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Die Boa – innehalten und erinnern
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«Remember, Remember» – im Luzerner Vögeligärtli Die Boa – innehalten und erinnern

3 min Lesezeit 01.12.2017, 23:50 Uhr

Vor zehn Jahren wurde gegen die Schliessung des Kulturzentrums Boa demonstriert. Als Folge davon kam es zur grössten Massenverhaftung in Luzern. Am 1. Dezember 2017 traf man sich erneut im Vögeligärtli. zentralplus wollte wissen, was die Boa in den Köpfen der Anwesenden heute noch für eine Rolle spielt.

Zehn Jahre, nachdem die Presse titelte: «Der Luzerner Horror-Knast – Minderjährige mussten sich ausziehen», versammelten sich rund 120 Personen am Freitagabend im Vögeligärtli.

«Remember, Remember», steht auf den Stickern, die auf den Anlass aufmerksam machen. Und erinnern wollen die Veranstalter an ein trauriges Kapitel der Luzerner Kultur-Geschichte.

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Vor zehn Jahren die Eskalation

Am Samstag, dem 1. Dezember 2007, fand die grösste Massenverhaftung in Luzern statt. Aktivisten wollten mit einem «Strassenfest durch die Stadt» gegen die Schliessung des Kulturzentrums Boa demonstrieren. 245 Menschen wurden verhaftet und bis zu zwölf Stunden in der Zivilschutzanlage Sonnenberg eingesperrt.

Das harte Eingreifen der Polizei gegen die unbewilligte Demo wurde mit der Auslosung zur Euro 08 erklärt, die am selben Abend in Luzern stattfand.

Vergangen ist nicht vergessen

All die Jahre später ist die Wut um die Boa-Schliessung und den Polizeieinsatz am 1. Dezember 2007 über vielen Kulturköpfen noch nicht verraucht. Immer wieder taucht die Boa auf, oft fast nostalgisch verklärt.

«Niederschwellig», «grossartig», «ein Ort für alle mit flachen Hierarchien» – manchmal scheint die Boa doch etwas romantisiert zu werden. Der unverflogene Ärger jedoch ist ein emotionales Thema, das in der Kulturszene von Luzern kaum hinterfragt werden kann.

Wie kam es soweit?

2007 kam es zur Schliessung des beliebten Kulturzentrums Boa, welches der alternativen Bewegung in Luzern seit 1988 als Zuhause diente. Ein Luzerner Immobilienmakler hatte gleich neben dem traditionsreichen Kulturhaus Wohnhäuser gekauft und versprach den neuen Mietern eine bald ruhigere Nachbarschaft. Im Dezember 2007 musste die Boa schliesslich wegen Lärmklagen aufgeben.

Am Freitagabend ging die Veranstaltung im Vögeligärtli relativ ruhig über die Bühne. Es gab Konzerte, eine Rede, Suppe und Bier am Feuer.

zentralplus wollte von den Anwesenden wissen: Warum sind Sie hier? Und vermissen Sie eigentlich die Boa, oder vermissen Sie die Zeit der politischen Unruhe, den Kampf gegen das System und die gesellschaftskritischen Bewegungen der Jugendkultur?

Viele der Versammelten aus Kultur, Politik und der autonomen, alternativen Szene zeigten sich zurückhaltend, wenn es darum geht, sich öffentlich zu äussern.

Innehalten

Eugen Scheuch, der ehemalige Booker der Boa, der heute in Luzern wieder als Veranstalter in der Jazzkantine und dem Sedel arbeitet, ist überzeugt, dass ein Bedürfnis nach einer Boa noch immer da ist.

«Ich glaube aber, es wird nicht nur die Boa vermisst. Es war ein Zentrum für Kultur, zentral, basisdemokratisch, ohne Konsumzwang, auch politisch. Das gibt es so nicht mehr.»

Die Veranstaltung finde statt, weil die Demonstration vor zehn Jahren so skandalös aufgelöst worden sei. «Es ist ein Jubiläum, und wir wollen innehalten und uns anschauen, wo die Stadt Luzern heute steht. Es geht um die Forderung nach einem autonomen Kulturzentrum und um das Tolerieren von besetzten Häusern.»

Eugen Scheuch und Hans Stutz

Eugen Scheuch und Hans Stutz

Meinungsfreiheit

Der Journalist und grüne Parlamentarier Hans Stutz war ebenfalls vor Ort. «Diese Aktion vor zehn Jahren hat die Grundannahme einer freiheitlichen Gesellschaft in Frage gestellt. Mir geht es weniger um die Boa, es geht um das Verhalten der Polizei damals und wie sie die Demonstrationsfreiheit und die Meinungsfreiheit mit Füssen getreten hat.»

Die Boa sei gestorben, weil die politischen Parteien damals zu unaufmerksam gewesen seien, sagt Stutz. «Alles was danach kam, war ein Kampf auf verlorenem Posten.»

Betroffenheit

Neben anderen Musikern trat auch Joan Seiler am Freitagabend kurz im Vögelgärtli auf.

Sie war eine der 245 Personen, die vor zehn Jahren festgenommen und im Sonnenberg festgehalten wurden. «Schön, seid ihr alle da. Es ist wichtig, dass wir hier sind», sagte sie während des Konzertes.

Zufall

Zeline Odermatt ist aus reiner Neugierde im Vögeligärtli aufgetaucht. «Ich wohne in der Nähe, habe die Musik gehört und möchte wissen, weshalb die Leute sich hier versammelt haben.»

So geht es einigen, die sich unter das vermeintliche Konzertpublikum gemischt haben. «Ich weiss jetzt, worum es geht», informiert eine junge Frau ihre Freundin am Rande des Geschehens.

An der Feuerschale, an der sich die Versammelten wärmen, wurde diskutiert und politisiert. Über Vergangenes und auch über die aktuelle Situation der autonomen und der kulturellen Szene.

 

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