Die Kunst des Kopierens – nur ist hier alles echt
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Das ewige Phänomen der Nachahmung in der Kunst: Um das geh'ts in der neuen Kunstausstellung im Kunstmuseum Luzern.

Ausstellung «Alles echt» im Kunstmuseum Luzern Die Kunst des Kopierens – nur ist hier alles echt

4 min Lesezeit 01.03.2020, 15:21 Uhr

Picasso soll einmal gesagt haben: «Gute Künstler kopieren, grosse Künstler stehlen.» Im Kunstmuseum Luzern sind seit Freitag Werke aus verschiedenen Epochen von Schweizer und internationalen Künstlern zu sehen, welche die Kunst des Kopierens auf zahlreiche Weisen darstellen. «Alles echt» ist ein faszinierender Art-Parcours, vergleichbar mit einem Dominospiel.

70 Jahre nach dem Tod des Autors ist das Erstellen einer Kopie legal. Repliken können dann völlig legitim von Kunsthäusern und Galerien ausgestellt werden.

Das Thema des Kopierens ist bekanntlich nicht neu: Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hat die Kunst immer als Ziel gehabt, eine genaue Imitation der Natur zu sein. Mit der Moderne fing die Kunst immer mehr an, sich selbst zum eigenen Thema zu machen. Einem Thema, das jedoch auch imitierbar ist.

Ein Beispiel von Replik ist die detailgetreue Kunstkopie, in welcher nicht nur der einzigartige Blickwinkel des Originals noch sichtbar ist, sondern jede kleinste Nuance in der Farbgebung und jeder Pinselstrich kopiert wird. Auf diese Weise entsteht das gleiche Kunstwerk ein zweites Mal. Und das durch einen grossen Künstler der Reproduktion, manchmal eigentlich auch der Fälschung.

Jedoch ist hier alles authentisch

Aber, dass es im Kunstmuseum Luzern natürlich nicht um das Kopieren im Hauptberuf, also um das schmutzige Geschäft mit Fälschungen geht, ist sofort klar. Und das nicht nur wegen des Titels der Ausstellung: «Alles echt!»

Im breiten Kontext der Sammlung und mit zusätzlichen Leihgaben wird noch bis zum 22. November das ewige Phänomen der Nachahmung in der Kunst dargestellt und sehr eloquent analysiert. Und zwar in einem faszinierenden Art-Parcours, kuratiert von Alexandra Blättler. Vergleichbar ist dieser mit einem Dominospiel.

Ein spannendes Dominospiel

Einem spannenden Dominospiel, das aber umgekehrt, also nicht destruktiv, sondern konstruktiv von Zitat zu Zitat, von Saal zu Saal, gespielt wird. Spannend sind auch die Plakate mit verschiedenen lexikalischen Begriffen, von A bis Z in jedem Saal gut lesbar: Appropriation, Fotorealismus, Illusion, Kopie, Naturalismus, objet trouvé, Readymade, Reproduktion, Trompe-l’oeil, Zitat.

Als Appropriation-Art gelten zum Beispiel die Werke von Elaine Sturtevant, die in den 70er-Jahren Werke der Pop-Art in der Originaltechnik fleissig kopierte. Als Readymade werden hingegen Objekte definiert, die nicht speziell bearbeitet, sondern telquel als Kunstwerke präsentiert werden.

Nicht nur perfekte Repliken weltbekannter Kunstwerke

Berühmt für seine Readymades ist bestimmt Marcel Duchamp. Franz Gertsch ist hingegen der wichtigste Schweizer Vertreter des Fotorealismus, wie sein «Luciano Castelli I» zeigt, dessen Vorbild ein Diapositiv ist. Von Urs Lüthi ist die Serie der Druckgrafiken «The Urs Lüthis – Selbstporträts nach grossen Meistern des 20.Jahrhunderts» zu betrachten. Von Sebastian Utzni sind zahlreiche Gemälde zu sehen, die Gustave Courbets «L’origine du monde» zitieren.

Es wird in der Luzerner Ausstellung also nicht nur von der perfekten Replik weltbekannter Kunstwerke gesprochen, was zum Beispiel bei Louis Bérouds  «La Joconde d’après Léonard de Vinci» der Fall ist, sondern auch von ganz neuen Werken, die entweder als richtige Aneignung gelten oder nur Ideen von anderen Künstlern zusammenstellen.

Oder noch eine Assemblage von Kunstdetails und künstlerische Leitgedanken aus anderen Werken benutzen, sowie auch nur Referenzen und Zitate aus berühmten oder weniger berühmten Werken einbringen. Dabei geht’s jedoch immer um ein Sich-inspirieren-Lassen; man könnte das auch als «kreative Inspiration» definieren.

Es passiert auch, besonders bei modernen und zeitgenössischen Künstlern, dass sie ein wichtiges Kunstwerk als Vorlage nehmen, um es dann in ein Postkartenmotiv zu ändern. Jeder Künstler lässt sich ja von einem Meisterwerk anders inspirieren. So auch die erwähnte Mona Lisa von Leonardo, die wohl am meisten kopierte Ikone der Kunstgeschichte, genug beweist.  

Marion Baruch: Retrospektive – Innenausseninnen

Gleichzeitig wird im Kunstmuseum auch eine interessante, von Fanni Fetzer und Noah Stolz kuratierte Retrospektive der 91-jährigen Marion Baruch aus Gallarate (VA) präsentiert. Ihre Werke und Installationen lassen die verschiedenen Epochen eloquent vor unseren Augen fliessen, welche die Künstlerin in ihrem langen Leben durchquert hat.

Vom Faschismus zum Klassenkampf und Kommunismus; vom Kapitalismus zu Feminismus, Pazifismus und den Migrationsproblemen. Heute sind für diese unglaubliche Frau vor allem die Innenwelten und die Aussenräume und deren Interaktion wichtig, so wie auch die Sprache.

Sie hat sogar ein neues Wort kreiert: «Innenausseninnen». Das bedeutet eben so etwas wie Freiraum. Ein Raum für jede Person, die in ihn treten möchte. Für ihre neuen Kunstwerke arbeitet sie mit Stoff. Dieser dient ihr dazu, auch Lücken und Leere als etwas darzustellen, etwa wie in den Aquarellen der Japanischen Kunst. Die Leere, als doch existierender, konkreter, offener Raum.  

Die Ausstellung «Alles echt» ist noch bis am 22. November im Kunstmuseum Luzern zu besuchen.

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