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Markus Schwingruber: «Die Jungen wissen die Qualität der Möbel nicht mehr zu schätzen»
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Keine Sorge, die Telefonnummer von Markus Schwingruber führt nicht zu diesem Telefon. (Bild: sib)

Antiquitätenhändler kämpft in Luzern gegen den Zeitgeist Markus Schwingruber: «Die Jungen wissen die Qualität der Möbel nicht mehr zu schätzen»

6 min Lesezeit 05.12.2019, 05:01 Uhr

Wer mit dem Bus von Luzern Richtung Ebikon fährt, kommt nicht daran vorbei, an der Schlossberg-Haltestelle ins Antiquitätengeschäft von Markus Schwingruber reinzulinsen. Der 61-Jährige wehrt sich erfolgreich gegen die herrschende Untergangsstimmung in seiner Branche.

Markus Schwingruber kommt mit einer grossen Apfeljalousie um die Ecke ins Hinterzimmer seines Geschäfts: «So läuft das hier», sagt er mit einem Augenzwinkern. Er legt das Gebäck auf seinen Schreibtisch und geht wieder nach vorne, um sich dem Kunden zu widmen, der gerade Interesse an einer alten Schale bekundet. Da Schwingruber keine adäquate Waage zur Hand hatte, durfte der ältere Mann den Gegenstand zum Wiegen nach Hause nehmen – um zum Dank mit einem Apfeldessert zurückzukommen.

Die Schale ist einer von unzähligen Gegenständen, die Markus Schwingruber in seinem Antiquitätengeschäft am Luzerner Schlossberg im Angebot hat. Wer durch seinen Laden schlendert, trifft auf Rosenkränze, Wanduhren, geschnitzte Mönchsfiguren, alte Kaffeemühlen, Krienser Masken, ausgestopfte Gemsköpfe, Kronleuchter oder Gläser. Schwingruber konzentriert sich nicht auf einen bestimmten Antiquitätenbereich. Er sagt, er bewege sich mit seinem Angebot im mittleren Preissegment.

Der Kreislauf des Sofas

Links neben dem Eingang steht eine menschengrosse Holzfigur mit einem Kreuz in der Hand. Auffallend viele von Schwingrubers Gegenstände haben ein religiöses Motiv. Dies sei jedoch Zufall, sagt der 61-Jährige. Kein Zufall ist hingegen, dass jeder Zentimeter genutzt wird. Die Bilder stapeln sich, die Vitrine ist gefüllt mit Glasgegenständen in jeder erdenklichen Grösse und Form. Ein kleines Reich, das sich über Jahrzehnte entwickelt hat. «Meine Frau und meine Kinder sagen mir, dass ich zu viele Antiquitäten einkaufe», so der Werthensteiner lachend.

«Die Schwierigkeit ist, die Gegenstände wieder zu verkaufen.»

Markus Schwingruber, Schwingruber Antiquitäten

Einmal kaufte er von einem Fahrenden ein Sofa und fand in der Ritze Zeitungen und eine Postkarte. Diese war an seinen Grossvater adressiert. «Er hatte das Sofa einst verkauft. Per Zufall fand es den Weg zurück in unsere Familie», sagt Schwingruber.

Das Interesse schwindet

Das Finden der Gegenstände ist nicht sein Problem. Die Leute rufen an oder kommen im Geschäft vorbei, um ihre Holzkommode oder den Gehstock zu verkaufen. Ausserdem besucht Schwingruber Auktionen, ist bei den öffentlichen Versteigerungen des Luzerner Betreibungsamts anwesend (zentralplus berichtete) und bei Wohnungsauflösungen zur Stelle. Zwischen Mai und November hat er einen Dauerstand am Flohmarkt der Stadt Luzern. Dort kauft und verkauft er.

Oft trifft man in Markus Schwingrubers Laden auf religiöse Motive und Figuren.

«Die Schwierigkeit ist, die Gegenstände wieder zu verkaufen», so Schwingruber. Die Sammler seiner Generation seien bereits eingedeckt und auf der Suche nach bestimmten Stücken. Und besonders die junge Generation schätze die Qualität der Möbel nicht mehr. «Oftmals werden die Möbel heutzutage beim Umzug gleich entsorgt.»

Nur noch ein Zehntel des Preises

Unterstützt durch Onlineplattformen wie Ricardo oder Ebay sei der Preisverfall für Antiquitäten seit den Hochzeiten in den 1970er- und 1980er-Jahren enorm gewesen. «Wenn du damals einen Stuhl für 2’000 Franken verkauft hast, kannst du heute vielleicht noch einen Zehntel davon verlangen», konstatiert Schwingruber.

«Nur vom Antiquitätengeschäft könnte ich nicht leben.»

Markus Schwingruber

Er glaubt, dass das Antiquitätengeschäft aktuell die Talsohle durchschreitet. Entsprechend sind auch in Luzern mehrere traditionsreiche Antiquitätengeschäfte verschwunden. «Und ich bin immer noch hier – nach 38 Jahren», rechnet Schwingruber vor. Dies erfülle ihn manchmal mit einem gewissen Stolz.

Von Kanada über Madagaskar und die Schweizergarde

1981 kam er zum Ladenlokal an der Maihofstrasse 20 wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Schwingruber arbeitete nach abgeschlossener Berufslehre als junger Mann ein Jahr lang als Bauer in Kanada, grub in Madagaskar Brunnen für die lokale Bevölkerung und diente ein halbes Jahr in der Schweizergarde. Anschliessend war er auf der Suche nach einer Stelle und wurde bei einem Innendekorateur in ebenjenem Lokal fündig.

Als dieser sich zurückzog, stellte er Markus Schwingruber vor die Wahl, ob er das Geschäft übernehmen wolle. Der sagte zu – im Alter von 23 Jahren. Zu Beginn gehörten noch zwei Wohnungen im selben Haus, welches im Besitz der Stadt Luzern ist, dazu. Eine davon war zu einer Werkstatt umfunktioniert.

Was darf es sein? Vielleicht eine Wanduhr?

«Ich hätte also hier wohnen und arbeiten können. Doch das wollte ich nicht – ich bin ein zu grosses Landei», erzählt Schwingruber. Die Werkstatt hat er kurz darauf nach Werthenstein gezügelt. Denn der Bruder von alt Regierungsrat Anton Schwingruber führt in seiner Wohngemeinde zusätzlich ein Geschäft für Bodenbeläge.

«So kann ich das Antiquitätengeschäft ein Stück weit querfinanzieren. Denn nur davon könnte ich nicht leben», sagt er. Er beschäftigt aktuell einen Angestellten, der einen halben Tag pro Woche Schwingruber in Werthenstein zur Hand geht. Der Antiquitätenladen hat seit jeher nur am Mittwochnachmittag geöffnet.

Direkt vor der Bushaltestelle

Es könne zwar sein, dass mehrere Stunden lang kein Kunde kommt, doch sei es noch nie vorgekommen, dass den ganzen Nachmittag lang niemand den Weg gefunden habe. Dass gleich vor dem Geschäft die Bushaltestelle ist, gereicht ihm dabei zum Vorteil. «Es kommt öfters vor, dass Wartende reinkommen und sich umzuschauen.» Die meisten seiner Kunden seien jedoch treue Seelen, die immer mal wieder vorbeischauen, um nach frischen Trouvaillen Ausschau zu halten.

«Es wäre schön, wenn jemand mal den ganzen Laden samt Inhalt übernehmen würde.»

Markus Schwingruber

Bei unserem Besuch kann sich Schwingruber über mangelnden Betrieb nicht beklagen. Ein Herr mittleren Alters ist auf der Suche nach einem passenden Rosenkranz. Eine Dame bekundet Interesse an einer Porzellanfigur – Don Quijote soll diese darstellen, wie sie vermutet. Als Schwingruber gesteht, dass er ihr nicht weiterhelfen könne, erzählt die Frau kurzerhand Don Quijotes Geschichte und dessen Kampf gegen die Windmühlen. Schlussendlich ist die Figur für 150 Franken verkauft.

Unklare Zukunft

Preisschilder sucht man in Schwingrubers Laden vergeblich. Die Preise hat er im Kopf. Im Kaufpreis gewissermassen inbegriffen ist der Service, wenn ein gekaufter Stuhl sich mit der Zeit in seine Einzelteile aufzulösen droht: Bringt man ihn vorbei, leimt Schwingruber den Stuhl zusammen. Ein Angebot, das man heute nur noch selten findet.

Er macht dies auch aus Liebe zum Beruf. «Ein geflickter Stuhl oder ein Parkettboden, der nach dem Abschleifen wieder glänzt – da geht mir das Herz auf.» Entsprechend gehe er immer noch jeden Tag gerne zur Arbeit.

Richtet er den Blick in die Zukunft, regiert jedoch die Ungewissheit. Seine Kinder haben beruflich andere Wege eingeschlagen. «Es wäre schön, wenn jemand mal den ganzen Laden samt Inhalt übernehmen würde. Auszuschliessen ist das nicht, aber unwahrscheinlich», sagt er.

Hinweis: Dieser Artikel ist der Beginn einer Serie, in der wir Traditionsgeschäfte der Stadt Luzern vorstellen.

Weitere Impressionen aus dem Antiquitätengeschäft:

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