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«Die Luzerner Verkehrsbetriebe erhalten nur 20 Franken je GA»
  • Gesellschaft
Yvonne Hunkeler ist Verwaltungsratspräsidentin der Basler und Luzerner Verkehrsbetriebe. (Bild: Basler Verkehrsbetriebe)

VR-Präsidentin: Preisanpassungen sind kein Tabu «Die Luzerner Verkehrsbetriebe erhalten nur 20 Franken je GA»

5 min Lesezeit 16.05.2019, 13:02 Uhr

Klimademos und Wahlergebnisse zeigen: Grün liegt im Trend. Dementsprechend sind Pläne zur Preiserhöhung im öffentlichen Verkehr arg unter Beschuss geraten. Yvonne Hunkeler sagt aber, Preisanpassungen dürfen trotzdem kein Tabu werden.

Das GA soll massiv verteuert werden. So steht es in den Plänen des Verbunds der Transportunternehmen CH-Direct, welche kürzlich den Weg an die Öffentlichkeit fanden. Der Aufschrei war riesig. Knapp 12’000 Personen haben bereits eine Petition dagegen unterschrieben.

Die aktuelle Klimadebatte verstärkt die Brisanz der Pläne. Yvonne Hunkeler, Verwaltungsratspräsidentin der Luzerner und Basler Verkehrsbetriebe und Luzerner CVP-Kantonsrätin, erklärt im Interview, was hinter den Absichten steckt. Im Verbund der Transportunternehmen hat sie zwar keine Funktion, sie verfolgt die Diskussion aber mit Interesse. 

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zentralplus: Durch ein Leck gerieten die Pläne an die Öffentlichkeit. Was sagen Sie dazu?

Yvonne Hunkeler: Wenn interne Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen, ist das für eine Organisation immer eine schwierige Situation. Das Risiko, dass Informationen falsch interpretiert werden, ist sehr hoch. Das ist auch in diesem Fall passiert.

zentralplus: Inwiefern wurde falsch interpretiert?

Hunkeler: Die Informationen über verschiedene Tarifszenarien und Tarifmodelle wurden als bereits beschlossene Massnahmen aufgefasst. Hier dürfte der Grund für die Indiskretion und das anschliessende breite Medienecho zu suchen sein. 

zentralplus: Was sind die Hintergründe der geplanten Preiserhöhungen – stimmt es, dass die lokalen Transportunternehmen stärker entschädigt werden wollen?

Hunkeler: Das Tarifsystem des öffentlichen Verkehrs ist sehr komplex und die Interessen aller Betroffenen und Beteiligten wie der Kunden, der öffentlichen Hand und der Transportunternehmen sind oft widersprüchlich. Die städtischen Nahverkehrsbetriebe – wie etwa die vbl – werden nur zu einem kleinen Teil aus dem Ertrag der nationalen Fahrausweise GA und Halbtax entschädigt.

«An einem GA der 2. Klasse partizipiert die vbl also nur mit rund 20 Franken pro Jahr.» 

zentralplus: Heisst: Damit verdienen Sie kaum Geld?

Hunkeler: Der grösste Teil der ÖV-Erträge kommt tatsächlich aus den Verbundfahrausweisen. Dazu gehören Jahres- und Monatsabonnemente des Passepartout, Einzelbillette, Mehrfahrten- und Tageskarten des Passepartout.

zentralplus: Kann man beziffern, in welchen Ausmass die vbl oder die lokalen Transportunternehmen für ein GA-Kunde vergütet werden?

Hunkeler: Der Anteil der vbl an den landesweiten GA-Einnahmen ist tief, er beträgt lediglich rund 0,5 Prozent. An einem GA der 2. Klasse (3‘860 Franken) partizipiert die vbl also nur mit rund 20 Franken pro Jahr. 

zentralplus: Sind GA-Kunden für lokale Transportunternehmen dementsprechend ein Verlustgeschäft?

Hunkeler: Das kann man so nicht sagen. Der Anteil der vbl am GA-Topf stellt – auch wenn er klein ist – einen willkommenen «Zusatzertrag» dar. Denn die meisten GA-Besitzer würden, wenn sie kein GA hätten, nicht einfach auf ein Passepartout-Abonnement umsteigen, sondern ihr Mobilitätsverhalten hinterfragen. Wichtig ist, dass die gesamten ÖV-Erträge nicht erodieren. Dies ist nur mit einer ausgewogenen Tarifpolitik möglich.

Solange es Tarifverbünde geben wird, wird man darauf achten müssen, dass zwischen dem nationalen Tarifsystem (dem sogenannten «direkten Verkehr») und den Tarifen in den Verbünden eine Art Gleichgewicht besteht. Das heisst, die Tarife müssen sich einigermassen parallel entwickeln, weil es sonst zu Verwerfungen kommt. Plötzlich wären für gleich lange Strecken unterschiedliche Preise zu bezahlen.

«Preisanpassungen dürfen trotz Klimadiskussion nicht zum Tabu werden.»

zentralplus: Das Problem ist also, dass der GA-Preis faktisch gedeckelt ist und die Verbünde ihre Preise nicht an eine Angebotserweiterung anpassen können? Oder anders gesagt, es ist für viele heute lukrativer, ein GA zu kaufen, weil die Differenz zu einem örtlich beschränkten Abo geringer wird.

Hunkeler: Ja, diese Argumentation hat etwas für sich. Aber man kann das Problem nicht einfach dadurch lösen, dass man den GA-Preis immer stärker anhebt, um dann – im «Windschatten» des GA-Preises – auch die Verbundabonnemente zu verteuern. Wenn man das tun würde, würde man das Problem nicht lösen. Vielmehr würden die ÖV-Kundinnen und -Kunden «davonlaufen» und auf andere Mobilitätsarten umsteigen.

zentralplus: Der politische Widerstand ist bereits gross. Kann man Preiserhöhungen im ÖV trotz Klimadiskussion noch rechtfertigen?

Hunkeler: Es ist in der Tat schwierig, weitere Preiserhöhungen für den öffentlichen Verkehr durchzusetzen. Zudem sind die Preise für den ÖV in den vergangenen Jahren massiv mehr gestiegen als jene für den motorisierten Individualverkehr (MIV). Der MIV hat also aus Kostengründen stark an Attraktivität gewonnen. Preisanpassungen respektive die Justierung von Tarifsystemen dürfen aber trotz Klimadiskussion nicht zum Tabu werden.

zentralplus: Welchen Beitrag kann Ihre Branche in der aktuelle Debatte leisten?

Hunkeler: Wir sind angesichts der Klimadiskussion in der Tat gefordert. Der Fokus muss auf Effizienzsteigerungen und damit Kostensenkungen liegen, nicht auf Tariferhöhungen. Auf der anderen Seite muss der wegen der Klimadiskussion notwendige ÖV-Ausbau auch finanziert werden können. Tarifanpassungen müssen aber sehr umsichtig vorgenommen werden.

Unternehmensberaterin Yvonne Hunkeler verfolgt die Preis-Debatte rund um den öffentlichen Verkehr mit Interesse.

Unternehmensberaterin Yvonne Hunkeler verfolgt die Preis-Debatte rund um den öffentlichen Verkehr mit Interesse.

(Bild: Basler Verkehrsbetriebe)

zentralplus: Wo liegt die Kostenwahrheit?

Hunkeler: Der öffentliche Verkehr ist im Gegensatz zum motorisierten Individualverkehr teilweise mit Steuergeldern finanziert. Das ist politisch so gewollt, denn wenn alle ÖV-Passagiere aufs Auto umstellen würden, käme es zum Verkehrskollaps. Schliesslich würde ein voller Doppelgelenktrolleybus bis zu 100 Autos mit zwei Personen bedeuten. Es geht nicht nur um Kostenwahrheit, sondern auch um die relativen Preise zwischen dem MIV und dem ÖV. 

zentralplus: Die Rede ist immer wieder von Mobility Pricing. Was halten Sie davon?

Hunkeler: Ein solches Preissystem wird irgendwann Realität. Eine Einführung kann aber nur gelingen, wenn im ÖV und im MIV parallel Anreize geschaffen werden. Die politische Diskussion ist aber noch nicht so weit. Denn gegen Mobility Pricing gibt es noch starken Widerstand.

zentralplus: Wie kann die Politik den ÖV attraktiver machen und was haben die Transportunternehmen für Optionen?

Hunkeler: Die Politik muss die Rahmenbedingungen für den richtigen Mix an Verkehrsmitteln – MIV, ÖV und Langsamverkehr – schaffen, so dass dem Bedürfnis der Bevölkerung nach immer mehr Mobilität bestmöglich Rechnung getragen wird. In diesem System hat der ÖV quasi als Rückgrat eine tragende Rolle. Die Transportunternehmen haben mit ihrem Knowhow die Aufgabe, ihren Beitrag zur Verbesserung des Angebots zu leisten. Zudem haben die Unternehmen ökonomisch mit den öffentlichen Mitteln umzugehen. 

zentralplus: Wie geht es nun in dieser Diskussion weiter?

Hunkeler: Die politischen Diskussionen sind jetzt lanciert. Was in den Entwurfspapieren steht, ist sicher nicht das letzte Wort. Da wird noch viel Wasser die Reuss hinunterfliessen.

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