Die Köppel-Show im Schweizerhof
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Mit diesem Bild wirbt «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel für seinen Vortrag «Brexit und Trump und die Folgen für die Schweiz» in Luzern. (Bild: «Weltwoche»)

«Weltwoche»-Chef in Luzern: Was bleibt? Die Köppel-Show im Schweizerhof

4 min Lesezeit 2 Kommentare 23.11.2016, 23:16 Uhr

Roger Köppel in Luzern. Und erst noch mit guten Neuigkeiten: Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und der Brexit lassen ihn positiv in die Zukunft der Schweiz blicken. Da wollen wir dabei sein. Eine Reportage.

Roger Köppel, Chef der politisch rechts orientierten Wochenzeitung «Weltwoche» und Zürcher SVP-Nationalrat, gab Luzern die Ehre. Im Hotel Schweizerhof hielt er am Mittwochabend einen Vortrag zum Thema «Trump, Brexit und die Folgen für die Schweiz. Ein optimistischer Blick in die Zukunft». Unser Interesse war geweckt – und offenbar auch das ganz vieler anderer.

Bereits eine halbe Stunde vor Beginn war der Saal rappelvoll. Gut gelaunt unterhielten sich Hinz und Kunz, während Köppel sich im Foyer konzentriert letzte Notizen machte. Das Publikum war durchmischt: Noble Herren in Anzügen sassen neben Studentinnen, Bierbauch- und Hosenträgertragende neben schicken Frauen und dazwischen der nette junge Mann von nebenan. Otto Normalbürger eben. Dann, pünktlich um halb acht, betrat Köppel unter grossem Applaus die Bühne. 

1. Phase: Schongang

Während der ersten fünfzehn Minuten schaltete Köppel zwar noch den Schongang ein und klopfte das Publikum mit Lobeshymnen auf Luzern weich: «Luzerner sind bodenständig, rebellisch, kämpferisch, weltläufig. Ohne sie gäbe es keine Eidgenossenschaft.»

Er zitierte Karl von Schumacher, den bekannten Luzerner Diplomaten und Journalisten, der damals die «Weltwoche» gründete, und den ehemals katholisch-konservativen Nationalratspräsidenten Heinrich Walther, ebenfalls ein Luzerner. Dem Publikum gefielen die Schmeicheleien – natürlich. Wir Luzerner sind ein stolzes Völkchen.

2. Phase: Schleudergang

Doch dann war fertig mit nett. Köppel schaltete in den Schleudergang: «Noch nie war das Leben so gefährlich wie heute», sagte er mit fester Stimme ins Mikrophon und rückte sich dabei die Brille zurecht. Die eben noch freudig erregten Gesichter im Publikum wurden ernst. Einige nickten.

Es folgte ein kurzer Abriss aller drohenden Gefahren des Köppel’schen Weltbildes: Muslime in Frankreich, die Priester abschlachten, «islamistische Anschläge im Wochentakt in Deutschland», die Zustände in Nordafrika (insbesondere das Chaos in Libyen, welches westliche Bomben verursacht haben), die Korruption in der subsaharischen Zone, wo unsere Entwicklungshilfegelder hinfliessen. Und dann die Wirtschaftsflüchtlinge, die instabile EU, die verlogenen Massenmedien (allen voran die SRG). Köppel drückte mit ausgestrecktem Finger genau in die Wunden der unzufriedenen Bürger. Und generierte dabei insbesondere eines: Angst und Wut. «Die Krisenherde sind überall», sagte Köppel und das Publikum – ja, das sass versteinert da und machte keinen Mucks.

Nebst Köppels brillanter Rhetorik glänzten aber gewisse andere Stärken durch Abwesenheit: Die konstruktive Kritik und den intelligenten Lösungsvorschlag schien Köppel an diesem Abend nicht im Programm zu haben.

3. Phase: Trump und Brexit oder Leergang

Und endlich, nach einer halben Stunde Gehirnwäsche, gab Köppel Entwarnung: Es dürften heute alle guten Mutes nach Hause gehen, und lenkte seinen Vortrag auf das eigentliche Thema: Brexit und Trump. Wobei – die beiden Ereignisse handelte er in Nebensätzen und innerhalb von Minuten ab. Zum Brexit sagte Köppel zusammengefasst, dass er nicht gedacht hätte, dass die Briten die Kraft hätten, sich aus der unliebsamen Ehe mit der Braut (die EU) zu lösen. «Ich habe gewaltigen Respekt dafür», so Köppel. Die Schweiz solle sich ein Beispiel nehmen an den harten Bandagen, mit denen Theresa May in den Brexit-Verhandlungen kämpfen wolle.

Und Trump? Der sei ein gutes Beispiel dafür, dass die Demokratie lebe, sagte Köppel. Dass man die Wahl habe. Dass sich das Volk gegen das Mediendiktat und das politische Denkverbot des Establishments wehren könne. Und das sei die gute Nachricht. Das Publikum, das klatschte, nickte. «Genau», murmelte einer nebenan.

4. Phase: Die K.-o.-Runde

Dieser dritte (Leer-)Gang in Köppels Abendprogramm war Auftakt für die K.-o.-Runde: einen Rundumschlag gegen alle unliebsamen Gegner. Die Angriffe (Stil «Sauglattismus») zielten in alle Richtungen: David Roth, Christa Markwalder, Didier Burkhalter, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, aber auch Ex-FCL-Trainer Rolf Fringer, SRG-Generaldirektor Roger de Weck, Simonetta Sommaruga oder gleich die ganze «NZZ» mussten herhalten.

Köppel prangerte an, machte sich lustig oder verunglimpfte wahlweise. Dabei fehlte jede Art von Idee, wie es denn besser zu machen wäre. Und so hinterliess der Vortrag eine Viertelstunde lang insbesondere den Eindruck, wie ein in Rage gekommener Schulbube alles kurz und klein hackt. 

5. Phase: Ausschwingen – «die gute Nachricht»

Der finale Paukenschlag war dann aber die «gute Nachricht», die Köppel ankündigte. Und die sei auch der Grund, warum die Schweiz Grund zu Optimismus habe: «Brexit und Trump haben gezeigt: Es gibt verschiedene Vorstellungen da draussen, wie Europa und die Welt auszusehen haben», sagte Köppel. Und das gäbe auch der Schweiz Spielraum, ihre historisch gewachsene und wichtige Selbstbestimmung zu leben.

Den Vortrag zu Brexit und Trump, beziehungsweise dessen Folgen für die Schweiz, den habe ich irgendwie verpasst, scheint es mir auf dem Weg nach Hause.

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2 Kommentare
  1. Tonino Bucherinsky, 25.11.2016, 07:30 Uhr

    Da habe ich wohl nichts verpasst!
    6. Gang – Die Trommel leeren und mit neuer Dreckwäsche füttern ?
    Gruss aus der Waschküche ?

  2. Erwin Zollinger, 24.11.2016, 17:30 Uhr

    Offenbar kam der gestrige Abend bei Barbara Schnyder nicht gut an. Und dies, obschon Sie ja dabei sein wollte. Ich war am kritisierten und mit Waschgängen verglichenen Vortrag von Roger Köppel ebenfalls da. Als Luzernerin «stolzes Völkchen», wäre ich geschmeichelt von den Worten welche für den Stand Luzern gefunden wurden. Hatte dieser Kanton in der Vergangenheit doch eine nicht unwichtige Bedeutung im Kontext zur Entstehung unserer Eidgenossenschaft.
    Man darf die Ansichten und Meinungen des Medienunternehmers ungeniert zur Kenntnis nehmen, ohne gleich dem eigenen Kritikgeist zu unterliegen und nichts gutes an den Ausführungen des Journalisten zu finden. Das «Köppel’sche» Weltbild erscheint mir gar nicht so fremd, ist meines Erachtens sogar sehr realitätsnah, oder hat die schändliche Tötung eines Priester in Frankreich durch Muslime nicht stattgefunden?
    Was mich am Artikel von Frau Schnyder stört, ist auch die latente Verunglimpfung der Zuhörerschaft des gestrigen Vortrags. Sie spricht von Bierbäuchen, Hosenträgern und schicken Frauen. Letzteres dürfte, im Zusammenhang mit dem Aufschrei um Sexismus, bereits eine gewisse Relevanz haben.
    Das Personen wie Roger Köppel kritisiert werden ist legitim. Spricht er doch Klartext, eckt an und scheut sich nicht davor – manchmal politisch nicht ganz korrekt zu sein. Vielleicht ist es das, was Frau Schnyder nicht mag. Die Kritik ihrer Weltanschauung, ihrer politischen Ausrichtung und ihren Vorstellungen was man sagen und schreiben darf.
    Mir hat der Abend gefallen. Mir gefielen die Ausführungen des Historikers und mir gefiel, dass er «die Kinder beim Namen nannte», ihm sogar manchmal der Schalk im Gesicht stand.
    Das Frau Schnyder verpasste was der Referent sagen wollte, hat vielleicht mit der Motivation, oder den Rachegelüsten zu tun, den Redner am kommenden Tag in die Pfanne zu hauen.
    Frau Schnyder darf vom Referenten halten was sie will. Mir machen Personen wie Roger Köppel Hoffnung und lassen mich erkennen, dass sich offenbar nicht jedermann/frau vom Zeitgeist und der «allgemein» gültigen Meinung anstecken lässt. Köppel bringt seine Meinung kühn, verständlich und teilweise sogar humorvoll unter das Volk. Das passt!

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