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Die grüne Hoffnungsträgerin ist untergetaucht
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Im Frühling omnipräsent, jetzt kaum: Korintha Bärtsch, hier Ende März nach dem ersten Wahlgang mit Parteipräsident Maurus Frey. (Bild: zvg)

Luzern: Korintha Bärtsch und ihr Wahlkampf Die grüne Hoffnungsträgerin ist untergetaucht

5 min Lesezeit 1 Kommentar 01.10.2019, 05:01 Uhr

Sie liess die Herzen von Linksgrün im Frühling höherschlagen: Korintha Bärtsch überraschte bei den Luzerner Regierungsratswahlen mit einem Spitzenresultat. Jetzt kandidiert sie für den Nationalrat. Doch im Wahlkampf ist die 35-Jährige auffällig unauffällig. Ihrem parteiinternen Konkurrenten Michael Töngi zuliebe?

Der Bundesplatz voll, die Strassen verstopft, der Protest gross: Die Klimademo in Bern hat am Samstag gemäss Schätzungen bis zu 100’000 Menschen auf die Strasse gebracht. Mit dabei waren auch zahlreiche Luzerner. Unter ihnen die grüne Kantonsrätin Korintha Bärtsch, wie sie auf ihrer Facebook-Seite zeigt.

Es ist eines der wenigen Male, dass sich die Stadtluzernerin im Nationalratswahlkampf öffentlich äussert. Es scheint beinahe, als wäre der im Frühling aufgegangene Stern auf den Herbst hin bereits wieder ein bisschen verglüht.

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Als Aussenseiterin ist sie zu den Regierungsratswahlen im März angetreten, sie stach SP-Kandidat Jörg Meyer aus und brachte den Bisherigen Marcel Schwerzmann ins Schwitzen. Am Ende reichte es zwar nicht, um die Männerbastion zu knacken, doch Bärtsch blieb als grosse Überfliegerin der kantonalen Wahlen in Erinnerung.

Ihr wird viel zugetraut

Jetzt kandidiert die Umweltnaturwissenschaftlerin am 20. Oktober für den Nationalrat (zentralplus berichtete). Und da trauen ihr politische Beobachter einiges zu.

«Korintha Bärtsch hat das Potenzial, Michael Töngi gefährlich zu werden», sagt der Luzerner Politologe Olivier Dolder. Sie habe dank den Regierungsratswahlen im Frühling eine grosse Bekanntheit erlangt und könnte dadurch viele Panaschierstimmen holen. «Zudem wählen linke Wähler gerne Frauen.» 

Der Berner Politologe Mark Balsiger äusserte sich bereits im Juli ähnlich. Er schätze, dass Bärtsch ihrem Parteikollegen Michael Töngi «einheizen werde», sagte er damals gegenüber der «Luzerner Zeitung». Für den aktuellen grünen Nationalrat Töngi könnte es also ungemütlich werden, würde Bärtsch voll angreifen.

Korintha Bärtsch mit Michael Töngi an der Klimademo:

Doch um die 35-Jährige ist es aktuell erstaunlich ruhig. Kaum ein Plakat von ihr ist zu sehen, kaum eine Schlagzeile zu lesen. Auf ihrer Website steht: «Korintha Bärtsch in den Regierungsrat», darunter ist ein Foto vom Wahlsonntag zu sehen. Dass sie für einen Sitz in Bundesbern kandidiert, erfährt der Besucher nicht.

Auch als neue Kantonsrätin setzte sie sich kaum in Szene. Anders als beispielsweise ihre Parteikollegin Noëlle Bucher, ebenfalls Nationalratskandidatin und Neo-Kantonsrätin, hat Korintha Bärtsch bislang nicht mit Vorstössen auf sich aufmerksam gemacht.

«Es ist sicher nicht mein Ziel, Michael Töngi zu verdrängen.»

Korintha Bärtsch, Nationalratskandidatin

Angesprochen auf ihren Wahlkampf, räumt Korintha Bärtsch ein, dass sie insbesondere auf Social Media nicht so aktiv sei. «Es stimmt, da muss ich etwas Gas geben. Ich bin mehr an Standaktionen präsent und mobilisiere im persönlichen Umfeld.» Ihr fehlen laut eigener Aussage – im Unterschied zum Frühling – die Ressourcen für einen professionellen und fokussierten Wahlkampf.

Angst vor dem eigenen Erfolg?

Doch angesichts des Potenzials, das ihr zugesprochen wird, drängt sich die Frage auf: Hat ihre Zurückhaltung auch damit zu tun, dass sie die Wiederwahl von Michael Töngi gefährden könnte?

«Es ist sicher nicht mein Ziel, Michael Töngi zu verdrängen», entgegnet Korintha Bärtsch. Dass sie deswegen bewusst zurückhaltend Wahlkampf betreibt, könne man aber nicht sagen. Zumal sie es vermessen findet, zu behaupten, sie würde aus Angst vor dem eigenen Erfolg zurückstecken.

«Wir legen niemanden in Ketten.»

Maurus Frey, Präsident Grüne Kanton Luzern

Sie werde zwar auf der Strasse nach wie vor von vielen erkannt. Ob das ihre Chancen erhöhe, könne sie aber schlecht einschätzen. «Ich bin selber gespannt, ob das nachhallt.» Im Unterschied zum Wahlkampf für den Regierungsratssitz im Frühling gehe es bei den Nationalratswahlen nun darum, gemeinsam für ein gutes Parteiresultat zu kämpfen. «Meine Person steht nicht im Fokus und das finde ich richtig.»

Dass die Grünen im Vergleich zu anderen Parteien mehr Team- statt Einzelwahlkampf machen, betont auch Präsident Maurus Frey. Bärtschs Engagement im Besonderen will er nicht beurteilen. Dass die Parteileitung aus Sorge um Michael Töngis Wiederwahl irgendwen um Zurückhaltung bitte, weist er hingegen in aller Deutlichkeit zurück. «Wir legen niemanden in Ketten», sagt Frey. Im Gegenteil: «Wir erwarten von allen, dass sie gleichermassen Einsatz geben.»

Experte sieht Töngi in der Poleposition

Politologe Olivier Dolder seinerseits ist nicht besonders überrascht, dass man von Korintha Bärtsch nicht mehr so viel hört. «Der Wahlkampf der Grünen fokussiert sich auf Töngi als Bisherigen und Monique Frey als Ständeratskandidatin. Von den anderen acht auf der Nationalratsliste spürt man ebenso wenig wie von Bärtsch.» Dass die 35-Jährige die Besucher ihrer Website nicht mal über ihre Kandidatur informiert, sei «ein typisches Politikerphänomen»: Nach den Wahlen verwaisen viele Websites (zentralplus berichtete).

«Ich sehe Michael Töngi in der Poleposition.»

Olivier Dolder, Politologe

Den allfälligen Einfluss strategischer Parteiüberlegungen auf Bärtschs Wahlkampfengagement könne er nicht beurteilen, so Dolder. Ob Korintha Bärtsch ihrem Parteikollegen tatsächlich gefährlich werden könnte, bleibt genauso spekulativ. Gemäss Olivier Dolder spielt normalerweise der Bisherigenbonus. Dass ein Nationalrat abgewählt wird, kommt hin und wieder vor. Dass einer abgewählt wird, weil er von einer parteiinternen Konkurrenz überholt wird, ist jedoch eher selten. Der letzte Luzerner Nationalrat, der mit diesem Schicksal vorlieb nehmen musste, war Pius Segmüller (CVP) vor acht Jahren. Er wurde von Leo Müller überflügelt.

Dolder streicht hervor, dass Töngi zwar erst im März 2018 nachrutschen konnte. Einen Skandal oder negative Schlagzeilen habe er aber nicht provoziert. «Ich sehe ihn daher in der Poleposition.»

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1 Kommentare
  1. Joseph de Mol, 01.10.2019, 09:50 Uhr

    Das ist bei Rot/Grün kein neues Phänomen. War schon bei Rosa Rumi, Felicitas Zopfi und nun auch bei Korintha Bärtsch so!