Die Celestini-Story: Für Kapitel 3 braucht es auch den letzten Tropfen Tinte
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Dieser FCL-Auftritt ging in die Hosen: Captain Lucas Alves (links) und Goalie Marius Müller drücken auf nonverbale Art und Weise ihre Gefühlslage nach dem 1:4 in St. Gallen aus. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

FCL verliert Europa-League-Platz aus den Augen Die Celestini-Story: Für Kapitel 3 braucht es auch den letzten Tropfen Tinte

5 min Lesezeit 17.07.2020, 19:00 Uhr

Bloss ein Punkt aus den letzten drei Spielen: Die jüngste 1:4-Ohrfeige in St. Gallen ist FCL-Trainer Fabio Celestini sauer aufgestossen. Der Romand hat in seiner Zeit beim FC Luzern (fast) alles richtig gemacht. Muss er jetzt damit leben, dass seine Mannen wollen, aber nicht mehr können?

Sein schlechtes Gefühl war immer noch da. Auch am Morgen danach. Nach einer Nacht, über die Fabio Celestini sagt, dass er schon besser geschlafen habe.

Er kann nicht einordnen, was seinem Team in St. Gallen widerfahren ist. Er weiss zwar: «Wenn wir mental nur ein wenig nachlassen, bekommen wir Probleme.»

Der 44-Jährige kann zwar verstehen, dass es im Schlussspurt der Corona-Meisterschaft mit sechs aufeinanderfolgenden englischen Wochen Höhen und Tiefen in jeder Mannschaft gibt. «Aber ich akzeptiere es nicht, weil ich keine Ausreden-Kultur im FC Luzern zulasse», betont Fabio Celestini.

Meinungsaustausch mit Bürki

Der Nuller in St. Gallen hat nicht nur die Betriebstemperatur von Celestini befeuert, sondern auch jene des im FCL-Dress noch immer nicht überzeugenden Marco Bürki. Als der Innenverteidiger in St. Gallen Kritik am eigenen Staff übte, fuhr Celestini dazwischen. Daraus entstand ein Meinungsaustausch über der gewohnten Lautstärke.

«Ich bringe die Dinge offen und ehrlich zur Sprache. Das gehört zu meiner Philosophie.»

FCL-Trainer Fabio Celestini

Celestini machte den Vorfall am Freitagmittag vor den Medien selber zum Thema und sagte gelassen: «Ich bringe die Dinge offen und ehrlich zur Sprache. Das gehört zu meiner Philosophie. Marco und ich haben nach dem Spiel und am Morgen danach miteinander geredet.» Summa summarum: «Alles in Ordnung», so Celestini.

Das erste Kapitel seiner FCL-Erfolgsgeschichte

Doch wieso wurde der Umgangston bei den Weiss-Blauen in so kurzer Zeit derart rau? Vielleicht hilft ein Blick zurück, um die aktuelle Unzufriedenheit beim FCL begreifen und um eine grosse Chance in absehbarer Zukunft wahrnehmen zu können.

Der FCL lag zur Winterpause und Saisonhälfte bloss vier Punkte (total 18) vor dem Barrage-Platz und dem neuntplatzierten Neuchâtel Xamax, das am Sonntag zum Duell in Luzern erwartet wird. Als Tabellenletzter mit aktuell 24 Punkten notabene.

Als Nachfolger des überforderten Thomas Häberli hat Fabio Celestini den FC Luzern stabilisiert und zügigen Schrittes aus der Abstiegszone geführt. Kapitel 1 seiner Erfolgsgeschichte war vor Ausbruch der Corona-Krise bereits geschrieben.

Ein Level, von dem man nie träumen durfte

Bis zur total verunglückten Vorstellung am Donnerstag in St. Gallen war der FC Luzern mit 24 Punkten das erfolgreichste Team der Rückrunde. In der zweiten Phase vermittelte Fabio Celestini seiner Mannschaft neben der mentalen Stärke auch spielerische Fähigkeiten. Diese erreichten ein Level, von dem man wegen der eigentlichen Leistungsfähigkeit der FCL-Spieler nicht einmal träumen durfte.

Aber jetzt hapert es beim FCL bei der Umsetzung von Phase 3 in Celestinis Erfolgsgeschichte. Diese wäre gar nie zum Thema geworden, wenn es nicht so steil vom Tabellenkeller aufwärts gegangen wäre.

So sieht das Restprogramm aus

Statt dem noch zu ermittelnden Cupsieger ist in der laufenden Saison der Vierte der Super League für die Qualifikationsmühle der Europa League spielberechtigt. Diesen Platz belegt Aufsteiger Servette mit drei Punkten Vorsprung auf den FC Luzern und den FC Zürich. Eigentlich sind es deren vier, weil Servette mit plus 13 Toren das deutlich bessere Torverhältnis als der fünftplatzierte FCL (minus 6) und der mit einem Spiel weniger dahinter liegende FCZ (–16) hat. Und das ist das entscheidende Kriterium bei Punktgleichheit in der Schlussabrechnung.

Auf dem Papier hat Servette aber auch noch das einfachere Restprogramm als die Luzerner, die in der zweitletzten Runde noch auf den Direktkonkurrenten FC Zürich treffen. Die Ausgangslage sieht so aus:

4. Servette: 31 Spiele, 45 Punkte, 48:35 Tore:
zu Hause (h): Basel
auswärts (a): Thun
h: Neuchâtel Xamax
a: Lugano
h: Sion

5. Luzern: 31 Spiele, 42 Punkte, 38:44 Tore
h: Xamax
h: Sion
a: Young Boys
h: Zürich
a: Basel

6. Zürich: 30 Spiele, 42 Punkte, 40:56 Tore
h: Young Boys
a: Lugano
h: St. Gallen
a: Sion
a: Luzern
h: Thun

Team überzeugt den Trainer

Als der FC Luzern vor der Wiederaufnahme der Super League am dritten Juni-Wochenende stand, sagte Fabio Celestini: «Wir haben eine Geschichte im Kopf, die wir schreiben wollen.» Details oder gar Ziele nannte der FCL-Trainer als Selbstschutz keine (zentralplus berichtete).

«Mittlerweile liegt der Glaube der Mannschaft an jede Spiel-Geschichte wohl nicht mehr bei 120 Prozent.»

Darum die erste Frage: Existiert die Geschichte noch in den Köpfen der Luzerner?

Celestini entgegnet: «Ja, natürlich. Meine Mannschaft gab mir vor dem Re-Start das Gefühl, dass sie auf die Unterstützung der Zuschauer und Emotionen angewiesen sei, um Leistung erbringen zu können. Aber dann legte sie auf eine überzeugende Art und Weise los.»

Celestinis Eingeständnis

Und darum die wohl entscheidende Frage im Hinblick auf den Saisonfinal: Ist denn noch genügend Tinte vorhanden, um das letzte Kapitel der seit Anfang Jahr dauernden Erfolgsgeschichte schreiben zu können?

Celestini sagt lachend: «Die Geschichte sollte jeden Spieler für jeden Match bis zum Saisonende motivieren. Mittlerweile liegt der Glaube der Mannschaft an jede Spiel-Geschichte wohl nicht mehr bei 120 Prozent.»

Oder anders ausgedrückt: Der Energieverlust durch die verletzten und zeitweilig gesperrten FCL-Spieler hat seinen Tribut gefordert (zentralplus berichtete). Erst recht vor dem Hintergrund, dass das Leistungsgefälle in Celestinis Team grösser ist als bei den vergleichbaren und erst recht bei den besser situierten Teams.

Doch Celestini stemmt sich gegen jede Form, die nach einer vorauseilenden Ausrede klingt. Deshalb sagt er: «Gegen Xamax wollen wir kein Tor kassieren, eine solide Leistung zeigen und drei Punkte einfahren.»

Nichts anderes als das ist die Massgabe für den FCL am Sonntag.

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