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«Die Gegensätze kann man nicht wegreden»
  • Politik
FDP-Kantonsrat und Präsident der «Stadt-Land-Plattform», Charly Freitag wird am Nationalfeiertag auch kritische Töne anschlagen. (Bild: (Rütlifeier 2006, Emanuel Ammon))

1. August: Stadt-Land-Graben im Fokus «Die Gegensätze kann man nicht wegreden»

4 min Lesezeit 31.07.2015, 10:08 Uhr

Am 1. August wird in den Luzerner Festreden auf den Stadt-Land-Graben aufmerksam gemacht. In einem Kanton, wo die politischen Gegensätze in letzter Zeit wieder sehr deutlich wurden. Als Präsident der «Stadt-Land-Plattform.ch» erklärt FDP-Kantonsrat Charly Freitag, wo die zwei Lebenswelten aufeinanderprallen und was zur Versöhnung beiträgt.

Herr und Frau Schweizer feiern am Samstag stolz den Geburtstag des Landes. Vielerorts steht man zusammen und betont die Gemeinsamkeiten der Schweiz. Politiker reden davon, was das Land alles erreicht hat, wie gut wir Schweizer sind, beschwören Einheit und die Errungenschaften der Demokratie.

Charly Freitag schlägt da eher kritischere Töne an. Der Luzerner FDP-Kantonsrat und Gemeindepräsident von Beromünster spricht von Grenzen, Konflikten und Unterschieden. Stadt und Land funktionieren unterschiedlich. Als Präsident der «Stadt-Land-Plattform.ch» thematisiert er den Graben zwischen dem ländlichen und urbanen Raum. Wie es scheint, ist diese Kluft in letzter Zeit wieder grösser geworden. Oder wie der Volksmund sagt: «Das schleckt keine Geiss weg.»

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zentral+: Sie reden am 1. August vom Stadt-Land-Graben. Warum?

Charly Freitag: Weil es beschäftigt. Und es betrifft uns alle immer wieder in den verschiedensten Bereichen. Man sieht es häufig in klar unterschiedlichen Abstimmungsresultaten, wie Stadt und Land auseinandergehen. Zudem wird es in unseren Raumverhältnissen enger und man spricht deswegen dem Nachbarn, oder eben der Nachbargemeinde –  vermehrt mal drein. 

zentral+: Was wollen Sie mit den 1. August-Reden erreichen? Wollen Sie den Stadt Land-Graben wegreden?

Freitag: Nein. Den kann man nicht wegreden.

Charly Freitag

Charly Freitag

(Bild: zvg)

zentral+: Sondern? 

Freitag: Besser ist es, das Verständnis zwischen den Gemeindevertretern zu fördern. Wir setzen auf die drei Eckpfeiler Dialog, Verständnis und Kooperation. Damit ist schon sehr viel gewonnen. 

zentral+: Das klingt sehr diplomatisch. Aber Mal ehrlich: Die Unterschiede zwischen den Lebenswelten sind doch frappant. Oder doch nicht? 

Freitag: Ja und Nein. Es gibt sehr viele Menschen, die in beiden Welten leben. Von dem her gesehen sind wir uns sehr nahe. Der Entlebucher geht in die Stadt arbeiten und der Städter geht am Wochenende für eine Biketour aufs Land. Nichtsdestotrotz wird es immer einen Unterschied zwischen den verschiedenen Regionen und Gemeinden geben. 

zentral+: Wo geraten sich Stadt und Land in die Haare?

Freitag: Generell sind Konflikte über alle Themenbereiche hinweg zu beobachten. Ein Dauerbrenner ist immer wieder: Wer übernimmt welche Kosten. Die Städte beklagen Zentrumslasten und ausserhalb beklagt man Landschaftslasten, etwa die Pflege von Bächen, Wäldern usw. Und was natürlich auch häufig auffällt: In den Abstimmungen entscheidet jeweils die andere Seite wirklich konträr anders, also deutlich entgegengesetzt.

zentral+: Wo fällt das auf?

Freitag: Wenn man etwa die Zweitwohnungsinitiative anschaut, dann sind es die wenig betroffenen Städte, die für die stark betroffenen Landgemeinden Beschränkungen einführen. Ein anderes Beispiel für einen jahrelangen Disput, besonders in Luzern, sind die Ladenöffnungszeiten. Und ganz spannend finde ich zudem die Abstimmung der Wirtschaftsfakultät an der Uni Luzern: Die höchste Anerkennung war im Entlebuch, die knappste Anerkennung in der Stadt Luzern. Dort, wo sie zu stehen kommt. 

«Schon vor zwanzig Jahren standen die gleichen Fragen im Zentrum.»

zentral+: War es früher denn besser?

Öffentliche Bundesfeier

Eine Bundesfeier unter dem Motto «Stadt und Land, Hand in Hand» findet um 14.00 Uhr auf dem Sonnenplatz in Luthern statt Zusammenarbeit mit dem Verein Stadt. Es sprechen der Luzerner Stadtpräsident Stefan Roth und FDP-Kantonsrat Charly Freitag. Unter anderem wollen die Politiker «einen Beitrag zur Überwindung des Stadt-Land-Grabens» setzen.

Freitag: Nein, schon vor zwanzig Jahren standen die gleichen Fragen im Zentrum. Unsere vier Ständeräte im Beirat von «Stadt-Land-Plattform.ch» beklagten sich anfänglich, als wir sie für eine Mitarbeit anfragten, sie könnten diese immer gleichen Themen eigentlich nicht mehr hören. Doch was ist passiert? Nach nur einer Viertelstunde vertieftem Gespräch sind sie dann bereits zum Schluss gekommen, mitzumachen. Wir behandeln mit unserer Austausch-Plattform wirklich Themen, die besprochen werden müssen. Die Stadt-Land-Differenzen erledigen sich nie. Man muss den Austausch fördern. 

zentral+: Ein sogenannter «Kommunikationsaustausch» könnte ja auch bedeuten, sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und dann ohne Ergebnis auseinandergehen. Wie sehen Sie das? 

Freitag: Sie sagen das etwas salopp, aber das gehört ebenfalls dazu. Häufig muss man sich auch einfach erst mal kennenlernen, bevor man sich gegenseitig mit Vorwürfen zudeckt. Die Gespräche werden aber später oft verbindlicher. Zum Beispiel soll man ja auch gemeinsame Haltungen und Ideen über die Gemeindegrenzen hinaus entwickeln.

zentral+:  Welche Lösungen sind denkbar?

Freitag:  Es ist schon viel erreicht, wenn sich nur schon mal die Gemeinderäte und Stadträte gegenseitig austauschen. Ich zum Beispiel bin Präsident der Organisation «Region Sursee-Mittelland», welcher 17 Gemeinden angehören. Es stellen sich ähnliche Probleme, wie sie sich im Kanton Luzern oder auch in der gesamten Schweiz herauskristallisieren.

Vieles funktioniert da nur über Gespräche. Gemeinderäte müssen sich kennenlernen, das fördert das gegenseitige Verständnis. Zweitens müssen sie den Fokus öffnen. Es geht um die Frage, wie sich die Gemeinden in zwanzig oder dreissig Jahren entwickeln soll. Etwa wo urbane Räume entstehen sollen, und wo nicht. Mit einem langfristigen Fokus steht nicht mehr der Finanzausgleich des nächsten Jahres im Zentrum. Man streitet nicht über Kurzfristiges. Sondern man spricht über Visionen und leitet konkrete Schritte ein – man kommt weiter. 

zentral+: Werden denn konkrete Projekte auch wirklich lanciert?

Ja. Es gibt bereits seit zwanzig Jahren das «Eggiwiler Symposium». Da geht es konkret darum, Stadt und Land näher zusammenzubringen. Man behandelt an einem bestimmten Tag gewisse Themen. Wir wollen auch die «Stadt-Land-Plattform.ch» weiterentwickeln. Sie soll ein nationales Kompetenzzentrum für Stadt-Land-Fragen werden. 

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