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Die grosse Langeweile: Was in der Quarantäne wirklich beschäftigt
  • Gesellschaft
Unter Quarantäne zu stehen, kann schnell aufs Gemüt schlagen. (Symbolbild Adobe Stock)

Lungenliga betreibt heissen Draht ins Krankenzimmer Die grosse Langeweile: Was in der Quarantäne wirklich beschäftigt

5 min Lesezeit 12.03.2020, 16:34 Uhr

Was geht Menschen durch den Kopf, die wegen des Coronavirus zu Hause in Quarantäne sitzen? Wie überstehen die Kranken die Tage in der Isolation? Kaum jemand kennt die Antworten besser als eine Mitarbeiterin der Lungenliga Zentralschweiz.

Brigitta Arnold spricht mit Menschen, die am Coronavirus erkrankt sind. Täglich. Und das seit bald zwei Wochen.

Die ausgebildete Pflegefachfrau übernimmt in der aktuellen Krise eine zentrale Rolle: Für Menschen in der Quarantäne ist sie der Kontakt zur Aussenwelt. Für die Behörden sind die Informationen, die Arnold bei ihren Telefonaten zusammenträgt, entscheidend.

Nachfragen, wie’s geht: Täglich telefoniert Brigitta Arnold mit Menschen, die wegen des Coronavirus in Quarantäne sind. (Bild: ios)
Deshalb steht die Lungenliga im Einsatz

Nach der Schweinegrippe 2009 hat man sich in der Zentralschweiz auf eine Situation, wie sie jetzt eingetreten ist, vorbereitet. Die Kantone Zug und Schwyz greifen auf die Erfahrung der Lungenliga – etwa im Zusammenhang mit Tuberkulosekranken, die ebenfalls in Isolation behandelt werden – zurück.

Das Monitoring der sich in Quarantäne oder Isolation befindenden Personen im Kanton Luzern wird derzeit vom Zivilschutz übernommen (zentralplus berichtete).

Daten aufnehmen, Verdachtsfälle kontaktieren

Der Hintergrund: Für die Kantone Zug und Schwyz übernimmt die Lungenliga Zentralschweiz das Monitoring von Menschen in Quarantäne oder Isolation.

Birgitta Arnold, in ihrer Funktion als Beraterin für Erkrankungen der Atemwege, ist die ideale Person für diese Aufgabe.

Aktuell sind es rund 40 Personen, mit denen Arnold und zwei weitere Mitarbeiterinnen der Lungenliga täglich telefonieren. Darunter momentan 11 Erkrankte aus dem Kanton Zug und 8 aus Schwyz. «Eine der wichtigsten Aufgaben, die wir übernehmen, ist die Umgebungsabklärung», erklärt Arnold. «Da muss es jeweils schnell gehen.»

Die Lungenliga Zentralschweiz übernimmt für die Kantone Zug und Schwyz das Monitoring von Personen, die unter Quarantäne stehen. (Bild: ios)

Personen ausfindig machen, die in Quarantäne müssen

Das funktioniert so: Der Kantonsarzt meldet der Lungenliga Personen, bei denen der Virus nachgewiesen wurde und informiert sie über die Quarantäne. Arnold kontaktiert diese dann telefonisch und versucht im Gespräch zu eruieren, mit wem die Person zuletzt in engerem Kontakt war.

«Danach versuchen wir, diese Personen ausfindig zu machen. Wir informieren sie über das Vorgefallene und instruieren sie, sich zuhause in die freiwillige Quarantäne zu begeben», sagt Arnold. «Danach beginnen wir, den Verlauf der Quarantäne zu beobachten.»

Verlauf der Krankheit protokollieren

Bei den sogenannten «Indexpatienten» – also jenen, die am Virus erkrankt sind – hält Arnold den Verlauf der Krankheit schriftlich fest. «Manche von ihnen liegen ziemlich tief im Bett», weiss sie. Am Telefon müssen die Erkrankten täglich ihre Temperatur durchgeben und ihre Symptome beschreiben. Auch die engen Kontaktpersonen – etwa Familienmitglieder im selben Haushalt – werden über ihren Gesundheitszustand befragt.

Verschlechtert sich der Zustand einer Person, entscheiden Arnold und die betroffene Person, ob der Hausarzt kontaktiert oder gar der Notarzt gerufen wird. «Manchmal höre ich es schon dem Husten an, dass sich der Zustand einer Person verschlechtert hat.»

Isolation fordert mentale Stärke

«Die Erkrankten haben vor allem Fragen zum Verlauf», weiss Arnold. «Ihnen das bisher Bekannte zu vermitteln, hat meistens eine beruhigende Wirkung.»

Dies ist eine weitere wichtige Funktion von Arnold und ihren Kolleginnen: Den Menschen zuhören und ihnen so das Gefühl geben, ernst genommen zu werden. Unsicherheiten werden geklärt und ihnen wird signalisiert, dass sie nicht alleine durch die Krankheit müssen. «Gerade in der Isolation ist es wichtig, mental stark zu bleiben.»

Zuhause bleiben heisst nicht, auf der Couch zu versauern

Bei jenen, die ohne Symptome in Quarantäne sitzen, drehe sich vieles um die Frage: «Wie schlage ich mir den Tag um die Ohren?».

«Natürlich fällt einem schnell einmal die Decke auf den Kopf. Sie vermissen es einfach raus zu gehen», sagt Arnold. Mangelnde Bewegung und Langeweile seien ein Dauerthema. «Viele arrangieren sich aber recht schnell mit der Situation und lernen beispielsweise für die Schule oder Uni», bemerkt Arnold.

Mit einem Schmunzeln gibt Arnold eine kleine Anekdote preis: «Ich habe mich zuletzt ziemlich erschrocken, als bei einem Kontrolltelefonat eine Person wie verrückt keuchte, als sie das Telefon abnahm. Ich befürchtete schon das Schlimmste. Wie sich aber herausstellte, funktionierte sie die Stube zum privaten Fitnesscenter um und war mitten im Training.»

Lungenliga kümmert sich um «vulnerable Personen»

Während Brigitta Arnold weiter ihre «Corona-Telefonliste» durchgeht, trifft sich der interne Krisenstab der Lungenliga Zentralschweiz. Im Beisein von Vereinspräsident und Alt-CVP-Nationalrat Pius Segmüller und unter der Leitung von Geschäftsführer Matthias Moritz, wird das weitere Vorgehen besprochen.

Der Corona-Krisenstab der Lungenliga mit Geschäftsführer Matthias Moritz (zweiter von links) und Vereinspräsident Pius Segmüller (Mitte). (Bild: ios)

Die Lungenliga betreut tausende von Menschen, die zu den «vulnerablen Personen» gezählt werden. Die Betreuung dieser Patienten habe für die Lungenliga Zentralschweiz im Moment höchste Priorität, so Geschäftsführer Moritz.

Die Lungenliga hat für die Monate März und April alle Anlässe und Kurse abgesagt oder verschoben. Zudem gewinnt das Thema Homeoffice auch bei der Lungenliga stark an Gewicht. Wo immer möglich, wird zum Schutz der Mitarbeitenden von zuhause aus gearbeitet.

In der Quarantäne wird eher gebügelt als gefaulenzt

Da sind die Personen, die derzeit unter Quarantäne stehen, bereits angelangt, weiss Brigitta Arnold: «Viele der Betroffenen haben sich mit ihrem Arbeitgeber arrangiert und arbeiten von zuhause aus.»

Generell sei die Kooperation und das Verständnis der Betroffenen sehr gut, sagt Arnold. Dann steht auch schon das nächste Telefonat an.

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