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Die analogen Oasen Luzerns
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Walter Beer, glücklich mitten im Reich seiner analogen Güter. (Bild: tob)

Digitalisierung des Alltags Die analogen Oasen Luzerns

4 min Lesezeit 22.08.2014, 09:42 Uhr

«Tweets», «likes», «feeds» und «posts». Täglich erwartet uns die digitale Welt mit einem Überangebot an Informationen. Ohne die Gegenwart von sozialen Netzwerken und digitalen Medien ist unser Alltag kaum mehr greifbar. Die Frage sei deshalb erlaubt: Wie steht es um die analogen Güter in unserer digitalen Welt? Um die Schallplatten und die Bücher?

Zu Besuch im ältesten Musikladen der Stadt Luzern. Seit 39 Jahren gibt es den «Old Town Store», und genauso lange werden dort schon Vinylplatten verkauft. Zwar machen CD’s bis heute den Hauptanteil des Sortiments aus, aber deren Verkauf ist rückläufig. Jener der Vinylplatten dafür wieder steigend. «Rund 30 Prozent meiner Verkäufe gehen heute auf das Konto von Vinylplatten», sagt der Inhaber Erich Rothacker. Seit zwei, drei Jahren würden wieder deutlich mehr Schallplatten produziert. Die Nachfrage ist steigend. «Heute bekommt man jede neue Scheibe auch wieder auf Vinyl», erklährt Rothacker. 

Vinyl liegt im Trend

Nach dem Einbruch des Vinylverkaufs in den 90er Jahren reagiere die Branche mit der verstärkten Produktion auf die sinkenden Absatzzahlen beim CD-Verkauf. «Der Vinylverkauf setzt sich den Streaming-Diensten entgegen, da die Ton-Qualität auf Vinyl um einiges höher ist.» Diese Eigenschaft schätzen nicht nur Musikliebhaber und DJ’s, sondern immer mehr auch junge Leute. «Natürlich gibt es die nostalgischen Vinyl-Junkies, die aus Prinzip nur Platten kaufen, aber ich stelle fest, dass sich die Szene der Vinyl-Fans momentan stetig erweitert», sagt Rothacker.

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«Gekauft werden Platten oder Hefte dann aber im Laden.»
Walter Beer, Mitinhaber «Co-Mix Remix»

Denselben Trend beobachtet auch Walter Beer. Er ist Mitinhaber des «Co-Mix Remix», neben dem «Old Town Store» eine letzte Bastion der Schallplatten in Luzern. «Momentan ist Vinyl ganz klar wieder in», sagt Beer. Sein Musikangebot auf Vinyl reicht von Rock bis Hip Hop. Sauber aufgereiht nach Stil und Interpret. Zwischen vielen «Secondhand-Platten», stehen auch aktuelle Neuerscheinungen. Seit acht Jahren gibt es den Laden bereits. Zusätzlich zur Musik ist das Sortiment auf Comichefte ausgerichtet. Darunter Klassiker wie «Tim und Struppi» oder «Asterix und Obelix», aber auch Sammlerobjekte aus dem amerikanischen und japanischen Markt.

Profitieren vom Internet

An Comicheften haftet der Ruf der Sammlerobjekte, deren physischer Besitz oft wichtiger ist, als der Inhalt. Trotzdem gibt es Comics längst auch als E-Book und ihr Handel hat sich bereits vor Jahren in die digitale Welt verlagert. «Natürlich gibt es all diese Hefte auch im Internet. Dort weiss man aber nie so genau, was man geliefert bekommt.» Viele Kunden möchten einen Comic in aller Regel zuerst durchblättern, bevor sie Geld dafür bezahlen.

Walter Beer empfindet den Handel im Internet nicht als Konkurrenz, sondern eher als positive Ergänzung. «Stamm- und auch Gelegenheitskunden orientieren sich oft zuerst im Internet. Sie ‹streamen› durch die digitale Musiklandschaft oder stöbern im Netz nach Neuerscheinungen auf dem Comicmarkt. Gekauft werden Platten oder Hefte dann aber bei uns im Laden.» Der physische Besitz der Produkte stehe bei seinen Kunden im Vordergrund.

Je mehr Informationen im Internet über ein Buch zu finden sind, desto erfolgreicher läuft der Verkauf für Walter Beer. Vorausgesetzt sein Sortiment weist dieselbe Aktualität auf, wie jenes der Online-Portale. Die analoge Welt muss diesbezüglich mit der digitalen mithalten können.

«Bücher sind heute Sammelobjekte, oder fast schon Luxusgüter.»
Heinz Gérard, Mitinhaber «Alter Ego»

Die Möglichkeit zur persönlichen Beratung verschafft dem Verkäufer von analogen Gütern allerdings einen zusätzlichen Vorteil. «Viele Kunden erwarten beim Ladenbesuch spontane Hinweise und Ratschläge zu ihnen unbekannten Autoren oder Neuveröffentlichungen», sagt Walter Beer. Die «ähnliche Artikel»-Funktion der Online-Plattformen kann da nicht mithalten.

Das Buch als Luxusgut

Auch Heinz Gérard sieht in der persönlichen Beratung den grossen Vorteil gegenüber dem digitalen Angebot. Seit 20 Jahren ist er Mitinhaber der Fachbuchhandlung «Alter Ego» in Luzern. Die Buchhandlung hat sich unter anderem auf geistes- und naturwissenschaftliche Literatur spezialisiert. Seine Kundschaft setzt sich hauptsächlich aus Stammkunden und Bildungsinstitutionen zusammen. Und wie fast überall in der Buchbranche ist der Umsatz auch hier rückläufig. Trotz der angebotenen Fachliteratur, die auf «Ebook Readern» noch nicht so umfassend vertreten ist, wie die Bestseller der Unterhaltungsliteratur.

«Die Präsentation der Bücher und das Gespräch darüber sind wichtig für uns. Unsere Kunden möchten stöbern und blättern», sagt Heinz Gérard. Als Folge der digitalen Revolution habe das klassische Buch allerdings an Bedeutung verloren. «Es gibt heute mehr als genug Alternativen im Internet, um an Informationen zu gelangen oder sich Wissen anzueignen.» Die Zeit in der das Buch als Leitmedium galt, sei endgültig vorbei. «Bücher sind heute Sammelobjekte, oder fast schon Luxusgüter.»

Bestätigen kann diese Aussage auch Joseph Egli. Seit 20 Jahren führt er das «Allerdings Antiquariat» an der Murbacherstrasse in Luzern. Es ist ein Ort für Sammler und Stöberer, für Buchliebhaber und Fachexperten. Egli kennt die literarischen Vorzüge seines Stammpublikums und sein Angebot richtet er danach aus. Liebhaberwerke, die mit speziellen Widmungen des Autors versehen oder bereits seit Jahren vergriffen sind. Das Buch als knappes Gut mit hohem Preis. Im Antiquariat stapeln sich Bücher, die für mehrere tausend Franken über den Ladentisch gehen.

Hält der Trend zu digitalen Büchern an, dürfte zukünftig noch so manches Buch für einen vier- oder fünfstelligen Betrag den Besitzer wechseln. Möglich wäre auch, dass solche literarischen Werke bald als Hörbücher auf Vinyl erhältlich sind.      

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