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Die Gassenarbeit schaut hin, wo andere wegsehen
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Nach jeder Tour werden die Erlebnisse besprochen und die Veränderungen der Szene dokumentiert. (Bild: jal)

Unterwegs in der Luzerner Drogenszene Die Gassenarbeit schaut hin, wo andere wegsehen

8 min Lesezeit 05.10.2019, 05:01 Uhr

Der Tod von Felisch hat vielen die Not von Suchtkranken vor Augen geführt. Was in der reichen Schweiz gerne ausgeblendet wird, ist für die Gassenarbeit Luzern Alltag. Olivia Allemanns Team ist seit zehn Jahren zwischen den Brennpunkten Vögeligärtli, Bahnhof und Kasernenplatz unterwegs. Wir haben sie auf einer Tour begleitet.

Kinder spielen im Sand, Erwachsene auf dem Schachbrett. Früher lagen hier, im Sandkasten, im Vögeligärtli gebrauchte Spritzen. Inzwischen hat der Park sein Drogenimage grösstenteils abgestreift. Gleichwohl zählt er noch immer zur fixen Route der aufsuchenden Sozialarbeit.

«Heute ist niemand da», sagt Olivia Allemann, nachdem sie gemeinsam mit René Baschung einmal quer durch das Vögeligärtli geschlendert ist. Es ist ein Dienstagabend, die beiden Angestellten der Luzerner Gassenarbeit absolvieren einen Rundgang entlang der Treffpunkte der Szene.

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Wenige Meter weiter treffen sie auf eine Frau mit Sonnenbrille, die auf jemanden zu warten scheint. «Wie geht es Dir? Lange nicht mehr gesehen. Du siehst gut aus», sagt René Baschung und schüttelt ihr zur Begrüssung die Hand. Sie sei noch nicht ganz über den Berg, aber es gehe ihr viel besser, antwortet die Frau. Es werden ein paar Sätze gewechselt, nach wenigen Minuten verabschiedet man sich, geht weiter.

Die erste Begegnung dieser Tour zeigt gleich: Die Gespräche müssen sich nicht immer um Probleme drehen. «Es kann auch einfach ein Smalltalk sein», sagt Olivia Allemann. Den Menschen ein Ohr geben, alleine das kann Schaden mindern.

Wo es nicht mehr um den Ausstieg geht

Genau um das geht es der aufsuchenden Sozialarbeit (Asa): Den Suchtkranken und in der Regel auch von Armut Betroffenen auf der Strasse helfen, trotz allem ein möglichst würdiges Leben zu führen. Menschen, die abhängig sind von Heroin, Kokain, Alkohol oder Beruhigungs- und Schlafmitteln wie Benzodiazepinen. «Es sind Leute, bei denen der Konsum den Alltag bestimmt. Bei ihnen steht nicht der Ausstieg aus den Drogen an erster Stelle, sondern die Schadensminderung», sagt Olivia Allemann, seit diesem August Betriebsleiterin der Asa.

Seit sich vor zehn Jahren beim Salesia-Park in Kriens für kurze Zeit eine offene Drogenszene etablierte, ist drei bis viermal pro Woche ein Zweierteam des Vereins kirchliche Gassenarbeit unterwegs. Es führt Gespräche, hört zu, vermittelt Unterstützung und verweist auf Angebote wie das Paradiesgässli oder den Schalter 20. Alle aus dem zehnköpfigen Team arbeiten auch in einem anderen Angebot der Gassenarbeit und kennen daher die Szene.

«Die Polizei lässt uns in Ruhe.»

Dennoch ist jeder Rundgang anders. «Das einzig Standardisierte ist die Route», sagt Allemann. Und die führt weiter zum Bahnhof, genauer zur Sitzbank zwischen dem Torbogen und dem KKL. Das «Überlandperron» ist gut gefüllt an diesem noch warmen Septemberabend. Olivia Allemann und René Baschung grüssen die Anwesenden.

Das beste Hotel der Stadt

«Hier ist es gut, das beste Hotel der Stadt», sagt ein Mann in seinen 50ern mit langem Haar und Bierdose in der Hand. «Die Polizei lässt uns in Ruhe.»

«Es ist eine sehr dynamische Ecke», sagt Olivia Allemann. Das heisst: Sie und ihr Team treffen immer wieder auf neue Leute. Oft sind es Menschen, die hier ihr Feierabendbier miteinander trinken. Rund 80 Prozent der Menschen, mit denen die Gassenarbeit zu tun hat, sind Männer.

Einer will von der Betriebsleiterin wissen, ob jemand Neues von der Gassenarbeit dabei sei. «Nein, das ist eine Journalistin», erklärt die 36-Jährige. Als er erfährt, dass der Artikel im Internet zu lesen sein wird, lacht er. «Ich bin Handwerker, mit Geräten kenne ich mich nicht aus. Ich kann nicht mal den Staubsauger einschalten.»

Zehn Jahre aufsuchende Sozialarbeit

Bereits Mitte der 1980er-Jahre waren Gassenarbeiter in Luzern unterwegs. Immer mehr Angebote führten dazu, dass sich die offene Szene – damals vor allem in der Eisengasse und Unter der Egg – allmählich auflöste. Die aufsuchende Sozialarbeit wurde eingestellt. 2008 sorgte eine neue Szene im Salesiapark für Schlagzeilen. Das Angebot wurde – zunächst als Pilotversuch, danach fix – ab 2009 wieder aufgenommen.

Finanziert wird das Angebot des Vereins kirchliche Gassenarbeit inzwischen hauptsächlich durch den Zweckverband für institutionelle Sozialhilfe und Gesundheitsförderung (Zisg). Mittels Zisg unterstützen der Kanton und die Luzerner Gemeinden 18 verschiedene Organisationen mit jährlich knapp 7 Millionen Franken.

Die Stimmung ist friedlich, es werden Sprüche geklopft, auch mal ein ausländerfeindlicher. Aus einer Box erklingt Eurodance, «Baby don’t hurt me, no more». 

Die knallharte Realität

In unmittelbarer Nähe, beim Busperron 2, wo die Busse Richtung Seebrücke halten, besteht schon seit einigen Jahren ein Brennpunkt (zentralplus berichtete). Die Gesichter sind bleicher, die Menschen dünner. Es ist der Treffpunkt der Menschen, die teils von harten Drogen abhängig sind. Inmitten des Bienenstocks Bahnhof nehmen viele Passanten sie gar nicht wahr.

So läuft zum Beispiel eine Frau mit bauchfreiem Top und roten Flecken im Gesicht – im Strom des Stadtgewusels versteckt – unaufhörlich auf und ab, suchend, fahrig, nervös. Später findet sie bei einem Typen, was sie sucht, kramt ihre Pfeife aus der Tasche und zieht sich in eine Ecke zurück. Der Beschaffungsstress ist ein Dauerthema auf der Gasse.

René Baschung sucht derweil das Gespräch mit einer anderen jungen Frau, die ihm ihr Handy ins Gesicht streckt und von Ärger mit einem Bekannten erzählt. Sie konsumiere selber keine harten Drogen, erzählt der 67-Jährige später, verkehre aber in diesen Kreisen. Die Gassenarbeit unterstützt auch, wenn jemand mit seinen Rechnungen überfordert ist oder nicht weiss, was er mit einer Busse tun muss. René Baschung hat jahrelang in der Gassenküche gearbeitet, kennt die Nöte der Betroffenen. Inzwischen ist er pensioniert, aber noch regelmässig auf den Rundgängen anzutreffen.

«Sie ist einsam, das ist das Hauptproblem. Bei vielen.» 

René Baschung, Gassenarbeiter

René Baschung und Olivia Allemann kennen die Drogenszene in Luzern.

Olivia Allemann hört sich währenddessen minutenlang die Sorgen einer etwas älteren Frau an. Sie berichtet über gesundheitliche Probleme und möchte ins Spital. Das Gassenarbeitsteam begleitet Klienten hin und wieder dorthin, besucht süchtige Patienten oder bringt ihnen Pyjama oder Zigaretten vorbei. Weil sie manchmal stigmatisiert würden oder das Pflegepersonal mit deren Verhalten überfordert sein könnte.

Wie die Menschen auf der Strasse reagieren, ist ganz unterschiedlich. Manche freuen sich über den Austausch, andere ignorieren die Gassenarbeiter. Dass Klienten aggressiv werden, komme selten vor, sagt Olivia Allemann. Es könne sein, dass jemand mal laut wird oder psychisch instabil ist. Körperliche Angriffe gebe es keine, gefährlich sei ihre Arbeit nicht.

Die Reaktionen auf Felischs Tod

Der Rundgang führt weiter Richtung Reuss. Blumen vor der Hauptpost zeugen vom Tod von Felisch, der im August nach einem Zusammenbruch gestorben ist (zentralplus berichtete). Viele haben ihn gekannt, viele fragten sich nach seinem Tod, wieso es so weit kommen musste.

«Wir können niemanden zwingen, sich helfen zu lassen.»

Olivia Allemann, Gassenarbeit

Olivia Allemann und ihr Team haben Felisch oft auf der Strasse getroffen und intensiv begleitet. «Wir können niemanden zwingen, sich helfen zu lassen», sagt sie. Felisch habe selber entschieden, keine gesundheitliche Hilfe anzunehmen. Und dadurch akzeptiert, dass es ihm zusehends schlechter ging. «Das auszuhalten, ist für uns nicht einfach», sagt Allemann.

Ein Blumengesteck am Bahnhof erinnert an Felisch, der im August verstorben ist.

Auch auf der Gasse hat sein Schicksal bei vielen Betroffenheit ausgelöst. Manche aus der Drogenszene und einige Menschen, die ihn kannten, hätten sich jedoch auch genervt, dass er so viel Aufmerksamkeit erhalten habe.

Was man über Sucht lernt

Drogensüchtige auf der Strasse rufen unterschiedliche Reaktionen hervor, bei manchen Angst, bei anderen ein schlechtes Gewissen, bei vielen Abneigung. «Viele erfahren Ablehnung, von abschätzigen Blicken bis hin zu offenen Beleidigungen», sagt Olivia Allemann. Sie wünscht sich von der Bevölkerung mehr Verständnis für die Menschen auf der Gasse und deren Lage. «Das würde unsere Arbeit und ihr Leben erleichtern.»

Inzwischen sind die beiden beim letzten Standort der Route angekommen, beim Coop Kasernenplatz, wo sich eine relativ konstante Gruppe trifft, «anständige Randständige», wie sie sich selber bezeichnen (zentralplus berichtete).

Drei Männer trinken zusammen ein Bier, dazu läuft aus einem Smartphone lateinamerikanische Musik. Einer von ihnen erzählt, wie ein Ladenmitarbeiter ihn wegen angeblichem Hausverbot im Coop rausschmeissen wollte. Eine Verwechslung, wie sich herausstellen sollte. «Aber der Typ hat das vor allen anderen Kunden so gesagt, das war wirklich unangenehm.» 

Der Mann ging jahrelang in der Gassenküche ein und aus, konsumierte harte Drogen. Inzwischen ist er davon losgekommen, wie er stolz erzählt.

Die Schuldfrage

Eine suchtfreie Gesellschaft, so ist man beim Verein kirchliche Gassenarbeit überzeugt, ist eine Illusion. Entsprechend lässt man auch den Vorwurf nicht gelten, ihre Angebote würden die Situation der Abhängigen «begünstigen». Diese seien als Reaktion auf die offene Szene in den 80er- und 90er-Jahren entstanden – und nicht umgekehrt.

«Die meisten möchten ein anderes Leben, aber es ist sehr schwierig, von der Sucht wegzukommen.»

Olivia Allemann, Asa-Betriebsleiterin

Der Vorstellung, dass jeder Süchtige selber schuld sei, würde Olivia Allemann klar widersprechen. Wieso eine Person beginnt, Drogen zu konsumieren, sei ganz unterschiedlich. Manche sind in schwierigen Lebenssituationen, andere wollen einfach etwas ausprobieren, einige tun es aus Gruppendruck oder weil sie überzeugt sind, dass sie sowieso nicht süchtig werden. Und für viele seien die Drogen auch ein Deckel, den sie über ihren Schmerz stülpen. «Weil sie ihn nicht zulassen wollen, weil sei ihn nicht aushalten», sagt Allemann.

Der Folgen sind sie sich nicht immer vollumfänglich bewusst. Betroffene verlieren manchmal nicht nur ihre Arbeit oder ihre Wohnung, sondern auch ihr soziales Umfeld. Ihre einzigen Kontakte pflegen sie dann auf der Strasse. «Die meisten möchten ein anderes Leben, aber es ist sehr schwierig, von der Sucht wegzukommen.» 

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