Die «fliegende Intensivstation» kommt auf dem Seeweg nach Luzern
  • Gesellschaft
  • Verkehr
  • Wirtschaft
Weltmeister: «Alpha», wie der Rega-Ambulanzjet auch genannt wird, geht verdient in Rente ins Verkehrshaus. (Bild: zvg Rega /Damian Amstutz)

Ambulanzjet der Rega geht im Verkehrshaus in Rente Die «fliegende Intensivstation» kommt auf dem Seeweg nach Luzern

5 min Lesezeit 08.03.2019, 05:00 Uhr

Er umrundete 458 Mal die Welt und flog 4’421 Patienten in die Heimat: Weltweit hat kein anderes Flugzeug von diesem Typ eine so lange Strecke zurückgelegt wie der HB-JRA. Jetzt wird der Rega-Ambulanzjet auf dem Seeweg von Alpnach in seine Luzerner Seniorenresidenz überführt.

Rega – bei diesen vier Buchstaben denken die meisten an rotweisse Helikopter mit ihren Piloten, Rettungssanitätern und Notärzten, die verletzte und kranke Personen aus misslichsten Lagen retten: aus Schluchten und Gletschern, aus Katastrophengebieten und nach Unfällen. Zwölf über das ganze Land verteilte Rega-Einsatzbasen ermöglichen es, innerhalb kurzer Zeit Menschen in Not zu helfen. 

Drei Jets sind für die Rega unterwegs

Doch auch Jets sind für die Rega unterwegs – deren drei sind es. Sie alle bringen Patienten aus der ganzen Welt zurück in ihre Heimat. Ein ausgemusterter Rega-Jet wird diesen Freitag von Alpnach mit einem Schiff ins Verkehrshaus gebracht.

Das Spezielle an diesem Jet: Kein anderes Bombardier-Flugzeug vom Typ Challenger CL-604 hat im Lauf seines Einsatzes eine so lange Strecke zurückgelegt wie der HB-JRA. Der Jet hat mehr als 18 Millionen Kilometer zurückgelegt, das kommt 458 Umrundungen der Welt gleich. 

«Alpha» ist ein Weltmeister

Er ist 20 Meter lang, 21 Tonnen schwer und machte 10’141 Landungen. «Wir nannten ihn kurzerhand Alpha, nach dem ‹A› in der Bezeichnung HB-JRA», erklärt Urs Nagel, seit 2007 Jet-Chefpilot der Rega. «Alpha», der erste, ist jetzt ein Weltmeister, der verdient in Rente geht. Diese beachtliche Dienstkarriere machte das Flugzeug vor allem dank der umsichtigen Wartung von den Rega-Technikern in Zürich. 

Viel wichtiger ist aber: Der Rega-Ambulanzjet flog 4’421 Patienten in die Heimat oder ins rettende Spital. Auch oft mit dabei: Urs Nagel als Pilot. Der 57-Jährige aus dem Fricktal ist seit 2011 auch Mitglied der Geschäftsleitung. 

Mitglied der «Patrouille Suisse»: Urs Nagel flog während Jahren Hilfseinsätze für die Rega.

Mitglied der «Patrouille Suisse»: Urs Nagel flog während Jahren Hilfseinsätze für die Rega.

(Bild: zvg Rega)

Nagel flog vorher sieben Jahre lang als Berufsmilitärpilot und Fluglehrer auf diversen Kampfflugzeugen der Luftwaffe und war zudem im Team der «Patrouille Suisse». Er erzählt von Einsätzen, die er nicht vergessen kann: «Vor mehr als zehn Jahren durfte ich im bolivianischen La Paz ein Schweizer Frühgeborenes ausfliegen, dessen Leben an einem seidenen Faden hing.» Das war zudem gefährlich, weil der Flugplatz auf über 4’000 Metern Höhe liegt und die Luft sehr dünn ist, was das Fliegen sehr anspruchsvoll macht.

Urs Nagel erinnert sich an einen anderen tragischen Flug, den er nach Norwegen machen musste: «Nach einer Gasflaschenexplosion in einem Campingzelt hatten sich ein Grosselternpaar und seine zwei Enkel starke Verbrennungen zugezogen – eine Person war beim Unfall gar gestorben.» 

Notarzt und Intensiv-Pflegefachperson dabei

In solchen Situationen gilt es für die Rega-Einsatzzentrale, jeweils schnell zu reagieren und die Repatriierung in die Schweiz zu organisieren, damit die Patienten in einem Spital in ihrer Heimat weiterbehandelt werden können. Von der Einrichtung her ist der Rega-Ambulanzjet eine «fliegende Intensivstation», mit einer Kapazität für bis zu vier liegenden Patienten. Ein Notarzt und eine Intensiv-Pflegefachperson werden von mindestens zwei Piloten begleitet, bei langen Flügen sind es gar drei bis vier.

Insgesamt waren seit 2003 drei Ambulanzjets Challenger CL-604 weltweit für Patienten im Einsatz. 2011 gelang einer Rega-Crew der erste Transatlantikflug in normaler Reiseflughöhe mit einer Intensivpatientin, die an eine mobile Herz-Lungen-Maschine angeschlossen war. 

Rettungsflüge in einsame Gegenden

Oft geht es bei Rettungsflügen in einsame Gegenden, und manchmal sind es auch eigenwillige Erlebnisse. Etwa, als Urs Nagel zwei Schweizer Brüdern in Mauretanien zu Hilfe flog: «Sie waren auf Velos von der Schweiz nach Südafrika unterwegs, der eine wurde bei einem Unfall von einem Auto angefahren und hatte schwere Brüche.» Doch Urs Nagel flog nur den einen Bruder zurück; der andere wollte warten, bis sein Bruder genesen war – um dann die Velotour gemeinsam zu Ende zu führen. Da musste Nagel doch den Kopf schütteln.

«Die Heckflosse des Jets mit dem Schweizerkreuz wird schon von weit sichtbar sein.»

Urs Nagel, Chefpilot Jet der Rega

Die CL-604-Flugzeuge waren in der Lage, nonstop bis zu 6’500 km zurückzulegen. Sie waren beispielsweise beim Tsunami im Indischen Ozean (2004), beim tragischen Busunfall im Sierre-Tunnel (2012) oder beim Unglück mit einem Reisebus in Norwegen (2014) im Einsatz. 2018 ersetzte die Rega die drei CL-604 mit drei Nachfolgern des Typs Challenger 650.

Zwei der drei ausgemusterten Flugzeuge wurden vom Lufttransportdienst des Bundes übernommen, für Alpha folgt jetzt das würdige Altern im Freien mit anderen ausgedienten Flugzeugen: Neu wird der Rega-Ambulanzjet im Aussenbereich des Verkehrshauses ab dem 16. April im Rahmen der Sonderausstellung «Die Schweiz fliegt!» Besucher anziehen.

Im Video sieht man den Nachfolger des ausrangierten Challenger CL-604 – den CL-650:

Jetzt ist Chefpilot Nagel damit beschäftigt, einen «seiner» Challenger CL-604 nach Luzern zu begleiten. «Mit dem Rütli-Schiff darf ich die Alpha auf ihrem letzten Weg begleiten, das ist bewegend.» Das Flugzeug war ein halbes Jahr in Alpnach und komplettiert bald die Rega-Ausstellung, in der es schon zwei Rega-Helikopter hat. «Die Heckflosse des Jets mit dem Schweizerkreuz wird schon von Weitem sichtbar sein.» 

Mit 14 Jahren in der Coronado herumgeklettert

Erinnerungen an seine Jugend kommen bei Urs Nagel hoch: Als 1975 bereits eine Convair-CV-990 «Coronado» (HB-ICC) von Alpnach auf einer Fähre über den Vierwaldstättersee ins Verkehrshaus überführt wurde, war er 14 Jahre alt. «Ich habe die Bilder im TV gesehen und war sehr berührt.» Später dann war er oft im Verkehrshaus und ist «viel in der Coronado herumgeklettert». Solche Erlebnisse wünscht er vielen Flugfans in Luzern mit seiner Alpha. 

Umgebauter Jet: So funktionert die medizinische Betreuung während des Fluges. 

Umgebauter Jet: So funktionert die medizinische Betreuung während des Fluges. 

(Bild: zvg Rega)

Chefpilot Nagel freut sich auf den Rega-Jet im Verkehrshaus: «Vor der Überführung wurde das neue Ausstellungsstück präpariert und für sein zweites Leben im Museum vorbereitet. So wurden beispielsweise Attrappen sowie optisch intakte, aber nicht mehr verwendbare medizinische Geräte eingebaut.» Der Chef-Pilot weiter: «Damit können wir der Schweizer Bevölkerung als Dank für die grossartige Unterstützung etwas zurückgeben. Schliesslich gäbe es ohne die 3,4 Millionen Rega-Gönner keine Rega.»

Nach dem Helikopter der Jet

Auf sein neustes Baby freut sich auch Daniel Geissmann. Der Leiter Ausstellung und Sammlung im Verkehrshaus sagt: «Die Rega ist ein langjähriger Partner des Verkehrshauses. Im 2009 haben wir den Rettungshelikopter Agusta A109 K2 erhalten.» Nun folgt der Ambulanzjet. 

Somit könne das Verkehrshaus ab Ostern auch die internationale Repatriierungstätigkeit durch die Rega mit einem sehr attraktiven Originalobjekt illustrieren. An Führungen wird das Flugzeug von innen zu besichtigen sein.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare
2021-01-28 11:57:04.317192