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«Die MS Diamant hatte dort nichts zu suchen»
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Shiptec-Geschäftsführer Rudolf Stadelmann im Bug der «MS Diamant». (Bild: bic)

Luzern: Vorwürfe an Kapitän nach Schiffs-Havarie «Die MS Diamant hatte dort nichts zu suchen»

4 min Lesezeit 22.02.2018, 14:56 Uhr

Nach der Havarie der MS Diamant wurden am Donnerstag neue Fakten bekannt. Brisant dabei: Der Kapitän hätte nie und nimmer den eingeschlagenen Kurs wählen dürfen. Ausserdem war er viel zu schnell unterwegs. Nicht weniges am Unfallhergang erinnert an den «Costa Concordia»-Unfall.

Am 7. Dezember lief das Motorschiff Diamant der Schiffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) auf Grund. Personen kamen nicht zu Schaden (zentralplus berichtete). Es entstand ein hoher Sachschaden von gut 2.5 Millionen Franken (zentralplus berichtete). 

Die am Rumpf beschädigte «MS Diamant» wird momentan in der Werfthalle der SGV in Luzern repariert. Diesen Donnerstag orientierten die SGV und die Schiffbaufirma Shiptec über die neusten Entwicklungen und Erkenntnisse bezüglich des Unfallhergangs und der entstandenen Schäden.

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«Wir wissen nach wie vor, dass weder meteorologische noch technische Aspekte für den Unfall verantwortlich sind», sagt SGV-Chef Stefan Schulthess. Auch Alkoholeinfluss oder Ablenkung im Führerstand könnten ausgeschlossen werden.

«Weitere Angaben können wir aufgrund des laufenden Verfahrens jedoch nicht machen», wiederholte Schulthess fast mantraartig die Aussagen, die er bereits im Dezember gemacht hatte. Die Untersuchung führen die Staatsanwaltschaft und die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (SUST).

Ein paar «neue» Details liess er sich dann aber trotzdem entlocken. Dabei standen insbesondere die während der Unfallfahrt verantwortlichen Personen und der vom Kapitän eingeschlage Kurs im Fokus. Die Diamant war am Unfallabend im Auftrag eines privaten Kunden unterwegs.

Kurs frei gewählt

Bei Spezialfahrten ist der Kapitän frei, welchen Kurs er einschlagen will. Im Falle von Extrafahrten würde er meistens die Wünsche der Kunden berücksichtigen. «Es gibt aber Vorgaben, die zwingend eingehalten werden müssen. Dazu gehören mitunter die Geschwindigkeit und der Abstand zum Ufer», erklärt Stefan Schulthess.

«Was passiert ist, ist verboten und war nicht sonderlich intelligent.»

Stefan Schulthess, SGV-Chef

Gemäss den gesetzlichen Bestimmungen sollte der Uferabstand am Unfallort 120 Meter betragen. Die Kollision geschah allerdings lediglich rund 10 Meter vom Ufer entfernt. Der gerammte Felsen liegt gerademal einen Meter unter der Wasseroberfläche, erklärte Shiptec-Chef Rudolf Stadelmann. Shiptec ist für die Evaluation der Schäden und die Reparatur des Schiffs verantwortlich.

Einer der zahlreichen Risse im Rumpf.

Einer der zahlreichen Risse im Rumpf.

(Bild: bic)

Es sei laut Gesetz zwar zulässig, auf Spezialfahrten näher ans Ufer zu fahren. «So nahe am Ufer hat ein Schiff aber auch bei solchen Fahrten nichts zu suchen», sagt Stadelmann klipp und klar.

Während der Fahrt könne der Kunde mit dem Kapitän Kontakt aufnehmen und allfällige Wünsche anbringen. «Inwiefern er diese letztlich erfüllt und darauf eingehen will, liegt im Ermessen und in der Verantwortung des Kapitäns», sagt SGV-Chef Schulthess. Was diesbezüglich am Abend der Havarie genau geschah, lässt er sich indes nicht entlocken.

Im Rumpf klafft zurzeit ein riesiges Loch.

Im Rumpf klafft zurzeit ein riesiges Loch. Einige Stahlträger mussten durchtrennt werden.

(Bild: bic)

Zudem muss die Geschwindigkeit gedrosselt werden, wenn man näher ans Ufer fährt. Erlaubt gewesen wären an dieser Stelle folglich 10 Stundenkilometer. Der Aufprall passierte indes mit einer Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern, weshalb letztlich auch die Schäden so gross ausfallen, sagt Rudolf Stadelmann.

Schiffsführer bleibt angestellt

«Die für den Unfall verantwortlichen Personen sind weiterhin bei der SGV angestellt. Allerdings bis auf Weiteres in einem anderen Tätigkeitsbereich», sagt Schulthess. Auf den SGV-Schiffen sind jeweils vier Personen für den reibungslosen Fahrbetrieb verantwortlich.

«Die Havarie war ein Einzelfall und basierte auf einer indivuduellen Fehleinschätzung.» Spezielle Massnahmen wie Weiterbildungen oder schärfere Vorschriften werde man deshalb nicht unternehmen. «Was passiert ist, ist so oder so verboten und war nicht sonderlich intelligent», so Schulthess.

Reparaturen laufen auf Hochtouren

Während sich die SGV zur Zukunft der verantwortlichen Personen weiter bedeckt hält, kommen die Konsequenzen für das Schiff immer mehr ans Licht. «Neben mehreren Rissen im Rumpf kam es auch zu deutlichen Deformationen wie Einbuchtungen und anderen Schäden auf einer länge von gut 23 Metern», erklärte Shiptec-Chef Stadelmann.

Dutzende Stahlträger wurden verbogen. Sie müssen alle ersetzt werden.

Dutzende Stahlträger wurden verbogen. Sie müssen alle ersetzt werden.

(Bild: bic)

Hinzu kommen Verformungen im inneren Bereich des Rumpfes. Diverse Stahlteile wurden massiv verbogen und müssen ersetzt werden. Deshalb klafft zurzeit ein riesiges Loch im Rumpf der Diamant.

Die «MS Diamant» wiegt gut 400 Tonnen. Die Fahrt wurde bei dem Aufprall fast komplett gestoppt. Die Kräfte die sich auf den Rumpf ausgewirkt haben, seien enorm gewesen, weshalb die Schäden nicht überraschend sind, so Rudolf Stadelmann in einem kurzen Physik-Crashkurs. Der gerammte Fels wurde in der Mitte geteilt.

Ganze Stahlträger im Rumpf mussten durchtrennt werden: Ein Shiptec-Arbeiter repariert die «Diamant».

Ein ungewohntes Bild: Blick ins Schiffsinnere durch das riesige Loch im Rumpf.

Zu den zu reparierenden «Strukturen» des Schiffs kommen die Schäden an den technischen Anlagen. Das tatsächliche Ausmass hat sich erst nach und nach gezeigt. «Batterien, Küchengeräte und Möbel, andere elektrische Geräte, Isolationen, der Lift und einiges mehr muss komplett ersetzt werden», so Stadelmann. Alle diese Einrichtungen standen im Wasser, das im Bug teilweise Brusthoch war.

Die «MS Diamant» in der Werfthalle in Luzern.

Die «MS Diamant» in der Werfthalle in Luzern.

(Bild: bic)

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