Die Magie des Neonlichts
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Wie ausserirdische Kreaturen sehen die von Neonlicht bestrahlten Körper der Tänzer im Lausanner Stück «Vacuum» aus. (Bild: Philippe Weissbrodt)

Auftakt des Luzerner Tanzfests im Südpol Die Magie des Neonlichts

4 min Lesezeit 14.05.2016, 16:55 Uhr

Die elfte Ausgabe des Tanzfests im Südpol begann mit einer Podiumsdiskussion. Es ging um die Bedeutung und Zukunft der Zentralschweizer Tanzszene. Die Vielseitigkeit der Interpretationen, was Tanztheater ist und sein kann, konnte man mit den Stücken «Vacuum» und dem «Biografie-Spiel» erleben.

Während der Gesprächsrunde am Freitag lieferte das wohl grösste Diskussionspotenzial der Kulturbeauftragte des Kantons, Stefan Sägesser. Wenn die öffentliche Giesskanne zum Einsatz kommt, sollen aber auch «Blumen zu sehen» sein, sagte er. Es brauche eine Entwicklung, aber auch klare Forderungen und ein klares Statement seitens der Zentralschweizer Tanzszene.

Nicht so leicht zugänglich

Diese scheinen gerade bei der neu gegründeten IG Tanz formuliert zu werden, erklärte die Choreographin und Tänzerin Claudine Ulrich dazu. Leider gab es für das Publikum aber noch keine Kostprobe, wie sie aussehen mögen. Uneinigkeit herrschte auch darüber, ob es nun die persönliche Aufgabe des Einzelnen ist, sich um eine bessere Vernetzung zu bemühen. Es stelle vielmehr ein strukturelles Problem dar, sagte Isabelle Vuong, die Geschäftsleiterin des Tanznetzwerks Schweiz RESO. Offensichtlich scheint «die sehr überschaubare und kleine Zentralschweizer Tanzszene» für Neuankömmlinge nicht so leicht zugänglich zu sein, so auch eine Stimme aus dem Publikum.

Viele fühlen sich übersehen

Viele fühlen sich auch übersehen, wie das Theater in Altdorf. Es bietet «Raum gegen Kunst», und das Theater ist offen für Experimente. Leider spielt der Tanz aufgrund fehlender Nachfrage eher eine kleine Rolle und beschränkt sich auf ein regionales Programm. Wie das Ganze besser funktionieren könnte, erklärte Ulrich nicht in blumigen Metaphern, sondern erfreulicherweise an konkreten Bespielen aus Schweden.

In welche Pflanzengrösse die beiden anschliessenden Veranstaltungen zu kategorisieren sind, wäre interessant zu wissen gewesen. Denn gegensätzlicher geht es kaum. Die einzige Gemeinsamkeit war, dass hier eher weniger getanzt wurde.

Die Magie des Neonlichts

Das virtuos visuell inszenierte Stück «Vacuum» der Company von Cie Philippe Saire aus Lausanne spielt in fast maximaler Reduktion hinsichtlich Bewegung und Bühnenausstattung. Zwischen zwei vertikal angeordneten Neonröhren tauchen schwebend aus dem schwarzen Grund Körperteile zweier Tänzer zu den monotonen Schlägen der Musik von Henry Purcell auf.

In dem charakteristisch kalten, starken Licht der Neonröhren wirken die Gliedmassen wie eine zähe, flüssige Masse, die ebenso von nicht menschlichen Kreaturen stammen könnten. Überhaupt ist jegliche Identifikation meist schwierig: Was ist oben, was unten, was gehört wohin? Im Bann der Licht-Schatten-Dramaturgie der Muskeln und Knochen auf der nackten Haut verfolgt man das nur 20-minütige Stück und betrachtet es wie eine sinnlich-barocke Chiaro-scuro-Malerei Caravaggios.

Wie eine Caravaggio-Malerei

Nur in einigen wenigen plötzlichen Momenten, wenn die Tänzer ihre Gesichter in das Publikum richten, wird man sich seines voyeuristischen Standpunktes bewusst. Bei dem kurzen Stück wird der Zuschauer Zeuge eines unerklärlichen magischen Zauberstücks.

Eine Szene aus dem Stück «Biografie-Spiel» von Nicole Davi.

Eine Szene aus dem Stück «Biografie-Spiel» von Nicole Davi.

(Bild: Südpol)

Mittendrin statt nur dabei

Imitierte das Stück «Vacuum» Luftleere, so war es im wahrsten Sinne des Wortes im anschliessenden Stück «Das Biografie-Spiel». In der vollständig ausverkauften Vorstellung waren sowohl der Zuschauersaal als auch die Bühne sehr gut gefüllt.
Beim ambitionierten Projekt von Nicole Davi mit 18 Laien und Profis zwischen 8 und 78 Jahren interpretierten die Akteure nicht nur das Stück, sondern beteiligten sich auch teilweise an der musikalischen Begleitung.

Herausragende schauspielerische Leistungen

Vor allem die sehr jungen Darstellerinnen und Darsteller beeindruckten durch ihre herausragenden schauspielerischen Leistungen. So abstrakt und irreal «Vacuum» erschien, so aus dem Leben gegriffen war dieses zweite Stück. Zu Beginn erhielt man die Einladung, die Erinnerungsutensilien der Schauspieler zu begutachten und sich mit ihnen darüber auszutauschen. Die Bedeutungen der Gegenstände enträtselten sich später, als jeder ein Statement zu seinen Ahnen abgab: Ob adelig, Gemeindeschreiber oder sogar ganz unbekannt – vielleicht der Hotelgast? –, alles war dabei.

I don’t know who I am

«Obwohl wir ähnliche Voraussetzungen haben, leben wir doch grundverschiedene Leben», steht in der Erklärung zum Stück. Versucht man noch zu Beginn diese einzigartigen Geschichten zu verfolgen, gelingt es nicht: Zu viele sind es, zu bruchstückhaft sind sie. Und das ist auch gut so, denn vielleicht geht es vielmehr darum, dass man zwar unterschiedliche Leben lebt, aber emotional ähnliche Situationen durchmacht und sich offensichtlich doch ähnlicher ist, als man denkt. Unterstrichen wird dies durch die manchmal ironischen, spielerischen Bewegungsszenen: Alle laufen plötzlich wie Affen, zielen auf etwas, umarmen sich, tanzen, gaffen schaulustig oder laufen in energischem Schritt im Kreis.

Zum Teil nimmt das Stück existenziell philosophische Züge an. Jeder redet nur so von sich, in der Musik ertönt aber «I don’t know who I am». Es ist ein Stück, das einlädt, sich mit seiner Individualität auseinanderzusetzen, zugleich aber unseren Herdentrieb aufzeigt. – Vielleicht ein Wink, sich trotz aller Individualität nicht allzu ernst zu nehmen.

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