Die Jagd nach dem roten Pass
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Der Weg zum Schweizer Pass birgt Hürden. (Bild: montage zentralplus)

Zuger Doppelbürger zu seinem Einbürgerungsmarathon Die Jagd nach dem roten Pass

5 min Lesezeit 04.02.2017, 04:35 Uhr

Der Weg zum roten Pass mit dem weissen Kreuz ist steinig und lang: Ein Zuger Doppelbürger erzählt von seinem Einbürgerungsverfahren, wie das genau funktioniert und wieso sogar kurz vor dem Ziel noch alles vergebens sein kann.

Um Schweizer zu werden, reicht es nicht, kratzig zu sprechen und raue Mengen von Brot mit heissem Käse für eine ernsthafte Mahlzeit zu halten. Neben den diversen gesetzlichen Voraussetzungen zeigt das Einbürgerungsverfahren für Ausländer eines ganz klar: Wer Schweizer sein will, muss sich in einer harten Papierschlacht als Kriegsheld erweisen. Eingebürgerte wissen das. Aber wie funktioniert dieses Verfahren überhaupt?

«Insgesamt dauerte es ungefähr eineinhalb Jahre», erzählt Collin Bos, der vor einigen Jahren noch kein Holländer Doppelbürger war. Ein Holländer mit perfekter Mundart, in dem sogar dieser Hauch des Schwyzer Dialektes zu hören ist, den man in den Zuger Berggemeinden findet.

Ein langer Weg

Dass eine Einbürgerung seine Zeit braucht, hat auch seine Gründe: Das Verfahren, an dessen Ende der Schweizer Pass winkt, ist alles andere als einfach. Es warten Tests, Befragungen, Abwägungen und Beurteilungen. Damit einen die apokalyptischen Paragrafenreiter auf ihren feurigen Amtsschimmeln nicht ins seelische Verderben reissen, braucht’s Geduld und eisernen Willen. Und Geld, denn ganz gratis ist das Ganze ebenfalls nicht.

Am Willen hat’s bei Collin Bos nicht gefehlt. Wieso er den Schweizerpass wollte, war für ihn von Anfang an klar. «Ich will in dem Land, in dem ich lebe, auch politisch mitreden können. Und wenn ich mich erst in ein paar Jahren einbürgern lassen hätte, dann müsste ich sehr spät noch den Militärdienst nachholen.»

«Ein Grund, wieso ich mir überlegte, ob ich mich einbürgern lassen soll, war sicher auch die Abstimmung über die Ausschaffungsinitiative. Bei einer Annahme hätte ich mich sehr unsicher gefühlt. Und ich dachte, mit einem Schweizerpass ist man dann einfach auf der sicheren Seite.» Also begann er mit 19 seine Jagd nach dem roten Pass.

Am Ende des Beamtendschungels winkt der sagenhafte rote Pass.

Am Ende des Beamtendschungels winkt der sagenhafte rote Pass.

(Bild: montage)

Na, werden Sie sich auch benehmen?

Während der ersten Etappe ist das Verfahren simpel: Beim Bürgerrechtsdienst steht ein Termin an, um die nötigen Papiere zu holen. Einen weiteren Termin beim selben Amt braucht’s, um das ausgefüllte Gesuch mit allen Unterlagen wieder zu bringen. Und hier beginnt der Papierkrieg richtig: Zu den Unterlagen gehören unglaublich viele Papiere. Beispielsweise ein Strafregisterauszug für alle über 15-Jährigen, ein Familienausweis, ein Ausweis, der die Aufenthaltsdauer in der Gemeinde und dem Kanton bescheinigt, eine Erklärung, dass man vorhat, die Schweizer Rechtsordnung zu beachten, ein kurzer Lebenslauf und noch ein paar Ausweise mehr.

«Ich habe da alles aufgelistet. Vom Assistenztitel in koreanischem Schwertkampf bis zu meiner Band, in der ich spiele.»
Collin Bos

Die Informationspalette klingt definitiv eindrücklich. «Auf den Unterlagen mussten wir alles Mögliche angeben: Vereinsleben und Hobbys etwa. Ich habe da alles aufgelistet. Vom Assistenztitel in koreanischem Schwertkampf bis zu meiner Band, in der ich spiele, und der Guggenmusik, in der ich mich engagiere.» Wer zeige, dass er im lokalen Vereinsleben aktiv sei, der habe bestimmt einen Pluspunkt, dachte sich Collin Bos und reichte die Unterlagen ein.

Zwei Verfahren für das Gleiche?

Am 12. Februar stimmt die Schweiz über die erleichterte Einbürgerung für Ausländer der dritten Generation ab. Wird die Vorlage angenommen, müssen «Terzos» nicht mehr das ordentliche Verfahren durchlaufen, sondern werden auf unkomplizierterem Weg auf Bundesebene eingebürgert. Dasselbe Verfahren können heute bereits Eheleute von Schweizern in Anspruch nehmen. Die Anforderungen an die Einbürgerungswilligen würden künftig die gleichen bleiben, doch das Verfahren wird vereinfacht.

Und immer wieder die Hobbys

Als Nächstes gehen die Unterlagen zur Polizei. Die macht einen Bericht und führt mit den Bewerbern ein Gespräch. Dabei geht’s tief ins Privatleben: Schulnoten werden besprochen, nochmals die Hobbys und das Vereinsleben, den Strafregisterauszug schaut man sich an und zum Schluss nochmals Hobbys und Vereine. Frühere Kontakte mit der Polizei interessieren natürlich besonders, auch wenn diese im Strafregister nicht auftauchen: «Ich hatte mal einen Vorfall, ich wurde einmal verprügelt. Dazu fragte die Polizei nach», erzählt Collin Bos.

Die Reihe der amtlichen Berichte setzt sich von nun an in munterer Folge fort. Als Nächstes macht der Gemeinderat einen Bericht aufgrund der Unterlagen, die am Anfang eingegeben wurden. Dann gehen die Unterlagen weiter zum Bürgerrat der Gemeinde. Bevor dieser allerdings seinen Bericht erstellt, will er die Bewerber nochmals persönlich treffen. Thema des Gesprächs: Hobbys, Vereinsleben, Vorstrafen, beruflicher Werdegang und finanzielle Lage. Beiläufig erzählte Collin Bos, dass er nach der Lehre noch die Matura nachholen wolle. Vielleicht gibt schweizerische Zielstrebigkeit ebenfalls ein paar Bonuspunkte?

Wer die Gemeinde nicht kennt, fällt durch

Eine der letzten Stationen vor dem roten Heftchen mit Kreuz ist eine Quizshow. Im «Staatsbürgerlichen Gespräch» müssen Bewerber, die nicht ihre ganze Schulzeit in der Schweiz verbracht hatten, zeigen, wie gut sie ihre Rechte, Pflichten und Möglichkeiten als Schweizer Bürger kennen. Collin Bos verbrachte seine gesamte Schulzeit in der Schweiz. Ganz um die Fragen herum kam er aber nicht.

«Sie zeigten mir Bilder und ich musste ihnen sagen, wo in der Gemeinde diese aufgenommen wurden.»
Collin Bos

«Beim Gespräch mit dem Bürgerrat wurde ich auch getestet. Sie zeigten mir Bilder und ich musste ihnen sagen, wo in der Gemeinde diese aufgenommen wurden. Dann fragten sie noch, wann die Schweiz genau gegründet wurde, was für Jubiläen die Gemeinde Oberägeri im Jahr 2015 feierte und worüber man als Nächstes politisch abstimmt.» Gründung: 1848, die Schlacht am Morgarten wurde 750, abgestimmt wurde über Stipendien, Gentechnologie, Steuern und Fernsehgesetze. Gratulation: hundert Punkte!

Nach dem Gespräch mit dem Bürgerrat schien das Ziel in greifbarer Nähe.

Nach dem Gespräch mit dem Bürgerrat schien das Ziel in greifbarer Nähe.

(Bild: montage)

Es sieht gut aus, aber …

Die Jagd neigt sich dem Ende zu. Noch ein paar Papiere zuhanden des Bundes und des Kantons, Unterschriften der zuständigen Stellen, selbstverständlich in doppelter Ausführung und zurück damit an den Bürgerrat der Gemeinde, damit diese über das Gemeinde-Bürgerrecht final entscheiden kann. Ohne Bürger einer Gemeinde zu sein, kann man nämlich nicht Bürger des Kantons werden. Es sieht gut aus für Collin Bos.

Doch dann wurde das Gesuch nicht angenommen. «Per Post teilten die Behörden mit, dass ich doch noch ein Jahr warten solle.» Der ganze Aufwand und nun doch noch ein Jahr lang Ungewissheit? Wieso denn das? Wegen der Ausbildung. «Die Gemeinde wollte nicht, dass ich gleich nach der Einbürgerung kein gesichertes Einkommen habe. Das hätte ich aber, da ich die Matura nachholen will.»

Ein neuer Schweizer

Letztlich schaffte Collin Bos aber auch noch diese Hürde. Seine Eltern gaben eine sogenannte Solidar-Bürgschaft ab, sie sind nun zehn Jahre lang für die allfälligen finanziellen Schwierigkeiten ihres Sohnes haftbar. «Ohne meine Eltern hätte ich es nicht geschafft, ich bin sehr dankbar», sagt Collin Bos.

Im Kanton Zug haben im letzten Jahr 357 Personen diesen Lauf absolviert. Alle Neu-Eingebürgerten dürfen sich an der Gemeindeversammlung vorstellen. Nochmals mit Hobbys und Vereinsleben. Collin Bos machte das aber gerne. «Ich fand das schön und habe mich gefreut. Irgendwie gehört sich das, sich als neuer Bürger vorzustellen.»

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