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Die Altstadt wird zum «Luxus-Land»
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So wie am Schwanenplatz siehts es eventuell auch bald am Kappellplatz aus. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Luzern: Es ticken bald nur noch Uhren Die Altstadt wird zum «Luxus-Land»

6 min Lesezeit 4 Kommentare 20.04.2015, 13:37 Uhr

Kann man in der Altstadt bald schon nur noch Luxus- und Touristenprodukte kaufen? Viele Luzerner sind besorgt über die Entwicklung der letzten Monate. Nach «Vonarburg» weicht «Musik Hug» und nun vielleicht auch der «Hirschen» einem Uhrenladen. «Der Zenit ist noch nicht erreicht», sagt der Experte.

Man schaut sich ein paar historische Luzerner Fassaden an, kauft sich Schokolade und eine schicke Schweizer Luxus-Uhr, über der Stadt thront ein weisses Schloss – Willkomme im Disneyland – singen die Luzerner Rapper Marash & Dave über ihre Stadt. Und sie sprechen damit momentan wohl so einigen Luzernern aus dem Herzen. Denn nicht nur am Schwanenplatz beginnen noch mehr Uhren- und Schmuckgeschäfte aus dem Boden zu spriessen.

Doch ganz besonders der Schwanenplatz hat es den beiden jungen Rappern angetan. Mit «Mir sind Statiste» thematisieren sie die Vereinnahmung des Platzes durch die Touristen. Überall ticken die Uhren, die Polizei verscheucht die Randständigen: «Hängets nümm am Bahnhof, ihr versaued s makellose Bild vo de Stadt.» Die Luzerner Altstadt entwickelt sich schleichend zum Touristen-Shoppingquartier. Und bei vielen Luzernern herrscht derzeit ein gewisser Zynismus vor, wenn die Themen Altstadt, Tourismus und Uhrengeschäfte zur Sprache kommen.

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Wie Pilze aus dem Boden

André Briw, Leiter Competence Center Marketing an der HSLU Wirtschaft, beobachtet diese Entwicklung ziemlich intensiv, wie er selbst sagt. «Es ist wahnsinnig, was in den letzten drei, vier Jahren entstanden ist. Rund 20 Schweizer Luxusmarken, vor allem Uhrenmarken, haben während dieser Zeit ihre eigenen Shops in Luzern eröffnet.» Und auch immer mehr Touristenshops würden sich auf Schweizer Uhren in tieferen Preislagen spezialisieren.

«Musik Hug» wird durch die Uhren- und Schmuckboutique «Les Ambassadeurs» ersetzt. Im Geschäftslokal am Schwanenplatz, in welchem das Modegeschäft «Relax» seit 37 Jahren Kleider verkaufte, werden ab Mai ebenfalls Uhren und Schmuck bei «Splendid» verkauft.

«Die Altstadt ist ein attraktives Touristen-Shopping-Center ohne Dach.»
Franz Stalder, Präsident City Vereinigung Luzern

Uhren, Schmuck, Markenklamotten, Schokolade. Das Restaurant «Hirschen», eine Traditionsbeiz, wird zu 50 Prozent ebenfalls von einem dieser lukrativen Geschäftszweige besetzt. Nicht nur der Schwanenplatz, sondern auch der Weinmarkt ist mittlerweile ebenfalls zur hübschen Kulisse für touristische Einkaufstouren geworden. Im dominanten Haus des Weinmarkts, vorher Geschäftslokal des traditionsreichen Näh- und Bastelgeschäfts «Vonarburg», ist heute eine Filiale der Schmuckkette «Sokolov» eingemietet. Und gleich daneben kann man sich mit Schokolade eindecken. Schicker Belgischer Schokolade jedoch, was aber wenige interessieren dürfte. «Die Altstadt ist ein attraktives Touristen-Shopping-Center ohne Dach», sagt Franz Stalder, Präsident der City Vereinigung Luzern.

Viele steigen am Schwanenplatz aus dem Car, von wo aus sie einen Nachmittag lang durch die Geschäfte ziehen und sich anschliessend wieder in den Car setzen. «Für gewisse Touristengruppen aus Asien, Indien oder Russland ist das sehr attraktiv», erklärt Briw und ergänzt: «Da ist die Uhr wohl oftmals wichtiger als die schöne Altstadt oder der See.»

Neustadt wird aufgewertet

Für andere Touristen sei es hingegen weniger anziehend, so Briw: «Europäische Touristen beispielsweise, die die anderen Luzerner Quartiere nicht so kennen, werden von der Monokultur der Altstadt wahrscheinlich enttäuscht sein.» Die Einheimischen hingegen seien flexibler: «Die gehen in die Neustadt. Auch viele kleine, lokale Geschäfte, Gastronomie und Kultur verlagern sich dahin. Das führt zu einer Aufwertung der Neustadt.»

Ausserdem ist das Thema für die Luzerner nichts Neues. Bereits 2014 wurde eine Interpellation der CVP-Fraktion namens «Wie viele Touristen erträgt Luzern» eingereicht und öffentlich diskutiert. Der Stadtrat antwortete darauf, dass eine Botschaft, wonach Luzern fremde Besucher abhalten wollte, für die Stadt verheerend wäre. «Luzernerinnen und Luzerner sind stolz darauf, in einer Stadt zu leben, welche seit bald 200 Jahren Besucher aus aller Welt fasziniert und anzieht.» Schliesslich würden wir alle regelmässig von den Dienstleistungen, welche Luzern dank dem Tourismus auch für die lokale Bevölkerung bereithält, profitieren.

Dieses Argument hinkt jedoch etwas. «Nachts und abends ist die Altstadt ausgestorben. Kulinarisch und kulturell läuft kaum etwas», so Briw. Nur in der Eisengasse und am Mühleplatz könne man noch verweilen. «Am Tag hingegen sind so viele Touristengruppen unterwegs, dass für die Quartierbewohner zu Stosszeiten auf gewissen Plätzen kaum ein Durchkommen ist.»

Auch Vorteile dabei

«Ein Vorteil ist aber, dass sich die teuren Geschäfte, beziehungsweise die Eigentümer dieser rentablen Liegenschaften, gut um den Unterhalt der Häuser kümmern. Diese werden regelmässig renoviert und gepflegt», gibt Briw zu bedenken. Ausserdem bringen diese Geschäfte der Stadt jährlich mehrere Millionen Steuereinnahmen ein. Und zudem werde Luzern heute als führender Uhrenhandelsstandort direkt nach Paris und Shanghai genannt.

Luzern Tourismus zeigt sich zufrieden mit dieser Entwicklung der Stadt. Sibylle Gerardi, Leiterin Unternehmenskommunikation, sagt zum Boom der Uhrenläden: «Wir nehmen dies nicht als problematisch wahr und hatten auch seitens Gäste bis anhin keine negativen Feedbacks. Im Gegenteil: Insbesondere für unsere asiatischen Gäste ist dies ein zusätzlich Motiv, Luzern zu besuchen. Der Mix an Geschäften in Luzern ist unserer Ansicht nach ausgewogen.»

«Bern, Zürich oder Winterthur haben einen viel vielfältigeren Mix aus kleinem, lokalen Gewerbe und innovativen Spezialitätengeschäften», betont Briw jedoch. Franz Stalders Meinung zur allgemeinen Entwicklung ist zweigeteilt: «Ich beobachte die Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge.» Positiv sei die Wertschöpfung und der Bekanntheitsgrad der Stadt. Negativ hingegen sei, dass der Branchenmix verloren gehe und Einheimische die vielen Touristen manchmal lästig finden. Aber zu Motzen gibt es ja eigentlich immer etwas. «Früher kam stets der Vorwurf, dass es in der Altstadt nur Schuh- und Kleiderläden habe», erinnert Stalder.

«Da geht es nur um die Rendite.»
André Briw, Leiter Competence Center Marketing an der HSLU Wirtschaft

Auch auf die Liegenschaftspreise hat die Entwicklung ihre Auswirkungen. «Die Mietpreise sind am Grendel beispielsweise zwischen 4’000 und 6’000 Franken pro Quadratmeter im Jahr. Am Kapellplatz sind es derzeit zwischen 700 und 900 Franken.» Das werde sich nun sehr wahrscheinlich verändern. «Ich gehe davon aus, dass der Einzug des renommierten Uhrenfachgeschäftes Les Ambassadeurs anstelle von Musik Hug zu einer Erhöhung der Mietzinse auf dem Kapellplatz führen wird.» Doch die Entwicklung macht nicht an der Reuss halt: «Nun ziehen viele kleinere und regionale Geschäfte in die Neustadt. Das führt dazu, dass es immer weniger freie Ladenfläche hat, was wiederum die Preise in die Höhe treibt», erklärt Stalder.

Geld befiehlt die Welt

«Was die Stadt tun kann ist, den Dialog mit allen Beteiligten und Betroffenen aufrechtzuerhalten und das lokale Gewerbe und die Gastronomie nicht noch weiter einzuschränken», betont Briw. 

«Geld regiert die Welt», wirft Stalder ein. Und dabei spielt er auf die Vermieter der Geschäfte an. «Die Eigentümer bestimmen. Und wenn diese in einer anderen Stadt oder einem anderen Land sitzen, dann ist ihnen die Entwicklung in der Stadt wahrscheinlich egal. Da geht es nur um die Rendite», sagt auch Briw. Und die Uhren- und Schmuckbranche ist zahlungskräftig. Ein einheimischer Vermieter hingegen funktioniere anders, ergänzt Briw. «Ein Hausbesitzer wie Vanja Palmers zum Beispiel, der selbst in der Stadt lebt, kümmert sich um eine vielseitige Nutzung seiner Gebäude.»

«Der Zenit ist noch nicht ganz erreicht. Es wird sicher noch ein paar Uhren- und Schmuckgeschäfte mehr geben.» Als Stichwort nennt er hier auch den Löwenplatz und die Löwenstrasse, wo im Caritas-Gebäude ein Uhren- und Souvenirgeschäft eröffnet. Es sei eine unaufhaltsame Entwicklung, ergänzt Franz Stalder.

Demnach lässt sich also nur hoffen, dass der Löwengraben trotz der laufenden «Aufwertung» noch eine Weile mit seinen Secondhand-Shops, kleinen Boutiquen, der Jazzkantine und Indischen Restaurants bestehen bleibt.

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4 Kommentare
  1. Barbara Kopp Döös, 21.04.2015, 12:22 Uhr

    Würden in Luzern nicht dauernd Parkplätze aufgehoben, hätte auch ein vielfältiger Branchenmix eine Chance. Ich selbst überlege mir bei jedem Spezialeinkauf, wo ich am besten parkieren kann. Leider hatte die Altstadt da in den letzten Jahren das Nachsehen bei meinen Entscheiden.
    Im Gegensatz zu Luzern Tourismus bedaure ich diese Entwicklung, denn sie fördert einen einseitigen Tourismus und ist nicht nachhaltig. Gesetzesänderungen in den asiatischen Ländern könnten diesen Einkaufstourismus auch ganz schnell zum Erliegen bringen.

  2. Jules Gut, 20.04.2015, 18:19 Uhr

    die Fraktion der Grünliberalen hat sich gegen eine super perfekte Sanierung des Löwengrabens aktiv gewehrt, wir wurden im Parlament als Spielverderber gebrandmarkt – und plötzlich ist es ganz ganz schlimm wie es wirtschaftlich abgeht in unserer Stadt…

  3. Robert Casagrande, 20.04.2015, 18:14 Uhr

    Im vorletzten Jahrhundert wurden die Firmen Bucherer, Gübelin von Luzernern gegründet. Es waren kleine Geschäfte welche Ihren Gewinn immer wieder investierten und den Namen Luzern in die ganze Welt hinaus getragen haben. Es sind unterdessen Weltmarktleader im Verkauf von Schmuck und Uhren. Die Firma Embassy ist vor über 40 Jahren in Luzern gegründet worden. Meine Eltern haben vor 66 Jahren angefangen. Seit vielen Jahren arbeiten wir und andere dem Tourismus nahestehende Firmen zusammen dafür mehr Besucher nach Luzern zu bringen. Es gibt auf der Welt wohl niemanden der erfolgreicher ist in dieser Beziehung. Einige Luzerner möchten die Stadt für sich haben und die Fremden stören Sie. Die Altstadt ist keine Kulisse wie in anderen Städten. Dank den Devisen profitiert Luzern und die Schweiz. Die Häuser sind in einem super Zustand. Die Stadt Luzern hat grosse Einnahmen und Arbeitgeber.
    Mindestens 26 % des Volkseinkommen erwirtschaftet die Tourismusbranche. Tausende haben Arbeit.
    Tourismus ist eine sanfte Industrie und gewisse Immissionen müssen wir Luzerner auch tragen. Wir im Tourismus tätigen Unternehmer sind uns dessen bewusst und handeln verantwortungsvoll.

  4. Beatrix Kälin, 20.04.2015, 17:18 Uhr

    Es ist ja gut und recht, wenn Touristen Devisen nach Luzern bringen!
    Ich war letzten Freitag mit meiner Tochter zum Shopping und “Lädele” in der schönen Altstadt! Vor lauter asiatischen Touristen was in der Hertensteinstrasse und beim Schwanenplatz kaum ein Durchkommen. Heh Leute, wir Einheimischen sind auch noch da! Das ist doch auch unsere Stadt, und Die lieben wir! Das ist unsere Heimat! Ich gebe zu, die Preise der teuren Ladenketten können wir uns nicht leisten! Aber Kleinvieh macht auch Mist! Denkt auch an die Stadtbewohner und die Einheimischen!