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Die «Chindli-Mörder» vom Luzerner Sternmattquartier
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Das Tor ist offen, doch im Haus herrscht nach wie vor Totenstille. (Bild: ida)

Trotz Testament: Geisterhäuser werden verkauft Die «Chindli-Mörder» vom Luzerner Sternmattquartier

6 min Lesezeit 17.06.2018, 05:07 Uhr

Zwei Wohnhäuser, die für immer leer bleiben sollten: So lautet der absurde letzte Wille eines Luzerner Ehepaars. Sechs Jahre nach dem Tod von Margot und Jost Limmacher sollen die leerstehenden Gebäude nun doch veräussert werden. Was sagt man im Sternmattquartier dazu? Eine Spurensuche bringt viel Unverständnis und Gerüchte um illegale Abtreibungen zutage.

«Ich erinnere mich an böse Stimmen, die ich vernommen habe», sagt Matthias Birnstiel, der seine Jugend im Sternmattquartier verbrachte und während 20 Jahren dort lebte. «Einige nannten sie die ‹Chindli-Mörder›. Sie erzählten sich, dass Jost Limmacher in den 70er- und 80er-Jahren illegale Abtreibungen durchgeführt hat und alle Krankenkassen seine Leistungen von der Liste verbannten.»

Bei einem heutigen Besuch im Sternmattquartier zeigt sich: Beinahe jeder kennt die Limmachers beim Namen sowie das «Geisterhaus» und das Testament der beiden – doch niemand kannte Margot und Jost Limmacher persönlich.

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Das Haus an der Sternmattstrasse 68 sieht nach wie vor verlassen aus. Von hohen Tannen umgeben, wilden Sträuchern und Zäunen. Die Türen sind mit Schlössern verriegelt, ringsum zieren Schilder die Gegend: «Areal überwacht». Isoliert, abgeschottet und verborgen – als ob es was zu verstecken gegeben hätte.

Einzig und allein das Tor zur Liegenschaft steht zur Hälfte offen. Einladend wirkt es keineswegs – auch an diesem warmen, sonnigen Tag nicht. Der Briefkasten zeugt als einziger von den erloschenen Spuren, die das Areal einst mit Leben gefüllt hatten: «Dr. J. + M. Limmacher».

Die Limmachers – les Misanthropes?

«Im Sternmattquartier kam wenig Verständnis dafür auf, dass die Häuser leer stehen sollten», sagt Marcel Villiger, der Präsident des Quartiervereins Sternmatt. «Gerade in einem Quartier, das als Familienquartier seinen Namen besitzt.» Die meisten wüssten über den letzten Willen Bescheid, jedoch habe es deswegen keine Aufstände gegeben.

Eine 83-Jährige wohnte während Jahrzehnten in demselben Quartier wie die Limmachers – wahrgenommen hat sie die beiden jedoch nur wenig. «Ab und zu sagten wir uns Grüezi, aber ein richtiges Gespräch hat sich daraus nie ergeben. Die Limmachers lebten zurückgezogen, scheuten sich vor Menschen.»

«Der Wunsch der Limmachers führte zu einem Kopfschütteln in der Gegend – aber es passte zum Verhalten der Bewohner.»

Eine Quartierbewohnerin

Wie sie, aber auch Birnstiel meinen, habe man die Sache akzeptiert und sei getrennte Wege gegangen. An dem Haus sei man mit der Zeit vorbeigelaufen. «Wir wussten, dass sie mit uns nichts zu tun haben wollten», so die 83-Jährige. «Der Wunsch der Limmachers, die Häuser leer stehen zu lassen, führte zu einem Kopfschütteln in der Gegend – aber es passte zu deren Verhalten.»

An Generalversammlungen des Quartiervereins sei es ein Thema gewesen, insbesondere, als die Liegenschaft an der Sternmattstrasse 68 im Juni von einer Gruppe namens «Stella Matta» besetzt wurde, wie Marcel Villiger sagt. «Die Quartierbewohner brachten damals fast Verständnis für die Besetzung auf.» Von erbosten Stimmen rund um die Gerüchte von illegalen Abtreibungen während der 70er- und 80er-Jahre habe er jedoch nichts gehört. «Vielleicht war beim einen oder anderen auch Neid im Spiel.»

2012 verstarb das Ehepaar Limmacher. Doch der Briefkasten scheint auch heute noch auf Post zu warten.

2012 verstarb das Ehepaar Limmacher. Doch der Briefkasten scheint auch heute noch auf Post zu warten.

(Bild: ida)

Böse Gerüchte – ohne einen Funken Wahrheit?

Simon Kopp, Kommunikationsverantwortlicher der Staatsanwaltschaft Luzern, nimmt Stellung. Eine Anzeige gegen Jost Limmacher aufgrund schwerwiegender Körperverletzung oder gar fahrlässiger Tötung lässt sich nicht finden. Zu den Limmachers sind folglich keine Untersuchungen oder Anklagen diesbezüglich bekannt.

Doch spulen wir in der Geschichte zurück, um zu verstehen, was Bewohner des Sternmattquartiers derart verstört. Margot und Jost Limmacher gehörte ein Haus an der Sternmattstrasse 68 und 76 – eine Dépendance, in der sie einen Porsche Carrera, einen Chevrolet Caprice, VW Polo und weitere Fahrhaben unterbrachten – an der Grenze zu Horw. Jost Limmacher war in Kriens als Arzt tätig, wo er eine eigene Praxis führte.

1990: Des Menschen letzter Wille …

Am 20. Juni 1990 verfassten Margot und Jost Limmacher ein gleich lautendes, spiegelbildliches Testament. Innerhalb dieses zuletzt geäusserten Willens hielten sie fest, dass beim Tod des zweiten Ehegatten das gesamte Vermögen einer Stiftung zugeführt werden sollte.

Der Clou des Testaments: Nur 10 Prozent des Erlöses der Stiftung wurde der Stiftung «Le Roselet – Stiftung für das Pferd» vermacht. Die restlichen 90 Prozent wurden dem Fonds der Stiftung zugeführt, «mit der Absicht, dass immer genügend Mittel zum sorgfältigen Unterhalt der Liegenschaften vorhanden sind». Sinn und Zweck war, dass das Haus als Andenken für die Familie leer stehen sollte und «der Erlös daraus eine sinnvolle gemeinnützige Verwendung findet».

Die Liegenschaft musste nach dem Tod des zweiten Ehegatten zulasten der Stiftung bestens unterhalten und gärtnerisch gepflegt werden. Das gesamte Inventar musste dabei so belassen werden, wie es zu Lebzeiten aussah.

«Dies ist unser gemeinsamer letzter Wille», endet das wohl absurdeste Testament des verstorbenen Ehepaars. 2012 wurde Jost Limmacher tot in seinem Garten aufgefunden. Nur wenige Tage später verstarb seine Frau Margot, die in späten Jahren an starker Demenz litt. Die Limmachers waren kinderlos, als gesetzliche Erben kamen die Elternstämme der beiden infrage. Bei einer Internetrecherche entdeckt man einen Erbenaufruf von Margot Limmacher – denn der Behörde waren die Nachkommen der Eltern von Margot, einer gebürtigen Deutschen, nicht bekannt.

Stiftungsrat waren Hände gebunden

Die Abklärungen nach dem Tod der Ehegatten Limmachers ergaben, dass die Grundvoraussetzungen für die Stiftung erfüllt waren, wie Paul Eitel sagt. Eitel ist Professor an der Universität Luzern mit Spezialgebiet Erbrecht und Stiftungsratspräsident der «Margot und Jost Limmacher-Leo Stiftung».

Für eine Stiftung benötigt es den Stiftungswillen, die -zwecke, das -vermögen und die Vermögenswidmung. Die Stiftungszwecke haben sich als zulässig erwiesen, weshalb die Stiftung ins Leben gerufen werden musste und somit auch der letzte Wille der Limmachers. Das Testament wurde von den gesetzlichen Erben nicht angefochten.

«Das Anliegen, dass einzelne Liegenschaften nicht bewohnt werden dürfen, halte ich für wenig sinnvoll.»

Paul Eitel, Stiftungsratspräsident der «Margot und Jost Limmacher-Leo Stiftung»

Eitel hält nicht viel von dem letzten Willen. Mit den Limmachers war auch er persönlich nicht vertraut. «Das Anliegen, dass einzelne Liegenschaften nicht bewohnt werden dürfen, halte ich für wenig sinnvoll. Ebenso halte ich es für wenig sinnvoll, dass nicht eine Stiftung mit gemeinnützigem Zweck verfügt worden ist.»

Nach wie vor von hohen Tannen, Gebüschen und einem Zaun umgeben: Die Liegenschaft an der Sternmattstrasse 68.

Nach wie vor von hohen Tannen, Gebüschen und einem Zaun umgeben: Die Liegenschaft an der Sternmattstrasse 68.

(Bild: ida)

2018: Das Geisterhaus soll wieder belebt werden

Dem Stiftungsrat waren folglich lange Zeit die Hände gebunden. Jedoch habe man sich schon damals mit der Frage auseinandergesetzt, ob in der Folge der Stiftungszweck geändert werden kann, wie Paul Eitel erklärt. Will heissen: Die Stiftung wollte das Haus schon damals nicht leer stehen lassen – war jedoch ans Testament gebunden.

Da die Stiftung früher als erwartet in Liquiditätsschwierigkeiten geriet, weil Hypotheken zurückbezahlt werden mussten und hohe Steuern anfielen, wurde eine Zweckänderung mit Billigung der zuständigen Aufsichtsbehörden bereits jetzt möglich. Teile des Stiftungsvermögens dürfen nun doch veräussert werden.

Die Liegenschaften an der Sternmattstrasse 68 und 76 werden verkauft. Verantwortliche Person ist der Immobilientreuhänder Thomas Ineichen, der ebenfalls Mitglied des Stiftungrates «Margot und Jost Limmacher-Leo Stiftung» ist. «Wir werden dabei gezielt an einzelne Interessenten und Investoren gelangen und keine öffentliche Ausschreibung machen», so Ineichen.

Bald schon wird das Haus von Menschenstimmen und mit Leben erfüllt – entgegen dem letzten Willen von Margot und Jost Limmacher. Ob sie sich im Grabe umdrehen werden? Denn die Urnen der beiden liegen im Garten.

«Zügle dein Pferd» heisst es an der Garage des Ehepaars Limmacher. Ein Zehntel des Vermögens sollte der «Stiftung für das Pferd – Le Roselet» zukommen.

«Zügle dein Pferd» heisst es an der Garage des Ehepaars Limmacher. Ein Zehntel des Vermögens sollte der «Stiftung für das Pferd – Le Roselet» zukommen.

(Bild: ida)

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