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Die Aufrüstungsspirale dreht sich weiter
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Das Skiegebiet Sörenberg plant gewaltige Investitionen. (Bild: hch)

Skigebiet Sörenberg Die Aufrüstungsspirale dreht sich weiter

7 min Lesezeit 11.02.2014, 06:01 Uhr

Das Skigebiet Sörenberg will 35 Millionen Franken in neue Infrastruktur investieren. Trotz zunehmender Schneeunsicherheit und Stagnation im Wintersportmarkt. Paradox? zentral+ hat das Projekt und sein Umfeld unter die Lupe genommen.

Der Januar lief für viele Zentralschweizer Skigebiete nicht gut. Gästezahlen und Transportumsatz lagen rund 15 Prozent tiefer als im gleichen Vorjahreszeitraum. Doch der Blick auf die aktuelle Statistik und in die föhngeplagten Berge täuscht, denn der überdurchschnittliche Saisonbeginn kompensiert zumindest in der Zentralschweiz das Januarloch. «Ohne Beschneiungsanlage hätten wir aber einen schlechten Winter gehabt», sagt Fredy Portmann, Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Sörenberg AG (BBS). Die Bahnbetreiber konnten die kurze Kältephase ab Ende November für eine intensive künstliche Beschneiung nutzen, weshalb der Pistenzustand gut sei. Auf Frau Holle war indes wenig Verlass und für eine weitere Beschneiung war es meist zu warm.

An wärmere, schneeärmere Winter müssen sich Zentralschweizer Skigebiete zusehends gewöhnen. Die Klimatologen prognostizieren zudem eine Abnahme der für die künstliche Beschneiung so wichtigen Frosttage – und damit der Schneesicherheit. Das Bundesamt für Umwelt rechnet schweizweit mit einem mittelfristigen Rückgang der schneesicheren Gebiete um rund einen Fünftel.

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Künstliche Schneesicherheit

Italienische oder österreichische Skigebiete setzen längst auf massive, technische Beschneiung. In der Schweiz hat der Trend später eingesetzt, verbreitet sich aber exponentiell. Mittlerweile können hierzulande rund 40 Prozent der Skipisten beschneit werden, in Sörenberg rund ein Drittel der 53 Pistenkilometer. In ähnlich gelagerten Skigebieten wie Meiringen-Hasliberg oder auf dem Stoos werden 22 bzw. 43 Prozent der Pisten beschneit. In den nächsten Jahren soll im Skigebiet Sörenberg der Anteil auf 50 Prozent steigen. Der Bau von Beschneiungsanlagen ist teuer: rund eine Million Franken pro Pistenkilometer.

Wie viel der Betrieb der Sörenberger Beschneiungsanlage kostet, kann Portmann nicht sagen, denn die Zahlen variieren von Winter zu Winter stark. Auch eine Anfrage bei anderen Skigebieten ergibt keine exakten Zahlen. Portmann schätzt, dass der geplante Ausbau der Beschneiungsanlage am Brienzer Rothorn jährlich mit zusätzlichen 150’000 bis 200’000 Franken zu Buche schlagen wird.

«Die Beschneiungskosten vieler Bergbahnunternehmen sind in den letzten Jahren markant gestiegen», bestätigt derweil Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft (ITW) an der Hochschule Luzern. Auch er kann keine konkreten Zahlen liefern. Die Kosten würden vielen Bergbahnunternehmen zusehends Mühe bereiten, so Stettler, denn sie liessen sich nicht so einfach auf die Ticketpreise umwälzen. Der Gast verlange heutzutage aber unbedingte Schneesicherheit.

Schneekanonen im Sommer im Skigebiet Hohsaas oberhalb Saas-Grund im Wallis.

Schneekanonen im Sommer im Skigebiet Hohsaas oberhalb Saas-Grund im Wallis.

(Bild: Fabian Duss)

Die ökologischen Auswirkungen künstlicher Beschneiung sind umstritten und hängen stark von den lokalen Gegebenheiten ab. So oder so ist dazu viel Wasser und Strom nötig. Ein Umweltverträglichkeitsbericht bezifferte den Stromverbrauch der Sörenberger Anlage auf 420’000 kWh pro Saison, falls sie komplett ausgebaut würde. Dies entspricht rund zehn Prozent des totalen Stromverbrauchs aller Haushalte der Gemeinde Flühli.

Gegen die Erweiterung der Sörenberger Beschneiungsanlage setzen sich die Umweltverbände aber nicht zur Wehr. «Der Ausbau ist sicherlich nicht schön, aber wir akzeptieren ihn, solange die BBS nicht wie ursprünglich beabsichtigt den Eisee aufstauen wollen», sagt Hanspeter Rohrer, Geschäftsführer von Pro Natura Unterwalden.

Attraktiver für Familien

In den vergangenen Wintern schwankten die Gästezahlen in Sörenberg zwischen 300’000 und 340’000 Ersteintritten. Schweizweit stagniert das Interesse der Bevölkerung am Schneesport. Wenn sich an einem schönen Winterwochenende in Wolhusen die Autos stauen, hat das also nichts mit einem vermeintlichen Ski-Boom zu tun, sondern damit, dass die allermeisten Skifahrer trotz guter ÖV-Anbindung mit dem Auto nach Sörenberg fahren. «Wir sind ein klassisches Tagesskigebiet für Familien, auch wenn am Wochenende die Betten sehr gut belegt sind», sagt Tourismusdirektorin Carolina Rüegg. «Und Familien reisen nicht mit dem öffentlichen Verkehr an, denn das ist vielen zu kompliziert und aufwändig.»

Rüegg erhofft sich vom Umbau des Skigebiets etwas mehr Gäste. Das Bettenangebot für die Spitzenzeiten auszubauen, wäre aber heikel, sagt sie, denn ausserhalb der Wintersaison sei die Nachfrage deutlich geringer. Die Touristikerin freut sich auf den «Quantensprung», welcher das Gebiet «Rothorn» für Familien attraktiver mache. Bislang hätten sich Familien mehrheitlich im tiefer liegenden Gebiet «Dorf» aufgehalten.

Nur: Künftig mögen zwar mehr Familien die Hänge über dem Eisee hinunter flitzen, doch die Talabfahrt bleibt wie sie ist – eine schwarze Piste. «Es stimmt schon, die Einfahrt in den Steilhang schreckt Ungeübte ab», sagt auch Fredy Portmann. Die Attraktivität des Gebietes werde das aber nicht mindern, denn künftig könnten Skifahrer bequem mit der Gondelbahn zu Tal fahren. Sowieso sei die Erhaltung des auf 1’900 bis 2’300 Metern gelegenen Skigebiets «Rothorn» von grösster Wichtigkeit, denn es gäbe etwas Sicherheit für die Zukunft.

Steuergelder für Skipisten

Sicherheit, das wollen auch die Investoren. Rund 25 Millionen Franken und damit den grössten Teil des Projekts soll ein Konsortium von Banken finanzieren. Unterschrieben ist noch nichts, aber Portmann ist trotz den Verzögerungen im Planungsprozess zuversichtlich. Für weitere sechs Millionen Franken haben die BBS ein Darlehen aus dem Topf der Neuen Schweizer Regionalpolitik (NRP) beantragt. Der Luzerner Regierungsrat hat das Geschäft im Januar behandelt und erarbeitet zurzeit die Botschaft an den Kantonsrat.

Guido Roos, Geschäftsführer der Region Luzern West, prüfte das NRP-Gesuch. «Sörenberg konkurrenziert mit Familienskigebieten im nahen Ausland, wo längst staatliche Förderungsbeiträge fliessen», erklärt er und weist darauf hin, dass Bund und Standortkantone den Zusammenschluss der Skigebiete Andermatts und Sedruns mit 48 Millionen Franken unterstützen, was zu heftigem Protest auch innerhalb der Bergbahn-Branche geführt habe. Im Bünderland werde mittlerweile diskutiert, die Pistenbeschneiung zur kommunalen Aufgabe zu machen, sagt Roos.

Anita Wyss kann dieser Entwicklung wenig abgewinnen: «Es kann nicht sein, dass Skigebiete mit staatlichen Subventionen gebaut oder unterhalten werden und die Gegend mit öffentlichen Geldern verschandelt wird», sagt die Landschaftsschützerin. In ihren Augen wäre es an der Zeit, den Wintertourismus auf kantonaler oder nationaler Ebene zu planen. «Der gegenwärtige Verdrängungskampf schadet sowieso allen», sagt sie.

Vom Wintertourismus abhängig

Auch ITW-Institutsleiter Jürg Stettler erachtet eine regionale oder überregionale Planung der Wintersportinfrastruktur als wünschenswert. Die Chancen dafür seien aber gering. «Letztlich wird die Bereinigung in der Branche durch den Markt erfolgen – und nicht über politische Entscheide», sagt Stettler. Zu gross sei die Abhängigkeit einzelner Gemeinden von ihren Skigebieten.

Das trifft insbesondere auf Sörenberg zu. Die Bergbahnen beschäftigen im Winter rund 180 Personen, wovon der grösste Teil aus der Umgebung stammt. Viele davon sind Landwirte, denen das Skigebiet ein wichtiges Zweiteinkommen ermöglicht. Das Wintergeschäft macht zurzeit rund 80 Prozent der touristischen Wertschöpfung aus.

Carolina Rüegg, die Tourismusdirektorin, ist keineswegs stolz auf diese Zahl. In Engelberg etwa verteilt sich die touristische Wertschöpfung gleichmässig auf Sommer und Winter, während auf dem Stoos sowohl die Bergbahnen als auch die Hotellerie rund zwei Drittel ihres Umsatzes im Winter generieren. Das Sommergeschäft hat sich dort in den letzten 15 Jahren verdoppelt. «Wir bemühen uns, den Umsatz möglichst gleichmässig verteilt zu erwirtschaften», sagt der dortige Tourismusverantwortliche Ivan Steiner.

Auch Carolina Rüegg will den Sommertourismus forcieren, wozu die UNESCO Biosphäre Entlebuch ja einen geeigneten Rahmen bietet. «Selbst wenn wir hier ein Schneeloch mit relativ viel Niederschlag haben und unser Skigebiet nordseitig liegt, dürfen wir die Klimaveränderung nicht unterschätzen», warnt sie.

Einsprachen der Umweltverbände

Bei den Umweltverbänden herrscht grundsätzlich Verständnis für das Anliegen, das Skigebiet mit einer besseren Verbindung zu optimieren. Allerdings stören sie sich daran, dass die beiden Stationen der Luftseilbahn und die beiden Restaurants auf dem Rothorn und am Eisee nicht zurückgebaut werden sollen. WWF, Pro Natura und die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) haben daher Einsprachen deponiert. «Gemäss dem Seilbahngesetz müssen alte, nicht mehr benötigte Anlagen abgebaut werden», sagt SL-Mediensprecherin Anita Wyss.

Die BBS hingegen will die Gebäude umnutzen, etwa zur Lagerung von Material. Wie teuer ein kompletter Rückbau der Infrastruktur zu stehen käme, kann Fredy Portmann nicht sagen. Seit 2007 müssen Bergbahnen für den allfälligen Rückbau von Anlagen Geld zurückstellen. Das haben auch die BBS getan. «Ob diese Rückstellungen für den Rückbau ausreichen würden, kann ich zum heutigen Zeitpunkt aber nicht sagen», so Portmann.

Das Skigebiet Mischuns im Val Müstair, das auf Nachhaltigkeit und naturbelassene Pisten setzt.

Das Skigebiet Mischuns im Val Müstair, das auf Nachhaltigkeit und naturbelassene Pisten setzt.

(Bild: Hug)

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