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Die Archäologen aus der Plattenkiste
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«Soul hat etwas Verbindendes»: Soul-DJ am Plattenteller. (Bild: PD)

Nur Vinyl: 5. Soul-Weekender in Luzern Die Archäologen aus der Plattenkiste

8 min Lesezeit 05.03.2016, 05:00 Uhr

Da kommt nur feinstes Vinyl auf den Teller – und wehe, es ist keine Originalpressung! In Luzern läuft der fünfte Soul-Weekender. Drei Tage, an denen sich alles um Vinyl dreht. Mit ganz eigenen Regeln und Gewohnheiten. Was das mit Archäologie und der Börse zu tun hat, verraten zwei DJs im Gespräch.

Das Neubad wird immer mehr zum Gemischtwarenladen: Flohmarkt, Gemüse und Setzlinge, bald eine Velobörse, Kinderspielzeug-Börse, das Repair-Café – und nun im März erstmals eine Schallplattenbörse (siehe Box). Da kommen Jugenderinnerungen hoch: Als man noch in Plattenläden nach der ganz bestimmten Scheibe suchte. Als man noch tauschte, sammelte und um Musik feilschte. Als man Musik noch nicht streamte, sondern stolz besass.

Es gibt eine Szene, die den Kult um Vinylscheiben auf die Spitze treibt. Und sie taten das schon immer – egal, ob die Platte gerade totgesagt wurde oder ein fulminantes Revival feierte. Die Damen und Herren aus der Soulszene huldigen der schwarzen Scheibe mit einer für Aussenstehende schwer nachvollziehbaren Konsequenz. Sie graben nach vergessenen Raritäten und legen dafür den letzten Groschen hin – und auf ihre Plattenteller legen sie nur Originalpressungen. Wieso das? Wir fragten zwei aus der Szene: die Luzerner Mitinitiantin des Soul-Weekenders Emel Ilter und Imke Keyssler, die als Ada Loveshake auflegt und aus Hamburg angereist ist.

So tönt das, wenn DJs des Swiss Soul Club auflegen:

zentralplus: Eure Szene wirkt sehr sympathisch, aber gewisse Sachen sind von aussen schwer verständlich. Warum ist es zum Beispiel so schlimm, wenn ein Stück Musik vergessen geht?

Emel Ilter: Weil es unfair ist. Es waren oft Business-Faktoren, die bestimmten, ob Musiker Erfolg hatten oder nicht. Und im Radio wurden die Diskjockeys bestochen, damit ein Song gespielt wird. Deswegen gibt es die unermüdlichen «Digger» da draussen. Die sagen sich: «Hey, es gibt so viele Tracks, die genauso genial sind wie jene, die es in die Charts schafften.» Man kramt das hervor und zelebriert es.

zentralplus: Eine Art Aufklärungsarbeit?

Ilter: Ja, genau. Es ist wie Archäologie. Man arbeitet sich durch gewisse Schichten der Musikgeschichte. Da spielen soziale Faktoren mit, gewisse Schallplatten etwa wurden in den 60ern vernichtet wegen der Rassenunruhen in den USA. Und da gräbt man sich durch und versucht, die Geschichte hervorzuholen.

zentralplus: Bist du auch ein «Digger», Imke?

Imke Keyssler: Bedingt, diese Digger-Geschichten sind für richtige Sammlerherzen. Ich sehe mich mehr als DJ, die schon auch sammelt. Aber mich interessiert mehr die Musik als die Geschichte dahinter.

Tragen den Soul im Herzen: Emel Ilter (links) und Imke Keyssler alias Ada Loveshake.

Tragen den Soul im Herzen: Emel Ilter (links) und Imke Keyssler alias Ada Loveshake.

(Bild: jwy)

zentralplus: Beim ganzen Stöbern und Graben: Kommt ihr überhaupt dazu, neue Musik zu hören?

Keyssler: Ja sicher, das ist mir wichtig. Es gibt ja viele Neuveröffentlichungen im Soulbereich – und ich höre auch viel anderes.

Ilter: Unbedingt. Es gibt viele Labels, die mit alten Künstlern, die schon lange im Business sind, neue Alben herausbringen. Die sind erfolgreich und weltweit unterwegs.

Ein Wochenende im Zeichen des Vinyl

Zum fünften Mal geht in Luzern der «Not too Young Swiss Soul Weekender» über die Bühne. DJs und Gäste aus allen Ecken Europas zelebrieren von Freitag bis Sonntag (4. bis 6. März) die Vinylkultur und Soulmusik der 60er- bis 80er-Jahre. Nebst Klassikern bekommt man da vor allem Raritäten und Entdeckungen zu hören, welche die DJs aufgestöbert haben.

Am Samstag gibt’s eine Party in der Bar 59 bis spät in die Nacht. Aber auch tagsüber wird dem Vinyl gefrönt: Am Samstag (ab 14 Uhr) kann man im Restaurant Mill’Feuille nicht nur Musik hören, sondern auch Scheiben kaufen und verkaufen.

Und am Sonntag gibt’s im Neubad ab 13 Uhr die erste Plattenkiste: eine Plattenbörse im Pool, wo man nach Musik stöbern kann zum Sound der DJs des Swiss Soul Weekenders.

zentralplus: Was ich nicht verstehe: Wieso legt ihr nur Originalpressungen auf? Den Unterschied hört doch niemand?

Ilter: Das ist bei uns die grosse Regel. Wenn du eine Platte hast, von der es noch nie eine Reissue (Wiederveröffentlichung) gab, dann musst du das Original spielen. Man will zum Ursprünglichen, es ist eine Challenge, die Sachen als Originale zu finden – und nicht auf einer Compilation oder einer Neupressung. Es fühlt sich einfach richtiger an, es hat eine gewisse Konsequenz, du musst dich reinknien. Es hat auch etwas Verbindendes innerhalb der Szene. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz, das jeder befolgt.

Keyssler: Bei einem Weekender legt man natürlich sehr viel Wert auf Originalpressungen, das ist etwas Besonderes. Bei normalen Soulnights sehe ich das nicht so streng, wenn jemand die Zweitpressung anstatt des Originals auflegt. Dem normalen Publikum ist es eh egal, es hört den Unterschied nicht.

zentralplus: Ihr grenzt euch stark ab: Von den Frisuren über den Tanzstil bis zur Musik. Sind auch «Normalos» am Soul-Weekender willkommen? Oder muss man sich speziell anziehen oder tanzen?

Ilter: Man braucht ja irgendeinen Weg in diese Subkultur. Für die einen führt der über die Mode, und irgendwann stellt man fest, dass es gar nicht so wichtig ist. Bei mir war irgendwann nur noch die Musik im Zentrum, dann war’s egal, ob ich irgendeine Jeans trage und so tanze, wie ich grad Lust habe. Ich bin auch mit Fred-Perry-Hemdchen durch die Gegend gelaufen, weil ich den Eindruck hatte, das gehört dazu. Jetzt ist mir das schnuppe.

zentralplus: Aber ihr legt schon Wert aufs Styling? Tragt ihr sowas wie eine DJ-Kluft?

Ilter: (lacht)

Keyssler: Ne, das bestimmt nicht. Es gibt Leute in der Szene, die Wert drauf legen, nur Original-60ies-Kleider zu tragen oder Fred Perry, das finde ich persönlich nicht wichtig. Ich neige schon dazu, im 60ies-Style rumzulaufen, aber das müssen nicht Originalkleider sein.

«Bei Soul geht das Herz auf. Mir ist egal, was die Leute dann denken.»

Emel Ilter

zentralplus: Mir fällt auf: Soul hat auch etwas Verbindendes. Es gefällt extrem vielen Leuten, egal ob man Rock oder Hip-Hop hört. Eine Art Konsensmusik.

Ilter: Das hat was, Konsensmusik klingt gut (lacht). Allerdings darf man Konsens nicht relativierend verstehen.

Keyssler: Die Erfahrung zeigt, dass ein extrem gemischtes Publikum kommt. Soul-Nighter leben zu 60 Prozent von Leuten, die nicht Szenegänger sind, sondern «Normalos». Das zeigt, dass die Musik weitgreifend funktioniert.

zentralplus: Ich werde also nicht komisch angeschaut, wenn ich komme, wie ich bin?

Ilter: Im Gegenteil, man wird mit viel positiver Energie aufgefangen. Das war letztes Jahr das Feedback: Die Leute sagten: Der Vibe stimme hier, alle seien total glücklich.

zentralplus: Bei euch merkt man, dass ihr mit Herzblut auflegt, ihr steht nicht einfach hinter dem DJ-Pult.

Ilter: Nein (lacht).

Keyssler: Gibt’s auch … Es gibt einfach unterschiedliche DJ-Typen, manche sind einfach extrovertierter, andere eher unsicher …

«Die Musik funktioniert über Emotionen, wenn du auflegst, kannst du das Lied mitfühlen.»

Imke Keyssler

zentralplus: Ist das Show oder geht euch da jedes Mal das Herz auf?

Ilter: Das Herz! Bei mir auf jeden Fall. Mir ist egal, was die Leute dann denken …

Keyssler: Das ist beim Soul einmalig, und der Grund, wieso ich zum Soul kam und da geblieben bin: Die Musik funktioniert über Emotionen, wenn du auflegst, kannst du das Lied mitfühlen. Dann geht es da hinein und wieder raus (legt die Hand auf ihr Herz).

zentralplus: Eure Faszination für Vinyl: Ist das auch ein Statement in der heutigen Zeit, in der Musik nichts mehr wert ist und alles jederzeit verfügbar ist?

Ilter: Absolut, ja. Du musst eine bewusste Auswahl treffen, Vinyl zwingt dich dazu. Wenn du in einen Plattenladen gehst, kannst du nicht 20 Alben mitnehmen.

Vinyl-Singles – aber nur im Original.

Vinyl-Singles – aber nur im Original.

(Bild: PD)

zentralplus: Wie viel Zeit wendet ihr auf mit dem Aufstöbern einer ganz bestimmten Scheibe?

Ilter: Es ist auch eine Budgetfrage – ich habe eine Liste mit Scheiben, die ich einmal besitzen möchte. Es kann sehr schnell gehen, wenn sie online verfügbar sind. Zwei Klicks und ein paar Tage später habe ich sie. Oder aber es ist hartnäckiger: Ich muss Preise vergleichen, tagelang ebay-Auktionen mitverfolgen oder einen potenziellen Verkäufer immer wieder anpieksen, bis ich die Platte bekomme. Oder auch Recherche betrieben, wo und bei wem ich eine Platte finde.

zentralplus: Habt ihr sowas wie ein Lieblingsstück in eurer Sammlung?

Keyssler: Nein, das habe ich nicht. Es kommt immer so viel Neues … klar ist man happy, wenn man eine ganz seltene Scheibe günstig abgreifen kann.

«Ich habe zu jeder Platte eine Geschichte und somit eine Verbindung. Eine hervorzuheben, wäre wie in der Familie ein Kind zu bevorzugen.»

Emel Ilter

Ilter: Man muss eine Auswahl treffen, und in dem Moment, wo man sie trifft, ist es schon ein Lieblingsobjekt. Die ganze Kollektion ist mein Lieblingsobjekt. Ich habe zu jeder Platte eine Geschichte und somit eine Verbindung. Eine hervorzuheben, wäre wie in der Familie ein Kind zu bevorzugen.

zentralplus: Kommt es infrage, etwas aus der Sammlung wieder loszuwerden?

Ilter: Ich verkaufe sehr selten, andere trennen sich einfacher.

Keyssler: Nicht, solange es Platz gibt und ich es mir leisten kann. Es kommt leider immer wieder vor, dass Leute Platten verkaufen müssen, weil sie wirtschaftlich in Not geraten. Platten sind auch eine Art Altersvorsorge, ich denk oft: Wenn’s hart auf hart kommt, kann ich ein paar verkaufen.

Ilter: Es ist eine Investition. Und der Wert wird nicht sinken – so die Hoffnung.

Keyssler: Wobei es schon Schwankungen gibt, gerade bei hochpreisigen Sachen.

Ilter: Ja, bei den Sachen, die extrem gehypt werden. Aber dann war es auch eine falsche Investition, das ist wie bei der Börse. Wenn aber Platten stetig auf dem gleichen Level sind, dann bist du sicher, dass du sie zum selben Preis wieder verkaufen kannst. Es sammeln immer mehr Leute, und dies steigert die Nachfrage stetig.

Eine internationale Szene

Soul-Weekenders gibt es weltweit: USA, Japan und vor allem in Europa: Deutschland, England, Italien, Spanien, Schweden – und in der Schweiz. Neben Luzern inzwischen auch in Biel. Neben der Musik geht es ums Zusammenkommen und Kennenlernen. «Das Menschliche dahinter darf man nicht vergessen», sagt Mitorganisatorin Emel Ilter. «Wir von Not Too Young sind ein sehr familiärer Weekender.» In anderen Städten wie Hamburg sind die Veranstaltungen mit bis zu 800 Besuchern einiges grösser. Darum schätzt die Hamburgerin Imke Keyssler das Persönliche und die gute Betreuung in Luzern: «Es geht nicht nur darum, die geilen Platten zu spielen.»

Neben dem Weekender soll auch der Online-Treffpunkt ausgebaut werden: Die Webseite Swiss Soul Club soll zur Plattform werden, auf der man sich informiert, austauscht und vernetzt. «Die Webseite soll zum Ort werden, wo man sich neben den Veranstaltungen trifft», sagt Emel Ilter.

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