Die Bluttat in Emmenbrücke kündigte sich an – mit drei Vorfällen
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Der Mann sagte aus, er habe sich zu der Tat gedrängt gefühlt. (Bild: Symbolbild Adobe Stock)

Mutter im Wahn getötet Die Bluttat in Emmenbrücke kündigte sich an – mit drei Vorfällen

5 min Lesezeit 2 Kommentare 08.06.2021, 11:39 Uhr

Ein junger Mann hat im April 2020 seine Mutter brutal niedergestochen. Wie konnte das passieren? Die Frage macht dem Kriminalgericht Luzern zu schaffen. Klar ist: Es gab Warnzeichen, lange bevor es zur Tat kam.

Mit 48 Messerstichen hat ein 20-Jähriger letztes Jahr seine Mutter getötet (zentralplus berichtete). «Dass das Opfer die geliebte Mutter ist, macht das Ganze für uns unfassbar. Wir sind überfordert», sagt der Verteidiger am Dienstagmorgen in der Verhandlung vor dem Kriminalgericht. «Wir können nur versuchen, das zu verstehen – aber gelingen wird es wohl nicht.»

Tatsächlich lässt die Befragung des jungen Mannes Ratlosigkeit im Saal zurück. Früher ein sportlicher Jungfussballer, läuft er im Trainingsanzug und hinkend zu seinem Platz. Er ist erst 21 Jahre alt, wirkt aber wie ein alter Mann. Die Fragen beantwortet er langsam, in einem schleppenden Tonfall. Es wirkt, als wäre er betäubt, als er die Tat schildert, wegen der er heute vor Gericht steht.

Der Mann verdrängt, was er getan hat

Die Richterin fordert den Beschuldigten auf, den Ablauf des Tages detailliert zu schildern. Die Antwort fällt knapp und oberflächlich aus. «Ich war in meinem Zimmer. Ich hätte mit jemandem reden sollen, aber ich habe mich verweigert. Ich war frustriert wegen meiner Behinderung. Und musste Energie rauslassen. Da bin ich zum WC gegangen und habe es gemacht.»

Auf genauere Nachfragen antwortet er immer wieder. «Ich weiss es nicht. Es passierte unbewusst. Es ist so lange her.» Seit dem Tod der Mutter ist ein knappes Jahr vergangen. So wie der Mann es schildert, könnten es fünfzig sein.

Der Nackte am Bahnhof Emmenbrücke

Wie ein Mosaik setzt das Gericht in seiner Befragung die Geschichte Stück für Stück zusammen, bis sich daraus ein Gesamtbild ergibt. Es zeigt eine Welt, die ins Wanken geraten ist und schliesslich zusammenbrach.

Der Sohn einer kroatischen Familie ist in Emmenbrücke aufgewachsen. Er ist intelligent, geht ans Gymnasium. Bereits mit 18 Jahren macht er die Matura. Er beginnt ein Studium. «Ich habe irgendwas angefangen, um irgendwas anzufangen. Es war nicht zielgerichtet», sagt er im Rückblick. «Die anderen waren alle älter als ich. Ich dachte, ich hätte noch viel Zeit.»

«Wir hatten eine liebevolle Beziehung. Sehr offen. Wir hatten uns sehr gern.»

Der Beschuldigte

Er fängt an zu kiffen, verbringt viel Zeit mit seinen Freunden und spielt Klavier. Alles scheint in Ordnung zu sein. Doch der Schein trügt.

Ende 2018 steht er plötzlich nackt am Bahnhof Emmenbrücke. Warum? «Keine Ahnung, es war ein spontaner Impuls. Ich fand ihn lustig und dann habe ich es gemacht», sagt er. Das Verkaufspersonal im dortigen Laden ruft die Polizei. Doch sonst passiert nichts weiter.

Sprung vom Dach: Hielt er sich für Gott?

Wenige Wochen später steht der junge Mann auf dem Dach einer Autogarage. Und springt. Seither kann er nicht mehr richtig laufen. Sein Körper hat bleibende Schäden. Einem Freund sagt er, er hätte sich für Gott gehalten. Oder wollte er sich umbringen?

«Wahrscheinlich», sagt er dazu achselzuckend. «Ich habe das gemacht, ohne mich erinnern zu können, je über Suizid nachgedacht zu haben. Ich bin im Krankenhaus aufgewacht und war wie ich war.»

Spätestens jetzt hätte klar sein müssen, dass der Mann psychiatrische Hilfe braucht. Doch es passiert nichts.

Schon an Weihnachten versteckte die Mutter alle Messer

In eine Klinik eingeliefert wird er erst zehn Monate später, an Weihnachten 2019. Da sagt er zu seinem Bruder: «Jeder bekommt, was er verdient.» Und jagt seiner Mutter damit einen solchen Schrecken ein, dass sie alle Küchenmesser versteckt.

Der Bruder ruft die Polizei. Der Amtsarzt diagnostiziert eine Psychose und ordnet einen fürsorgerischen Freiheitsentzug in der Luzerner Psychiatrie an. Doch der junge Mann bleibt nicht lange. Er setzt seine Entlassung gerichtlich durch. Knapp drei Monate später tötet er seine Mutter.

Ein liebevolles Verhältnis – aber kein Ausdruck der Reue

Sein Verhältnis zu ihr war immer gut. «Wir hatten eine liebevolle Beziehung. Sehr offen. Wir hatten uns sehr gern», sagt der Beschuldigte in der Verhandlung. Er redet von Frust und Bedrängnis, die er an jenem Morgen empfunden habe. Doch niemand im Saal scheint zu verstehen, was er meint. «Ich hantiere mit diesen Wörtern und versuche etwas zu beschreiben, was unbeschreibbar ist.»

Gemäss einem psychiatrischen Gutachter, mit dem der Beschuldigte das Gespräch allerdings verweigerte, leidet der junge Mann an einer Schizophrenie. Zum Tatzeitpunkt war er schuldunfähig, weshalb er nicht bestraft werden kann. Seine Krankheit ist gemäss dem Experten behandelbar. Er soll deshalb in eine stationäre Therapie. Da sind sich Verteidigung und Staatsanwaltschaft einig.

Hätte sich die Tat verhindern lassen?

Der Verteidiger glaubt, bei seinem Mandanten bereits erste Anzeichen der Besserung festzustellen. «Bei unserem ersten Gespräch hat er gefragt, ob die Person in seinem Pass wirklich er sein soll», erzählt er. Die Befragung vor dem Gericht sei ihm vorgekommen, wie «die erste Therapiestunde». Denn es müsse das Ziel der Massnahme sein herauszufinden, warum es zu der Tat gekommen sei.

Das letzte Wort hat der Beschuldigte. Er lässt die Gelegenheit verstreichen, sein Bedauern über den Tod der Mutter auszudrücken. Stattdessen fragt er, ob er das beschlagnahmte Handy zurückhaben kann. Das Gericht wird nun über den Fall beraten. Das Urteil wird dann schriftlich eröffnet.

Klar ist nach der Verhandlung: Es gab vor der Tat deutliche Anzeichen, dass der junge Mann mit schweren psychischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Mit Medikamenten und einer Therapie hätten diese wohl gelindert – und die Tat vielleicht sogar verhindert werden können.

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2 Kommentare
  1. Poulet, 08.06.2021, 20:17 Uhr

    Aber stimmt doch nein gegen das Terrorgesetz! Das kommt dann besser!

    1. Mathias Hugentobleric, 09.06.2021, 11:35 Uhr

      @poulet Einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen dem Artikel der von Ihnen erwähnten Abstimmung herstellen zu wollen, hebt lediglich Ihre Gesinnung hervor, die gerne auch hätte verborgen bleiben können.

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