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Die Geschichte eines manisch-depressiven Mannes, der wieder zur Arbeit geht
  • Gesellschaft
«Meine Freunde nennen mich Haba», sagt Kurt Habermacher – besser bekannt unter Habakuk. (Bild: ida)

Luzerner integriert in Arbeitswelt Die Geschichte eines manisch-depressiven Mannes, der wieder zur Arbeit geht

8 min Lesezeit 2 Kommentare 11.08.2019, 15:29 Uhr

Kurt Habermacher – kurz Habakuk – hat in seinem Leben das Geld für zwei Porsches verraucht. Bereuen tut er das nicht, auch heute kifft er noch. Trotz seiner Krankheit arbeitet Habakuk bei einem Luzerner Designlabel und kreiert Wortspiele, in denen er sein Leben verarbeitet.

«Solidaritut», liest Kurt Habermacher vor, während er mit dem Finger auf die handgeschriebenen, schwarzen Buchstaben zeigt. «Den checkt man schon, gäll?»

Es ist ein dickes Buch, das Habermacher – besser bekannt unter «Habakuk» – da in seinen Händen hält. Ein Buch mit über 3000 Sprüchen, die er in den letzten 20 Jahren geschrieben hat. Er liest weiter: «Schnapstinenz.» Sagt’s und lacht vor sich hin: «Medizynisch.»

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Habakuk ist ein Wortakrobatiker. Einer, der mit den Worten spielt, sie verdreht und wendet – und damit andere zum Lächeln, aber auch zum Nachdenken bringt. Habakuk arbeitet bei Fidea Design für Franziska Bründler. Bründler hat mit ihrem Designlabel einen Laden mitten in der Altstadt eröffnet (zentralplus berichtete). Für sie schreibt er jede Karte von Hand.

Haba ist mal euphorisch, dann folgt die Depression

Täglich kreuzt Habakuk im Büro Bründlers an der Sentimattstrasse auf. Manchmal ausgeschlafen – manchmal weniger. Denn ganz so einfach ist es mit ihm nicht immer. Habakuk ist krank: manisch-depressiv. Stimmungsschwankungen prägen seinen Alltag. Mal ist er manisch – er fühlt sich gut, ist euphorisch. Und dann folgt eine Phase der Depression.

«Ich habe zwei Porsches verraucht. Aber: ich bereue es nicht.»

Habakuk

Und er ist süchtig nach Hasch. «Seit 40 Jahren kiffe ich. Man kann wohl sagen: Ich habe zwei Porsches verraucht. Aber: Ich bereue es nicht.»

Wenn Habakuk spricht, nimmt er auch seine Hände und seine Füsse zu Hilfe. Seinen Humor hat der 57-Jährige nicht verloren. Immer wieder lacht er, kleine Fältchen zieren seine braunen Augen. Und Habakuk zeigt seine vier Zähne, die er noch hat. Aber er kann auch schelmisch grinsen, als ob er etwas im Schilde führt.

Oder ob ihm just in diesem Moment ein neues Wortspiel in den Sinn kommt? Und dann wird er ernst, spricht offen über seine Vergangenheit. Und manchmal schiessen ihm auch ein paar Tränen in die Augen. Denn Habakuk ist ein emotionaler Mann – und würde wohl einem anderen sein letztes Hemd geben.

Gefangen im Hexenhaus

«Haba hatte in jungen Jahren eine Abzweigung genommen, welche manche als ‹schiefe Bahn› bezeichnen würden», schrieb Franziska Bründler einst über Habermacher.

Habakuk ergänzt: «Damit ist wohl meine Drogenkarriere gemeint.» Er war 17 Jahre alt, als er das erste Mal Marihuana rauchte. Damals besuchte er seine Brieffreundin in Amerika. Aus einem Joint wurden zwei, aus zwei wurden drei. Habakuk kiffte schliesslich täglich. Und schmuggelte gar ein wenig Gras aus New York in die Schweiz. «Ich hab’s in der Seife versteckt, diese im Necessaire und dieses zwischen den Kleidern in meinem Koffer», erzählt Habakuk mit einem verschmitzten Lächeln.

Mit Ach und Krach habe er noch die Matura geschafft. Die Eltern wollten, dass Habakuk studiert – doch er wollte lieber Fussballer werden. Für den FC Zug spielte er damals – fünf Jahre 1. Liga, bis er mit seiner Mannschaft in die Nationalliga B aufstieg.

Er war 23 Jahre alt, als er aufgrund einer Verletzung pausieren musste. «Ich kiffte täglich, ging mit meinen zwei Freunden Pilze im Wald sammeln. Ich ass Pilze, jeden Tag», erzählt Habakuk. Er übertrieb es – ass 20 Pilze auf einmal und verfiel in eine Psychose. Konnte Gutes nicht mehr von Schlechtem trennen. Er glaubte, dass er zaubern konnte. Und dass er von Hexen umgeben war. «Ich dachte, ich lebe in einem Hexenhaus.»

Habakuk liest aus seinem Buch. (Bild: ida)

Fahren in «Richtung Süden»

Auch seine Freunde merkten, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Seine damalige Freundin schleppte Habakuk zu ihrer Schwester in Walchwil. «Sie wollte mich therapieren oder so …» Doch Habakuk lief davon und ging in ein Restaurant. Es dauert nicht lange, bis jemand die Polizei rief. Weil Habakuk sichtlich verwirrt war, nahmen die Beamten ihn mit auf den Posten, führten ihn in eine Zelle. Der Amtsarzt kam. Habakuk sah nur noch das Teuflische. Der Arzt – «ein hässlicher, dicker Typ» in seinen Erinnerungen – schritt auf ihn zu. Habakuk schrie: «Lasst mich nicht mit dem Typ alleine!»

Der Arzt kam schnell zu seiner Diagnose: Psychose. Die beiden Polizisten kehrten zu Habakuk in die Zelle zurück. Habakuk fragte: «Wo geht’s hin?» Und die Polizisten antworteten: «Richtung Süden.»

Mit 23 Jahren kommt er in die Klinik

«Sie hatten Recht», erzählt Habakuk heute, «dass wir Richtung Süden fahren.» Von Zug ging’s in Richtung Oberwil – in die Psychiatrie.

Es war das erste Mal, als Habakuk mit seinen 23 Jahren in die Klinik eingeliefert wurde. Weshalb er manisch-depressiv wurde? «Vermutlich nicht einmal wegen dem Kiffen.» Seine Mutter sei auch krank gewesen. Vielleicht habe er es von ihr geerbt, «Ausgelöst wurde es bei mir aber vermutlich schon über die vielen Pilze. Psychisch ging ich da ab wie eine Rakete!»

Er verarbeitet sein Leben

Seine Krankheit und sein Leben fliessen heute ein in seine Wortspiele. Für Habakuk sind seine Wortspiele viel mehr als «nur» Kunst. «Durch meine Schreibe verarbeite ich mein Leben und meine Krankheit.»

Begonnen habe er mit Tagebuch. Rund 500 Bücher habe er wohl geschrieben. «Aber alle sind verschollen», sagt Habakuk. Er schrieb auch ein Buch, welches «Richtung Süden» hiess. Da schrieb er über sein Leben als 17-jähriger Profi-Fussballspieler bis zur ersten Einlieferung in die Klinik.

«Dreimal kommen die Worte ‹Gegen Süden› vor», erzählt Habakuk nicht ohne Stolz. «Einmal im Titel, das zweite Mal, als ich über eine Frau schreibe, die autostöppelte; sie wollte Richtung Süden. Und das dritte Mal, als die Polizisten mir sagten, dass wir Richtung Süden gehen.»

Aber dieses Buch existiere nicht mehr. Die Post habe es «verhühnert»: «Es ist einfach verschollen», erzählt Habakuk. «Clevererweise habe ich vorher jedoch zehn Kopien gemacht.» Aber diese habe er an Freunde und Bekannte verschickt. «Bei acht der Kopien weiss ich nicht mehr, an wen ich die verschickt habe. Und die beiden anderen haben das Buch nicht mehr.»

Mehr als 3000 Sprüche hat Habakuk in dieses Buch geschrieben. (Bild: ida)

«Du könntest seine Verlegerin werden»

Dass Habakuk heute bei Fidea Design arbeitet, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. Und der Inhaberin der Papeterie Linsi in der Neustadt, Ruth Zust. Sie habe Habakuk ab und zu einen 20er vorgeschossen, wenn er Geld für sein Haschisch brauchte. Oder sie gab ihm Aufträge: Sie überreichte ihm ein Buch mit leeren Seiten, welches Habakuk füllte. Er brachte das vollgeschriebene Buch zurück und erhielt Geld.

Mit ihr pflegt Haba eine herzliche Beziehung, wie er sagt. Und Zust gehöre zu den wichtigsten Menschen in seinem Leben, gemeinsam mit seiner Freundin Nicole. «Und dann kommt schon bald die Franziska», meint Haba lächelnd.

Vor drei Jahren war Franziska Bründler zu Besuch in der Papeterie Linsi. Zust zeigte ihr das Buch von Habakuk. «Du könntest seine Verlegerin werden», sagte sie zu Bründler. Und just in diesem Moment sei Habakuk in die Papeterie gelaufen.

Bründler und Habakuk traffen sich zum Vorstellungsgespräch. Aus Worten wurden Taten – und Worte. Seither geht Habakuk zu Fidea, schreibt seine Sprüche. Neben Postkarten sind ein Geburtstags- und Adventskalender entstanden. Auch ein Buch mit 1’000 Sprüchen von Haba gibt’s mittlerweile zu kaufen.

Haba ist frei – und bekommt Struktur

Habakuk erhält dadurch Struktur in seinen Alltag. «Ich bin frei, kann kommen, wie ich will. Ich habe keinen Druck.» Er kommt gerne zur Arbeit.

«Auf eine Art und Weise geniesse ich auch die depressive Phase: Dadurch kann sich meine Wut legen, die Freude steigert sich, wenn ich wieder manisch bin.»

Habakuk

Doch immer wieder holt ihn die Manie und die Depression ein. «Wenn ich depressiv bin, habe ich manchmal keine Lust zum Schreiben», sagt Habakuk. «Aber auf eine Art und Weise geniesse ich auch die depressive Phase: Denn dadurch kann sich meine Wut legen, die Freude steigert sich, wenn ich wieder manisch bin.»

Aber auch im Manischen könne er mal Seich machen, so Haba. «Manchmal kann das ein geschäftsschädigendes Verhalten sein.» Einmal sei er beispielsweise laut geworden und stritt sich mit Bründler darüber, dass er zur Arbeit hin und zurück jeweils 2.50 Franken für ein Busbillett zahlen müsse. Geld, das er verdient habe und dann wieder für die Arbeit ausgeben müsse.

«Franziska wies mich dann zurecht, gab mir die 2.50 Franken und schickte mich nach Hause. Manchmal brauche ich das, dass ich zurechtgewiesen werde. Auch wenn ich mich dann vielleicht ein bisschen aufrege.»

Für Fidea Design schreibt er jede Karte und jeden Kalender von Hand. (BIld: ida)

Viel zu tun

Auf den Griff zum Joint kann Haba beim Arbeiten nicht verzichten. Auch das dreistündige Gespräch wird unterbrochen, Haba gönnt sich ein paar Züge des Joints. «Das THC fördert meine Manie – es entwickelt sich so zum Guten», ist er überzeugt.

«Ich möchte ja auch noch Komiker werden.»

Habakuk

Heute lebt er mit seiner Freundin Nicole, die gerade einen Entzug gemacht hat und einem Kumpel gemeinsam in einer WG in der Stadt. «Ich habe viel zu tun», so Haba. Morgens um sieben Uhr esse er Frühstück in der Notschlafstelle.

Dann geht er zu Fidea an der Sentimatt. Manchmal eine Stunde, manchmal zwei, drei. «Momentan muss ich in Form sein», so Habakuk. «Wir haben viele Aufträge, dann muss ich auch am Nachmittag noch arbeiten.» Und auch zu Hause schreibe er viel. Oder macht etwas mit seinen liebsten. «Und das Minimum an Haushalt muss ich jeweils auch noch erledigen.»

Habas Traum des «kleintheatermässigen» Auftritts

Doch Haba hat noch ganz andere Träume. «Ich möchte ja auch noch Komiker werden.» Er könne sich in eine Rolle hineinsteigern, wie ein Schauspieler, der seine Szene fertig spielt. «Ich möchte für den Moment eine Show reissen, die Aufmerksamkeit auf mir haben und am Ende vielleicht auch noch ein wenig Applaus dafür bekommen», sagt er mit strahlenden Augen.

Er müsse sich jetzt mal ans Konzept machen. Und eine Gästeliste machen. Sein grösster Traum: Ein Auftritt, laut Habakuk «so kleintheatermässig». «Wenn ich manisch bin, vielleicht noch eins kiffe und ein halbes Bierli trinke, dann krümmen sich andere vor lachen», sagt Habakuk.

Ein zufriedenes Lächeln: Habakuk vor dem Büro von Fidea Design. (Bild: ida)

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2 Kommentare
  1. Carmen Keiser, 29.08.2019, 10:32 Uhr

    Lieber Habakuk

    Ich schätze Ihre Sprüche sehr.
    Vielen Dank für die wertvollen Impulse. Das Nachdenken bring uns weiter.

    Herzliche Grüsse aus Zug
    Carmen Keiser

  2. Yvonne Nicoletti, 12.08.2019, 10:34 Uhr

    Falls es Dir gelingt „eine Show zu reissen“ woran ich glaube, möchte ich Deine strahlenden Augen sehen. Danke für Deinen Mut und für Deine Offenheit !