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Die Glücklichen im hintersten Winkel von Zug
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Auch wenn der ehemalige Schreiner Menz Elsener schon längst pensioniert ist, trägt er noch immer seinen Arbeitskittel. (Bild: wia)

Ein Besuch im kleinen Finstersee Die Glücklichen im hintersten Winkel von Zug

8 min Lesezeit 08.10.2017, 12:19 Uhr

Finstersee. Das klingt nach grimmigen Gesellen. Nach Eigenbrötlerei und Schläfrigkeit. Ob es stimmt? Ein Augenschein vor Ort widerlegt unsere Annahmen. Erstaunlich offen werden wir empfangen. Und von Verschlafenheit ist hier keine Spur. Dies nicht zuletzt, weil die Bevölkerung des Weilers vor einigen Jahren ziemlich wachgerüttelt wurde.

Finstersee ist ein seltsamer Ort. Ist weder richtig Zug, noch Zürich, noch Schwyz. Wer entscheidet sich für ein Leben in diesem Dorf, in dem es keinen Laden und nur einen mittelprächtigen Postauto-Dienst gibt? Ist die Bevölkerung glücklich? Ist sie mürrisch vor lauter Abgeschiedenheit? Das wollen wir herausfinden, setzen uns ins Auto und fahren los.

Zuerst in Richtung Menzingen. Oben angekommen, geht’s weiter in Richtung Strafanstalt und Hütten, mitten durch die Moränenlandschaft. Vorbei am kleinen See, der gschpässigerweise nicht etwa Finster-, sondern Wilersee heisst. Und von dort rauf ins Dorf.

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Hübsch eingebettet zwischen Moränenhügeln liegt der Weiler Finstersee.

Hübsch eingebettet zwischen Moränenhügeln liegt der Weiler Finstersee.

(Bild: wia)

Aus dem Restaurant wurde eine Bar

Das erste Ziel: das Dorfrestaurant «Luegisland». Wenn hier irgendwo etwas läuft, dann bestimmt hier. Doch kaum angekommen, wird klar, dass es vielleicht doch nicht ganz so einfach werden dürfte. Denn die Beiz ist weg. Auf den zweiten Blick entdecken wir jedoch, dass da eine Bar namens «luegid’Bar» hingekommen ist. Und die öffnet in einer Stunde. Die Türe ist aber schon jetzt offen. Wir treten ein und setzen uns an die leere Theke. Nach einigem Rufen tritt eine kleine Frau in den Raum. Und sie freut sich über den unverhofften Besuch.

«Würde die Schule geschlossen, müssten die Kinder nach Menzingen in die Schule. Einen Schulbus gibt es nicht.»

Corinne Kramer, Vorstandsmitglied des Vereins Finstersee.ch

Tatsächlich sei das Restaurant nun bereits seit einigen Jahren zu, erklärt die Frau, die sich als Corinne Kramer vorstellt. Im Juni habe man im Lokal die «luegid’Bar» eröffnet. «Die Räumlichkeiten fungieren sowohl als Bar, als Treffpunkt wie auch als Vereinslokal von Finstersee.ch», sagt Kramer.

Es handelt sich um einen Verein, der letztlich kein geringeres Ziel hat, als zu verhindern, dass die Schule des 400-Seelen-Weilers geschlossen wird. «Wir haben hier eine Mischklasse von der ersten bis zur vierten Klasse, und dieses System funktioniert gut. Würde die Schule geschlossen, müssten die Kinder nach Menzingen in die Schule. Einen Schulbus gibt es nicht», sagt Kramer, die im Vereinsvorstand sitzt, sachlich. Im Februar stimmt die Gemeinde Menzingen über die Sache ab.

«Als der Gemeinderat 2014 die Schliessung unserer Schule beschloss, ist Finstersee irgendwie aus einem Schlaf erwacht.»

Corinne Kramer, Vorstandsmitglied des Vereins Finstersee.ch

Sie hat sich offensichtlich mit dem Thema befasst. «Als der Gemeinderat 2014 die Schliessung unserer Schule ankündigte, ist Finstersee irgendwie aus einem Schlaf erwacht. Wir haben uns mit politischen Vorstössen zu wehren begonnen, worauf der Rat die Schliessung hinauszögerte.» Es folgten mehrere Workshops zum Thema, das Interesse der Dorfbevölkerung sei riesig gewesen. «Im Frühling haben wir den Verein Finstersee.ch gegründet. Unser Ziel ist es, besser gehört zu werden.»

Corinne Kramer ist Vorstandsmitglied des Vereins Finstersee.ch und setzt sich dafür ein, dass die Schule im Dorf bleibt.

Corinne Kramer ist Vorstandsmitglied des Vereins Finstersee.ch und setzt sich dafür ein, dass die Schule im Dorf bleibt.

(Bild: wia)

Aus dem Kreis 4 nach Finstersee

Kramer kam vor über einem Jahrzehnt aus dem Zürcher Kreis 4 direkt ins Kleindorf. Ein ziemlicher Szenenwechsel also. «Ja, schon. Der hiesige Umgang untereinander fühlt sich an wie eine Geschwisterliebe. Zwischendurch zankt man, doch wenn’s ernst gilt, zieht man an einem Strang», sagt die gutgelaunte Wahlfinsterseerin und lacht.

Die Tür öffnet sich, ein Mann mittleren Alters tritt ein. Unter dem Arm trägt er einen Ordner. Auf die Ankündigung Kramers hin, dass man eine Journalistin zu Besuch habe, erwidert der Mann: «Herrlich!» Und er meint es nicht ironisch. «Über Finstersee könnten Sie ein Buch schreiben!», sagt der Mann, der sich später als Ur-Finsterseer entpuppen wird. Hier aufgewachsen, weggezogen, und nach ein paar Jahren wieder zurückgekehrt. Seby Elsener heisse er, und er sei etwas berüchtigt in der Gegend.

«Nun ist es Zeit, dass das Dorf eine Gesamtidentität erhält.»

Seby Elsener, gebürtiger Finsterseer

Vor 20 Jahren seien er und ein weiterer parteiloser Kollege in den Gemeinderat gewählt worden. «Sechs Jahre war ich dabei. Danach bin ich abgetreten. Manche Dinge, die während dieser Zeit im Rat gelaufen sind, gingen mir schlichtweg zu nah. Zudem war ich damals bereits Unternehmer und hatte eine Familie», erklärt der Schreiner.

Eine selbstgebaute Zuckerwattenmaschine für die Chilbi

Engagiert ist Elsener noch immer, wenn auch nicht mehr politisch. In dem dicken Ordner, den er nun auf den Tisch legt, sind alle Vereinsunterlagen fein säuberlich abgelegt: Statuten, Konzepte, Vereinsinfos. Er sagt: «Bis vor kurzem war das Dorfleben vor allem vom Ski-Club geprägt. Nun ist es Zeit, dass das Dorf eine Gesamtidentität erhält.» Bald finde ein Sponsorenlauf zugunsten der Schule statt, ausserdem organisiert man eine Chilbi. Kramer ergänzt lachend: «Mein Mann versucht derzeit mit unseren Kindern, eine Zuckerwattenmaschine zu bauen.»

Und Elsener sagt abschliessend: «Vor drei Jahren ist mit der drohenden Schulschliessung etwas Negatives passiert. Doch letztlich hat uns dieses Ereignis neuen Spirit verliehen.»

zentralplus wird zum Dorfältesten geführt

So denn. Wir wollen uns bereits auf den Weg machen, um noch mit weiteren Dorfbewohnern zu plaudern, als Elsener sagt: «Ich kenne jemanden, den Sie befragen können. Ich führe Sie zu meinem Götti!» Und auf geht’s, hinaus, an der Kirche vorbei durchs winzige Dorf. Drei Kinder kommen uns entgegengehüpft. Man grüsst sich herzlich.

«Ach, die Katze sitzt auf den Stufen, dann ist der Menz wohl nicht zuhause.»

Seby Elsener, Einwohner von Finstersee

Auf dem kurzen Weg erklärt der Schreiner, warum denn sein Götti so ein spannender Mensch sei: «Menz Elsener war vor fast 75 Jahren der Gründer des Ski-Clubs Finstersee und damit des bedeutendsten Vereins im Dorf. Ihm ist es also eigentlich zu verdanken, dass die SwissSki-Delegiertenversammlung nächstes Jahr bei uns in Finstersee stattfindet!»

Die Katze wartet auf ihren Herrn.

Die Katze wartet auf ihren Herrn.

(Bild: wia)

Der Mann, den wir aufsuchen, hat tatsächlich 93 Lenze auf dem Buckel. Zwei Minuten später stehen wir vor seinem Holzhaus. «Ach, die Katze sitzt auf den Stufen, dann ist der Menz wohl nicht zuhause», mutmasst Elsener. Und er behält Recht. «Er ist wohl beim Kafi. Zweimal am Tag fährt er mit dem Postauto nach Menzingen, um einen Kaffee zu trinken.» Wir staunen. Und staunen doppelt, als Elsener ergänzt: «Bis vor zwei Jahren ist er noch selber mit dem Auto gefahren.»

Auf dem Bauland wird getschuttet

Bevor sich Elsener verabschiedet – die Vereinsarbeit ruft –, deutet er auf eine grosse, leicht schräge Wiese, umgeben von Wohnhäusern und einem Bauernhof. «Der Bauer, dem das Land gehört, überlässt dieses waschechte Stück Bauland seit Jahren der Bevölkerung, damit diese hier Fussball spielen kann. Vom Dreijährigen bis zum Siebzigjährigen spielen hier im Sommer alle zusammen», sagt er nicht ohne Stolz.

Dieses Bauland lässt der Bauer frei zugunsten des Fussballspiels.

Dieses Bauland lässt der Bauer frei zugunsten des Fussballspiels.

(Bild: wia)

Die Kirchenglocke läutet, wir spazieren zwischen alten und neuen Bauten hindurch, bis wir auf einem Balkon, mitten in den Geranien, eine Frau entdecken. Sie wohne seit den 80er-Jahren hier, erklärt sie. Und finde es noch immer wunderbar. «Kaum aus dem Haus, ist man bereits im Grünen. Man ist schnell in Zug und noch schneller in Menzingen, wo man fast alles findet, was man braucht. Und sogar einen Fasnachtsumzug haben wir hier in Finstersee», sagt die Dame. Einziger Wermutstropfen sei, dass man halt ein Auto brauche.

Ob es denn nicht lästig sei, dass man selbst für einen Liter Milch extra nach Menzingen müsse? «Hier einen Laden zu führen lohnt sich schlichtweg nicht. Meine Schwiegermutter hat früher gleich hier im Erdgeschoss Lebensmittel verkauft. Ich hätte diese Aufgabe gern übernommen, aber eben. Der Salat, den man verkauft, muss ja doch frisch sein.»

Eine Anwohnerin tränkt gerade ihre Geranien.

Eine Anwohnerin tränkt gerade ihre Geranien.

(Bild: wia)

Und plötzlich sitzt er da, der Menz

Mittlerweile hängt eine goldene Abendstimmung über dem idyllischen Weiler. Aus einer Wohnung dringt Hip Hop, ein Kind hat sich mitten auf der Strasse einen Mountainbike-Parcours gebaut. Zu stören scheint das niemanden. Neben dem schrägen Fussballfeld sitzt nun ein älterer Mann. Die Katze, die zuvor noch auf den Stufen des alten Holzhauses wartete, streicht ihm um die Beine.

Wir gehen hin, fragen, ob er der sagenumwobene Dorfälteste sei. Nachdem wir die Frage etwas lauter wiederholt haben, bejaht er sie. Und während ihm die Katze um die Beine flattiert, beginnt der Senior zu erzählen. Von früher, als er 1938 nach Rorschach geschickt wurde, um dort während eines Jahres bei einem Bauern auszuhelfen. «Es wurden dann zwei Jahre daraus. Weil doch der Krieg ausbrach und der Sohn des Bauern einrücken musste.» Heimweh habe er gehabt, der damals halbwüchsige Zuger. «Ich durfte doch nie nach Hause während dieser Zeit.»

«Ich habe hier in Finstersee gewohnt und bin jeden Tag mit dem Velo zur Arbeit gefahren.»

Clemens «Menz» Elsener, 93-jähriger Finsterseer

Später habe er dann eine Zeit lang bei einem Schreiner in Udligenswil ausgeholfen. «Ich habe hier in Finstersee gewohnt und bin jeden Tag mit dem Velo zur Arbeit gefahren.» (Die spätere Recherche auf Google Maps ergibt eine Streckenlänge von gut zwei Stunden. Diese Berechnungen gelten jedoch kaum für alte Eingänger aus den Vierziger-Jahren.) Bei Schnee habe er das Fahrrad bis nach Menzingen stossen müssen.

Ein kecker Senior

Die Erzählungen des älteren Herrn werden unterbrochen. Ein Anwohner kommt vorbei. Fragt, ob alles in Ordnung sei. Und der Senior antwortet: «Ja, ja. Ich ha da Chatze z bsuech.» Und noch bevor die Journalistin sich der kecken Worte bewusst wird, hat sich Elsener senior bereits lachend entschuldigt. Und bevor sich der 93-Jährige fürs Znacht ins Haus begibt, zeigt Elsener zu einem steilen Hang hinauf, und sagt: «Irgendwann haben wir Jungen damals angefangen, Skirennen zu veranstalten. Dort oben ging’s los, und dann hier am Bauernhof vorbei und bis runter zum Bostadel.» Dann steht er auf und geht sicheren Schrittes in Richtung Haus. Zeit fürs Café Complet, verkündet er. Die Katze eilt voraus.

Und wir verlassen den Weiler, in dem wir uns nach wenigen Stunden schon fast etwas heimisch fühlen. Diese Geborgenheit und die grosse Nähe, welche dieses Dorf ausstrahlt, mögen der Grund sein, warum viele Junge in die weite Welt ziehen. Gleichzeitig ist sie wohl auch der Grund, weshalb viele von ihnen später zurückkehren.

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