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«Die Initiative ist einfach Mumpitz»
  • Politik
Findet die Spekulationsstopp-Initiative «Mumpitz»: Martin Fasser, Präsident der Zug Commodities Association. (Bild: Screenshot Youtube)

Zuger Rohstoffbranche hat kein Verständnis «Die Initiative ist einfach Mumpitz»

7 min Lesezeit 1 Kommentar 18.02.2016, 16:04 Uhr

Die Rohstoffbranche wehrt sich vehement gegen die Juso-Initiative – aber was würde diese im Rohstoffhandelsplatz Zug wirklich ändern? Der Chef der Zuger Rohstoffvereinigung sagt, was Sache ist. Wir fragen, ob er nicht gerade eine riesige Chance verpasst. Und wie abgehoben von der Realität ein Markt denn sein darf, ohne Blasen zu werfen. Sein Argument: Autofahren macht auch Abgase. Ist trotzdem nicht verboten.

zentral+: Herr Fasser, ganz konkret: Welche Auswirkungen hätte die Nahrungsmittel-Spekulationsinitiative auf den Zuger Rohstoffhandelsplatz?

Martin Fasser: Die direkten Auswirkungen wären klein. Es gibt in Zug schätzungsweise drei oder vier Firmen, die von der Initiative betroffen wären. Indirekt würde sich die Initiative aber auch auf andere Zweige auswirken – und da gäbe es auch in Zug betroffene Firmen. Zum Beispiel beim Dünger-Handel. Dünger-Handelsfirmen bieten den Bauern Produkte an, deren Preise sich am Nahrungsmittelpreis orientieren, und sichern diese Geschäfte wiederum mit Finanzprodukten aus der Terminbörse ab. Sie könnten solche Produkte nicht mehr anbieten, wenn die Initiative angenommen würde. Das beraubt Bauern, welche keinen Zugang zur Terminbörse haben, eines Instruments zur Preisabsicherung.

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zentral+: Es geistern im Moment Zahlen durch die Schweiz – von 21 bis 12’000 verlorene Jobs, je nach Schätzung – wie viele Arbeitslose würde es im Kanton Zug geben, wenn die Initiative durchkäme?

Fasser: Da kann ich Ihnen wirklich keine Zahl sagen. Das ist nicht berechenbar. Wie gesagt, im Kanton Zug wären die Auswirkungen eher klein.

zentral+: Wieso sträubt sich denn Ihre Branche so gegen die Initiative, wenn sie gar nicht so verheerend für den Handelsplatz wäre?

Fasser: Weil die Initiative einfach Mumpitz ist. Sie löst keines der Probleme, die die Initianten lösen wollen, weder Hunger noch Armut. Die echten Gründe für die Preisschwankungen sind Kriege, Dürren, Umweltverschmutzung. Die Spekulation hat höchstens einen sehr kurzfristigen Einfluss auf den Preis, aber keinen langfristigen.

Das will die Initiative

Die Juso-Initiative fordert ein Spekulationsverbot für Institutionen wie Banken, kollektive Kapitalanlagen oder Effektenhändler auf die Preisentwicklung von Nahrungsmitteln oder Agrarrohstoffen. Weiterhin erlaubt bleiben sollen aber Verträge, die von Nahrungsmittelproduzenten oder Händlern zur Absicherung von tatsächlichen Transaktionen über Termingeschäfte dienen.

Die Befürworter argumentieren, die Spekulation auf Nahrungsmittel habe einen Einfluss auf die Preisentwicklung. Sie trage zum Hunger auf der Welt bei. Die Gegner argumentieren, dieser Zusammenhang sei nicht sicher herstellbar – die Spekulation habe keinen Einfluss auf die Preisentwicklung, stattdessen trage sie zur Stabilisierung der Märkte bei. Die Wissenschaft ist gespalten – Studien der UNO sprechen für einen Zusammenhang zwischen Spekulation und Preisentwicklung bei Nahrungsmitteln. Eine Metastudie der Universität Basel und der Hochschule Luzern bestreitet diesen Zusammenhang.

zentral+: Das ist wissenschaftlich nicht gesichert. Wieso sind Sie so überzeugt?

Fasser: Das Gegenteil ist auch nicht wissenschaftlich gesichert. Es ist meine persönliche Meinung und Erfahrung. Man muss einfach einmal zuhören, um das Geschäft zu verstehen. Es ist ganz wichtig, dass man erkennt: Wenn jemand spekuliert, dann gibt es immer jemand anderen, der auf das Gegenteil spekuliert. Wenn jemand viel Geld gewinnt, dann verliert jemand anders gleich viel Geld. Daher ist es nicht angebracht, den Spekulanten Millionengewinne vorzuwerfen. Der Markt gleicht sich immer aus. Das bedeutet, es ist egal, ob diese Spekulanten böse sind oder nicht – sie sorgen dafür, dass der Markt liquide bleibt, dass es immer Käufer und Verkäufer gibt.

zentral+: Allerdings haben sie dabei auch einen Einfluss auf den Markt: Wo es plötzlich einen Run gibt, können Blasen entstehen.

Fasser: Nur ganz kurzfristig, Stunden, Tage, maximal Wochen – denn diese Produkte sind an ein tatsächliches Produkt gekoppelt. Sie sind nicht im luftleeren Raum.

zentral+: Die Rohstofftransaktionen machen aber nur noch einen kleinen Teil der Transaktionen aus, laut Aussagen der UNO weniger als 20 Prozent. Gibt es denn eine Untergrenze? Wie gross muss der Anteil der Geschäfte sein, bei denen ein Produkt wie Getreide tatsächlich die Hand wechselt, damit der Markt keine Blasen produziert?

Fasser: Das ist eine gute Frage, ich weiss es nicht. Klar, wenn der Markt gar nicht mehr an ein Produkt gekoppelt ist, dann macht er, was er will. Das ist aber bei Nahrungsmitteln nicht der Fall.

«Das ist ein Glaubenskrieg – er wird seit 200 Jahren geführt.»

Martin Fasser, Präsident der Zug Commodity Association

zentral+: Darüber gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens – die UNO und die WHO sind der Meinung, dass es einen Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation und den Preisschwankungen gibt – Spekulation könne vorhandene Tendenzen noch verstärken. Ist das ebenfalls Mumpitz?

Fasser: Das ist ein Glaubenskrieg – er wird seit 200 Jahren geführt. Es gibt Studien für jede Seite, die Studie der Universität Basel und der Fachhochschule Luzern etwa zeigt das Gegenteil. Konkrete schlagende Beweise gibt es nicht. Allerdings ist es völlig klar, dass die Spekulanten dazu führen, dass der Markt liquide bleibt. Die Nahrungsmittelbörse in Äthiopien etwa würde sich wünschen, es gäbe Spekulanten, damit genügend Liquidität der Finanzprodukte vorhanden wäre. Denn es gibt nichts Schlimmeres für einen Nahrungsmittelverkäufer oder -käufer, als wenn er den Preis der Waren nicht absichern kann.

zentral+: Die Studie, die Sie erwähnen, wurde allerdings laut Recherchen der Woz von einem ehemaligen Mitarbeiter einer auf Rohstofffirmen spezialisierten Forschungsfirma verfasst – sie scheint parteiisch zu sein. Weshalb greifen die Rohstoffverbände zu solchen Mitteln? Das riecht doch nach gezinkten Karten.

Fasser: Die Studie ist vom Bund in Auftrag gegeben. Ich nehme an, dass die Universität Basel nicht hinter einer Studie stehen würde, die wissenschaftlichen Kriterien nicht genügt. Wissen Sie auch, wer die Autoren der UNO-Studien sind? Wie gesagt, es ist ein Glaubenskrieg, jede Seite hat Studien finanziert, die ihre Sicht unterstreichen. Schlussendlich bleibt die Ausgangslage dieselbe: Die Initiative würde den Standort Schweiz als Ganzen schwächen. Dieser ist bereits angeschlagen durch den starken Schweizer Franken und andere Volksinitiativen, welche im Ausland nicht verstanden werden. Die Firmen, die schon da sind, denen gefällt es hier. Sie hätten aber einen Grund mehr, den Standort Schweiz zu überdenken. Dass sich immer noch neue Firmen hier ansiedeln würden, wage ich zu bezweifeln.

zentral+: Nur wäre die Schweiz mit einer solchen Massnahme ja nicht ganz alleine: Die USA und auch die EU haben Massnahmen ergriffen, um die Spekulation auf Nahrungsmittel einzuschränken: Mit sogenannten Positionsbeschränkungen soll die Anzahl von abgewickelten Geschäften pro Zeiteinheit gedrosselt werden. Das beschränkt die Spekulation ganz konkret. Soll die Schweiz da nicht mitziehen?

Fasser: Diese Massnahme ist weit weniger radikal, als es die Initiative der Juso fordert. Diese Positionsbeschränkungen sollen die Manipulation von Börsenkursen verhindern, nicht die Spekulation auf Nahrungsmittel.

zentral+: Würde sich Ihre Branche auf solche Beschränkungen einlassen?

Fasser: Natürlich, wenn es zum Gesetz wird. Aber das tut nichts zur Sache: In der Schweiz gibt es keine Börse, an der Rohstoffe gehandelt werden. Deshalb würde ein Schweizer Gesetz über Positionsbeschränkungen nichts nützen. Hingegen sind Schweizer Firmen und Spekulanten, welche an Börsen in der EU oder den USA tätig sind, bereits den jeweiligen Gesetzen und Positionslimiten unterstellt.

zentral+: Ihr Verband ist mit dem Ziel angetreten, die verschwiegene Rohstoffbranche der Öffentlichkeit näherzubringen, auch um das schlechte Image der Branche zu verbessern. Dabei war die Rede von Eigenverantwortung, ethischen Standards. Diese Initiative wäre doch ein guter Moment gewesen, um das Image der Branche radikal zu verbessern. Wenn die Branche von sich aus gesagt hätte: Jawohl, das macht Sinn, wir wollen nicht auf Dinge spekulieren, von denen arme Menschen in der ganzen Welt direkt abhängig sind. Hat man da nicht eine Chance verpasst?

Fasser: Nein, und zwar ganz einfach deshalb, weil es keinen Sinn macht. Im Gegensatz zur Juso sträube ich mich, nur um des Images wegen für etwas zu sein, was keinen Sinn macht.

«Die Angst dahinter ist, dass damit eine Türe aufgestossen wird für noch mehr und noch einschneidendere Änderungen.»

zentral+: Aber wenn es ja eigentlich nichts zu verlieren gibt – Sie haben selber gesagt, dass die Initiative für den Handelsplatz Zug faktisch keine grossen Änderungen bringen würde. Was ist denn die Angst dahinter? 

Fasser: Die Angst dahinter ist, dass damit eine Türe aufgestossen wird für noch mehr und noch einschneidendere Änderungen. Die Initiative verursacht ein generelles Unwohlsein in der Wirtschaft, nicht nur bei Handelsfirmen. Was kommt als Nächstes? Das ist die grosse Angst dahinter.

zentral+: Auf der anderen Seite stehen Beispiele von Firmen, die tatsächlich den Nahrungsmittelmarkt manipuliert haben: Glencore etwa hat 2011 Russland geraten, einen Nahrungsmittel-Exportstopp zu verhängen, was Russland auch getan hat. Mit der Wette auf steigende Nahrungsmittelpreise hat Glencore daraufhin viel Geld verdient – die Preise stiegen laut Wall-Street-Journal aufgrund der folgenden Knappheit um 15 Prozent an. Dieses Bild des unmoralischen Rohstoffhändlers, der alles tut, um Geld zu verdienen – ist es nicht genau das, was Sie aus der Welt zu schaffen versuchen?

Fasser: Ich kenne diesen Fall nicht. So, wie Sie ihn darstellen, hat er nichts mit Finanzinstrumenten zu tun, um welche es bei der Juso-Initiative geht.

«Mit Ihrem Argument müssten Sie eine ganze Reihe von Dingen verbieten: Autofahren zum Beispiel.»

zentral+: Zum Schluss: Die Wissenschaft ist gespalten. Also existiert zumindest die Möglichkeit, dass Spekulation auf Nahrungsmittel einen Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise hat. Müsste die Branche nicht nur schon deshalb auf diesen Wirtschaftszweig verzichten – weil die Chance besteht, dass er für arme Bevölkerungsschichten existenzielle Konsequenzen hat?

Fasser: Ohne Spekulation wird der physische Handel eingeschränkt. Es ist genau dieser Handel, welcher Angebot und Nachfrage ausgleicht. Mit Ihrem Argument müssten Sie eine ganze Reihe von Dingen verbieten: Autofahren zum Beispiel, denn da besteht auch die Möglichkeit, dass ein Unfall passieren kann. Oder Ferien in Entwicklungsländern, denn da besteht auch die Möglichkeit, dass Sie ein Unrechtsregime unterstützen. Eine «Möglichkeit» kann nicht die Grundlage für ein Gesetz sein. 

 

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1 Kommentare
  1. walter ludin, 19.02.2016, 15:24 Uhr

    Schön harte Fragen – und sehr kompetent. Eine Freude …