«Die Mainstream-Gesellschaft und die Menschen von der Gasse sind sich sehr ähnlich»
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Er tritt in die Fussstapfen von Franz Zemp: Valentin Beck (37). (Bild: ida)

Neuer Seelsorger der Gassenarbeit Luzern «Die Mainstream-Gesellschaft und die Menschen von der Gasse sind sich sehr ähnlich»

7 min Lesezeit 1 Kommentar 23.05.2021, 14:46 Uhr

Valentin Beck ist der neue Seelsorger der Gassenarbeit Luzern. In den ersten Wochen hat er viele Menschen kennengelernt – und die Geschichten dahinter. Es kann sein, dass er vor zehn Jahren Akten eines Fünfjährigen durchforstet hat, der in einem Kinderheim missbraucht wurde – und ihm nun als Erwachsenen auf der Gasse begegnet. Der 37-Jährige erklärt, warum er für diese Menschen da sein will.

Valentin Beck eilt herbei, fährt sich mit seiner Hand durchs vom Fahrtwind zerzauste Haar. Er lässt Menschen nicht gerne warten. Doch manchmal hat es einen guten Grund.

Ein Mann habe ihm vorhin, als er eben die «Gassechuchi» am Luzerner Geissensteinring verlassen und sich auf sein Velo setzen wollte, auf seine Schulter getippt. Er müsse mit ihm etwas Wichtiges erzählen, sei bereit, mehr über seine Vergangenheit preiszugeben. In solchen Momenten müsse er einfach da sein, sagt Valentin Beck. Ein offenes Ohr haben. «So etwas kann man nicht vertagen.»

Das ist auch Valentin Becks neue Aufgabe als Seelsorger der Gassenarbeit Luzern. Sucht- und armutsbetroffene Menschen in Krisensituationen, bei Sinnfragen und in Todesfällen zur Seite zu stehen. Beck tritt in die Fussstapfen von Franz Zemp (zentralplus berichtete).

Ein offenes Ohr

Seelsorge ist für den 37-Jährigen eine sinnstiftende Arbeit, wie er sagt. «Es ist wichtig, dass es ein offenes Ohr für armuts- und suchtbetroffene Menschen gibt.» Ihnen Möglichkeit zu geben, einen Ansprechpartner zu haben – und dabei offenzulassen, ob das Gegenüber das Angebot annehmen will oder nicht. Und ohne, dass ein therapeutisches Ziel dahintersteckt. Die Menschen zu akzeptieren, an dem Punkt, wo und wie sie sind.

«Jeder und jede kann ein wenig Seelsorge machen für andere – auch die Kioskverkäuferin um die Ecke.»

Jemand, der sie wahrnimmt, ihnen zuhört, Zeit schenkt. Seiner Meinung nach fehlt das an vielen Orten in der Gesellschaft. «Und dabei kann jeder und jede ein wenig Seelsorge machen für andere – auch die Kioskverkäuferin um die Ecke.»

Beck schaut gerne hinter die Fassade von Menschen. Das lernte er bereits als Psychiatrieseelsorger in der Klinik St. Urban. Er sieht die Geschichten hinter denen, die in ihrem Leben eine Abzweigung genommen haben, er kennt die Geschichten und Zusammenhänge, die dazu führten, dass jemand auf der Gasse gelandet ist.

Hinter jeder Abzweigung steckt eine Geschichte

Für Schicksalsschläge interessierte sich Valentin Beck schon immer. Vor zehn Jahren untersuchte er gemeinsam mit dem Theologen Markus Ries Gewalt- und Missbrauchsfälle in Kinder- und Jugendheimen, nachdem die Katholische Kirche in Luzern sie dazu beauftragt hatte. «Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich damals eine Akte eines 5-jährigen Kindes gelesen habe, das Missbrauch erlebte und das ich nun als Erwachsenen auf der Gasse sehe», sagt Valentin Beck.

Über die Gassenarbeit Luzern

Der Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern unterstützt mit seinen 50 Mitarbeitenden über 700 sucht- und armutsbetroffene Menschen in den Betrieben GasseChuchi – K+A, Schalter 20, Paradiesgässli, aufsuchende Sozialarbeit und Seelsorge. Ebenso sind die «GasseZiitig» und das Catering Mundwerk Angebote der Gassenarbeit.

Das sei für ihn symptomatisch. «Solche Erlebnisse, Traumata sowie von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, können eine Biografie jahrzehntelang beeinflussen.» Das Erlebte mit Alkohol und Drogen kompensieren zu wollen. In seinen ersten Wochen lernte er viele Menschen und viele Schicksale dahinter kennen. Jemand habe ihm anvertraut, dass er in Kindheitsjahren in einem der untersuchten Heime grosses Leid erfahren habe. Das hat Valentin Beck beschäftigt. «Das ist für mich quasi wie eine zum Leben erweckte historische Akte.»

Die eine Abzweigung

Eigentlich wusste es Valentin Beck. Dennoch hat es ihn erstaunt: Wie schmal der Grat ist, wie klein ein Auslöser sein kann, dass es jemanden auf eine andere Bahn wirft. Das wurde ihm umso bewusster, als er einen Mann in der «Gassechuchi» kennenlernte, der früher denselben Beruf hatte wie einer seiner Freunde, ihm sogar charakterlich und vom Aussehen her gleicht. Nur mit dem Unterschied, dass der eine auf der Gasse landete, viel kifft – und der andere Job und Wohnung hat.

«Die ‹Mainstream-Gesellschaft› und die Menschen von der Gasse sind viel näher beieinander, als ich gedacht hätte», sagt Beck. In der Gassenküche trifft er auf viele Menschen, die belesener und politisch interessierter sind als so manche da draussen. Und doch führen sie ein Leben, das von vielen anderen nicht akzeptiert werde.

Er war schon als Jugendlicher an «originellen Biografien» interessiert

Beck wuchs im ländlichen Ruswil auf, «wohlbehütet», wie er sagt. Heute wohnt er in der Stadt – switcht aber auch gerne aufs Land zurück, mit der «die 25-Minuten-Zeitmaschine», dem Rottal-Bus nach Ruswil. Den Graben zwischen Stadt und Land nimmt er als gross wahr. Was politische Einstellungen betrifft, Toleranz gegenüber «Anders-»lebenden, umgekehrt aber auch, was den sozialen Zusammenhalt betrifft. Mehr und mehr öffnete Beck seinen Blick.

«An Gott habe ich immer wieder gezweifelt.»

Er hatte schon als Jugendlicher einen Draht zu Menschen, die vielleicht manch einer als schräg abgestempelt hätte. Dorforiginale, oftmals Suchtbetroffene, mit denen er bei Festen in Ruswil bis tief in die Nacht diskutierte. Diese Menschen und Biografien haben ihn schon immer interessiert. «Ich habe diese Menschen immer wahr- und ernstgenommen», sagt Beck.

Später besuchte er die Kanti in Willisau, nach der Matura reiste er nach Afrika, wo ihm die ungerechte Wohlstandsverteilung auf der Welt auf eindrückliche Art sichtbar geworden sei. «An Gott habe ich immer wieder gezweifelt», sagt Beck. «Aber ganz losgeworden bin ich ihn halt nie.»

Und er lächelt. Auch gegenüber der Kirche äussert er Skepsis – zum Beispiel, was die Diskriminierung von Frauen angehe sowie die Sexualmoral. Aber die Gassenarbeit Luzern sei für ihn wiederum ein Zeichen einer glaubwürdigen Kirche, welche sozialdiakonische Arbeit vor Ort mache.

«Genau das sind für mich Leistungen, die mich stärken und die mir vor Augen führen, dass die Kirche eine Institution ist, die Kraft hat und deren Kern gut ist. Es aber gleichzeitig an der Zeit ist, veraltete Dinge endlich zu modernisieren.»

Die Kirche von den Rändern denken, die beiden «Welten» zusammenbringen

Valentin Beck möchte sogenannt «Randständige» in die Mitte bringen. Die zwei Welten zusammenführen. Sei es, Randständige an einen FCL-Match oder einen Töpferkurs zu begleiten, oder ihre Kinder in Jubla-Lager – und den anderen die Welt auf der Gasse, Armut und Sucht näherzubringen. Er ist überzeugt: Beide lernen voneinander.

«Diese Menschen hier geben mir sehr viel zurück. Es ist nur schon schön zu sehen, wenn ich jemandem ein Kompliment mache und dieser mir ein Lächeln zurückgibt. Oder das Vertrauen, das sie mir schenken. Die verschiedenen Weltanschauungen. Zu realisieren, was die wirklichen Grundbedürfnisse im Leben sind – und was völlige Peanuts sind.»

Zurück zum Wesentlichen zu kommen. Wertschätzung, körperliche wie geistige Nähe oder behütet zu werden. Oder dankbarer zu sein. Auch davon können wir uns eine Scheibe abschneiden. So konnte die Gassenküche während Corona ihren Klienten beispielsweise gratis Essen abgeben, weil der Kanton die Kosten übernommen hat (zentralplus berichtete).

Die Menschen hätten das sehr wertgeschätzt, sagt Beck. Einmal habe er gewitzelt, dass es ja noch lange gratis Essen geben könnte, bei den Millionen, welche gewisse Unternehmen bekommen. «Und da ermahnte mich ein Klient: ‹He! Immerhin haben sie an uns gedacht.›»

Durch den Tod hat er viel gelernt

Der Tod ist auf der Gasse präsent: Drogenkonsum, Krankheit, Suizid. Auch als Beck das Totenbuch in der «Gassechuchi» durchblätterte, wurde ihm bewusst, dass viele Menschen in den 40ern oder den frühen 50ern gestorben sind. Wir trafen Valentin Beck zweimal – einmal in der Jungwacht Blauring, wo er nach wie vor als Jubla-Bundespräses tätig ist. Und einmal in der Gassenküche. Dazwischen liegen Gespräche mit Hinterbliebenen, das Planen von Abdankungen, Beisetzungen.

Auch wenn jeder Tod schmerzt und nahe geht – Valentin Beck sieht nach Todesfällen auch die Chance, mit Hinterbliebenen tiefe Gespräche zu führen, über Sinnfragen zu diskutieren und zwischenmenschliche Beziehungen zu vertiefen.

«Manchmal frage ich mich, ob ich tragische Momente spannender als schöne Momente finde.»

«Manchmal frage ich mich, ob ich tragische Momente spannender als schöne Momente finde», sagt Beck, der auch als Ritualgestalter Hochzeiten durchführte. «Tragische Momente sind direkter und tiefer, oftmals auch ehrlicher.»

Beck erinnert sich an seine Kindheit zurück, als sich ein Jungwachtleiter das Leben genommen hat und die aus 150 Personen bestehende Jungwachtschar durch das Ereignis zusammenwuchs, eine Tiefe daraus entstand, die für Jahre hielt. Oder als sein Vater nach fast zwei Jahren Kampf mit dem Krebs mit 59 Jahren verstorben ist. Die Familie noch enger zueinander fand.

«Ich habe durch den Tod viel gelernt und schaue das Leben seither anders an.» Er versuche, bewusster zu leben. Für seine Mitmenschen da zu sein – lieber übermüdet an ein Geschäftsmeeting zu kommen, als für einen Menschen, der ihn brauchte, nicht da zu sein.

Vor dem Tod hat er keine Angst – vor dem Sterben aber grossen Respekt. «Der Tod ist der manifesteste Ausdruck dessen, was unser Leben ist: Nämlich eine endliche, aber unendlich wertvolle Geschichte.»

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1 Kommentare
  1. Roli Greter, 25.05.2021, 18:05 Uhr

    Super Interview, spannendes und wichtiges Thema.

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