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Die erste Zeit am Luzerner Theater: «grossartig» bis «irritierend»
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Sofia Elena Borsani und Jakob Leo Stark als Romeo und Julia. (Bild: Ingo Höhn)

Mit «Romeo und Julia» auf Tuchfühlung Die erste Zeit am Luzerner Theater: «grossartig» bis «irritierend»

6 min Lesezeit 26.01.2017, 10:11 Uhr

Sofia Elena Borsani und Jakob Leo Stark sind Teil des neuen Ensembles am Luzerner Theater. zentralplus hat sie vor der Premiere von «Romeo und Julia» zum Gespräch getroffen – über Luzern, ihre ersten Erfahrungen und die politische «Grätsche».

Familien, Fehden und die Liebe von zwei jungen Menschen, die selbst den Tod nicht scheut. Die Premiere von Shakespeares «Romeo und Julia» im Luzerner Theater steht kurz bevor.

Sofia Elena Borsani und Jakob Leo Stark sind seit einem halben Jahr Teil des neuen Schauspielensembles am Luzerner Theater und spielen in diesem Stück ihre erste Hauptrolle. «Wenn man in solchen Kategorien denkt», wirft die Julia-Darstellerin Borsani gleich zu Beginn ein. Die beiden Schauspieler sitzen im Foyer des Luzerner Theaters, die Probe ist gerade aus und auf der Bühne wird mit Hochdruck am Bühnenbild gearbeitet.

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Die 25-jährige Halbitalienierin ist in Frankfurt aufgewachsen und kannte die Schweiz vor allem vom Durchfahren auf dem Weg zur Familie in Italien. Dass sie schliesslich in Zürich Schauspiel studierte, war reiner Zufall. Jakob Leo Stark (32) kennt die Schweiz ebenfalls schon ziemlich gut. Nach dem Studium in Hamburg war er in Zürich am Neumarkt angestellt, bevor er in Köln Teil des Ensembles wurde.

Eine turbulente erste Zeit

Nach einem halben Jahr in Luzern sind die beiden Schauspieler langsam angekommen, auch wenn es nicht gerade die ruhigste Anfangsphase war. «Es ist bisher ziemlich streng. Viel Zeit für den Austausch bleibt noch nicht. Zwischen den Sparten, mit den Leuten, mit welchen man noch nicht zusammengearbeitet hat, ist der Kontakt noch etwas zu kurz zu gekommen», so Stark. Borsani betont, auch sie habe sich mehr Austausch erhofft. Trotzdem gehe es am Luzerner Theater familiärer zu und her als an grösseren Häusern. Und die Durchmischung zwischen den Sparten entstehe ja in den kommenden Monaten durch die gemeinsamen Produktionen.

«Man wird auf der Strasse und in der Kneipe angesprochen. Die Leute freuen sich offensichtlich.»
Jakob Leo Stark

Doch nicht nur im Haus hat sich bereits einiges getan, auch politisch kam das Luzerner Theater vergangenen Herbst kaum aus den Schlagzeilen heraus. Erst wurde die Salle Modulable beerdigt (zentralplus berichtete) und dann strich der Kanton Luzern die Subventionen der grossen Kulturplayer hart zusammen (zum Artikel). Jakob Leo Stark hatte sich schon vor seiner Ankunft mit der Situation in Luzern beschäftigt. «Doch über die Intensität der Diskussionen war ich schon sehr überrascht.» Und Borsani wirft ein: «Ich hätte einfach nicht damit gerechnet. Man startet neu, grosse Aufbruchstimmung und dann kommt von politischer Seite eine solche Grätsche rein. Da fragt man sich schon.»

Nahe an den Leuten, trotzdem fremd

Gleichzeitig kann das Luzerner Theater mit der aktuellen Rekordauslastung definitiv prahlen (zentralplus berichtete). Den Erfolg spüren auch die neuen Ensemblemitglieder. «Die Resonanz ist grossartig. Die Luzerner sind sehr wohlwollend und interessiert. Man wird auf der Strasse und in der Kneipe angesprochen. Die Leute freuen sich offensichtlich», so Stark. Den Leuten sei das Theater offensichtlich wichtig, schiebt Borsani nach: «Auch deshalb sind diese politischen Entscheide mehr als irritierend.» Allgemein sei der Kontakt in Luzern viel persönlicher und direkter, als sie es beispielsweise in Zürich erlebt habe. «Besonders bei ‹Ödipus Stadt› hat man das gespürt. Da wir nach dem Stück mit den Zuschauern gemeinsam die Box verliessen, kamen sofort Reaktionen. Ich finde diese Nähe toll. So weiss man, für wen man gespielt hat und was angekommen ist.»

Sie habe, seit sie in die Schweiz gezogen ist, immer danach gesucht, richtig anzukommen und Teil zu werden. «Irgendwann habe ich entschieden, dass ich hier wohl immer fremd bleiben werde. Und seit ich das für mich geklärt habe, fühle ich mich irgendwie nicht mehr so fremd.»

«Die Natur greift einen hier förmlich an.»
Sofia Elena Borsani

Luzern sei ein guter Ort, sind sich die beiden jedenfalls einig. «Man ist schnell in der Natur, der Vierwaldstättersee ist toll und gerade mit dem Schnee kam ich mir die letzten Wochen oft vor wie im Wunderland», sagt Borsani. «Auch die Grösse ist ideal. Man muss sich nicht ständig entscheiden. Es hat von allem, aber von allem nicht zu viel», so Stark, dem es besonders die Berge angetan haben. Auch als er in Köln gelebt habe, sei er für Ausflüge in die Berge regelmässig in die Schweiz zurückgekehrt. «Man kann nicht anders. Die Natur greift einen hier förmlich an», so Borsani lachend. Und auch die Menschen seien sehr offen, das habe sie schon in Zürich erlebt, wo sie viele Luzerner Freunde hat.

Eine Kleinfamilie in Not – das Schild hinter der Bühne des Luzerner Theaters passt fast zum aktuellen Stück.

Eine Kleinfamilie in Not – das Schild hinter der Bühne des Luzerner Theaters passt fast zum aktuellen Stück.

(Bild: jav)

Wie Julia zu Romeo aufblickte

Die beiden Ensemblemitglieder waren vor ihrem Engagement am Luzerner Theater keine Fremden. Jakob Leo Stark spielte in Zürich zusammen mit Borsanis damaligem Freund Fussball. Und auch aus dem Theater kannte man sich – oder besser: Borsani kannte Stark. «Es war jetzt nicht gerade das Pendant zur Balkonszene – dass ich ihn von Weitem bewundert hätte», sagt Borsani lachend. Aber natürlich gäbe es immer dieses gewisse Aufschauen, wenn man selbst noch an der Schauspielschule lerne und zu denen aufschaue, welche den Sprung schon geschafft haben. «Man wünscht sich, dass man selbst mal dort hinkommen, vielleicht auch mit ihnen zusammenarbeiten wird.» Ein Gefühl, das wohl jeder am Anfang einer Laufbahn habe, egal, in welchem Job, so Stark. Sie habe sich auf jeden Fall sehr darüber gefreut, als sie erfahren habe, dass sie beide gemeinsam Romeo und Julia spielen würden, sagt Borsani.

«Wo zu Beginn nur schöne Ideen der neuen Leitung standen, kommt nun Fleisch an den Knochen.»
Jakob Leo Stark

Bei der aktuellen Inszenierung sei für sie erstmals die Welt, in welcher die Liebesgeschichte spielt, mehr in den Fokus gerückt. «Sie schien mir früher nicht so wichtig. Doch das Aufeinander-Zugehen von zwei Figuren erhält erst diese grosse Bedeutung, durch die Gesellschaft und die Umstände, in welchen sich die Tragödie abspielt.» Regisseurin Nina Mattenklotz arbeite sehr über einzelne Figuren und deren Geschichten und über Schauspieler selbst, wirft Stark ein.

Der Wunsch nach Austausch

Für die Zukunft wünschen sich die beiden noch mehr Begegnungen und Austausch. Stark betont: «Ich wünsche mir, dass es nach der Vorstellung weniger so ist, als hätte einer den Fernseher ausgemacht. Sondern dass man noch miteinander diskutiert und sich mit den Inhalten auseinandersetzt.» «Eine Kantine!», ruft Borsani aus. «Eine Kantine bräuchten wir – einen Ort, wo man sich ungezwungen begegnen kann.»

Die Öffnung des Hauses, welche langsam zur Realität werde, beobachtet Stark jedoch bereits. «Nach einem halben Jahr sind die ersten Erfahrungen da. Man merkt, was die Zuschauer wollen, wo die Luzerner anbeissen und was Anklang findet. Wo zu Beginn nur schöne Ideen der neuen Leitung standen, kommt nun Fleisch an den Knochen.»

«Romeo und Julia» flirten hinter den Kulissen.

«Romeo und Julia» flirten hinter den Kulissen.

(Bild: jav)

 

Die Premiere von «Romeo und Julia» am Luzerner Theater findet am Donnerstag, 26. Januar 2017, statt. zentralplus ist mit dabei und wird am Freitag eine Rezension veröffentlichen.

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