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«Die Chamer wollen das Leben geniessen»
  • Gesellschaft
Steffen Trippacher ist in seinem Capra in Cham die «Obergeiss», der Geschäftsführer und das Mädchen für alles. (Bild: fam)

Restaurantszene «Die Chamer wollen das Leben geniessen»

4 min Lesezeit 17.05.2014, 13:00 Uhr

Überall sterben die Beizen, aber in Cham lebt die Gastro-Szene auf: Im Zentrum sind in einem Jahr drei neue Restaurants entstanden. Mit ihnen hält die Verstädterung in der Gemeinde Einzug. Zumindest an der kulinarischen Front.

Sie könnten auch an der Zürcher Langstrasse stehen, die Blumentöpfe und Bistrotische. Die gefederten Holz- und Polstersofas, die geschnitzten Tische und die Tapete an der Wand. Sie stehen aber mitten in Cham, im Restaurant «Capra», und sind ein Zeichen für etwas Neues. Cham verstädtert, und das wird hier schon sichtbar, an der kulinarischen Front. Vom Neudorf bis zum Bahnhof reihen sich die klassischen Restaurants, Milchsüdi, Krone und Kreuz. Rössli und Raben, bis runter zur Villette und zum Hirsgarten. Aber dazwischen wachsen neuerdings ganz andere heran.

Steffen Trippacher ist mit seinem Capra nur einer von denen, die in Cham auf frische Konzepte setzen. Sein Restaurant gibt es seit einem Jahr, und der Dreissigjährige hat die Chamer schon überzeugt: Es lässt sich gut leben zwischen schönen alten Möbeln. «Fast alles in einem Brocki in Brunnen gekauft», sagt Trippacher, und ja, seine Vorbilder sind Zürcher Szene-Cafés, das «Dini Mueter», das «Kafi für dich», das «des amis» und das «Kafi Lang».

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In Trippachers Regal stehen lokale Produkte, Schweizer Vivi-Cola, Fleisch vom Chamer Bauernhof: «In Zürich wird man bombardiert mit solchen Angeboten», sagt Trippacher, «da kennen die Leute sowas schon. Sie gehen auch entspannter damit um: Kaufen im Miniatur-Bistro «Le Mur» was zu Mittag und setzen sich dann einfach auf die Strasse.»

Im Capra müsse er manchmal den Gästen noch erklären, um was es ihm eigentlich gehe. «Um Lebendigkeit und Veränderung», sagt Trippacher, «wenn diese zwei Sessel in einem Jahr noch genauso dastehen wie heute, dann stimmt etwas nicht.»

Das Capra hat sich schon ein kleines Stück Trottoir erobert und mit Topfpflanzen möbliert, ist jetzt eine Gartenbeiz. «Da hat man uns zuerst gefragt, seid ihr ein Blumenladen?», sagt Trippacher und lacht. «Die Nachbarn reagieren aber super auf uns, es sind auch viele von ihnen Stammgäste.» Sein Ziel: «Dass irgendwann die Chamer sich so ans Capra gewöhnt haben, dass sie sich was zu Essen abholen, und sich ungeniert damit nebenan auf die schöne Treppe setzen. Und sich einfach wohlfühlen.» Ob seine städtische Café-Kultur überhaupt nach Cham passe? «Auf jeden Fall: Die Chamer wollen das Leben geniessen. Es läuft was in der Stadt. Und wir haben unsere Nische gefunden.»

Die Neue im Zentrum

Auch in Sachen Restaurant-Gründung läuft etwas: Das Capra ist im Januar 2013 aufgegangen, ungefähr gleichzeitig hat Geri Uttinger gleich unter dem Mandelhof die Tapas-Bar «La Barrica» eröffnet. Vor knapp einem Monat ist das Teehaus Umami dazugekommen, die Wirtschaft Schiess hat eine neuen Pächterin, das «Kreuz» ebenfalls: «Es passiert was in Cham, ich finde das super», sagt Maya Bachmann, die Wirtin des «Umami». Sie ist die Neuste im Zentrum, hat ihr Teehaus im alten Gemeindehaus eingerichtet, zwischen Fischgratparkett und nachgebautem Louis-quinze-Diwan. Wo vorher die Polizei gearbeitet hat, beruhigt jetzt Bachmannn mit Assam und gelbem Tee die Gemüter.

Sie steckt noch mitten in der Anfangsphase, muss die Leute erst noch überzeugen, dass es so etwas wie Teekultur tatsächlich gibt. «Vor allem die Jungen sprechen darauf an, das hätte ich nicht erwartet. Und natürlich Expats, die schon eine Teekultur haben. Und die Schweizer bekommen jetzt eine», sagt sie und lacht. Expat-Tee-Kultur, das ist etwa der High Tea: Eine Étagère, von unten her zu essen, zuerst Deftiges, dann süsse Scones, dann Konfekt. Isst man nicht alleine, und bekommt man nirgendwo anders.

«Wenn man gut ist, kommen die Leute von überall»

Bachmann ist gut angekommen in der Chamer Gastro-Szene, sagt sie, trotz ihrem Quereinstieg. «Wir helfen einander gegenseitig aus. Und es ist einfach toll, dass hier so viel passiert: Überall entstehen lauschige Plätze.» Das Umami stellt wie das Capra eine kleine Gartenbeiz auf, gleich hinter dem Haus ist die Gartenbeiz der Wirtschaft Schiess, hinter dem Mandelhof die Bar Rica.

Ein Teehaus ist ein sehr spezifisches Angebot. Gibt es denn in Cham genug Tee-Liebhaber? «Wenn man gut ist, kommen die Leute von überall», sagt Bachmann, «es sagen mir auch viele Leute, es sei wunderbar, dass es in Cham so viel gute Gastronomie gibt: Man muss gar nicht mehr weit weg.»

«Wir sind gar keine spanische Bar»

Dass man auch vom Raum ausgehen kann, um gute Ideen zu bekommen, das lernt man im La Barrica: «Die Küche war einfach zu klein für ein Speiserestaurant», sagt Uttinger und stellt die ersten Tapas ins Kühlregal, in den Lautsprechern singen die Gipsy-Kings. «Warum lasst ihr keine spanische Musik ab, hat man uns gefragt», sagt Uttinger und lacht, «jetzt läuft fast immer welche. Dabei sind wir gar keine spanische Bar, wir haben einfach Tapas.» Und dass man sich davon auch satt essen kann, das haben die Chamer nach dem ersten Betriebsjahr gemerkt.

«Viele kommen aber auch für den Apero zu uns und gehen nachher vielleicht ins Kreuz zum Znacht. Und dann wieder zu uns für den Schlummerbecher.» Weshalb es in Cham seit einem Jahr so viele Neugründungen gäbe, wisse er nicht: «Wahrscheinlich ist das Zufall. Aber es stimmt schon: Cham wird städtischer, und es gibt auch genug Leute, die auswärts essen wollen. Und die 0815-Beiz, die ist den Leuten etwas zu langweilig geworden.»

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