Die Kultur muss sich von der Normalität verabschieden
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Ein «Gschtungg», das einen heutzutage mit Grauen erfüllt. Corona zwingt die Kultur, sich zu wandeln. (Bild: zvg)

Zuger Kunstschaffende müssen nun umdenken Die Kultur muss sich von der Normalität verabschieden

6 min Lesezeit 2 Kommentare 02.12.2020, 05:00 Uhr

Künftig erhalten Zuger Kulturschaffende keine Coronaausfallentschädigung mehr. Dafür hat der Kanton Zug andere Lösungsansätze kreiert, um die Kultur zu retten. Dabei zeigt sich: Einzelkämpfer in der Kulturszene dürften es künftig schwer haben.

Zurück können wir nicht mehr. Wer bestehen will, muss sich wandeln. Es ist dies, was Bund und Kantone mit der neuen Verordnung für Kulturschaffende scheinbar aussagen wollen.

In einer Information, die der Zuger Regierungsrat am vergangenen Mittwoch veröffentlicht hat, heisst es konkret: «Die Ausfallentschädigungen für Kulturunternehmen bleiben bestehen. Neu richtet der Kanton Beiträge an Transformationsprojekte aus, bei denen er maximal 60 Prozent der Projektkosten übernimmt. Ausfallenschädigungen für Kulturschaffende fallen weg.»

Was soll man sich darunter vorstellen? Was bedeutet das für einzelne Kunstschaffende? Aldo Caviezel, der Leiter des Zuger Amtes für Kultur und Präsident der Konferenz der kantonalen Kulturbeauftragten, erklärt: «Die Idee sogenannter Transformationsprojekte ist eine Reaktion der Kulturunternehmen auf die aktuelle Situation. Kulturunternehmen sollen bei der Anpassung an die veränderten Verhältnisse und damit ihre Zukunftsfähigkeit unterstützt werden.»

Die Fahnen neu ausrichten

Der Kanton steht mit verschiedenen Kulturunternehmen im Dialog, um zu eruieren, wo mögliche Lösungsansätze liegen. Caviezel konkretisiert: «Zum einen sind Vorhaben förderfähig, die eine strukturelle Neuausrichtung des Kulturunternehmens zum Gegenstand haben.» Damit seien Vorhaben wie beispielsweise organisatorische Verschlankungen, Kooperationen verschiedener Akteure oder Fusionen gemeint. Zum anderen könnten Projekte unterstützt werden, die bezwecken, neue Publikumssegmente zu erschliessen oder wieder zu gewinnen.

«So müssen sich Kulturunternehmen nun die Frage stellen, wie sie auf den aktuellen Wandel reagieren können und was es für Formate gibt, die trotz Corona funktionieren», so Caviezel. Das könnten beispielsweise die Verlagerung von Liveevents in den digitalen Raum, spezifische Vermittlungsangebote oder Veränderungen im Programmangebot sein. Aber auch betriebliche und prozessuale Veränderungen, Synergien oder Massnahmen zur Publikumsbindung.

«Da mittlerweile beispielsweise fast keine Konzerte mehr gebucht werden, können auch keine mehr ausfallen.»

Aldo Caviezel, Zuger Kulturbeauftragter

Ausfallentschädigungen für Kulturschaffende fallen mit der neuen Covid-19-Kulturverordnung des Bundes weg. Fallen somit einzelne Künstler durch die Maschen? «Da mittlerweile beispielsweise fast keine Konzerte mehr gebucht werden, können auch keine mehr ausfallen. Die Ausfallentschädigung für Kulturschaffende, wie sie der Bund anfangs der Krise eingesetzt hatte, hat damit ihre Wirkung fast vollständig verloren.»

Nach wie vor besteht für Kulturschaffende die Möglichkeit, Unterstützung beim Verein Suisseculture Sociale zu ersuchen, um zumindest die unmittelbaren Lebensunterhaltskosten decken zu können.

Wer sich zusammentut, gewinnt

«Nebst sämtlichen Kulturunternehmen und etablierten Institutionen sind auch freie Gruppen, Organisationen und Vernetzungen anspruchsberechtigt, sofern sie als juristische Personen konstituiert sind und im Kulturbereich gemäss Covid-19-Kulturverordnung tätig sind», sagt der Zuger Kulturbeauftragte Aldo Caviezel. Anspruchsberechtigt seien also auch Kulturakteure, die sich zu einem Unternehmen zusammenschliessen und gemeinsam Projekte, eine Veranstaltung oder ein Festival durchführen.

Gewisse Bereiche der Kultur hätten es da schwerer, räumt Aldo Caviezel ein. «Die Bildende Kunst etwa ist vielfach eine Einzelkämpferdisziplin. Für diese Kulturschaffenden dürfte es anspruchsvoller sein als beispielsweise für Künstlerinnen der performativen Künste, sich zusammenzutun. Es ist nicht einfach, die optimalen Bedingungen für alle zu schaffen.»

Sind kleine Quartierkonzerte die Zukunft?

Dennoch ist er überzeugt: «Wer jetzt noch wartet, bis alles wieder wie früher wird, muss über genügend Reserven verfügen. Ansonsten hat man verloren.» Man müsse jetzt schauen, wie man weitergehen wolle. «Es braucht nun neue Ideen und andere Formen der Vermittlung.» Caviezel weiter: «Klar, ein Liveerlebnis lässt sich nicht digitalisieren. Doch gibt es andere, kleinere Formen. Beispielsweise, dass Künstler kleinere Konzerte in einzelnen Quartieren spielen.»

60 Prozent der Projektkosten sollen von der öffentlichen Hand übernommen werden, je hälftig durch Bund und Kantone. Für die restlichen 40 Prozent müssen Kulturunternehmen selber aufkommen. «Das sind Eigenleistungen, Beiträge von Privaten, Stiftungen Gemeinden», sagt der Amtsleiter.

Weiter bestehen bleiben zudem Ausfallentschädigungen für Kulturunternehmen wie etwa Kinos, Konzerthäuser, Museen oder Vereine und ähnliche. Die Ausfallentschädigung deckt maximal 80 Prozent des verbleibenden Schadens. Ebenfalls hälftig finanziert von Bund und Kanton.

Bis zum 30. November 2021 haben Zuger Kulturunternehmen nun Zeit, Transformationsprojekte zu erarbeiten und diese beim Kanton einzureichen. Einige von ihnen stehen bereits in den Startlöchern.

In der Kulturszene bewegt sich einiges

Der Zuger Kulturschaffende und Filmemacher Remo Hegglin etwa findet: «Jetzt erst recht. Ich schaue diese Veränderung als Chance an. Wir sind nun aufgefordert, anders, insbesondere als Kulturgemeinschaft zu denken und uns gegenseitig zu unterstützen.» Hegglin, der unter anderem auch Veranstaltungen moderiert, hat die Krise sehr direkt zu spüren bekommen. «Fast alles, was als Liveevent geplant war, ist in dieser Zeit komplett ausgefallen. Entsprechend fand eine starke Verschiebung in den digitalen Bereich statt. Ich befasse mich nun viel mehr mit der Erarbeitung von Videoinhalten», so der Zuger. Dass er beruflich immer auf mehrere Pferde gesetzt hat, kommt ihm nun gelegen.

«In der letzten Zeit gab es viel Katzenjammer. Natürlich auch berechtigt, gibt es doch viele freischaffende Kunst- und Kulturschaffende, die durch sämtliche Maschen fallen. Doch bin ich der Ansicht, dass ein grundsätzliches Umdenken stattfinden muss», sagt Hegglin. «Den Courant Normal wird es nicht mehr geben. Das macht das Leben spannend und variantenreich.»

Grosse Lust auf neue Wege

Hegglin arbeitet nun mit verschiedenen Zuger Kulturschaffenden und Organisationen zusammen und sucht mit ihnen neue Wege, um Kultur auch in diesen unsäglichen Tagen an die Bevölkerung zu bringen. «Ich sehe mich hier als Koordinator und Vernetzer, der Leute zusammenbringt, welche Lust haben, neue Wege zu gehen», sagt er. Primär gehe es dabei um digitale Formate.

«Das Publikum soll partizipieren können, zu einem Teil des Spiels werden. Lange genug sass es passiv im Sessel.»

Remo Hegglin, Zuger Kulturschaffender

«Wir alle sind digitalmüde. Entsprechend ist es wichtig, Inhalte möglichst reizvoll zu gestalten. Das können kunstspartenübergreifende Projekte sein, beispielsweise Late-Night-Shows mit Tanz und Street-Art. Das soll immer auch interaktiv sein. Das Publikum soll partizipieren können, zu einem Teil des Spiels werden. Lange genug sass es passiv im Sessel», sagt Hegglin.

Das Publikum soll mitentscheiden

Wie muss man sich das vorstellen: interaktiv? «Dass beispielsweise an einem Konzert die Zuschauer selber entscheiden können, welches Stück als Nächstes von wem gespielt werden soll. Das bedingt natürlich, dass die auftretenden Künstler sehr flexibel sind. Dass sie das sind, beweisen viele während der aktuellen Zeit auf anschauliche und bewundernswerte Weise.»

Wenn Hegglin erzählt, merkt man ihm an, dass er grosse Lust hat, alle Möglichkeiten der «Transformation» auszuloten. «Ich habe viele Leute um mich, die bereit sind, auch experimentell zu arbeiten. Das ist etwas, was ich in Zug sehr vermisst habe. Experimente hatten bisher wenig Platz. Alles musste durchdacht und perfekt sein. Ich hoffe, dass nun auch das Publikum bereit ist, sich darauf einzulassen. Meines Erachtens darf man während Krisenzeiten durchaus auch vom Publikum Flexibilität erwarten.»

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2 Kommentare
  1. mebinger, 02.12.2020, 11:33 Uhr

    Kapitulation vor dem Verblödungsvirus namens Corona Hysterie bringt nichts. wir brauchen die alte Normalität wieder, alles andere ist inakzeptabel

    1. Remo Genzoli, 02.12.2020, 12:03 Uhr

      so ein quatsch! ihre meinung interessiert das virus einen feuchten dreck……

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.