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Die Fassade erhalten? Das kann auch historisch schiefgehen
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Entscheidend ist, was dahinter steckt: Die Nordfassade des Luzerner Theaters. (Bild: uus)

Bausünden und Attrappen Die Fassade erhalten? Das kann auch historisch schiefgehen

3 min Lesezeit 16.10.2019, 17:15 Uhr

Der Denkmalschutz verlangt, dass die Nordfassade des Luzerner Theaters erhalten bleibt. Wie das geschehen soll, ist derzeit offen. Klar ist: Das kann gut gehen – muss aber nicht. Dafür gibt es viele historische Beispiele. Von Luzern bis Odessa.

Potemkin war ein russischer Feldmarschall. Er soll ein ganzes Dorf aufgebaut haben, nur aus schönen Fassaden bestehend. Damit habe er Zarin Katharina II. bei ihrem Besuch in dem von ihm eroberten Neurussland beeindrucken wollen.

Die Geschichte ist eine Legende, da sind sich die Historiker einig. Trotzdem ist das Potemkinsche Dorf zum geflügelten Wort geworden. Für Attrappenbauten, hinter deren Fassaden etwas ganz anderes steckt, als von aussen versprochen wird. Wahr sind hingegen die folgenden Beispiele:

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1. Manor-Haus Luzern

Nicht so, wie es scheint: Die Fassade beim Gebäude in der Altstadt, das den Manor beherbergt, gaukelt hohe Räume und wenige Stockwerke vor. Im Innern sind die Räume aber weniger hoch gebaut und die Stockwerke nehmen keine Rücksicht darauf, wo die Fenster sind. Kann man machen, wenn das Äussere so viel zählt. Architektonisch ist es aber nicht gerade elegant gelöst.

2. Ehemalige Schlossbrauerei in Kolin

Von -jkb- – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10450840

In der Stadt Kolin im Osten von Prag liegt die einst noble Brauerei. Sie gibt auch heute noch ein gutes Bild ab – wenn man sie von der richtigen Seite her anschaut. Denn nur die in der Regel sichtbare Seite zum Elbeufer wurde renoviert, der Rest blieb unberührt. Ein klassischer Fall von «vorne Hui, hinten Pfui».

3. Potemkinsche Treppe, Odessa

Quelle: Wikipedia

Zwar keine Fassade im eigentlichen Sinne, aber der Beweis, dass auch Treppen lügen können: Die potemkinsche Treppe ist eine Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Freitreppe mit 192 Stufen in der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Sie zeichnet sich durch ihre sich nach oben verjüngende Bauweise aus – eine beabsichtigte perspektivische Verzerrung. Dadurch entsteht der Eindruck, sie sei um ein Vielfaches länger, als sie es tatsächlich ist. Durch Sergei Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin 1925 wurde sie die wahrscheinlich berühmteste Treppe der Welt und eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts.

4. Piazza Navona, Rom

Quelle: Google Maps

Einst drehte hier Ben Hur mit dem Streitwagen seine Runden und Gladiatoren schlugen sich die Köpfe ein. Vom ehemaligen Stadion wurde die Form beibehalten. Wo damals die Tribünen waren, stehen heute Gebäude. Das Innere ist nun ein weltbekannter Platz. Voilà: Wenn man historische Bausubstanz erhalten will, dann wissen die Römer, wies geht.

5. Sempacher Stadtmauer

Um gelungene Beispiele einer Umnutzung zu finden, braucht man nicht in die Ferne zu schweifen. Es war wohl auch ein pragmatischer Ansatz, den die Sempacher verfolgten, als sie entschieden, die ehemaligen Stadtmauern nicht gänzlich dem Erdboden gleichzumachen. Die liessen sich nämlich vorzüglich zur Gebäudefassade umnutzen. Das sparte nicht nur Arbeit, sondern auch Material. Und erhielt gleichzeitig bis heute das historische Erbe. Merke: Nicht immer ist die billigste auch die schlechteste Lösung.

6. Neue Frankfurter Altstadt

Quelle: Google Streetview

Die Altstadt von Frankfurt am Main, im Bild der Hühnermarkt, wurde im zweiten Weltkrieg zu grossen Teilen zerstört. Lange waren ihre Ruinen Zeugen der Geschehnisse. Inzwischen ist die Altstadt fast vollständig nach dem historischen Vorbild wieder hergestellt. Der neue alte Glanz wird heute oft kritisch gesehen: Die Spuren der Zeit komplett zu verwischen und so zu tun, «als ob» die Zerstörung nie stattgefunden hätte, wird als fragwürdiger Umgang mit der Erinnerungsgeschichte wahrgenommen.

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