Der Franzose Christophe Chassol mit seinem Projekt «Big Sun» im Theater an der Mürg im Zuge der Stanser Musiktage.
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Der Franzose Christophe Chassol mit seinem Projekt «Big Sun» im Theater an der Mürg im Zuge der Stanser Musiktage. (Bild: Dragan Tasic)

Christophe Chassol mit «Big Sun» in Stans Die Musik zum Sprechen gebracht

4 min Lesezeit 10.04.2016, 19:01 Uhr

Palmen, Meer, Savoir vivre. Das sind unsere Westeuropäer-Gedanken zum französischen Überseedepartement Martinique. Der Franzose Christophe Chassol zeigt uns aber mit seinem Projekt «Big Sun» an den Stanser Musiktagen seine ganz persönliche Insel – und diese hat mit einer Postkartenidylle nur wenig gemein.

Eine riesige Leinwand, zwei Fender Rhodes, ein Schlagzeug. «Voici, c’est pas le cinéma. Je veux vous entendre! If you like it you clap, if you feel it you shout. We’re trying to make the images dance tonight», sagt Christophe Chassol ins Mikrophon, setzt sich an sein Rhodes-Piano, zwinkert seinem Schlagzeuger Mathieu Edouard zu, und der Film beginnt.

«Every second since 4 trillion years the equivalent of 10 trillion atom bombs explode in the core of a gigantic ball of fire located 150 kilometers from here. It takes for its light exactly 100’000 years 1 month and 8 minutes to reach us. The sound of, the sound of, the sound of», erzählt eine Frauenstimme aus dem Off zum Bild einer gleissenden Sonne. Und ehe man sich versieht, beginnt Christophe Chassol mit der Stimme mitzuspielen.

(Bild: Dragan Tasic)

Im Hier und Jetzt

Für einen kurzen Moment hört man die Verwandschaft mit Werken wie Ablingers «Voices and Piano», in welchem eine vorgefertigte Tonaufnahme für Klavier transkribiert und im Konzert gleichzeitig gespielt wird. Doch dieser Ausflug in die Zeitgenössische Musik dauert nicht lange. Der Absolvent des Berklee Colleges of Music reharmonisiert die Sprachmelodien seiner Protagonisten immer wieder aufs Neue, mal à la Steve Reich, mal poppig, mal als Samba. Ultrascore nennt er diese Technik. Er wolle das Hier und Jetzt hörbar machen, sagte er in Interviews.

Der Franzose Christophe Chassol mit seinem Projekt «Big Sun» im Theater an der Mürg im Zuge der Stanser Musiktage.

Der Franzose Christophe Chassol mit seinem Projekt «Big Sun» im Theater an der Mürg im Zuge der Stanser Musiktage.

(Bild: Dragan Tasic)

Der Pianist und Filmemacher Christophe Chassol ist eigentlich ein Geschichtenerzähler. Für sein neustes Projekt «Big Sun», nach «Nola Cherie» (2011) und «Indiamore» (2013) der letzte Teil seiner Trilogie, ist er mit seinem Team 2014 nach Martinique gereist, das Land seiner Eltern, und mit einem Koffer voller Klänge und Bilder wieder zurückgekehrt. Es sind nicht die schönen Südsee-Fotos, die man aus Reiseprospekten und Fernweh-Dokus kennt. Chassol erzählt uns sein Martinique.

Von Vogelgezwitscher über Tropenstürme, junge kreolische Rapper, die Acapella ihre Kunst zum Besten geben, eine Trommlerin, die schüchtern in die Kamera blickt, eine Tänzerin, die ihre Schritte vergessen hat, eine alte Dame, die über ihre 9 Kinder spricht, und ein pfeifbegabter Herr, der vom Wind erzählt. Sie alle werden im Zuge dieses Konzerts zu einem Teil der Band, eingebettet in die treibende Musik werden ihnen die Worte im Mund umgedreht, geloopt und in verschiedene Richtungen gelenkt.

(Bild: Dragan Tasic)

(Bild: Dragan Tasic)

Es ist die Musik, die spricht

Dass der deutschsprechende Schweizer dem Antillen-Französisch nicht folgen kann, tut dem ganzen nichts ab. «C’est pas important. Tu ecoute la mélodie, tu comprends. You feel it», sagt er nacher im Gespräch mit einem Glas Rotwein in der Hand. Dementsprechend überdeckt er die Stimmen mit seinen Pianoklängen je länger je mehr, bis man nicht mehr sicher ist, ob überhaupt noch jemand spricht.

«Chassol und Edouard gehören zu der Sparte Musiker, denen man am liebsten die ganze Nacht zuschauen möchte.»

Es ist aber nicht nur der Film, der dieses Projekt so besonders macht. Chassol und Edouard gehören zu der Sparte Musiker, denen man am liebsten die ganze Nacht zuschauen möchte. Ein Grossteil des Konzertes sitzen sie vis-à-vis und spielen in bester Jazz-Manier mal miteinander, mal gegeneinander, führen den anderen in die Irre, nur um dann schelmisch dem Publikum zuzuwinken, bevor sie wieder unisono weiterspielen. Ab und an goutiert das Publikum dies mit spontanem Applaus, die meiste Zeit aber sitzt es konzentriert auf den Stühlen des Theaters und lässt sich erschlagen von dieser Fülle an Klängen, Geräuschen, Bildern und Bewegungen.

Was am Schluss bleibt, ist ein zufriedenes Lächeln im Gesicht und das Bedürfnis, unbedingt einmal nach Martinique zu reisen, wo Chassol übrigens anfangs Woche sein Programm das erste Mal den Leuten aus dem Film vorgespielt hat. Chassol wird im Herbst 2016 wieder in der Schweiz spielen, hat er mir am Schluss verraten.

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