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Die «Milchkuh» der Frauenzentrale ist bedroht
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Das Brockenhaus in Zug: Seit Jahren der Ausgangspunkt für ein zweites Leben für Spiegel, Bilder, Lampen und Co. Die Zukunft des Brockis ist allerdings höchst ungewiss. (Bild: pbu )

Das Zuger Brocki auf Messers Schneide Die «Milchkuh» der Frauenzentrale ist bedroht

6 min Lesezeit 28.04.2016, 14:35 Uhr

Das Brockenhaus ist in Gefahr – und mit ihm ein wichtiges Zuger Sozialwerk. Dies, obwohl das Brocki eine Erfolgsgeschichte sondergleichen schreibt: Eine halbe Million Reingewinn, 150 Beschäftigte und bis zu 700 Kunden an einem Tag. Aber die Schlinge zieht sich langsam zu.

Es ist kalt im Untergeschoss des Zuger Brockis. Inmitten von alten Spiegeln, gebrauchten Möbelstücken und einem Potpourri aus unzähligen Lampen muss man in Bewegung bleiben, um die mittlere Körpertemperatur halten zu können. «Das liegt am Gebäude», sagt Geschäftsleiter Hans Küttel. «Im Winter ist das nicht sehr angenehm, gerade für die Mitarbeitenden. Die Kühle im Gemäuer wirkt sich dafür während der Sommerhitze positiv aus.»

Küttel, der das Haus seit nunmehr sechs Jahren leitet, verstaut noch kurz eine Kiste voll mit Gegenständen, die es zu etikettieren gilt, bevor er uns durch sein Reich führt. Normalerweise tummeln sich hier an Verkaufstagen bis zu 700 Menschen. «Das variiert je nach Wetter», erklärt der Chef, der eigentlich selbstständiger Unternehmensberater ist und das Brocki in einem 60-Prozent Pensum leitet.

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Unklare Zukunftsaussichten

Die Zukunft des Brockis steht allerdings auf Messers Schneide. Bis Ende 2019 können das Brockenhaus der Frauenzentrale und der Ökihof noch am alten Güterbahnhof in Zug bleiben. Dann ist voraussichtlich Schluss (zentralplus berichtete). Ein neuer Standort ist noch nicht gefunden. Und die Wahrscheinlichkeit, dass das Brocki künftig getrennt vom Ökihof operieren wird, ist nicht von der Hand zu weisen.

«Die Politik weiss nicht, was sie will.»

Hans Küttel, Geschäftsleiter Brockenhaus Zug

«Das wäre ein unschönes Szenario», sagt Küttel, während er uns auf die obere Etage des Brockis führt. «Denn bei einem Alleingang würde unser Reingewinn auf vielleicht 100’000 Franken schrumpfen. Dann würde es die Frauenzentrale (siehe Box), wie sie heute existiert, nicht mehr geben.»

Geschäftsleiter Hans Küttel im Zuger Brockenhaus.

Geschäftsleiter Hans Küttel im Zuger Brockenhaus.

(Bild: pbu)

Auf eigene Faust

Küttel zeigt sich leicht ungehalten. «Die Politik weiss nicht, was sie will. Die Stadt konzentriert sich nun anscheinend aufs Göbli. Aber die Platzverhältnisse sind äusserst fraglich. Zudem sehe ich dort grosses Einsprachepotential und die Zufahrt ist ebenfalls problematisch.» Der Vorstand der Frauenzentrale hat beschlossen, vorerst bis Ende Jahr am Plan A festzuhalten. Das heisst, möglichst zusammen mit dem Ökihof einen neuen Standort zu finden.

Frauenzentrale Zug

Am 25. September 1969 wurde die Frauenzentrale Zug als Dachverband aller Zuger Frauenorganisationen gegründet. Bis heute ist die Frauenzentrale Zug eine gemeinnützige Organisation und Anlaufstelle mit Beratungs- und Bildungsangeboten für Frauen, Männer, Paare und Familien. Sie bündelt als Verein ausserdem die Kräfte von Organisationen und Einzelpersonen im gesellschaftspolitischen Bereich. Die Aktivitäten der Frauenzentrale Zug sind auf den Kanton Zug ausgerichtet und umfassen folgende drei Handlungsfelder: Eff-zett das Fachzentrum, Frauenetz und Brockenhaus.

«Uns läuft aber die Zeit davon. Die politischen Mühlen mahlen langsam. Ab einem gewissen Zeitpunkt müssen wir einen neuen Plan ausarbeiten.» Das wäre dann Plan B. Das Hauptproblem sei dabei nicht in erster Linie das Gebäude, sondern die Parkmöglichkeiten, betont Küttel. «Wir brauchen eine Parkfläche von 30 bis 40 Parkplätzen. Das ist die grosse Schwierigkeit.»

25’000 freiwillige Arbeitsstunden

Küttels Engagement ist spürbar. Und widerspiegelt sich in seinem Arbeitspensum: «In Wirklichkeit arbeite ich hier etwa zu 80 Prozent», präzisiert er schmunzelnd, während einige Damen Kleider sortieren und Geschirrstücke mit Preisschildern versehen. Neben den sieben Festangestellten sind gut 150 Freiwillige im Brocki tätig. «Freiwilligenarbeit war bereits in den Anfangsjahren ein Thema. Die soziale Komponente ist uns enorm wichtig», betont er.

«Wenn Frauen Ja sagen, halten sie sich eher daran. Männer sind unzuverlässiger.»

Mittlerweile komme man jährlich auf gut 25’000 freiwillige Arbeitsstunden. Das spart natürlich Kosten, doch viel wichtiger sei die soziale Verantwortung. «Wir haben hier so etwas wie eine Brocki-Familie. Wir bieten den Freiwilligen eine Art Zuhause», sagt Küttel und verweist unter anderem auf die verwitweten Frauen, denen hier eine gewisse Struktur geboten wird. 85 bis 90 Prozent des Personalbestandes ist weiblich.

Das komme nicht von ungefähr: «Ich habe festgestellt, dass Frauen ein höheres Verantwortungsgefühl haben als Männer. Wenn Frauen Ja sagen, dann halten sie sich eher daran. Männer sind da leider etwas unzuverlässiger.» Der Brockenhaus-Leiter macht auch historische Gründe geltend. Als das Brocki 1976 gegründet wurde, arbeiteten dort vor allem Frauen von gut verdienenden Männern. Im Gegensatz zu einer «normalen» Arbeit hätten die Männer damals ihren Frauen das «Arbeiten für einen guten Zweck» quasi erlaubt.

Das Brocki als «Milchkuh»

Kommt hinzu, dass das Brockenhaus unter dem Dach der Frauenzentrale angesiedelt ist – und dabei eine enorm wichtige Rolle einnimmt. Denn die Frauenzentrale bietet neben staatlich alimentierten Leistungen auch Dienste, die nicht von der öffentlichen Hand bezahlt werden. Hier fungiert das Brocki als Geldgeber. «Das Brocki ist quasi die Milchkuh der Frauenzentrale», sagt Küttel. Das sei berechtigt, da das Geld ja fast ausschliesslich für soziale Aufgaben der Frauenzentrale eingesetzt werde.

«Durch den Ökihof haben wir 30 bis 40 Prozent mehr Laufkundschaft.»

Wenn das Brocki nicht wäre, gäbe es einen grossen Leistungsabbau bei der Frauenzentrale, ist Küttel überzeugt. Denn das Brockenhaus generiere heute einen Jahresumsatz zwischen 850’000 und 900’000 Franken. Nach Abzug der Fixkosten bleibt so ein Ertrag von gut einer halben Million.

Diese Zahlen habe man auch dem Ökihof zu verdanken. «Die Zusammenarbeit mit dem Ökihof hat sich äusserst bewährt. Einerseits für die Kundschaft, andererseits für uns, da wir dadurch zusätzliche Laufkundschaft haben.» Küttel spricht von 30 bis 40 Prozent mehr Kunden. Und letztlich sei das Brockenhaus ja nichts anderes als eine erweiterte Form der Entsorgung.

Zwischendurch wähnt man sich in einem Möbelhaus.

Zwischendurch wähnt man sich in einem Möbelhaus.

(Bild: pbu)

Druck vom Discounter und geklaute Möbel

Küttel spricht klar von einer Erfolgsgeschichte, die das Brocki durchlaufen habe, und nennt drei Eckpfeiler dafür: «Erstens der Enthusiasmus der Freiwilligen. Zweitens die Qualität und Menge der angelieferten Waren, was ganz klar mit dem Kanton Zug zu tun hat. Die Leute bringen nicht nur viele Sachen, sondern grösstenteils auch qualitativ Hochwertiges. Und drittens die hohe Kundentreue. Wir haben 70 bis 80 Prozent Stammkunden bis weit über Zug hinaus. Dies durch alle Bevölkerungsschichten.»

Doch auch im Brocki gibts neue Herausforderungen. Die Discountpreise im Detailhandel stehen zunehmend in einem Konkurrenzverhältnis. «Wenn sich die Preise von gebrauchten Waren nicht mehr von denen neuer Artikel unterscheiden, stellen sich die Leute natürlich Fragen.» Auch Diebstahl sei ein grosses Thema. Beginnend bei Schuhen und Kleidungsstücken, bis hin zu elektronischen Geräten. «Einmal wurden uns gar vier Bürostühle entwendet, die wir draussen angepriesen haben. Niemandem ist aufgefallen, dass die auf einmal weg waren», erzählt Küttel.

Die Hauptsorge ist und bleibt allerdings die ungewisse Zukunft. Das Gebiet Göbli bleibt trotz aller Vorbehalte wohl die einzige Chance, um auch weiterhin gemeinsame Sache mit dem Ökihof zu machen. «Die Stadt hat keine anderen Landreserven», gibt Küttel zu bedenken – ohne dabei seine Gelassenheit zu verlieren: «Mal schauen, was passiert. Wir denken positiv.»

40 Jahre Brockenhaus Zug

Das Brocki der Frauenzentrale Zug wurde 1976 gegründet und ist heute eine etablierte Zuger Institution. Sie generiert finanzielle Mittel ausschliesslich zugunsten der Gesamtorganisation Frauenzentrale Zug, die sich wiederum für soziale Aufgaben, gemeinnützige Projekte oder spontane Hilfe in Notfällen einsetzt.

Das Brocki handelt mit gebrauchten Waren, die sie von Privatpersonen und Firmen gratis erhält. Somit bekommen ausgemusterte Gegenstände des Hausrats ein zweites Leben. Dies ist mehrfach nachhaltig: Die Wiederverwendung von Gütern ist ein Beitrag zum Umweltschutz und schont die Ressourcen. Und im Brocki kann budgetschonend eingekauft werden. Darüber hinaus bietet das Brocki Beschäftigungsmöglichkeiten für freiwillige Mitarbeiter.

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