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«Die Party ist definitiv vorbei»
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Timo Keller, Henrik Belden und Tobi Gmür: Drei Musiker taufen im Dezember ihre neue Platte.  (Bilder: zvg)

Drei Luzerner Musiker über ihre neuen Alben «Die Party ist definitiv vorbei»

15 min Lesezeit 26.11.2016, 11:17 Uhr

Drei Sänger mit Profil und drei höchst unterschiedliche Charaktere: Timo Keller, Henrik Belden und Tobi Gmür haben alle ein neues Album am Start. Wir haben uns mit ihnen an einen Tisch gesetzt, um über das Musikerleben, verstimmte Gitarren, Crowdfunding und Fussball zu sprechen.

Sie kennen und beleben die Musikszene seit Jahren. Sie sind Sänger einer Band und haben alle einmal den Kick Ass Award von Radio 3fach gewonnen. Und: Die drei Songwriter taufen alle im Dezember eine neue Platte. Tobi Gmür, Henrik Belden und Timo Keller sind mit Haut und Haar Musiker.

Tobi Gmür war lange ein Aushängeschild der Luzerner Rockszene mit seiner Band Mothers Pride. Inzwischen geht er es gemächlicher an und singt Mundart. Henrik Belden bezeichnet sich unverhohlen selber als «Popschlampe» und beackert seit einigen Jahren erfolgreich Schweizer Konzertbühnen und Radiostationen. Timo Keller schliesslich ist der introvertierte Tüftler und Bastler, der seine Wurzeln im Hip-Hop hat. Seine Band Hanreti ist das aktuelle Lieblingskind von Szenekennern.

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zentralplus: Was beschäftigt euch im Moment? Henrik Belden, Sie klappern momentan Radiostationen ab, wie man auf Instagram sieht.

Belden: Ja, wir machen grad viel Promo: Interviews, Radiostationen etc. Es ist so abgegangen die letzten Wochen (schaut ungläubig), wir kommen kaum dazu, die Plattentaufe zu planen.

Gmür: Bei mir ist auch Promo angesagt, wie gerade jetzt. Und vor allem Üben! Ich alleine und mit der Band, damit es noch reicht bis zur Plattentaufe.

Belden: Das ist bei mir ähnlich (lacht).

zentralplus: Und bei Hanreti habe ich gesehen, dass das Plattencover Handarbeit ist. Tönt aufwendig.

Keller: Ja, es war zu teuer, das vorfertigen zu lassen. Nun machen wir das Vinylcover auf Bestellung selber.

Gmür: Was heisst das? Siebdrucken?

Keller: Viel schlimmer, mit Schablonen und Spraydosen. Es ist gestört viel Aufwand. Wir haben voller Elan einen Nachmittag lang gesprayt … voll blöde Idee (lacht). Jetzt sind wir in der Zwickmühle: Jede Platte, die wir verkaufen, kackt uns eigentlich an und freut uns gleichzeitig (alle lachen).

Hier der Beweis:

 

zentralplus: Sie sind Musiker und Bandleader, Kulturköpfe, die man in Luzern kennt. Trotzdem bewegen Sie sich in ganz anderen Stilrichtungen. Einverstanden?

Gmür: Ja, irgendwie schon. Wir machen alle Musik, die man selber gut findet. Und wir versuchen das so gut wie möglich zu machen – so schätze ich euch ein.

Belden: Bei allen drei ist es eine Herzblutangelegenheit, das ist schon mal das Wichtigste in der Musik. Unsere Musik ist handmade, so ähnlich wie unterschiedlich: Wenn Hanreti und Henrik Belden ein Doppelkonzert spielen würden, wär’s wahrscheinlich relativ lustig (lacht).

zentralplus: Sie sind alle nicht nur Sänger und Musiker, sondern auch Macher. Sehen Sie sich auch als Förderer?

Keller: Musik machen, Musik selber aufnehmen, andere Musiker aufnehmen – das geht heute Hand in Hand. Ich würde mich eher als Produzent bezeichnen, der per Zufall noch eine Band hat. Bei dir, Henrik, ist es wohl umgekehrt.

Die Band Hanreti mit Timo Keller (ganz links).  (Bild: Silvio Zeder)

Die Band Hanreti mit Timo Keller (ganz links).  (Bild: Silvio Zeder)

Belden: Ich produziere sehr selten, letztes Jahr zwei Demos für junge Musiker. Weil wir ein kleines Tonstudio haben und weil es Spass macht. Aber ich bin klar am wenigsten Produzent von uns Dreien.

zentralplus: Tobi Gmür, Sie waren mit Ihrem Studio lange die erste Anlaufstelle für Musiker in Luzern. Warum jetzt weniger?

Gmür: Ja, als Teenager war es mein Lebensentwurf, Rockstar zu werden und ein eigenes Studio zu betreiben.

Keller: Geil!

Drei Alben und drei Plattentaufen

Hanreti: «Cuetrigger» (VÖ 21.10., nur digital erhältlich, Vinyl auf Bestellung), Plattentaufe: Freitag, 2. Dezember, Schüür Luzern

Henrik Belden: «Black & White» (VÖ 4.11.), Plattentaufe: Freitag, 9. Dezember, Schüür Luzern

Tobi Gmür: «Winterthur» (VÖ 25.11.), Plattentaufe: Freitag, 16. Dezember, Kleintheater Luzern

Gmür: Als es mit meiner Band Mothers Pride einen Break gab, hab ich in meinem Studio in Littau viel produziert, es war damals mein Brotjob, ich war mehr Produzent als Songschreiber und Musiker. Das hat jetzt wieder gekehrt, weil ich mit dem Studio nicht mehr meinen Lebensunterhalt verdienen muss. Dafür habe ich wieder viel mehr Lust, selber Musik zu machen.

zentralplus: Alle drei haben ein brandneues Album am Start. Wie findet ihr die Musik der anderen?

Gmür: Wer fängt an? (alle lachen)

Belden: Ich kenne Hanreti zu wenig gut, um tief reinzugehen. Aber ich kenne die Leute und finde sie cool. Hanreti ist für mich musikalisch etwas weiter weg als die Musik von Tobi. Mothers Pride waren meine Jugend, ich sah sie im Wärchhof. Das ist bis heute geblieben, obwohl mir das Englische besser gefallen hat als Schweizerdeutsch. Kurzum: Ich würde beide Platten zum Kochen oder Autofahren hören. In Luzern gibt es so viele gute Bands. Ich schätze es immer, wenn etwas mit Herzblut gemacht wird und nicht gerade verstimmte Gitarren hat …

Keller: (lacht)

Belden: Wieso, hast du das? (lacht)

zentralplus: Verstimmte Gitarren oder Herzblut?

Keller: Beides!

Gmür: Bewusst? Oder bist du zu faul zum Stimmen?

Keller: Nein, ist einfach nicht mein Ding.

Belden: Ja, Gitarrenstimmen ist überschätzt (lacht).

Tobi Gmür tingelt für seine Alben durch die Schweiz – erste Station: Winterthur.  (Bild: zvg)

Tobi Gmür tingelt für seine Alben durch die Schweiz – erste Station: Winterthur.  (Bild: zvg)

zentralplus: Wie sieht’s bei Ihnen aus, Tobi Gmür?

Gmür: Ich bin wohl Henrik in der Auffassung von Pop und vom Songwriting her näher. Man merkt bei beiden, dass sie es mit Leib und Seele machen, das erleichtert den Zugang zu Musik, die ich vielleicht sonst nicht höre. Ich bin etwas dazwischen. Heni hat gute Chancen bei den Formatradios und Timo hat gute Chancen bei den …

Keller: … Supernerds.

zentralplus: Timo Keller, Sie sind am aktivsten in der Luzerner Musikszene und haben dieses Jahr den Kick Ass Award gewonnen …

Gmür und Belden: Oh ja, definitiv.

Keller: Vielleicht, aber was ist schon die Szene? Luzern ist wie eine Bachmann-Bäckerei und es gibt die verschiedenen Kuchen und Küchlein und jedes hat sein Kerzlein.

«Ich wär gern schon mit 16 an Mothers-Pride-Gigs gewesen.»

Timo Keller

Belden: Luzern ist ja eh ein Dorf. Ein Beispiel: Timo ruft mich vor der Deutschlandtour an, weil das Mischpult zu Bruch gegangen ist, und fragt, ob er unser Digipult ausleihen kann. Man ist automatisch Teil der Szene. Aber klar, Tobi und ich haben Kinder, wir sind nicht mehr so in diesem Kuchen drin wie vor einigen Jahren.

Gmür: Ja, ich habe in so einigen Küchlein dringesteckt … es ist ein gutes Bild.

Keller: (lacht) Was ich geil finde, ist das kuchenübergreifende Ding.

Gmür: Das wäre dann die Kühltheke! (lacht)

Keller: Ja, oder wir Vier hier an diesem Tisch. Wenn ich Henis Musik höre, sage ich nicht «Yes Mann, das ist genau das!». Aber du hörst die Überlegungen und die Freude, die drinstecken.

Belden: Ich hatte schon immer gerne Popmusik, richtige Popmusik. Das hat Tobi weniger und Timo noch weniger. Aber die Herangehensweise ist die gleiche, du willst das Beste herausholen.

Keller: Wenn ich euer Zeugs höre, ist das für mich völlig absurd. Bis vor drei Jahren war ich Hip-Hopper und die Welt daneben gab es nicht. Ich fange jetzt an, dieses Zeugs zu hören, das erste Mal die ganzen Beatles-Sachen. Wenn ich Tobi höre, heisst es bei mir nicht: «Oh yeah, Mothers Pride im Wärchhof!» Ich wär gern schon mit 16 an Mothers-Pride-Gigs gewesen.

Gmür: Ich wär gern mal Hip-Hopper gewesen. Das Feeling hatte ich nie.

Henrik Belden mag's schwarz und weiss.  (Bild: Marco Sieber)

Henrik Belden mag’s schwarz und weiss.  (Bild: Marco Sieber)

zentralplus: Wieso macht man heute noch Platten, obwohl sie weniger verkauft werden und schon oft totgesagt wurden? Ist ein Album immer noch ein grosser Moment?

Belden: Ich wurde jetzt zwei Wochen lang gefragt, ob das beim fünften Album anders sei. Aber nein, es ist immer noch genau gleich, da wären wir wieder beim Herzblut. Wir haben für dieses Album so viel gearbeitet wie noch nie zuvor, wir haben es selber produziert, vieles selber aufgenommen und es dauerte viel länger. Ich war noch nervöser als bei den Alben zuvor.

Gmür: Ich bin immer noch gleich nervös, auch jetzt wieder, bei meinem achten oder neunten Album. Aber noch nervöser bin ich, was das Booking angeht. Ich weiss, dass ich in den Läden und auf iTunes nicht viel verkaufe, aber ich hoffe, dass ich dafür an den Konzerten etwas verkaufe und so die Kosten wieder reinhole.

zentralplus: Wie sieht es bei Hanreti aus? Ist ein Album noch ein Meilenstein?

Keller: Bei uns ist die Plattentaufe eigentlich nicht der Anfang, sondern der Abschluss. Ich habe eben zwei Songs fertig gemacht für das Nachfolgealbum, das nehmen wir bereits im Februar auf. Das war letztes Mal schon so: Bei der Plattentaufe hatten wir das neue Album schon fertig geschrieben.

zentralplus: Wieso denn das?

Keller: Ich versuche, möglichst schnell weiterzudenken. Ich mag das, wenn du den Leuten die Möglichkeit lässt, die Entwicklung in Echtzeit zu verfolgen. Ich mag das Schnelle, das Bauchgefühl ist mir wichtig.

Das Video zu Hanretis «Hippieshit»:

 

zentralplus: Aber wieso denn noch Alben? Man könnte auch einzelne Songs veröffentlichen.

Keller: Ich finde das Album eine konstruktive Ansammlung von Ideen, 10 Songs sind eine sinnvolle Menge, eine gute Dosis Musik.

Belden: Ich bin auch klar ein Verfechter des Albums. Wenn ein Künstler ab und zu EPs oder einzelne Songs herausgibt, kann ich die Entwicklung weniger nachvollziehen. Ein Album hingegen widerspiegelt die Lebenssituation, ein Album steht für eine gewisse Phase. Aber da bin ich vielleicht auch total altmodisch.

zentralplus: Wie wichtig ist die Plattentaufe als Event?

Keller: Ich bin noch neu in dem Ding, ich spiele vielleicht meinen zwölften Gig vorne am Mikrofon. Und es fühlt sich immer noch völlig strange an. Aber wir haben uns auf die Fahne geschrieben: Bei jeder Plattentaufe soll etwas passieren, das nur dort passiert. Nicht einfach ein Konzert, das per Zufall die Plattentaufe ist. Sodass du sagst: Es ist Hanreti-Plattentaufe, ich gehe, weil etwas passiert, was es nur dann gibt. Auf dem neuen Album sind immer drei Schlagzeuge übereinander aufgenommen, und ich wollte das auch live umsetzen. Also spielen wir mit drei Schlagzeugern, insgesamt werden wir etwa 20 Musiker sein.

zentralplus: Wieso dieser Aufwand?

Keller: Wenn du schon Musik machst und erwartest, dass jemand zuhört, dann musst du versuchen, eine Runde weiter zu denken. Darum planen wir auch schon die Plattentaufe 2017.

«Zusammen Musik zu machen ist ein Bubentraum.»

Henrik Belden

zentralplus: Ist ein Album eine Zusammenfassung der letzten Jahre?

Gmür: Sicher hat’s Aktuelles drauf, aber es ist auch immer eine Gelegenheit, um länger zurückzudenken, oder voraus. Mein Plan ist jetzt, jedes Jahr ein Album herauszubringen – immer in einer anderen Stadt aufgenommen.

Keller: Ah, darum Winterthur …

Gmür: Ja, ich will zu all diesen Produzenten und Studios, von denen ich schon gehört habe. Bei jedem für eine Woche vorbeischauen und ein neues Album aufnehmen.

Keller: Ein megaschöner Plan …

Das neue Video von Tobi Gmür:

 

zentralplus: Was ist die nächste Stadt?

Gmür: Wohl Schaffhausen oder Aarau … mich reizen die Challengue-League-Städte. In Schaffhausen gibt’s das Studio «Star Track» von Guz, auch so ein legendäres Teil. Auch nach Lausanne würde ich gern. Hinter der Idee, jedes Jahr ein Album in einer anderen Stadt zu machen, ist der Gedanke der Regelmässigkeit. Ich will der sein, der immer da ist, und ich hoffe, so das Publikum für die Mundart immer etwas zu vergrössern. Sodass ich wieder und wieder spielen kann.

zentralplus: Und wieso Winterthur, abgesehen vom Studio?

Gmür: In Winterthur habe ich megalang nicht mehr gespielt. Sogar die Farben auf dem Cover haben die Farben von Winterthur. Zudem ist der FC Winterthur der schlauste Fussballclub in der Schweiz. Der Geschäftsführer Andres Mösli hatte früher die Punkband Ear. Nach jedem Heimspiel spielt eine Band, es gibt eine Sirupkurve für Kinder und sogar einen Coiffeur. Sie haben sich all den ethischen Grundregeln verpflichtet, das ist ein superschlau geführter Verein. Schon der Slogan ist geil: erstklassig zweitklassig.

zentralplus: Was ist bei Ihnen das Ziel mit dem neuen Album, Henrik Belden? Radioairplay, Verkäufe, Charts, Konzerte?

Belden: Man darf nicht vergessen, wir sind seit neun Jahren unterwegs und spielten über 200 Konzerte. Durch den langen Atem erreichten wir eine gewisse Basis. Wir können viel live spielen und ich habe das Glück, dass die Songs am Radio laufen. Ich habe seit Jahren eine mega Band, wir sind super Kumpels und feiern es ab, wenn wir in den Bus einsteigen und irgendwo spielen können. Das Ziel ist, dass es bleibt, wie es ist.

«Man muss erfinderisch und flexibel bleiben und nicht alten Zeiten nachtrauern.»

Tobi Gmür

zentralplus: Sie leben von der Musik?

Belden: Mehr oder weniger, ja. Ich arbeite sehr hart und mit viel Idealismus. Trotzdem ist es ein Kampf und Ende Monat immer knapp. Dank meiner Frau, die auch einen grossen Teil dazu beiträgt, geht es aber knapp auf.

Gmür: Ich habe ein ähnliches Modell. Meine Frau arbeitet und ich serviere einen Tag. Zwei Tage arbeite ich an einer Schule und habe immer noch ein kleines Studio. Und ich probiere, viel zu spielen, und mit all dem versuche ich, meinen Teil der Lebenskosten beizutragen.

zentralplus: Was ist das Ziel bei Hanreti?

Keller: Es gibt nicht mal eine Antwort darauf. Die vier Leute spielen alle in Bands, wo sie mehr verdienen, aber alle wollen bei Hanreti spielen.

Gmür: Das ist eben cool.

Keller: Wir behalten dieses anarchische Ding bei, wir machen einfach Zeugs und stossen Leute vor den Kopf, berühren einige, andere nerven wir wieder. So kannst du gar keine Ziele definieren.

Belden: Es muss Spass machen, darum geht’s doch. Zusammen Musik zu machen ist ein Bubentraum.

Keller: Wir sind alle in der Jugend einmal geschädigt worden, sonst würden wir das nicht machen. Wenn ich meinem Vater erzähle, was ich so mache, versteht er das nicht.

Die Albumcovers von Henrik Belden, Tobi Gmür und Hanreti.  (Bilder: zvg)

Die Albumcovers von Henrik Belden, Tobi Gmür und Hanreti.  (Bilder: zvg)

zentralplus: Ist es eigentlich frustrierend, dass man als Musiker immer über Geld und Vermarktung reden muss?

Gmür: Mich stresst das nicht so, weil es nicht mehr überlebenswichtig ist. Es hat sich im Musikbusiness so viel geändert, man muss erfinderisch und flexibel bleiben und nicht alten Zeiten nachtrauern. Die Party ist definitiv vorbei.

Belden: Ja, lieber auf kleiner Flamme kochen. Man darf nicht vergessen: Musik ist eine Kunstform, wenn man sie an die Leute bringen will, gehört die Vermarktung dazu. Man will, dass das Publikum an Konzerte kommt, dazu muss man das Business ein bisschen verstehen. Ich sehe oft, dass junge Bands etwas daran scheitern. Das ist schade.

«Ich mache Musik und verkaufe keine scheiss Spieleabende.»

Henrik Belden

zentralplus: Ist denn die Wertschätzung für Musik noch da? Für die Arbeit, die da drinsteckt?

Keller: Sehr!

Gmür: Zum Glück gibt’s das noch.

Keller: Bei uns kannst du die Songs der B-Seite der Vinylplatte selber zusammenstellen, du kriegst deine persönliche Hanreti-B-Seite. Wir schneiden dann die Plattenhülle für dich und schicken es. Nun kommen Bestellungen per Mail rein. Du bist der Nerd in deinem Kämmerchen, es gibt Leute, die das hören, sich Gedanken machen und ein Mail schreiben. Das ist doch megaschön.

Belden: Man macht es für jene, die es wertschätzen. Die Frage ist, wie viele das sind.

Keller: Unsere Überlegung ist: Ich kann denen etwas hinknallen und sagen: «Das ist geil!» Oder ich lasse sie eintauchen und gebe ihnen die Möglichkeit, das selber zu erforschen.

Belden: Ich meine, wir reden von fucking 20 Stutz, das ist ja nicht zu viel verlangt für etwas, das du nachher mindestens 20 Mal hörst. Das Gipfeli beim Beck kostet auch immer gleich viel. Ich sage es an Konzerten: Danke kauft ihr CDs und kommt an Gigs, davon leben wir. Die Zuschauer sind die Botschaftsträger, die das wiederum anderen erzählen. Ich glaube, der Zug ist noch nicht ganz abgefahren.

Und hier Henrik Beldens Video zu «In My Place»:

 

zentralplus: Sie haben alle auf Crowdfunding verzichtet, obwohl es heute fast schon Usus ist, um ein neues Album zu finanzieren.

Keller: Ich finde Crowdfunding das Schlimmste.

Belden: Bin auch gar nicht Fan davon.

zentralplus: Tobi Gmür, Sie haben eine Art exklusiven Club gegründet?

Gmür: Ja, ich habe eine Art privates Crowdfunding gemacht, den «Gönnerclub zur Förderung der musikalischen Karriere von Tobi Gmür». Ich wollte nicht öffentlich betteln, sondern auf diskrete Art. Das hat gut funktioniert, ohne dieses Geld hätte ich das Album nicht machen können. Als Gegenleistung gibt es einmal im Jahr ein Fest mit einer Band.

zentralplus: Ein Crowdfunding ist heute schon fast normal.

Belden: Wenn’s Konzerte oder CDs als Goodies gibt, von mir aus, aber ich will doch nicht einen Spieleabend mit mir und der Band geben, damit jemand 1000 Franken spendiert. Ich will, dass die Leute meine Musik kaufen und an meine Konzerte kommen. Ich mache Musik und verkaufe keine scheiss Spieleabende. Das finde ich irgendwie bescheuert, ich will auch nicht für jemanden kochen, das ist nicht mein Kerngeschäft. Wenn man mich unterstützen will, darf man 20 Franken für die CD zahlen und fertig.

Keller: Es ist auch deprimierend für dich als Band. Kusi Aregger von Weekend Phantom hat mal gesagt: «Crowdfunding ist das heutige Crowdsurfing.» Es ist, wie Heni sagt: Ich mache Musik und das ist mein Produkt.

Belden: Es nimmt den Fokus weg von dem, was du machst. Dann wären wir wieder bei der Wertschätzung für die Musik: Sie wird dadurch geringer.

Gmür: Das wollte ich mit dem Gönnerclub eben vermeiden. Bei mir bekam man Post, diese Zeit nehme ich mir.

Belden: Das ist etwas anderes, es ist ja schön, das gibt ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir supporten jemanden und das kann man zusammen feiern.

Keller: Dann ist es eben kein Spieleabend …

Belden: Nicht zu vergessen: Du nervst die Leute irgendwie auch, ich bekomme die ganze Zeit Mails von irgendwelchen Bands. Bei jungen Bands finde ich das okay, sie brauchen 3000 Franken, um ein Demo aufzunehmen. Für die ist das eine tolle Möglichkeit. Aber wenn du ein Produkt hast, an dem du jahrelang gearbeitet hast, ist es ein Kunstwerk. Und dieses hat es verdient, ganz normal gekauft zu werden – ohne Spieleabend.

Wer sind Hanreti, Tobi Gmür und Henrik Belden?

Timo Keller ist Sänger der vierköpfigen Band Hanreti (zentralplus berichtete). Ihr erstes Album «Alt F» ist 2015 erschienen, das aktuelle Album «Cuetrigger» diesen Oktober. Das nächste Album – dann unter dem Namen «Hansreto» – ist bereits am Entstehen und für 2017 geplant. Das Albumcover stammt vom Luzerner Illustrator Erich Brechbühl. Das Album ist digital erhältlich und die Band verkauft Download-Codes in selbstgebackenen Glückskecksen. Oder aber es gibt eine handgemachte Vinylplatte auf Bestellung: Auf der A-Seite der Platte sind die Songs, welche die Band ausgewählt hat, die B-Seite kann man selber zusammenstellen. Die Plattenhülle wird dann individuell angefertig und zugestellt.

Tobi Gmür veröffentlichte mit «Winterthur» sein zweites Mundartalbum (hier unsere 50 Fragen an ihn). Er hat das Album in Winterthur aufgenommen, das ist Konzept. Weitere Städte sollen im Jahrestakt folgen. Produziert hat «Winterthur» der Musiker David Langhard, er hat darauf deutlich seine Handschrift hinterlassen. Die Illustrationen der Covers sollen zusammen dereinst ein Gesamtbild ergeben. Tobi Gmürs Vorbild Thomas Hösli, der vor fast 10 Jahren verstorben ist, ist auf dem Album eine Hommage gewidmet: «Wenni nome chönnt».

Henrik Belden: Weniger oppulent, ohne Streicher und live eingespielt – so lautete das Credo für Henrik Beldens fünftes Album «Black & White». «Wir wollen auf dem Album so tönen wie live an den Konzerten», sagt dazu Luki Linder, wie Henrik Belden richtig heisst (hier unsere 50 Fragen an ihn). Tatsächlich sind die Songs entschlackt und vielfach ruhiger als auf dem Vorgänger «Head over Heels». Es ist auch mehr ein Bandalbum als zuvor, alle haben an den Songs mitgewirkt, vieles hat die Band selber eingespielt und produziert.

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