellte die Modelle aus der Vergabung weiterhin in der Schiffshalle aus, wie Sprecher Olivier Bucher erklärt.

«Die Leute hatten das Gefühl, wir leben hinter dem Mond.»

Sonja Döbeli, MAZ

Doch mit dem Krämerstein wusste man nichts anzufangen. Stattdessen bot das Verkehrshaus das Anwesen der Gemeinde an, die nach einer Volksabstimmung 1982 neue Besitzerin wurde. Als das Medienausbildungszentrum MAZ gegründet wurde, entschied man sich für den Einzug in das Prestigeobjekt. Ein Statussymbol, das sich die Journalismusschmiede im 21. Jahrhundert wohl kaum mehr leisten würde.

«Das war natürlich schon eine Traumlage, wenn man da ankam und die Allee herunterlief», erinnert sich das MAZ-Geschäftsleitungsmitglied Sonja Döbeli Stirnemann an die Zeit in Krämerstein. «Doch am Schluss schaute man vor allem in den Bildschirm», fügt Döbeli an. Natürlich habe man aber die Aussicht während den Pausen oder den Schwumm im See am Mittag genossen.

Das Haupthaus von Krämerstein.

Das Haupthaus von Krämerstein.

(Bild: giw)

MAZ und Schule ziehen aus

Nach beinahe 20 Jahren in Krämerstein entschied sich das MAZ 2005 für den definitiven Umzug ins Stadtzentrum an die Murbacherstrasse: «Der Hauptgrund war der Platz.» Ausserdem habe das MAZ sich vom verstaubten Image befreien wollen. «Die Leute hatten das Gefühl, wir leben hinter dem Mond.» Während der Journalismus immer schneller wurde und zunehmend unter Druck geriet, scheint der Standort nicht mehr gepasst zu haben.

Die Journalistenschule musste selbst nach einem Nachmieter suchen, der Vertrag mit der Gemeinde wäre noch weitere fünf Jahre gelaufen. Bereits damals machte sich die Politik in Horw Sorgen über die Zukunft der Villa. Fündig wurde das Medienausbildungszentrum in der «International School of Lucerne and Zug». Zehn Jahre später zog die Schule wieder aus, sie konzentrierte sich in Zug.

Kindergärtler dürfen sich freuen

Verwendung findet derzeit das schmucke Pförtnerhaus neben dem Eingangstor als Mittagstisch für Schulkinder, und das Riegelhaus am See wird von einer Stiftung betrieben. Das Haus am See dient als Rückzugsort für Kunstschaffende und Wissenschaftler. Ausserdem werden Trauungen in einem speziellen Trauungsraum durchgeführt (zentralplus berichtete). Das Gärtnerhaus mit rund 225 Quadratmetern Nutzfläche steht als Wohnhaus derzeit zur Vermietung – ein Liebhaberobjekt, wie Gemeindemitarbeiter Kopp sagt. Aktuell ist es ausgeschrieben: «Wir hatten bereits einige Interessenten.»

Bis eine nachhaltige Lösung mit entsprechendem finanziellem Erlös für die Gemeinde gefunden wird, kommt nun erstmals eine Zwischennutzung rein: Kindergärtler und Primarschüler aus Kastanienbaum werden in der Villa ab dem Sommer während einem Jahr unterrichtet. Da darf der Nachwuchs dann ausgiebig herumtollen.

Bei den ehemaligen Mietern findet Krämerstein als Standort einer Bildungsinstitution weiterhin Anklang: «Eine Privatschule würde hier weiterhin passen, das ist sicher ein absoluter Traum für die Kinder», findet Döbeli vom MAZ im Hinblick auf die mögliche Zukunft des Hauses.

Bis dahin spielen die Mutter und ihre zwei Kinder weiterhin alleine im Garten vor dem Haus. Auf ewig in Metall gegossen, sind sie die konstanten Zeugen eines unsteten Gemäuers. 

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