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Die Luzerner Influencerin, die über Sadomaso und Intimrasuren aufklärt
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136'000 Follower hat die Luzernerin mittlerweile. (Bild: mrs_nice420)

Mrs. Nice hat über 136'000 Follower auf Instagram Die Luzerner Influencerin, die über Sadomaso und Intimrasuren aufklärt

8 min Lesezeit 08.02.2020, 16:29 Uhr

Sie gibt Tipps in Sachen Intimrasur, Bondage und Sexstellungen, ist bekannt für ihre Oktopus-Tattoos und ruft regelmässig die Instagram-Sittenpolizei auf den Plan. Wir haben die Luzernerin Mrs. Nice getroffen. Und wurden während des Gesprächs nicht nur einmal überrascht.

Das Profil dieser Influencerin ist anders. Anders als all die Instagram-Profile, auf denen perfekt geschminkte Frauen und Männer in perfekten Posen und perfekt sitzenden Kleidern auf viel zu grossen weissen Yachten sitzen. Nicht so bei Mrs. Nice. Wohl zeigt sie sich freizügig, von ihrem schlanken, tätowierten Körper ist fast alles zu sehen.

Doch dass die junge Frau häufig ungeschminkt, nicht unbedingt perfekt frisiert oder perfekt rasiert vor die Kamera tritt und in ihren Texten auch weniger salonfähige Themen offen ausspricht, kommt bei der Community gut an. 136’000 Follower kann die 28-Jährige vorweisen. Instagram selber hat weniger Freude. Regelmässig werden Beiträge gesperrt, weil sich die Texte zu sehr um Sex drehen und etwas zu viel Haut gezeigt wird. – Die Regeln weiss Mrs. Nice jedoch geschickt auszuloten.

Dass hinter dem freizügigen, auf englisch geführten Instagram-Profil eine junge Luzernerin steht, ahnt man erst, wenn man sich die Tätowierung genau ansieht, welche den Hintern von Mrs. Nice ziert.

Die Museggmauer am «Füdli»

Denn darauf ist unverkennbar die Jesuitenkirche, die Museggmauer, ein Haus aus dem Quartier Friedberg und das Rathaus zu sehen. Wir wollen mehr wissen über die Frau, die sich offensichtlich sehr viel Zeit nimmt für ihre Instagram-Community und der mehr daran zu liegen scheint, Menschen aufzuklären als mit schön inszenierten Fotos zu begeistern.

Eines der Markenzeichen von Mrs. Nice: Luzern, zunderopsi, auf den Hintern tätowiert.

Freitagnachmittag, kurz nach halb zwei Uhr. Eine gross gewachsene, schlanke Frau betritt das Café Bourbaki. Obwohl wir ihr Gesicht auf ihrem Profil schon Dutzende Male gesehen haben, müssen wir zweimal hinschauen. Denn sie ist unauffällig gekleidet, auf dem Kopf trägt sie eine schwarze Baseballmütze, auf der «Allergic to Humans» steht.

«Das passiert mir häufig», sagt Mrs. Nice, wie sich die 28-Jährige in der Öffentlichkeit nennt. «Dass man mich in Alltagssituationen nicht erkennt, weil ich ganz anders auftrete. Und dass man erst realisiert, wer ich bin, wenn sie das Oktopus-Tattoo auf meinem Bauch sehen.»

Mrs. Nice klärt sanft zum Thema Sado Maso auf

Lange lebte die Luzernerin, die am Friedberg aufgewachsen ist, in einem kleinen Dorf im Schwarzwald. «Doch habe ich schon lange einen Tätowierer in Berlin. So bin ich Anfang 20 sehr offen in die Tattooszene hineingekommen. In dieser Zeit habe ich mich vermehrt mit meiner Person und den Veränderungen meines Körpers und auch meiner Sexualität zu befassen begonnen.»

Und damit auch mit ihrer Vorliebe für BDSM, also Themen wie Bondage, Dominanz und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus. An diesen Themen liess Mrs. Nice die Öffentlichkeit teilhaben. Und sie tut es noch heute mittels Social Media. Dies sehr sanft und niederschwellig, verständlich und durchwegs ehrlich.

Fetisch-Partys besucht sie heute nicht mehr

So etwa schreibt sie unter einem der Bilder, auf dem sie mit ihrem Partner zu sehen ist: «Bei BDSM geht es in erster Linie um Vertrauen und Spass. Die Worte und Bilder, mit der wir dieses Thema assoziieren, sind stark. Was irgendwie auch gut ist. Denn BDSM – sowie Vertrauen – ist etwas Starkes und etwas, das gefährlich werden kann. Nicht nur in physischer, sondern auch in psychologischer Hinsicht.» Gepeitscht oder geknöpft zu werden, sei modern geworden, stellt Mrs. Nice fest. Doch bei weitem nicht jede oder jeder, der sich darauf einlasse, habe sich genügend mit dem Thema befasst.

Früher häufig in der Szene unterwegs, habe sie inzwischen aufgehört, an Fetisch-Partys zu gehen. «Vor einigen Jahren war ich oft im Berliner KitKat Club unterwegs, ich fühlte mich sehr sicher in der Szene. Doch habe ich gemerkt, dass mittlerweile auch viele unerfahrene Leute dorthin gehen und sich in gefährliche Situationen begeben. Etwa, indem sie ihre Getränke unbeaufsichtigt stehen lassen.»

Wenn sie ausser Haus ist, trägt Mrs. Nice einen Metallring um den Hals. Für Leute, die mit der BDSM-Szene vertraut sind, ein deutliches Zeichen. «Ich gehöre meinem Freund. Nur er kann mir den Ring abnehmen.» Auch hat sie mit ihm einen Vertrag. Alle zwei Wochen muss sie ihn beispielsweise rasieren. [Bild] Wenn sie sich schlecht verhält, wird sie bestraft.

«Leute haben mich schon gefragt, wie ich das mache, dass ich mich nicht entmächtigt fühle.»

Das irritiere manche Leute. «Sie fragen mich, wie ich das mache, dass ich mich nicht entmächtigt fühle. Ich kann das nur so erklären: Egal was du tust, ob im Beruf oder im Fetisch, es geht immer um einen selber. Es ist meine Entscheidung.» Sie ergänzt: «Wenn ich Ja zu jemand anderem sage, darf das nicht heissen, dass ich Nein zu mir selber sage. Ausserdem: Ich kann jederzeit zu meinem Freund gehen und fordern, dass er mir diesen Ring abnehmen soll.»

Im Alltag trägt Mrs. Nice einen Ring um den Hals, den ihr nur ihr Freund abnehmen kann.

Dass die veröffentlichten Bilder, welche Mrs. Nice alle selbst mittels Fernauslöser aufnimmt, nicht immer perfekt sind, sei ein ganz bewusster Entscheid, sagt Mrs. Nice.

Gerade junge Menschen seien sehr verunsichert

«Ich hatte zwei grosse Hüftoperationen und brauchte danach einen Katheter. Da war es für mich selbstverständlich, dass ich auch von diesem ein Bild poste.» Sagt es und zuckt mit den Schultern. «Ich merkte je länger je mehr, dass es eine grosse Nachfrage nach dieser Aufklärung gibt. Dass die Verunsicherung – gerade bei jungen Menschen – sehr gross ist.»

Häufig nämlich würden die Jungen in Filmen Dinge sehen, die nicht dem entsprechen, was sie selber erleben würden, so Mrs. Nice. Dieses Problem habe auch sie selber gehabt. «Ich hatte lange Schwierigkeiten, im Internet Webseiten oder Blogs zu finden, die so schreiben, dass ich nicht überrumpelt werde, da ja so viel gefordert wird oder aber alles so beschönigt wird, dass es mit der Realität letztlich wenig zu tun hat.»

«Mein Ziel ist es, allen Menschen dieser Welt, die Internetzugang haben, Aufklärung zu bieten.»

Immer mehr begann Mrs. Nice, die Anliegen ihrer Instagram-Community aufzugreifen und darüber zu schreiben. «Ich entschied für mich, dass ich die Reichweite, die ich habe, nutzen will. Dies mit dem Ziel, allen Menschen dieser Welt, die Internetzugang haben, Aufklärung zu bieten.» Es heisse, wir würden in einer aufgeklärten Zeit leben, erklärt sie weiter. «Und doch spricht niemand über diese Themen. Nehmen wir nur einmal das Thema weiblicher Ausfluss. Ich merke, wie gross die Verunsicherung diesbezüglich ist, obwohl das ja jede Frau betrifft. Trotzdem schämt man sich dafür.»

Manchmal melden sich eifersüchtige Freundinnen

Man könnte meinen, dass sich auch viele dubiose Gestalten auf Mrs. Nice’s Profil herumtummeln und sie häufig belästigt werde. «Das ist jedoch überhaupt nicht der Fall. Ich bekomme beispielsweise praktisch keine unaufgeforderten Penisfotos geschickt.» Viel eher würden sich Leute melden, die eifersüchtig seien, weil ihre Partner der Luzernerin auf Instagram folgen würden.

Im Alltag fällt die Luzernerin nicht unbedingt auf. Umso mehr jedoch auf ihrem Instagram-Profil.

Eigentlich ist Mrs. Nice gelernte Uhrmacherin. «Diesen Job habe ich jedoch kürzlich aufgegeben. So habe ich mehr Zeit, um mich auf meine Community zu konzentrieren.» Denn die Bewirtschaftung des Instagram-Profils bedeutet Arbeit. Fünf Stunden verwendet die Luzernerin dafür täglich. Insbesondere das Schreiben der Texte und Beantworten der Fragen brauche Zeit. «Auch wenn ich die sinnlosen Fragen unbeantwortet lasse», ergänzt sie.

«Wenn eine Frage häufig auftaucht, nehme ich sie auf und schreibe dazu einen Text. Dafür suche ich häufig auch Rat bei Experten und recherchiere selber.» Einen Rat, den Mrs. Nice jedoch häufig gibt und der für sie elementar ist: «Redet über das, was euch beschäftigt. Fragt eine Freundin, wie sie mit einer Situation umgeht. Schafft mit eurem Partner das Vertrauen, Themen, Probleme oder Wünsche anzusprechen.»

Geld verdient Mrs. Nice mit Instagram nicht

Geld verdient Mrs. Nice mit Instagram übrigens nicht. «Dafür habe ich einen Patreon-Account. Es gibt dort drei verschiedene Monats-Abos. Beim günstigsten sieht man meine Instagram-Posts unzensiert, beim teuersten gibts erotische Kunst zu sehen.» Auf der Plattform Only Fans teilt Mrs. Nice auch «eher pornografische Bilder, da sieht man beispielsweise auch mal eine Klemme an meiner Vagina oder einen Analplug».

«Was, wenn ich mal schwanger wäre?»

Ihr Geschäftsmodell funktioniert. «Als ich noch Teilzeit gearbeitet habe, verdiente ich damit einen ordentlichen vierstelligen Betrag monatlich. Nun dürften es etwas mehr werden.» Es sei ein praktischer Job, sagt die blonde Frau. Das kann ich auch machen, wenn ich mir beispielsweise das Bein breche. Und wenn die schlanke Frau mal zunehmen sollte? «Ich bin überzeugt, dass das überhaupt kein Problem wäre. Was ich mich hingegen frage… Was, falls ich mal schwanger bin?»

«Wir suggerieren uns, in einer freien Welt zu leben. Aber selber wollen wir nur Zuschauer sein.»

Dass sie so viel Persönliches von sich teilt, bereitet ihr gar keine Mühe. «Wir müssen aufhören, nicht alles teilen zu wollen. Alle unsere Daten sind sowieso schon geteilt, ob auf Instagram oder in der Cloud.» Ihre Haltung diesbezüglich ist dezidiert. «Wir suggerieren uns, in einer freien Welt zu leben. Aber selber wollen wir nur Zuschauer sein. Dazu passt die Bezeichnung «oversexed and underfucked» ganz gut.»

Während des Gesprächs erwähnt Mrs. Nice beiläufig, dass sie 2,5 Jahre im Militär gedient habe. «Ich bin nicht gut darin, mir Gesichter zu merken. Meine Psychologin hatte mir damals geraten, ich soll an einen Ort, an dem alle gleich aussehen. So hab ich denn die Rekrutenschule bei den Pontonieren gemacht.» Das habe ihr sehr viel gebracht. «Ich habe gelernt, ich zu sein.»

Wo liegen bei Mrs. Nice die Grenzen? Was ist für sie zu intim, als dass sie es mit der Welt teilt? «Ich nenne nie meinen richtigen Namen. Ausserdem hört man nie meine Stimme.»

Hinter Mrs. Nice’s Instagram-Profil steckt mehr als nur schöne Fotos.

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